Die Europäer von Henry James

Für einen Roman von Henry James ist „Die Europäer“ ein eher schmales Werk – nichtsdestoweniger aber höchst unterhaltsam. Anders als von mir zuerst vermutet, betreibt hier nicht ein Amerikaner ethnologische Studien im alten Europa, sondern zwei Menschen dieser alten Welt haben sich auf den Weg in die neue gemacht: Eugenia und Felix.

Was erzählt Henry James

Diese beiden vertreten ein Europa der Verfeinerung, der Konversation und – das zumindest in den Augen ihrer amerikanischen Verwandten – der lockeren Sitten. Felix ist Maler mit einer buntscheckigen Vergangenheit und heiterem Gemüt. Eugenia, das stellt sich im Laufe der Geschichte heraus, ist in morganatischer Ehe mit dem jüngeren Bruder eines regierenden Fürsten verbunden. Das brachte ihr den Titel einer Baronin ein. Doch nun soll dieser Gatte standesgemäß verheiratet und Eugenia abserviert werden. Grund genug für die beiden mittellosen Geschwister, sich ihrer – hoffentlich reichen – amerikanischen Verwandtschaft zu erinnern und sie aufzusuchen. Weiterlesen

Die Geschichte vom Prinzen Genji von Murasaki Shikibu

rp_Bild-Klassiker-300x1992.jpgSeit der Buchmesse 2014 liegt dieses bibliophile Prachtwerk bei mir rum und wartet auf seine Besprechnung. Aber dieser klassische japanische Roman, verfasst von der Hofdame Murasaki Shikibu (naja, ob die Hofdame so hieß, ist fraglich; da sie unbekannt ist, hat man den Namen der Protagonistin zum Autorinnennamen gemacht) so um das Jahr 1000 u. Z. hat ja schon ein gewisses Alter – da kann auch die Besprechung im Blog ein wenig warten. Es ist halt kein Buch “für mal eben zwischendurch”; die beiden Bände aus dem Manesse Verlag umfassen rund 1800 Seiten und da die Handlung a) weit weg und b) vor langer Zeit spielt, sind die Anmerkungen durchaus hilfreich (erfreulicherweise stehen sie als Fußnoten direkt unter dem Text – hier wäre ständiges Nach-hinten-Blättern echt umständlich).

Im Vorwort erläutert Oscar Benl, der Übersetzer und Fachmann für japanische Literatur, schon mal ein paar Hintergründe, einschließlich solcher Spezialinformationen wie über appretierte und nicht-appretierte Stoffe, über die Kleidung – mehrschichtiges System – und das Farbempfinden, über die Hofgesellschaft, die Anlage des Palastes und vieles mehr. Zu Glück tauchen die Informationen an passenden Stellen noch mal in den Fußnoten auf, denn  man kann sich das unmöglich beim ersten Lesen alles merken.

Die Übersetzung von Oscar Benl stammt aus den 60er Jahren – den Roman um den Prinzen Genji zu übersetzen hat aus dem Original kein weiterer deutscher Übersetzer versucht; die einzige andere Übersetzung ins Deutsch ist eine aus dem Englischen  aus den 50er Jahren …

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Handgeschrieben Seiten des Genji Monogatari der Papierrolle aus dem 12. Jahrhundert

Wie schwierig die Überlieferungsgeschichte ist, ist ebenfalls Thema in der Einleitung zum Buch – es hat verschiedene Abschriften des Buches gegeben; mich hat diese Situation an die Überlieferung des Nibelungenliedes erinnert. Den jeweils verwendeten Textkorpus könnte man also auch noch diskutieren. Tanizaki Jun’ichirō, dessen 50. Todestag letztes Jahr war, hat seinerseits versucht, den Text in modernes Japanisch zu übertragen.

Erzählt wird die Geschichte des Prinzen Genji, dem Sohn eines Kaisers mit seiner vor allen anderen Frauen bevorzugten Konkubine, die früh stirbt – die Reaktion des Kaisers auf den Tod der geliebten Frau ist detailliert beschrieben, sein Kummer ist groß und berichtenswerrt. Der Sohn wird nicht sein Nachfolger – die reguläre Thronfolge setzt der Vater nicht zugunsten seines Lieblingssohns außer Kraft. So lebt der junge Prinz ohne wirtschaftliche Probleme, widmet sich den schönen Künsten und besonders den Frauen. Eine Zeitlang geht er in die Verbannung, kommt aber an den Hof zurück; er hat zahlreiche Geliebte, sein Innenleben wird detailliert geschildert und gedeutet. Es ist ein Roman, der in Hinblick auf psychologische Schilderungen einen modernen Touch hat. Ihn zu verstehen, ist schon schwieriger; sprachliche Eigentümlichkeiten der Heian-Zeit – aus Höflichkeit keine Namen zu verwenden, beispielsweise –  oder die Verwendung sehr vieler Gedicht-Zitate erschweren schon für den modernen japanischen Leser die Lektüre, wie sehr erst für uns. Andererseits – wenn ich die Gedichte einfach nur als Gefühlsausdruck nehme, kann ich die Zartheit der Gefühle nachempfinden.  Auch wenn die Geschichte so alt ist, lässt sie sich besser lesen als manch europäischer Klassiker – zumindests in der Übersetzung; wie es Japanern damit geht, weiß ich nicht. Ein Teil des Reizes für mich liegt darin, dass ich einen Einblick in einen historischen Teil derGesellschaft eines meiner Sehnsuchtsländer bekomme.

Die Neuauflage aus dem Jahr 2014 – ich erwähnte es im ersten Satz – ist ein haptisches und optisches Vergnügen. Der Einband aus Leinen sieht seidig aus und fühlt sich auch so an, das Papier ist edel, der Schuber für die beiden Bände zeigt einen Teil einer historischen Handschrift des Romans. Eine Ausgabe mit “Hach!”-Faktor 😉

Murasaki Shikibu: Die Geschichte vom Prinzen Genji. Altjapanischer Liebesroman, übersetzt von Oscar Benl, mit einem Nachwort von Eduard Klopfenstein, 2 Bände im Schuber, Manesse Verlag, Zürich, 20014, ISBN: 9783717523642

Lavalette von Golo Mann

Foto zu Historisches von Heike BallerAm liebsten würde ich die ganze Zeit einfach nur ein paar Sätze zitieren, denn Golo Mann schreibt einen wunderbar elaborierten Stil. Aber erst einmal zum Inhalt: Der Historiker Golo Mann hat sich, so der Untertitel, “Eine Episode aus napoleonischer Zeit” vorgenommen. Er beginnt wie ein Historiker mit der Geschichte von Antoine-Marie Lavalette, der nach dem Willen seines Vaters Kaufmann werden sollte, in den Wirren der Revolution aber einen anderen Weg einschlug, als fähiger Offizier ein Adjutant Napoleons im italienischen und ägyptischen Feldzug wurde und auf dessen Geheiß hin eine Verwandte von Joséphine Beauharnais ehelichte.

1801 erhielt er erst einen Posten als  Gesandter in Dresden und dann die Stelle des Generalpostmeisters – eine wichtige Position, denn dazu gehörte auch die Zensur und die Ausstellung von Pässen. Engste Zusammenarbeit bestand mit einem alten Bekannten von mir: Joseph Fouché (Stefan Zweigs Darstellung von Fouchés Leben gehört seit meiner Jugend zu einem meienr Lieblingsbücher). Die Geschichte ist gut belegt – die Degradierung unter den wieder eingesetzten Bourbonen, die Rückkehr auf seinen Posten nach Napoleons Flucht von Elba, der Verrat Fouchés, Gefangennahme und drohende Todesstrafe. Das mit der darauffolgenden Zeit lasse ich jetzt mal weg – ein bisschen Spannung darf ja bleiben.

Wie Golo Mann nun auf gerade mal 50 Seiten erzählt, das hat Charme, ist nicht immer leicht verständlich, macht aber eine Menge Spaß. Beispiel gefällig?

Houdetot - Lavalette, conseiller d'Etat

Eine Zeichnung von Frédéric Christophe d’Houdetot, die Rückenansicht von Lavalette

Aber die Frauen mochten ihn; die Männer, die großen Herren des Kaiserreiches, auch , zumal er seines Amtes vortrefflich und, soweit er durfte, auch menschenfreundlich waltete. S. 8.

Am Sonntag, den 7. Januar, wurde auf der Place de Grève ein Pfahl aufgestellt mit einer Tafel daran: Name, Verbrechen, Urteil. Zwei Gendarmen hattn das Ding zu schützen, aber nichts zu lachen. Das Volk von Paris lachte hell. (S. 37)

Ein Zufallsfund in der Bibliothek war das – er hat sich gelohnt.

Golo Mann: Lavalette. Eine Episode aus napoleonischer Zeit, Manesse Verlag, Zürich, 1987, ISBN: 3717581120

Tanizaki Jun’ichirō bei Manesse

Heute vor 50 Jahren starb der japanische Autor Tanizaki Jun’ichirō. Seine Werke sind auch in Europa und in  den USA viel gelesen worden. Mir waren auf der Buchmesse im Oktober die drei schön aufgemachten schmalen Bände aus dem Manesse-Verlag aufgefallen:

Die Buchtitel von Tanizaki Jun’ichirō, wie ich sie im Oktober gesehen habe.

Die Buchtitel von Tanizaki Jun’ichirō, wie ich sie im Oktober gesehen habe.

Japan ist ja eh’ so ein Sehnsuchtsland von mir – also habe ich mich mit den Büchern beschäftigt.

Der Stil dieser Essays ist so eigenartig, dass ich erst mal zu Sekundärliteratur griff, um mich über den Autor und seine Zeit schlau zu machen. Tanizaki Jun’ichirō hat in den verschiedenen Phasen seines langen Lebens sein Thema – die Suche nach der Schönheit – unterschiedlichst abgehandelt. Als junger Autor nutzte er die noch recht frisch in Japan bekannt gewordenen Stilmittel des Westens. Der Japanologe Eduard Klopfenstein (der auch die vorliegenden Bücher übersetzt hat), spricht von einem Ästhetizismus, der sich an die Literatur des Fin de Siècle anlehnt. Weiterlesen

Thema 1914: Über den Feldern aus dem Manesse-Verlag

70 Mal ist hier der erste Weltkrieg Thema – in 70 Erzählungen aus aller Welt. Der Manesse-Verlag hat ein schönes Werk aufgelegt – auch äußerlich. Der Leineneinband mit den Mohnblumen erinnert an die englische Sitte, mit Mohnblumen am Revers der Gefallenen des ersten Weltkreigs zu gedenken. rp_Bild-Klassiker-300x1992.jpg

Bekannte Namen wie Stefan Zweig, Gertrude Stein, Marcel Proust und Alfred Döblin finden sich neben in Deutschland eher unbekannteren wie Saki, einem 1870 in Burma geborenen englischen Satiriker, Clément Pansaers, einem belgischen literarischen Avantgardisten oder Akutagawa Ryūnosuke, der japansiche Offiziere in englischer Sprache unterrichtete und die Vorlage für den Film Rashomon von Akira Kurosawa liefert – die Verfilmung gab es allerdings erst rund 25 Jahre nach seinem Freitod.

Wir sehen heute v.a. die Schönheit der Blüte - im ersten Weltkrieg blühten sie auf der von Geschützen aufgewühlten Erde

Wir sehen heute v.a. die Schönheit der Blüte – im ersten Weltkrieg blühten sie auf der von Geschützen aufgewühlten Erde

Alle denkbaren Aspekte des Kriegs werden von den Autorinnen behandelt: Das Leben und Überleben und auch das Sterben an der Front genauso wie die Auswirkungen des Kriegs in der Heimat, die inneren Verstrickungen und Konflikte; seelische Abgründe werden ausgeleuchtet und einzelne Kriegsereignisse reportagehaft geschildert. Stilistisch herrscht eine ebenfalls große Vielfalt: Satire und Romanze, Reportage und Expression – flapsig gesagt, ist für jeden Geschmack was dabei. Ein Buch zum Immer-wieder-in-die Hand-Nehmen – jeder Text bietet eine andere Facette des Kriegserlebens, alle zusammen schaffen einen komplexen Eindruck, der, anders als Sachbücher und Tagebuchveröffentlichungen, durch ihre literarische Qualität tiefer schaut und schauen lässt. Ein faszinierender Band.

Die Kurzbiographien am Ende helfen bei der Einordnung der einzelnen Namen und erschließen z. T. Kontexte zur Auswahl.

Horst Lauinger (Hg.): Über den Feldern. Der erste Weltkrieg in großen Erzählungen der Weltliteratur, Manesse-Verlag, Zürich, 2014, ISBN: 9783717523406

Shakespeare als Thema: “Wie ER uns gefällt” aus dem Manesse-Verlag

rp_Bild-hauptsache-Lyrik-300x2431-150x1501111111.jpgZum 450. Geburtstag von William Shakespeare hat der Manesse-Verlag eine Gedicht-Anthologie herausgegeben, die es in sich hat. Autorinnen und Autoren der vier Jahrhunderte seit Shakespeares Tod kommen zu Wort. 144 Gedichte, einige davon für diesen Band geschrieben, hat Tobias Döring versammelt. Darunter polnische, englische, französische und auch ein japanisches: Ôoka Makoto setzt sich mit dem 130. Sonett* Shakespeares auseinander. Auf der Doppelsete 50/51 finde ich ich in grün die Originalversion (die ich leider gar nicht lesen kann) und darüber in schwarz die deutsche Übersetzung. Das ist die Vorgehensweise für alle fremdsprachigen Originale. Weiterlesen