Die Watsons von Jane Austen und David Hopkinson

rp_Bild-historisches-300x1993-300x199-300x199.jpgTatsächlich gibt es mehrere Fortsetzungsversuche zu dem Fragement “Die Watsons”, das Jane Austen 1804 begann und nach dem Tod ihres Vaters nicht vollendete. Mir liegt die vor, in der David Hopkinson, der allerdings namentlich nicht genannt wird, im Nachwort die Erzähltradition von Janes Familie betont, in die er sich einreiht. Die Info, dass es sich um ihn handele, habe ich von einer deutschsprachigen Seite zu Jane Austen.

Den Beginn des Romans habe ich ja bereits bei meiner Besprechung von “Lady Susan” vorgestellt: Emma Watson, nach 14 Jahren der Trennung wieder bei ihrer Familie gelandet, gewinnt durch ihre Freundlichkeit gegenüber einem zehnjährigen Jungen auf einem Ball die Aufmeksamkeit einiger Menschen, darunter dreier junger Männer, die unterschiedlicher nicht sein können:

  • Tom Musgrove, ein Lebemann aus dem Ort, der laut ihrer Schwester Elizabeth mit jeder Frau zu flirten versucht, sich aber nicht festlegen will
  • der junge Lord Osborne, gesellschaftlich eher ungeschickt und recht wortkarg
  • Mr. Howard, der ehemaliger Lehrer Lord Osbornes und jetzt als Pfarrer der Gemeinde tätig

Noch vor Abbruch ihres Manuskripts fürhrt Jane Austen weitere Familienmitglieder von Emma ein:

  • Robert Watson, der älteste Bruder, ist Anwalt und hat die Tochter seines Dienstherrn geehelicht; all’ sein Sinnen und Trachten ist “Geld” – erlangen, verwalten, vermehren
  • seine Frau Jane ist sehr von sich und ihren 6000 Pfund eingenommen – noch unsympathischer als ihr Mann
  • Margaret, Emmas nächstältere Schwester, schwärmt ausdauernd für Tom Musgrove, ist launisch und zänkisch

Dann gibt es noch den jüngeren Bruder Sam, von dessen Hoffnungen auf die attraktive Miss Edwards Elizabeth ihre Schwester Emma vor dem Ball in Kenntnis setzte. Er macht eine Ausbildung als Wundarzt. Die letzte Schwester, die gerade eine Freundin besucht, heißt Penelope und ist nach Aussage von Elizabeth sehr darauf aus, sich möglichst gut zu verheiraten und immer bereit, für ihren eigenen Vorteil andere zu übervorteilen. Beide Geschwister haben im Teil, den Jane Austen verfasste, noch keinen Auftritt.

Mit dem 6. Kapitel setzt die Handlung ein, die David Hopkinson anhand der Vervollständigungen aus dem Familienkreis (Nichte und Großnichte von Jane) als so besonders nah an Jane Austens eigenen Plänen hält: Emma freundete sich nicht nur mit der Mutter ihres zehnjährigen Tanzpartners und dem dazugehörigen Bruder bzw. Onkel, also Mr. Howard, an, sondern auch mit der Schwester von Lord Osborne. Mit den auch bei Jane Austen üblichen Verwicklungen  – Emma sieht sich zwei Verehrern ausgesetzt, Henrietta Osborne spielt mit dem ihren – findet Emma am Ende ihr Glück, ebenso wie ihre Freundin Henrietta. Der  missgünstigen Schwester ist solch Glück nicht beschieden.

Chawton Church, Steventon, Hampshire

Die Kirche in Steventon,, wo der Vater von Jane Austen Pfarrer war – ihr Sehnsuchtsort auf dem Land, ähnlich wie für Emma, die das Stadtleben nicht mag.

Auch wenn David Hopkinson sich auf die Erzähltradition der Familie von Jane Austen berufen kann – die subtile Leichtigkeit seines Vorbilds fehlt ihm. Das gilt großenteils vor allem für die Sprache, aber auch die Verknüpfung der einzelnen Handlungsfäden wirkt gelegentlich etwas forciert. Auch die Meinungen, die die Figuren vortragen, sind deutlicher formuliert, als es zu Beginn des 19. Jahrhunderts möglich oder schicklich gewesen wäre. So antwortet Emma auf eine Frage nach ihrem Lebensziel

Aber man bewahre mich vor der Sklaverei, en grande dame leben zu müssen – ich wurde nicht so erzogen, und nichts als Brauchtum kann solche Ketten leicht und elegant erscheinen lassen. (S. 74)

Im Großen und Ganzen finde ich, dass David Hopkinson seine Sache gut gemacht hat – meine Neugier nach der Entwicklung der von Jane Austen vorgestellten Personen hat er angenehm befriedigt.

Jane Austen: Die Watsons, übersetzt von Elizabeth Gilbert, Droemer Knaur Verlag, München, 1978, ISBN: 3426006839

Wie Sie sehen, habe ich mir ein antiqarisches Schätzchen besorgt. Im dtv-Verlag gibt es das Buch aber noch.

Dieser Beitrag gehört in meine Reihe zum 200. Todestag von Jane Austen im Juli “Beloved Jane”.

Lady Susan von Jane Austen

rp_Bild-Klassiker-300x19921.jpgLady Susan

Nachdem ich mit großem Vergnügen den Film “Love & Friendship” gesehen habe, der auf dem zu Lebzeiten nie publizierten Frühwerk – okay, da wird diskutiert, ob es nicht doch zur gleichen Zeit entstand wie “Die Watsons”, aber ich bleibe bei der Familientradition der Austens und betrachte es als Frühwerk – von Jane Austen beruht, habe ich den seit Jahren quasi vergessenen Band wieder aus dem Regal genommen – und mich wirklich köstlich amüsiert.

Dem Kassenbeleg nach habe das Buch vor mehr als 20 Jahren gekauft – die Form des Briefromans liebte ich damals noch nicht so wie heute und habe es deshalb bei meinen wiederholten Lektüren von Jane Austens Büchern immer “vergessen”.

Die Handlung ist kurz erzählt:

Lady Susan ist einiger Zeit Witwe, hat bei Freunden gewohnt und dort Unruhe in die Familie gebracht: SIe selber hat mehr als ein bisschen mit dem Hausherrn geflirtet, was dessen Frau missfiel. Für ihre Tochter hat sie den jungen Mann, der zuerst der Schwester des Hausherrn zugetan war, dieser abspenstig gemacht. Die Situation zwingt sie zu strategischem Rückzug und sie nistet sich bei der Familie ihres Schwagers ein. Mit dem diesen Besuch ankündigenden Brief beginnt der Roman. In den folgenden Briefen, die von verschiedenen Personen der Handlung verfasst werden, kann ich nun den Intrigen Lady Susans folgen – gegenüber ihrer Freundlin Alicia Johnson spricht sie völlig ungeniert über ihre Pläne und Hintergedanken. Ihre Schwägerin Catherine öffnet sich in ihren Briefen gegenüber ihrer Mutter und breitet dort ihre schlechte Meinung von Lady Susan aus. Da in den Briefen sehr viele Gespräche wiedergegeben werden, nehme ich auch Anteil an den stattgehabten Begegnungen der Personen; das empfinde ich durchaus als Mangel an´manchen Briefromanen, weil es tendeziell unwahrscheinlich wikrt, selbst in einer Zeit, da lange Briefe die einzige Kommunikationsform waren. Im Vergleich mit dem Film ist dann hübsch zu sehen, wie solche Partien quasi wortwörtlich übernommen werden konnten. Lady Susan schafft es, Catherines gegen sie voreingenommenen Bruder so für sich einzunehmen, dass er sich mit ihr verlobt. Ihre Tochter will dem unwillkommenen Freier, den die Mutter auf sie angesetzt hat, nur entkommen – flieht aus der Schule, kommt in den Haushalt ihrer Verwandten, wohin ihr der verschmähte Liebhaber folgt und ihre Mutter den jungen Schwager becirct.

Wie Lady Susan zu ihrer Tochter steht, macht diese Passage sehr schön deutlich:

… aber ich konnte es nicht vor mir selbst verantworten, Frederica zu einer Ehe zu zwingen, gegen die ihr Herz sich auflehnt, und anstatt eine harte Maßnahme anzuwenden, beabsichtige ich nur, es ihrer eigenen Wahl zu überlasssen, indem ich ihr das Leben so sauer wie möglich mache, bis sie ihn nimmt. (S. 21)

JaneAustenCassandraWatercolour

Wenn man überlegt, wie Jane Austen gelebt hat, ist es schon faszinierend, was für Charaktere sie geschaffen hat.

Die Selbst- und Fremdwahrnehmung der Figuren kommt durch die wechselnden Sichtweisen in den Briefen sehr schön zur Geltung – die einzige, die sich über Lady Susan keine Illusionen macht, ist Lady Susan selber.

Der Film ist eine durchaus gelungene Adaption des Stoffes – ich habe mich mit beiden gut amüsiert. Die amoralische Heldin dieses Romans ist eine Besonderheit bei Jane Austen. Da im Englischen “Schwager” und “Schwägerin” oft als “Brother” and “Sister”  – vollständig “in Law” – tituliert werden, nutzt auch die Übersetzerin Angelika Beck diese Formen, was manchmal zu Verwirrung führt, z. B. die Bezeichnung Charles Vernons als “Bruder” von Lady Susan – er ist der Bruder ihres verstorbenen Mannes.

Ach noch eine Anmerkung zu “Frühwerk” – da ich von dieser Annahme ausgehen, gehe ich auch nicht mit Christian Grawe d’accord, dass es sich um ein unvollendetes Werk handele 😉 Ansonsten schätze ich Herrn und Frau Grawes Meinung wirklich sehr (wahrscheinlich hat er ja auch recht …).

Romanfragmente

In dem mir vorliegenden Band finden sich noch zwei Fragmente von Jane Austen: “Die Watsons” und “Sanditon”. Das erste Fragment deutet auf eine Romanidee hin, wie sie bei Jane Austen nicht ungewöhnlich ist: Hier trifft ein mittellose Pfarrersfamilie auf Menschen mit Reichtum und teilweise recht dünkelhaftem Benehmen. Die hübsche Emma Watson erregt das Interessen von ca. zweieinhalb Männern, die ihr gesellschaftlich überlegen sind – mehr wissen wir nicht. Christan Grawe stellt in seinem Buch “Darling Jane” Vermutungen darüber an, warum der Text Fragment blieb; der Tod von Jane Austens Vaters fiel in diese Zeit und wird deshalb häufig als Grund angenommen. Eine andere Erklärung ist der Grundton der Erzählung – zu viel Missgunst und Neid sind schon auf den wenigen Seiten angesammelt, um noch eine angenehme Lektüre zu ermöglichen. Vielleicht ist es ja auch die Kombination von beidem 😉

Das zweite Fragment behandelt in eher satirischer Weise einige Personen, die in Sanditon, einem Ort an der See zusammenkommen – Mr. Parker will daraus einen modischen Kurort machen. In den vorliegenden Seiten des Romans ist Charlotte Heywood  so eine Art Beobachterin von außen. Und was sieht sie? Zum Beispiel den jungen Sir Edward, der folgendermaßen beschrieben wird:

Sir Edwards großer Ehrgeiz war es, unwiderstehlich zu sein. (S. 222)

Aber die einzige, bei der er ernste Absichten hatte, war Clara, und Clara war es, die er zu verführen gedachte – ihre Verführung war beschlossene Sache. Ihre ganzen Lebensumstände riefen danach. Sie war seine Rivalin in der Gunst Lady Derhams. Sie war jung, schön und abhängig. (S. 223)

Das Fragment bricht ab, als gerade das Tableau der Personen vollständig zu sein scheint – alle Geschwister Mr. Parkers sind eingetroffen.  Welche Verwicklungen Jane Austen für Charlotte, Edward, Clara und die anderen geplant hat, wissen wir nicht. Marie Dobbs hat 1974 eine Fortsetzung verfasst, in der sie diese Spannung aufzulösen bestrebt ist (ich habe sie nicht gelesen, das Buch kommt auf den SuB) – nach Ansicht einiger Rezensentinnen hat sie das gut hinbekommen.

Jane Austen. Lady Susan. Ein Roman in Briefen. Die Watsons, Sanditon Zwei Romanfragmente, übersetzt von Angelika Beck (Lady Susan) und Elizabeth Gilbert (Die Watsons, Sanditon), Insel Verlag, Frankfurt am Main, 1989.

Wer Lust hat, “Lady Susan” im Original zu lesen, kann dies online tun, z. B. hier.

In der Stadtbibliothe Köln gibt es eine gedruckte Ausgabe aus dem Manesse-Verlag und als E-Book alle drei besprochenen Werke in einer Neuausgabe von Christian Grawe. Wer sich das Original vorlesen lassen will, kann dies ebenfalls in der Stadtbibliothek Köln tun  – Hörbuch.

Das ist der zweite Beitrag zu meiner kleinen Blogreihe zu Jane Austen, deren Todestag sich  im Juli zum 200. Mal jährt: “beloved Jane”. Auf Twitter bringe ich unter #janeaday jede Woche ein oder zwei Zitate aus dem gleichnamigen Buch.