Umweg Jakarta von Biggi Mestmäcker

Was für eine Geschichte. Die Geschichte einer Familienzusammenführung unter der Bezechnung “erleichterter Familiennachzug” – eine unzutreffende Bezeichnung, wie Biggi Mestmäcker eindrucksvoll schildert.

Worum es geht?

Im Rahmen ihres Engagements bei der Flüchtlingshilfe lernt Bíggi Mestmäcker Elias kennen, der ohne Frau und Sohn 2015 den Weg von Damaskus nach Europa auf sich genommen hatte und nun am Niederrhein gelandet war.  Ein freundlicher, hilfsbereiter Mann, der bei den regelmäßigen Kochevents der Gruppe bald unverzichtbar war. Nach und nach freunden sich Biggi Mestmäcker und Elias an. Sie lernt seine Geschichte kennen, hört von Mari, seiner Frau, und Joni, dem gemeinsamen Sohn und warum er als Christ in Damaskus für sich und seine Familie keine Zukunft mehr sah.

Hariksee Inselschloesschen 2016 zu Biggi Mestmäcker Umweg Jakarta

So eine hübsche Gegend, in die es Elias verschlagen hat – aber ohne Frau und Sohn …? Fredvida, Hariksee Inselschloesschen 2016, CC BY-SA 4.0

Biggi Mestmäcker erzählt, wie die Freundschaft wächst – Weihnachten feiern sie zusammen, Elias zieht bei ihnen ein. Es dauert alles quälend lange, bis etwas geschieht: Anhörung, Anerkennung – und dann: Familiennachzug. Das ist jetzt der Hauptteil der Geschichte – und wenn ich auch weiß, wie sie ausgeht, klebe ich an den Zeilen und schüttele den Kopf über die Abläufe und Zustände, die Biggi Mestmäcker da schildert. “Erleichterter Familiennachzug” – nach dieser Lektüre klingt das echt wie Hohn.

Sie haben schon mitbekommen – Biggi Mestmäcker kann erzählen. Was das Buch jetzt so ganz besonders macht und weshalb ich zur Print- anstelle der elektronischen Ausgabe rate: Das Buch haben Sie gleich zweimal in der Hand. Die gesamte Geschichte gibt es noch mal auf Arabisch. In der Mitte treffen sich beide Versionen, denn arabische Bücher werden ja nach unserem Verständnis von hinten nach vorn gelesen.

Diese Ausgabe zu stemmen, war eine echte Herausforderung. Erst einmal mussten Menschen gefunden werden, die den Text von Biggi Mestmäcker verlässlich ins Arabische transportierten. Und dann brauchte es einen Verlag, der das mit den zwei Sprachen so umsetzen konnte und wollte, wie es sich Biggi Mestmäcker so vorgestellt hatte. Herausgekommen ist ein schön aufgemachtes Buch, eine Zeitzeugengeschichte über das, was hier als “Flüchtlingswelle” bezeichnet wird – abgesehen davon, dass ich den Begriff sowieso daneben finde, bleibt er mir nach der Schilderung eines solchen Schicksals erst recht im Hals stecken.

Biggi Mestmäcker: Umweg Jakarta. Gegen alle Widerstände – Familiennachzug aus Syrien. Ein Bericht, Biggi Mestmäcker, ins Arabische übersetzt von Yaman Naal und Hazem Hadidi, 2017, ISBN: 978-3-7469-4934-5

Eine Hand voller Sterne von Rafik Schami als Buch für die Stadt

Die Häuser sind aus Lehm gebaut. In jedem leben mehrere Familien, und jedes Haus hat einen Innenhof, der allen Nachbarn gehört, sie zusammenbringt und streiten lässt. Das Leben der Erwachsenen findet in den Innenhöfen statt. Die Straße gehört uns Kindern, den Bettlern und den fliegenden Händlern. (Eine Hand voller Sterne von Rafik Schami, Beltz + Gelberg, Weinheim/Bergstraße,1987,S. 6f)

Biographie Rafik Schami

So schildert Rafik Schami die Gasse in Damaskus, in der er aufgewachsen ist in seinem ersten Roman „Eine Hand voller Sterne“ von 1987, dem diesjährigen „Buch für die Stadt“ in Köln.

Rafik Schami wurde 1946 in Damaskus geboren – an welchem Tag ist unklar; in seinem Essay „Hürdenlauf“ (im Essayband “Damaskus im Herzen und Deutschland im Blick“; der Essay ist neben anderern aus dem Band die Grundlage für die folgenden biographischen EInzelheiten) schildert er die damalige Situation: 1946 gewann Syrien die Unabhängigkeit von der französischen Besatzung/Kolonialherrschaft. Da die Franzosen die Minderheiten ein bisschen besser behandelt hatten als die muslimische Mehrheit, fürchtete die aramäisch-christliche Familie Repres­salien und zog sich im Sommer ins Heimatdorf Malula zurück. Der Vater kehrte früh in die Stadt zurück, denn er hatte eine Bäckerei erworben; im Herbst folgte die ganze Familie und erst im Winter fand der viel beschäftigte Vater die Zeit, die Geburt seines Sohnes beim Amt zu melden. Da er nicht zugeben wollte, dass das Kind schon mehrere Monate zählte, gab er keine konkrete Angabe und der Beamte notierte eigenmächtig den 23.6. Weiterlesen