Zufallsbuch #3 Der Erwählte von Thomas Mann

Dafür, dass ich lange Jahre große Schwierigkeiten mit Thomas Mann und seiner Schreibe hatte, hat es “Der Erwählte” recht schnell auf den Stapel der Lieblings- oder wie Kerstin Herbert sagt “Herzensbücher” gebracht. Ihre Fragen dazu lauten dieses Mal:

  1. Worum geht es in dem Buch?
  2. Wie oft hast du das Buch bereits gelesen? Und wann zuletzt?
  3. Warum ist es ein Herzensbuch?
  4. Wie lautet dein Lieblingszitat aus dem Buch?
  5. Warum hat sich dein Lieblingsmensch genau für dieses Buch entschieden?

Zu Frage 1: Thomas Mann erzählt hier auf seine Art den “Gregorius” von Hartmann von Aue nach. Der Handlungsablauf folgt in erweiterter Weise dem mittelalterlichen Vorbild – sehr inzestuös: Gregorius ist das Kind aus der Liebesbeziehung der Zwillinge Sybilla  und Willigis (das ist eine Idee von Thomas Mann) und erringt später seine eigene Mutter zur Frau (der Mutter-Sohn-Inzest findet sich schon bei Hartmann), mit der er dann zwei Töchter hat. Als dieses Verhältnis offenbar wird, zieht sich Gregorius zur Buße auf einen einsamen Felsen im Meer zurück und lebt dort erstaunlich lange und sehr reduziert. In Rom wird nach einem blutigen Bütrgerkrieg ein neuer Papst gesucht und in einer Vision wird zwei Personen offenbart, es solle der Büßer Gregoris sein.

Thomas Mann gibt sich hier die Art eines alten Erzählers – tut dies aber in so ironischer und sprachspiefreudiger Weise, dass es eine Lust ist, der alten Geschichte zu folgen. Viele Begriffe, zum Beispiel aus der “englischen” Phase der Geschichte (Gregorius wächst auf englischem Boden auf), sind quasi lautmalerisch geschrieben – z. B. “puhr piepl” für die einfachen Leute. Da hat es mir geholfen, einfach laut zu lesen. Die beiden Römer mit ihren Visionen sind auch wunderbar grotesk und rührend.

Zu Frage 2: Auch wenn es ein Herzensbuch ist, gebührt ihm dieser Platz erst ca. 9 Jahre und deshalb habe ich es erst vier Mal gelesen … Das letzte Mal im Zusammenhang mit einem meiner Literaturkreise vor ein paar Jahren – dann aber gründlich 😉

Zu Frage 3: Hab ich ja im Grunde schon bei Frage 1 mit beantwortet – die Sprache ists. Und ich habe als Germanistin mit Studienschwerpunkt Mittelalter einfach ein Faible für die alten Geschichten.

Zu Frage 4: Da gibt es viele, aber hübsch finde ich das hier:

Ich bin der Mann hier und Euer Ehegemahl, wenn auch blödsinnigerweise, und so bestimm’ ich. (S. 176)

Da macht Gregorius seiner Frau und Mutter klar, was zu geschehen hat, nachdem die inzestuöse Beziehung offenbar wurde.

Thomas Mann Der Erwählte Zufalssbuch #3

Tja, die Lesezeichen wieder rauszunehmen habe ich dann vergessen

Zu Frage 5: Mein Lieblingsmensch meinte, dass dies das einzige meiner Herzensbücher sei, das ihm s gar nichts sage. Und außerdem seien da so viel schöne bunte Zettelchen dran … (Überbleibsel der letzten Lektüre vor ca. vier Jahren – für den Literaturkreis …)

Thomas Mann: Der Erwählte, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main, 1995, ISBN: 3596294266

 

 

Zufallsbuch #2: Von Nebelhorn bis Nachtigall von Julia Hagemann

Der Buch-Zufallsgenerator von Kerstin Herbert verlangt diese Woche das 11. Buch mit buntem Cover bzw. verrücktem Titel.

Dazu gibts wieder Fragen:

  1. Worum geht es in dem Buch?
  2. Hast du das Buch schon gelesen? (Wenn ja, fandest du es? Wenn nein, warum nicht?)
  3. Wie hat das Buch den Weg in dein Regal gefunden?
  4. Wie lautet der 11. Satz auf der 11. Seite?
  5. Hat das (bunte) Cover bzw. der (verrückte) Titel Einfluss auf Eure Kaufentscheidung?

Nun ja, das Cover ist schwarz-weiß, aber vom ersten Eindruck schon mal recht schräg – Julia Hagemann in sängerischer Pose? Und der Titel? Ich find ihn ziemlich schräg 😉

Julia Hagemann Cover

Cover des Buchs von Julia Hagemann

Frage 1: Der Untertitel verrät, worum es geht: “Flexibles Muskelspiel im Gesang”. Julia Hagemann hat hier auf überschaubar kleinen Seiten – rund 130 an der Zahl – ihr Wissen um Gesang und wie man diese Kunst vermittelt, zu Papier gebracht.

Frage 2: Ich kenne und liebe das Buch. Es ist imemr wieder erhellend, reinzuschauen und das eigene sängerische Tun abzugleichen. Da Julia Hagemann auch Kabarettistin ist, Texterin und  Workshopleiterin dazu auch noch, ist neben Gesang der Gebrauch von Sprache ihrs. Das Buch zu lesen macht einfach Spaß!

Frage 3: Ich hatte vor Jahren das große Vergnügen – wenn auch bei trauriger Gelegenheit -, Julia Hagemann kennenzulernen. Als ich von ihrem Buch erfuhr, habe ich es sofort bestellt.

Frage 4: Hm, einen 11. Satz zu finden, ist bei den kleinen Seiten gar nicht so einfach – auf S. 11 ist keiner, aber auf der 11. Seite des Textes habe ich einen 11. Satz gefunden – der ist dafür dann auch gleich hübsch lang:

Beides ist beim Singen nicht günstig, wir müssen also mit dem Mechanismus der Saite arbeiten, und da wir nicht wie die Geiger greifen können (oder jedenfalls wirkt es sich nicht aufs Singen aus), müssen wir das tun, was die Besitzer von Saiteninstrumenten tun: Bei gleichbleibender Saitenlänge die Spannung verändern. (S. 18 f)

Frage 5: Besonders bunte Cover, einfach nur weil sie bunt sind – nee, das turnt mich nicht so an. Ich mag aussagekräftige Cover – also gern auch was, woraus hervorgeht, dass es sich z. B. um einen historischen Roman handelt. Andererseits – das Cover von “Herr Müller, die verrückte Katze und Gott” ist ja auch ziemlich schräg und das hat mich schon interessiert. Aber kaufentscheidend – eher nicht.

Julia Hagemann: Von Nebelhorn bis Nachtigall. Flexibles Muskelspiel im Gesang, Rehwinkel Edition, 3. Auflage, September 2015.

Zufallsbuch #1: Der alte Garten von Marie Luise Kaschnitz

  • Kerstin Herbert Zufallsbuchgenerator LogoKerstin Herbert hat auf ihrem Blog in diesem Monat ein spannendes Projekt: Den Buch-Zufallsgenerator. Jeden Sonntag nennt sie eine Regalposition und das dort gefundene Buch sollen die, die mitmachen, dann vorstellen. Zufallsbuch #1 hat die Position “3. Regalreihe, 28. Buch“. Meine Frage lautet ja dann: Welches Regal …?
  • Eins der drei großen im Wohnzimmer mit den Büchern in zwei Reihen?
  • Eins der drei im Keller?
  • Das im Flur?
  • Oder eins der drei im Arbeitszimmer?

(Die rein fachbuchmäßig ausgelegten Buchregale meines Mannes lasse ich mal außen vor.)

Schwierig. Ich habe eins im Wohnzimmer gewählt, in dem genug Bücher in der ersten Reihe stehen und so wurde es: Marie Luise Kaschnitz, Der alte Garten.

Kerstin Herbert hat zum Zufallsbuch #1 auch ein paar Fragen:

  1. Worum geht es in dem Buch?
  2. Hast du das Buch schon gelesen? (Wenn ja, fandest du es? Wenn nein, warum nicht?)
  3. Wie hat das Buch den Weg in dein Regal gefunden?
  4. Wie lauten der erste und der letzte Satz?
  5. Wie viele Bücher umfasst deine Bibliothek insgesamt?

Zu Frage 1: Es nennt sich Märchen, ist auch eine Art Kinder-Entwicklungsroman und öko ist es außerdem 😉 : Zwei Kinder geraten in dem alten Garten in die unterirdischen Gefilde und bekommen mit, wie was im Garten lebt und wächst. Ihre Einstellung iat am Ende anders als am Anfang. Ist eine nüchterne Beschreibung eines sehr poetischen Buchs. Ich erinnere mich besonders an eine Szene am Anfang, als die geschrumpften Kinder den Weg durch eine Tulpenzwiebel versperrt sehen. Mit ihrer Kenntnis um die Schichten einer Zwiebel beginnen sie, die Schichten abzutragen, um so das Hindernis zu beseitigen – bis ihnen die Tulpenzwiebel klar macht, dass das weh tut. Märchen, ich sagte es 😉

Und damit bin ich bei Frage zwei: Ja, ich habe es gelesen und fand es wunderschön. Marie Luise Kaschnitz hat eine sehr poetische Sprache.

Zufallsbuch Der alte Garten Marie Luise Kaschnitz

zart gezeichnete Pflanzen und Tiere aus “Der alte Garten” von Marie Luise Kaschnitz – A. L. 1983

Zu Frage 3: Das weiß ich nicht mehr genau, aber es war noch zu Schulzeiten, vor 1983. Ich habe es damals meinem Mann geliehen und er hat mir ein Bild dazu gezeichnet (so haben wir das Jahre lang gemacht: Wenn wir voneinander Bücher liehen, lag bei der Rückgabe ein passenden selbst gemaltes Bild drin).

Frage 4:

Das Buch beginnt mit:

Mitten in der großen Stadt liegt ein sehr alter Garten. (S. 7)

Und es endet:

Aber das sagen alle Mütter, obwohl sie es im Grunde besser wissen (S. 183)

Zu Frage 5, die der Aufgabe beigegeben ist: Wie viel Bücher umfasst die eigene Bibliothek? Also im Wohnzimmer sind es rund 1200, im Keller rund 700, im Flur so 150, und im Arbeitszimmer 490. Macht in Summa: 2540 – so round about. Die, die darauf warten, in den offenen Bücherschrank zu wnadern habe ich jetzt nicht mitgezählt.

Marie Luise Kaschnitz: Der alte Garten. Ein Märchen, suhrkamp taschenbuch, Lizenzausgabe des Claasen Verlages, Düsseldorf, 1975.