Der weiße Tiger von Aravind Adiga

Statt selber nach Indien zu reisen, habe ich das Buch von Aravind Adiga verschlungen. Und dabei zumindest theoretisch mehr über Indien gelernt als bei einer Studienreise. Die praktische Anschauung fehlt halt. Und das Erlebnis – Gestank und Duft, Paläste und Slums, altes und modernes Indien nebeneinander.

Was erzählt Aravind Adiga?

Sein Leben? Nein, das von Balram Halwai. In sieben Nächsten schildert dieser in Briefen dem chinesischen Ministerpräsedenten Wen Jiabao, wie er als Sohn eines Rikschfahrers aus der “Finsternis” – den bitterarmen Hinterland – zu einem Unternehmer wurde. Wen Jiabao soll nämlich Bangalore besuchen und das nimmt der weiße Tiger zum Anlass, um klarzumachen, wie es eigentlichin Indien aussieht und läuft. Weiterlesen

Rudyard Kipling von Stefan Welz

rp_Rubrik-Biographie-300x20011-300x200-300x2001.jpgKlar, die Disney-Version vom Dschungelbuch kennen wir alle. Als Teenager habe ich dann auch originalen Dschungelbücher – in deutscher Übersetzung – gelesen und danach jeder Katze, die mir begegnete, „gute Jagd“ gewünscht. Dabei ertappe ich mich auch heute noch manchmal. Allerdings, seit ich mich mit Thema 1914, also dem Ersten Weltkrieg, beschäftigt habe, nur noch mit schlechtem Gewissen, denn der Autor dieser farbenprächtigen Erzählungen war mir unsympathisch geworden. Stefan Welz hat 2015 die erste deutschsprachige Biografie zu Rudyard Kipling vorgelegt. Und ich habe sie endlich gelesen ;-).

Außer, dass Kipling den Ersten Weltkrieg in chauvinistisch anmutender Weise begrüßte und in diesem Gemetzel seinen Sohn verlor, wusste ich bis zur Lektüre des Buches von Stefan Welz nichts über den britischen  Autor. Sicher, er musste was mit Indien zu tun gehabt haben, sonst wären weder die Dschungelbücher noch „Kim“ denkbar. Ich erfahre also in der Biografie, wie es sich gehört, vieles über die Familie Kipling, die Eltern, die es nach Indien zieht, die Schulzeit, seinen ersten journalistischen Posten als Siebzehnjähriger, die Reisen und vieles mehr. Stefan Welz erzählt anschaulich und unterhaltsam, neigt zu psychologisierenden Erläuterungen und wiederholt sich gelegentlich. Die zeitgeschichtlichen Bezüge empfand ich durchaus als erhellend; die Lebensumstände viktorianisch geprägter Menschen in Indien oder im Falle Kiplings selber auch in den USA stehen mir ja schließlich nicht direkt vor Augen.

Polo Forest Temple 12th century

Antiker Tempel im indischen Dschungel – eine mögliche Residenz für King Louis 😉 Manisitlani, Polo Forest Temple 12th century, CC BY-SA 4.0

Ein bisschen schade ist, dass Stefan Welz nur am Anfang auf die unterschiedlichen Erzähltraditionen eingeht, die Kipling als Kind kennengelernt hat. Gerade diese selbstständige Mischung hat seinen Erfolg ausgemacht und lässt uns die Geschichten heute immer noch mit Faszination lesen. Davon sind andere Autoren seiner Epoche weit entfernt. Neben der klassischen englischen Prägung, die Kipling in der Schule erfuhr, machen sich die Erzählungen seiner indischen Umgebung in der frühen Kindheit und erste journalistische Erfahrungen in seiner Schulzeit in seinem Stil bemerkbar.

Insgesamt handelt es sich bei dem Buch von Stefan Welz um eine im Großen und Ganzen gut lesbare Biografie eines Mannes, der als jüngster Nobelpreisträger in die Literaturgeschichte einging und dessen populärste Texte auch im deutschsprachigen Raum weit bekannt sind; neben den Schulbüchern und „Kim“ vor allem die „Genau-so-Geschichten“.

Stefan Welz: Rudyard Kipling. Im Dschungel des Lebens, Lambert Schneider Verlag, Darmstadt, 2015, ISBN: 9783650400307

In der Stadtbibliothek Köln gibt es verschiedene Ausgaben der Werke Kiplings, leider nicht die Biographie von Welz: