Was Fische wissen von Jonathan Balcombe

Wenn Sie Fische vor allem für zappelnde Proteinspender halten, wird Jonathan Balcombe Sie eines Besseren belehren. Und zwar nachhaltig … Die Titelvarianten machens deutlich. In der deutschen Version heißt der Untertitel: Wie sie lieben, spielen, planen: unsere Verwandten unter Wasser. Im englischen Original lautet der vollständige Titel: What a Fish Knows: The Inner Lives of Our Underwater Cousins.

Jonathan Balcombe beginnt mit den Sinneswahrnehmungen

Dass Fische was sehen können, ist klar – schließlich haben sie Augen. Jonathan Balcombe zeigt mir aber auch, dass Fische optischen Täuschungen zum Opfer fallen können. Weiterlesen

Der Kurs der Kennedys von James W. Graham

rp_Bild-Sachbücher-150x1501111111-150x15011.jpg„Wie ein kleines Boot die Geschicke einer großen Familie lenkte“ – so lautet der anspruchsvolle Untertitel des Buchs von James W. Graham in der deutschen Übersetzung. Es geht in erster Linie um das Segelboot „Victura“, auf dem Großteil der Familie Kennedy das Segeln erlernt hat.

James W. Graham schildert die Lebensumstände der Familie Kennedy, den Erwerb des Anwesens auf Cape Cod, den unbedingten Siegeswillen des Vaters und das Engagement aller Familienmitglieder für das Boot – um bei Regatten zu siegen, gab es ständigen Verbesserungsbedarf. Da der Autor selbst Hobbysegler ist, kennt er sich mit den Begriffen des Segelns hervorragend aus und nutzt das Fachvokabular weitgehend unkommentiert. Für mich als Nicht–Seglerin erschwert dies die Lektüre ein bisschen, denn die Bildsprache ist mir nicht sofort eingängig.

Gerade für die Jugendjahre der Kinder von Joe Kennedy, dem irischen Einwanderer und späteren Botschafter in London, sind die vor Kriegsjahre auf Cape Cod prägend. James W. Graham erzählt jede Menge Geschichten von den zehn Kindern, die zum Leidwesen der Nachbarn laut und scheinbar undiszipliniert herumtobten. Das Wettbewerbsdenken der Familie Kennedy versucht er zu erklären und nimmt dabei die unkritische Position der Kinder ein, die den anspruchsvollen Vater anhimmeln. Trotz dieser positiven Berichterstattung empfand ich selber beim Lesen die Erziehungsmethoden von Joe Kennedy als eine Überforderung für „normale“ Kinder. Gut, die Kennedys waren in diesem Sinne wohl nicht norma ;-)l.

Lt. Joseph P. Kennedy, Jr. Navy

 

Ich habe weiter oben bereits den Untertitel als anspruchsvoll bezeichnet – ein Anspruch, den ich nicht erfüllt sehe. Und das liegt bereits in der Formulierung begründet: Ein Boot wird gelenkt, es lenkt nicht selber. Somit kann sowohl der sportliche Ehrgeiz, der mit dem Boot und den Segeln an sich für die Kennedys verbunden ist, als auch das Gefühl der Zusammengehörigkeit, das unter anderem durch die Teamarbeit auf dem Boot entstanden ist, als Bild für den Lebensstil und die Einstellung der Kennedys gelten – aber ein Boot lenkt keine Geschicke.

James W. Graham schildert das Leben einer Familie mit Höhen und Tiefen, die in den USA quasi monarchische Wünsche bediente, und bietet besonders durch die Segelgeschichten spannende Einblicke in das Familienleben. So auch in die Beziehung der jüngeren Geschwister zu ihrem großen Bruder Joe, der im Zweiten Weltkrieg fiel.

Erwähnenswert finde ich, dass James W Graham neben den allseits bekannten Mitgliedern der Familie auch die Frauen mehr in den Blick nimmt. Er lobt das politische Engagement der Schwestern von Joseph Kennedy, deren Wirken in unseren Breiten eher unbekannt ist. Auch jüngere Frauen der Familie nennt er mit Respekt.

Insgesamt handelt es sich bei dem Buch um eine Art Familienbiografie „unter besonderer Berücksichtigung“ des Segelns. Im englischen Originaltitel „The Kennedys, a sailboat and the Sea” kommt dies kurz und knapp zum Ausdruck. Auch dies also ein Buch, bei dem ich denke, dass die Formulierung von Titel und/oder Untertitel in der deutschen Übersetzung gründlicher durchdacht werden sollte. Wenn ich diesen Untertitel mir einfach wegdenke, habe ich ein interessantes Buch, das sich nur gelegentlich durch die Nutzung des Fachvokabulars ein bisschen holprig liest.

James W. Graham: Der Kurs der Kennedys. Wie ein kleines Boot die Geschicke einer großen Familie lenkte, mare Verlag, Hamburg, 2015, ISBN: 9783866481954

Sextant von David Barrie

rp_Bild-Sachbücher-150x1501111111-150x150.jpgFür Interessierte an der Seefahrt per Segelschiff bietet das Buch von David Barrie zweimal den Einblick in einem Segeltörn von Amerika nach England im Jahre 1973. Jedem Kapitel ist der Tagebucheintrag von 1973 voraus gestellt. Der Autor ist da Anfang 20. Im weiteren Kapitelverlauf schildert David Barrie dann aus der Rückschau die jeweilige Situation ausführlich. Vor allem die Unbequemlichkeiten einer solchen Reise von drei Personen auf einer kleinen Yacht treten mir plastisch vor Augen: der Mangel an frischen Nahrungsmitteln, Kochen mit Meerwasser, wenig Privatsphäre und die mangelnden Duschgelegenheiten lassen das Gefühl für die Situation wesentlich älterer Seereisen aufkommen.

Immer in diese Situation eingebettet – in der sich der junge David Barrie eben auch an der Ortsbestimmung der kleinen Yacht auf hoher See beteiligt –  erscheinen dann die Erläuterungen zur Geschichte des Sextanten und seiner Vorläufer. Die “Meuterei auf der Bounty“, Barries erster Kontakt mit einem solchen Gerät, als er damals den Film das erste Mal sah, erfährt eine sachkundige und bewundernde Erweiterung um die Fahrt William Blighs und seiner Leute über 4000 Seemeilen ohne Karten, nur mit nautischer Erfahrung und einem Quadranten. Weiterlesen

Die Sprache des Windes von Scott Huler

Kennen Sie die Beaufort-Skala? Ich kannte sie bis zu diesem Buch von Scott Huler nicht – ich rp_Bild-Sachbücher-150x1501.jpgbin aber auch nicht mit Segeln o. Ä. befasst. Scott Huler findet die Beaufort-Skala sprachlich schön.

Ein englisches Beispiel:

Beaufort Number 1 light air 1-3 MP/H: direction of wind shown by smoke but not by wind fanes (S. 200)

Auf dem Lesezeichen, das der mare-Verlag beigefügt hat, lese ich:

Beaufort-Grad 1, leiser Zug, kleine schuppenförmige Kräuselwellen, ohne Schaumkämme.

Die sprachliche Präzision dieser Einteilung hat es Scott Huler angetan.

Er macht sich auf den Weg, den Namensgeber dieser Skala zu entdecken: Francis Beaufort, Hydrograph, Admiral der englischen Flotte – und ein fast schon besessener Kartierer. Scott Huler findet heraus, dass Francis Beaufort ständig vermessen hat – wo er stand oder mit einem Schiff lag, wie die Lage, besonders unter Wasser!, dort war. Mit den immer genaueren Instrumenten, die zu seinen Lebzeiten aufkamen, konnte er äußerst präzise Karten anfertigen.

Scott Huler hat das selber ausprobiert. Auf den Spuren von Francis Beaufort fuhr er nach Montevideo und stellte fest, dass ihm für den historischen Teil der Stadt die historische Karte bessere Dienste tat als die aktuellen aus Reiseführern … Außerdem lobt er die Ästhetik der Karte: Es ist so viel wie nötig drauf, nichts Überflüssiges. Mit den für diesen Zweck angeeigneten Zeichenkenntnissen (das nenn ich mal Engagement!) versucht sich Huler an einer Vergleichszeichnung vom selben Standort wie sein Vorbild. Beide Zeichnungen stehen zum Vergleich bereit.

ArcticCouncilPlanningSearch

Auf diesem Gemälde von 1851 wird deutlich, wie wichtig, präzise Karten für die Planung von Expeditionen waren – alle wichtigen Köpfe sind hier versammelt. Francis Beaufort sitzt in der Mitte.

Scott Huler ist bei seiner Recherche sogar auf einen Großsegler gegangen, um quasi das Lebensumfeld von Francis Beaufort zu erkunden.  Er durchstreift in seinem Buch die Wissenschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts und entdeckt “Verwandte” der Beaufort-Skala, er setzt sich mit den Weiterentwicklungen auseinander – und das alles tut er mit Begeisterung und reißt mich als Leserin mit.

Das ist das Tolle an diesem Buch: Scott Huler versteht es, seine Faszination für das Thema zu vermitteln. Er erzählt packend, er gibt Einblicke in eine Wissensrichtung, die, wie ich vermute, noch mehr Menschen als mir bis dato ein unbekanntes Gebiet war. Ein lesenwertes Stück Wissenschaftsgeschichte – kein bisschen trocken, sondern äußerst lebendig. Solche Bücher darf es ruhig öfter geben.

Scott Huler: Die Sprache des Windes: Francis Beaufort und seine Definition einer Naturgewalt, übersetzt von Harald Stadler, mare Verlag, Hamburg, 2013, ISBN: 9783866482029

Ein Teelöffel Land und Meer von Dina Nayeri

Saba ist ein verlassener Zwilling. Ihre Mutter und ihre Zwillingsschwester sind ausgewandert, sagt sie. Raus aus dem Iran der Mullahs, nach der Revolution von 1979. Saba bleibt mit dem Vater allein im Dorf. Ihre engsten Freunde sind Reza und Ponneh – Dorfkinder. Dabei gehört Saba einer reichen Familie an, einer Familie, die bis zur Revolution nur gelegentlich ins Dorf kam, sonst in Teheran wohnte. Doch jetzt, nach dem Verschwinden von Mutter und Schwester, leben sie immer hier. Weiterlesen