Ein Gentleman in Moskau vom Amor Towles

Der Klappentext zum zweiten Roman von Amor Towles ist leider etwas irreführend. Sein Held, Graf Alexander Rostov, ist keineswegs „gezwungen“, als Hilfskellner zu arbeiten. Er wird 1922 zu lebenslangem Hausarrest verurteilt – in demselben Hotel, in dem er sowieso residiert. Von seiner Suite muss er in eine Dachmansarde umziehen und sich von einigen, naja, okay, von sehr vielen seiner weltlichen Besitztümer trennen. Als eine sehr frühe Szene des Buches erscheint die lockere Akzeptanz dieser Verschlechterung seiner Situation erst einmal ungewöhnlich. Sobald ich aber die Gelegenheit habe, Alexander Rostov näher kennen zu lernen, kommt mir seine Haltung – für ihn – sehr natürlich vor.

Aufgewachsen im Zarenreich, streng und liebevoll zugleich erzogen und sowohl finanziell als auch geistig offen für die Genüsse des Lebens, entspricht er in keiner Weise dem Menschenideal des neuen Regimes. Neben der Freude am Genuss sind auch Pflicht- und Verantwortungsbewusstsein bei ihm tief verwurzelt. So reiste er 1918 von Paris unter großen Schwierigkeiten auf das heimatliche Gut, um seiner geliebten Großmutter eine friedliche Ausreise zu ermöglichen. Amor Towles nutzt immer wieder die Rückblicke, um die Position von Alexander in der erzählten Jetztzeit zu erläutern. Dass er 1922 nicht zum Tode, sondern “nur” zu Hausarrest verurteilt wird, hat er einem Gedicht zu verdanken, dass – noch weit vor jeder Revolution in Russland – mit revolitionären Ideen sympathisierte. Es wurde mit seinem Namen verbunden.

Für die nächsten 35 Jahre muss er sich nun im Hotel einrichten. Finanzielle Notlage kennt er dabei nicht. Er ist trotz des Hausarrestes in der Lage, neue Gewohnheiten und auch neue Kontakte zu pflegen. So lernt er Nina kennen, ein neunjähriges Mädchen, das genauswenig wie er aus dem Hotel herauskommt. Doch Nina weiß sich zu helfen. Sie kennt sich im Hotel aus wie sonst niemand; ihr Geheimnis: ein Generalschlüssel. Den „hinterlässt“ sie dem Grafen, als sie das Hotel verlassen muss. Auch in späteren Jahren taucht sie gelegentlich im Hotel auf, so dass Alexander ihr Leben mitverfolgen kann. Nachdem ihr Mann vom Regime verhaftet worden ist, vertraut sie Alexander ihre kleine Tochter Sofia an, die er nun, in seiner Situation im Hausarrest, groß zieht.

Alexander hat im Hotel viele Freunde und Verbündete: der Koch und der Restaurantchef, die Näherin, der Barbier, der Portier und die Pagen stehen treu an seiner Seite. Neben Nina und ihrer Tochter lernt er weitere Leute kennen, die teils zum Regime gehören, teils auswärtige, ja sogar ausländische Gäste sind. Gegner hat er natürlich auch. Besonders mit dem Hotelchef steht er auf gespanntem Fuß.

Und was ist das Thema des Romans von Amor Towles?

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In diesem Luxusrestaurant macht sich Alexander Rostov in Roman von Amor Towles als Kellner unentbehrlich. © A.Savin, Wikimedia Commons

In einem Statement zu seinem Buch hat Amor Towles gesagt, es gehe um Bildung. Das stimmt. Es geht aber auch um Herzensbildung, um die eigene Persönlichkeit in schwieriger Zeit und um den moralischen Kompass. Mit Alexander Rostov hat Amor Towles eine liebenswerte und überzeugende Figur geschaffen, die, ohne wirklich vollkommen zu sein, solche Ideale lebt. Der feine Humor des Autors macht es mir leicht, dieser Figur zuzuhören, denn wenngleich Amor Towles seinen Grafen sehr ernst nimmt, tut es nicht in allen Belangen. Besonders hübsch finde ich die Art und Weise, in der er seine Hauptfigur altern lässt. Während Alexander als junger Mann alle Treppen bis in den sechsten Stock mit zwei Stufen auf einmal nimmt, wird er im Laufe der Jahre langsamer. Seine Morgengymnastik, die ab einem gewissen Punkt erwähnt wird, verändert sich schleichend: Von 30 Kniebeugen am Anfang geht es runter bis auf fünf am Ende. Nun ja, es sind ja auch 35 Jahre, die Amor Towles schildert. Alexander Rostov lebt nicht nur die Werte, die Onkel (er war Waise) und Großmutter ihn lehrten, er gibt sie auch weiter und er steht zu ihnen. Ein aufrechter, ja, eben “Gentleman”.

An dieser Stelle möchte ich ein paar kurze Zitate bringen, um den Erzählstil von Amor Towles zu verdeutlichen:

Es ist recht schmerzhaft, mit dem Hammer den Daumen zu treffen, und führt unweigerlich dazu, dass man auf und ab springt und den Namen des Herrn unnütz führt. (S. 75).

Als Nina und Alexander heimlich eine Sitzung eines der vielen Komitees verfolgen, die im Hotel tagen, ergeht sich Amor Towles in folgende Betrachtung über einen Satz in der Satzung des tagenden Gremiums.

Und was für Satz das war: Einer, der sich im Reich der Kommata auskannte und den Punkt aufrichtig ablehnte. Denn offensichtlich bestand der Zweck des Satzes darin, ohne Zaudern und Zagen jeden einzelnen Vorzug der Gewerkschaft aufzulisten, einschließlich – aber ohne sich darauf zu beschränken – der unermüdlichen Schultern, der unverdrossenen Schritte, des Klopfens der Hämmer im Sommer, des Schaufelns von Kohle im Winter und des hoffnungsvollen Pfeifens bei Nacht. (S. 79)

Eine Betrachtung zur Zeit gefällig? Amor Towles zum Warten und wie sich die Sekunden gebärden.

Nicht nur verlangt jeder einzelne ihren Auftritt auf der Bühne, sondern sie besteht auch darauf, einen Monolog zu halten, voll mit schweren Pausen und kunstvollen Zögern, und gibt eine Zugabe, sobald man nur die Hand zum Applaus hebt. (S. 350)

Sie können sich also vorstellen, welchen Spaß ich beim Lesen hatte.

Amor Towles: Ein Gentleman in Moskau, übersetzt von Susanne Höbel, Ullstein Verlag, Berlin, 2017, ISBN: (E-Book) 9783843716192

Die englische Originalversion können Sie in der Stadtbibliothek Köln entleihen.

Ein Festtag von Graham Swift

Da hat die Leseprobe doch ihre Funktion erfüllt – ich wollte “Ein Festtag” von Graham Swift unbedingt zu Ende lesen. Hab ich gemacht. Und es hat sich gelohnt.

Die Geschichte ist eigentlich simpel: Ein junger Adliger hat seit Jahren ein Verhältnis mit einem Dienstmädchen und muss in zwei Woche aus Standes- und finanziellen Gründen eine andere heiraten. Doch es kommt nicht nur anders, als alle im Buch das denken und planen, es ist schon anders. An dem Tag, an dem Festtag (das Original benennt den Festtag als “Mothering Sunday” – der Muttertag in Teilen Englands, auch des frühen 20. Jahrhunderts – Sonntag Lätare, im liturgischen Kalender) darf Jane durch den Haupteingang gehen, ihr Fahrrad einfach am Eingang stehen lassen. Sie trifft sich mit Paul in seinem Zimmer. Beiden ist klar, dass es das letzte Mal ist – nach der Hochzeit wird ihr Verhältnis ein Ende haben. Weiterlesen