Lostage von Tina Pruschmann

Da hab ich mich auf das Debut von Tina Pruschmann gefreut und erwartungsfroh den E-Reader angeschmissen – und musste feststellen, dass es sich um ein Buch handelt, das bei mir als E-Book nicht funktioniert. Als ich es dann in der Bibliothek als Druckwerk bekam, war ich froh – endlich konnte ich das Werk so lesen, wie es mir gefiel.

Tina Pruschmann erzählt nämlich nicht chronologisch. Jeder Abschnitt ist mit einem Datum versehen (Zeitraum 1960 bis heute, zuzüglich der Kriegszeiten, von denen einzelne Personen erzählen) und ich musste immer mal wieder zurückblättern, um Personen und Zeiten zuzuordnen. Weiterlesen

Lion Feuchtwanger von Andreas Heusler

rp_Rubrik-Biographie-300x2001.jpgVor allem die deutschen Juden werden mit einzigartiger Systematik und atemberaubender Präzision zu rechtlosen Parias herabgewürdigt. (S.212)

Diese Formulierung aus dem ersten Absatz des Kapitels über das Jahr 1933 ist ein gutes Beispiel für den Stil von Andreas Heusler – er kann die Dinge auf den Punkt bringen. In seiner Biografie über Lion Feuchtwanger folgt er dem Leben des Autors von der Jugend bis zu seinem Tod in Amerika, doch beschränkt er sich nicht auf dieses Leben allein. Besonders im ersten Teil, in dem es um Lion Feuchtwangers Leben in München geht, macht sich die profunde Kenntnis des Autors zur Münchner Stadtgeschichte bemerkbar. Er schildert nicht nur das Leben der Familie Feuchtwanger, sondern lässt jede Menge Zeitgenossen und Zeitgenossinnen erscheinen, die mehr oder weniger intensiv mit Lion Feuchtwangers frühem Leben und seiner frühen Autorenschaft verbunden waren. Dabei bettet er das Leben seines Protagonisten in die damaligen Zeitläufte ein. Detailliert lässt er mich als Leserin an der geistigen Buntheit Münchens zur Jahrhundertwende teilhaben – manchmal ein klein bisschen zu detailliert, denn viele der Namen, die er nennt, kann ich nicht wirklich einordnen.

Flugblatt2 Joseph Süß Oppenheimer

Joseph Süß Oppenheimer war das historische Vorbild für Feuchtwangers Roman; hier ein zeitgenössisches Flugblatt

Lion Feuchtwanger stammt aus einer orthodox jüdischen Familien, von der er sich zwar emanzipierte, doch war er sich sein Leben lang bewusst, woher er stammte und was er war. Sein Jüdisch–Sein hat sein Werk immer beeinflusst, nicht nur bei dem Roman „Jud Süß“.
Worauf Andreas Heusler besonderen Wert legt, ist die Tatsache, dass er den Aussagen Marta Feuchtwangers kritisch gegenübersteht. Sie hatte nach dem Tod ihres Mannes für viele Biografen die Deutungshoheit über das Leben des Autors Lion Feuchtwanger. Andreas Heusler gleicht Aussagen Martas mit denen von Menschen ab, die dabei gewesen sind. Dabei wird deutlich, dass sich die Aussagen unterscheiden. Andreas Heusler schließt daraus nicht, dass Marta das Leben ihres Mannes verfälscht habe, sondern weist auf die Möglichkeit von Gedächtnislücken und schlichtem Nicht–Erinnern hin – sowohl bei ihr als auch bei den anderen. Wie zu erwarten, gehören zum Kreis derer, die Lion und Marta Feuchtwanger kannten eine Menge bekannter Namen, wie Bertholt Brecht, Arnold Zweig, die Manns usw.

Ähnlich wie Andreas Heusler bringe auch ich das Thema Sex erst gegen Ende 😉 . Dabei bedient sich der Autor dieser Biografie eines schlichten Tricks: Immer wieder verweist er in Nebensätzen auf Affären und sexuelle Abenteuer Lion Feuchtwangers. Doch erst nach zwei Dritteln des Buches entfaltet er das Thema. Er schildert, auch im Rückgriff, Nebenbeziehungen Feuchtwangers und lässt uns mit gewohnt spitzer Feder auch die Mühen solcher ungewöhnlichen Lebensumstände spüren:

Die denkwürdige Ménage-à-trois nötigt Lion immer wieder zu organisatorischen  Höchstleistungen, um alle Termine, Verpflichtungen und Sexualkontakte zu harmonisieren. Denn neben der emotionalen Energie, die für Marta und Eva aufzubringen ist, und den sexuellen Ressourcen, die für eine Reihe von amourösen Abenteuern erforderlich sind, gibt es ja auch noch diverse literarische Projekte (…). (S. 234)

Sie sehen, ich habe am Stil von Andreas Heusler viel Vergnügen und kann Ihnen aus diesem Grunde seine Biografie empfehlen.

Andreas Heusler: Lion Feuchtwanger. Münchner – Emigrant – Weltbürger, Residenz Verlag, St. Pölten, 2015, ISBN: 9783701744602 .

Die Schnitzlers von Jutta Jacobi

rp_Rubrik-Biographie-300x20011-300x200.jpgJutta Jacobi erzählt “Eine Familiengeschichte” über mehr als fünf Generationen – vom Großvater, vor allem aber vom Vater des berühmten Autors Arthur Schnitzler bis zu dessen Urenkeln. Mit einer davon, Giuliana, trifft sie sich, besucht Stätten der Familiengeschichte, bekommt persönliche Einblicke. Der persönliche Touch ihrer Erzählung macht das Buch angenehm und unterhaltsam zu lesen.

Wer erwartet, nun gleich auch eine Einführung in das Werk des Autors Arthur Schnitzler zu bekommen, wird vielleicht enttäuscht, denn das spielt nur dann eine Rolle, wenn es im privatn oder gesellschaftlichen Leben der Familie Wellen schlägt – “Leutnant Gustl” z. B., der seinen Autor den Rang im Militätr kostet oder das berühmte Stück “Reigen”, das einen Theaterskandal erster Güte nach sich zog.

Ansonsten geht es erst um den Aufstieg des kleinen Ostjuden Johann Schnitzler, dier sich als Arzt in Wien nach oben kämpft und gegen Ende seines Lebens mit dem aufkommenden Antisemitismus konfrontiert wird. Es geht um Arthur Schnitzler, der sein Medizinstudium zu Ende bringt und bis zum Tod des Vaters als Arzt praktiziert – eine Laufbahn als Dichter traut er sich erst danach einzuschlagen. Es geht um die Zeitläufte, die einem Autor jüdischer Herkunft nicht besonders wohl wollen; Arthur Schnitzler erlebt nur die Anfänge des italienischen Faschismus hautnah mit: Seine Tochter Lili heiratet mit nur 17 Jahren Arnoldo Cappellini, einen Faschisten, den sie sehr bewunderte, genau wie ihre Mutter Olga. Arthur Schnitzler unterstützt das junge Paar. Unvorstellbar, oder? Ein jüdischer Schrftsteller, der den Antisemitismus selbst erlebt hat, schon bei seinem Vater, lässt zu , dass seine geliebte Tochter einen Faschisten heiratet. Lili schoss sich ein Jahr später eine Kugel in die Brust und starb an einer Blutvergiftung. Es geht um die Familie seines Sohns Heinrich, die in die USA emigrierte. Dessen Sohn Peter gründete dort seine Familie – seine Tochter Giuliana ist die oben erwähnte Gesprächspartnerin von Jutta Jacobi. Und dann gibt es dann noch die Menschen aus den für uns “Nebenzweigen” der Familie – die Nachfahren der Geschwister von Johann und Arthur

Manche Szenen muten ein bisschen theatralisch an – so, wenn Jutta Jacobi der Mutter Arthur Schnitzlers beim Briefeschreiben über die Schulter blickt und sie um Erlaubnis bittet, diese Briefe lesen zu dürfen. Oder die Szene, wenn die Familie 1873 zur Eröffnung der Weltausstellung fährt und Jutta Jacobi so eine von den Fragen in den Raum stellt, die einen schon mal beschleichen, wenn man sich die Mode der damaligen Zeit in Erinnerung ruft:

Ich stelle mir vor: Louise Schnitzler im Tournürenkleid, wie es die Moden seit 1870 den Damen vorschreibt und frage mich, wohin beim Sitzen mit dem hufeisenförmigen Gestell oberhalb des Gesäßes, das dem Rock die gewünschte Form und jeder Trägerin die Silhouette einer gut gemästeten Gans verleiht. (S. 64)

Pierre-Auguste Renoir 089

An der Charakterisierung der Mode ist was dran, oder? Hier ein Exemplar von Renoir.

Ich habe an der Stelle laut gelacht – ein bisschen viel Phantasie, ein bisschen wenig sachliche Distanz, ja, das stimmt. Aber wie schon gesagt: Solche Episoden verleihen Eingängigkeit, leichte Lesbarkeit. Und warum soll ich mich beim Lesen einer Biographie nicht auch unterhalten lassen?

Der Schwerpunkt des Buches liegt eindeutig auf den männlichen Familienmitgliedern – der Arzt, der Autor, der Regisseur, der Maler und Dokumentarfilmer, der Musiker. Auch die Frauen machen Karriere, erobern sich einen Platz in der Welt – doch das kommt nur am Rande vor. Dem Untertitel “Eine Familiengeschichte” wird das Buch nur in beschränktem Maße gerecht, denn schon die Seitenanzahl macht deutlich, dass Arthur Schnitzler, zusammen mit seinem Vater Johann, den Hauptteil ausmacht. Verständlich, denn ohne seinen Vater wäre Arthur Schnitzler nicht geworden, was er war.

Ganz am Ende ihres Buches hat Jutta Jacobi notiert, wie die heutigen, weit vertreuten Schnitzlers kommunizieren: Sie skypen. Keine langen Briefe mehr, aus denen spätere Biographen ihre Informationen ziehen können …

Gesamtfazit: Eine in weiten Teilen gut lesbare Biographie einer österreisch-amerikanisch-österreichischen Familie.

Jutta Jacobi: Die Schnitzlers. Eine Familiengeschichte, Residenz Verlag, St. Pölten, 2014, ISBN: 9783701732791 .

Wien und das Ende der k.u.k.-Zeit – zwei Bücher, zwei Frauen

rp_Rubrik-Biographie-300x20011.jpgAnna Sacher

Sagt Ihnen der Name Anna Sacher was? Mir sagte er nichts, bis ich das Buch von Monika Czernin gelesen habe: “Das letzte Fest des alten Europa. Anna Sacher und ihr Hotel”. Die Geschichte einer, nein, der Hoteliere im Wien des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts.

Das bekannteste Bild von Anna Sacher zeigt, verknüpft mit einem Blick aufs Hotelportal, auch der Titel: Eine selbstbewusste Frau vom Ende des 19. Jahrhunderts mit zwei Hunden. Nach Aussage der Autorin ziert dieses Bild auch den Eingangsbereich des Hotels Sacher in Wien – dem Reich dieser Frau.

Monika Czernin hat nicht einfach eine Biographie der Anna Sacher geschrieben, sondern quasi die einer Epoche. Den einzelnen Kapitel ist als Überschrift eine Jahreszahl und eine Aussage mitgegeben:

  • 1892 – Anna Sacher trauert, mit Anstand und nicht ohne Stolz
  • 1900 – König Milan von Serbien weilt lieber im Sacher als daheim
  • 1912 – Erzherzog Franz Ferdinand unterschreibt auf einem Tischtuch

Diese Kapitel enthalten eine romanhaft geschriebene Form der Geschichte von Anna und Eduard Sacher, angereichert mit Fakten zum Zeitgeschehen: Politik, Kultur, Finanzwelt – die Großen aller Bereiche gingen ins Sacher. Und Monika Czernin verdeutlicht das Warum.

Franz Sacher 1865 Vienna

Franz Sacher war Annas Schwiegervater und Erfinder der Sachertorte

Dabei kann sie auf bisher unveröffentlichtes Material zurückgreifen, denn sie ist selber mit einem der Gäste und Förderer des Hotels Sacher verwandt.

Die Mischung von Fast-Fiktion und echten Fakten lässt sich gut lesen, ist unterhaltsam und informativ – nicht nur in Bezug auf Anna Sacher und ihr Hotel, sondern auch und gerade zu den turbulenten Zeitläuften, in denen sie wirkte. Das kann ich also nur empfehlen, wenn Sie sich fürs Fin de Siècle in Wien interessieren.

Marie Festetics

Eine andere Frau, die mit dem Wien dieser Zeit und der k.u.k-Monarchie verbunden wird, wie keine Zweite, ist Kaiserin Elisabeth. Im Residenz-Verlag ist nun ein Band mit Tagebuch-Aufzeichnungen, nein nicht von Sisi, sondern von einer ihrer Hofdaemen erschienen: “Das Tagebuch der Gräfin Marie Festetics”, Untertitel “Kaiserin Elisabeths intimste Freundin”.

Sissi&Franz

Bei dieser Porzellanmalerie kann man erkennen, dass Elisabeth von österreich eigentlich helles Haar hatte. Marie Festetics beklagt in ihrem Tagebuch, sie seien “zu dunkel pomadisiert”.

Hm. Klappentext und Pressematerial rühmen Marie Festetics als schöne und kluge Frau, die in ihren Tagebüchern ungeniert ihren Gedanken und Analysen der Hofgesellschaft Raum gibt. Was mich daran interessierte, war die Zeitzeugenschaft dieser Hofdame. Die Herausgeberinnen Gudula Walterskirchen und Beatrix Meyer versuchen im Vorwort deutlich zu machen, worin die Schwierigkeiten der Lektüre dieser Diarien liegen: ein Gemisch mehrerer Sprachen, eine Vielzahl von Namen und Titeln und vor allem die Fülle des Materials – die Tagebücher umfassten etliche Bände, würden sie komplett publiziert. So haben die beiden thematische Schwerpunkte zu setzen versucht:

  • Wer war Marie Festetics?
  • Am Hof der Kaiserin
  • Reisen und Flucht in die Welt

heißen einige der Kapitel. Die Texte aus den Tagebüchern sind mit erläuternden Texten der Herausgeberinnen und reichlich Fußnoten versehen. Leider wird die Lektüre dadurch nicht wirklich vereinfacht, denn zusammengehörige Tagebuchpassagen werden auseinandergerissen, die chronologische Reihenfolge der Einträge wird nicht beibehalten. Die Zwischentexte können das leider nicht wirklich ausgleichen. Auch Zeittafel, Stammbaum und Register, die beim Zuordnen helfen sollen, erfüllen den Zweck nicht vollständig.

Zum Text selber: Als ich anfing, die Texte der Gräfin selber zu lesen, fühlte ich mich sehr an ein Buch aus meiner Kindheit erinnert: Arme schöne Kaiserin : Elisabeth von Österreich von Erwin H. Rainalter – inhaltlich und von der Sicht aufs Geschehen aus ist das nach meiner Erinnerung völlig identisch: Elisabeth ist das arme Opfer, unverstanden, melancholisch, schön, anbetungswürdig. Marie Festetics’ Blick ist genauso, völlig unkritisch gegenüber Elisabeth, dafür umso misstrauischer gegenüber den anderen bei Hof.

Ein schwieriges Buch also, diese Tagebuchzusammenstellung.

Die vorgestellten Titel:

Monika Czernin: Das letzte Fest des alten Europa. Anna Sacher und ihr Hotel, Knaus Verlag, München 2014, ISBN: 9783813504347

Gudula Walterskirchen und Beatrix Meyer (Hg.): Das Tagebuch der Gräfin Marie Festetics. Kaiserin Elisabeths intimste Freundin, Residenz VerlagSt. Pölten, 2014: ISBN: 9783701733385

Kap Cod von Henry D. Thoreau

rp_Bild-Sachbücher-150x150111.jpgSo, ein Jahr, nachdem ich selbst auf Cape Cod gewesen bin, dachte ich, das Buch von Henry D. Thoreau sei doch eine nette Ergänzung zu unserem kurzen Sommeraufenthalt dort.  Es ist aber noch was ganz anderes – es ist ein Einblick in eine Landschaft und in Lebensumstände, wie man sie sich angesichts der vielen touristischen Attraktionen, der heutigen Infrastruktur und des in den paar Tagen unseres Aufenthaltes dort herrrschenden tollen Wetters überhaupt nicht vorstellen kann.

Doch keine Angst: Henry D. Thoreau nimmt mich da gut mit.

WellfleetMA JohnNewcombHouse HABS

Dieses Haus von John Newcolmb in Wellfleet schildert Thoreau in seinem Buch

Detailliert schildert er seine Eindrücke. Seine Naturbeobachtungen schließen die genaue Schilderung und Bezeichnung der Pflanzen und Tiere ein, die ihm begegnen. Er beschreibt, wie er und sein Begleiter (einige Wanderungen dort machte er zusammen mit Ellery Channing) von den Menschen empfangen wurden – auch, dass sie schon mal für Bankräuber gehalten wurden, wird erwähnt. Doch solche “spannenden” Ereignisse sind nicht die Regel – es ist ein eher beschauliches Buch. Im Großen und Ganzen ist auf dem modernen Cape Cod die von Henry D. Thoreau beschrieben Natur zurückgedrängt – höchstens in den Naturschutzgebieten des Kaps sind Spuren davon erhalten. Eins ist das Wellfleet Bay Wildlife Sanctuary; vielleicht sollte ich nach der Leküre noch mal dorthin  …?

Übrigens kannte ich den Namen des Autors aus einem ganz anderen Zusammenhang: Kati, die Heldin der Reise- und Mädchenbücher “Kati in Amerika”, “Kati in Italien” und “Kati in Paris” von Astrid Lindgren zitiert im ersten Band “Kati in Amerika”  gern aus einem Buch mit dem Titel “Das einfache Leben” von Henry D. Thoreau  – es handelt sich vermutlich um das Buch Walden.

Dem Band ist ein ein Essay von Ilija Trojanow vorangestellt, der das moderne Cap Cod bereist – auf Thoreaus Spuren. Er hatte dazu etwas mehr Muße als ich im letzten Sommer ;-).

Henry D. Thoreau: Kap Cod, übersetzt von Klaus Bonn, Residenz Verlag, St. Pölten, 2014, ISBN: 9783701716159

Thema 1914: Es ist Frühling und ich lebe noch von Marcel Atze und Kyra Waldner

Der das sagte, war kurz danach tot … rp_Bild-Sachbücher-150x150111.jpg

Marcel Atze und Kyra Waldner haben in diesem Band Zeugnisse aus dem Handschriftenbestand der Wienbibliothek zusammengestellt. Tagebücher, Briefe , Korrespondenzkarten und Fotografien haben die beiden durchstöbert – herausgekommen ist ein Blick auf den ersten Weltkrieg von ganz unterschiedlichen Menschen, die die Folgen des Kriegs  an der Front – mal im Osten, mal im Westen -, in Wien oder in Gefangenschaft erleben und festhalten; drei Beispiele:

  • der Tagebuchschreiber Karl Wallner war Artillerieoffizier und notierte alles, was ihm “im Feld” widerfuhr – Lazarettaufenthalte und Urlaube wurden nicht berücksichtigt. Die unbequemen Schreibsituationen führen zu unordentlicher Schrift, was er regelmäßig zu entschuldigen bittet. Die mangelnde Information der Truppe ist bei Karl Wallner ebenfalls ein Thema – Zeitungen an der Front lesen, wie es ein Plakat suggeriert: unmöglich.
  • Briefe des 1914 sechsjährigen Hans Weigel schildern das Leben eines Kindes, das den Vater vermisst und – bevor es selber schreiben kann – der Mutter die Briefe an den Vater diktiert. Hans Weigel musste sechs Jahre lang auf das Wiedersehen warten, denn der Vater war in Sibirien gefangen. Er schildert dem Vater nicht nur den Stundenplan in der Schule, sondern berichtet auch von seinen Noten. Einige der über 60 erhaltenen Karten und Briefe sind abgebildet – ebenso einige der Antworten des Vaters. Weiterlesen

Christian Morgenstern von Jochen Schimmang

rp_Rubrik-Biographie-300x200.jpg“Es war einmal ein Lattenzaun”, “Ein Wiesel saß auf einem Kiesel” – wer kennt sie nicht, die schrägen Gedichte von Christian Morgenstern? Aber wer kennt den Menschen, der sie geschrieben hat? Jochen Schimmang stellt ihn in seiner Biographie vor. Ausführlich und manchmal etwas ausufernd. So streut er in die Biographie Exkurse ein, die spezielle Aspekte des Lebens von Christian Morgenstern erläutern helfen sollen: Morgenstern als “Jünger”, erst von Nietzsche, dann von Paul Lagarde und zum Schluss von Rudolf Steiner, aber auch zu anderen wichtigen Personen seines Umfelds: Maximlilian Harden, die Cassirers, zur Gesellschaft der Kaiserzeit oder zu Morgensterns Verhältnis zu Frauen.

Jochen Schminag wendet viel Zeit auf, um den unbekannten Morgenstern zu präsentieren: den Übersetzer Ibsens z. B., der mit einer seltenen Begabung Norwegisch erst kurz zuvor erlernte. Morgenstern war in Norwegen, lernte Ibsen selber kennen und der war von der Übersetzung des jungen Mannes sehr angetan – das Gesamtwerk des norwegischen Autors zu übersetzen, war eine mehrjährige Aufgabe, an der Christian Morgenstern großen Anteil hatte. Den Zeitgenossen, der in der ersten längeren Friedensperiode aufwuchs, die technische und gesellschaftliche Umbrüche mit sich brachte. Den Mann, der erst spät die Gefährtin fürs Leben fand.

Christian Morgenstern 18

Christian Morgenstern im Alter von 18 Jahren – schon damals gerne gut gekleidet.

Christian Morgenstern war ein kranker Mann sein ganzes, eher kurzes Leben lang. Bei seiner Mutter, die in seiner Kindheit an Tuberkulose starb, hat er sich angesteckt. Die Folge war, dass er ständig reiste – immer auf der Suche nach einer ihm bekömmlichen Luft. So heiter, wie man vermuten könnte, wenn man seine Galgenlieder als Ausdruck seiner Person nimmt, war er nicht. Jochen Schimmang öffnet einen Zugang zu diesen vor allem als Jux verstandnen Gedichten: Sie sind subversiv – sie sind Sprachkritik. Dabei spielt die Form der Gedichte eine besondere Rolle.

Jochen Schimmags Buch ist eine Biographie, die durchaus persönlich daherkommt. Ein paar Elemente haben mich ein wenig gestört: Die Exkurse hätten, evtl. etwas gekürzt, auch im normalen Text Platz finden können – schließlich stellt Jochen Schimmang im Text auch sonst Zeitumstände oder Personen ausführlich vor. Sie in kleinerer Schrift zu drucken, ist bei ihrer Länge über mehrere Seiten nicht lesefreundlich. Andererseits kommen dann Sätze, in denen Jochen Schimmang darauf hinweist, etwas nicht ausführen zu können, weil es zu viel Raum einnähme, in meinen Augen etwas willkürlich daher. Es ist also keine Biographie wie viele andere – ein sehr eigenes Buch von einem eigenwilligen Autor über einen sehr eigenen Menschen, der übrigens heute vor 100 Jahren seiner Lungenkrakheit erlag, sechs Wochen vor seinem 43. Geburtstag.

Jochen Schimmang: Christian Morgenstern. Eine Biographie, Residenz Verlag, St. Pölten, 2013, ISBN: 9783701732630

Bringt mit die Nudel von Giochino Rossini von Kurt Palm

Ein Opernkomponist im Wilden Westen – das ist doch mal was für mich. Kurt Palm gilt seit seinem Krimi “Bad Fucking” als Autor mit Sinn fürs Absurde. Die Reisebegleiter Rossinis  – der Inder Kamalesh, der entlaufene Sklave Ringgold und der Indianer Big Thunder – versprechen humorvolle bis eventuell klamaukhafte Unterhaltung: also, auf ins Vergnügen! Zemanta Related Posts Thumbnail

Was sich mir dann bietet, ist eine gut recherchierte Geschichte, mit absurden Konstellationen – aber so komisch wie angekündigt ist das Buch bei weitem nicht. Kurt Palm weiß, wovon er schreibt. Im Großen und Ganzen jedenfalls: Weiterlesen