Gedicht zum Tag – Morgen von Christian Morgenstern

rp_Bild-hauptsache-Lyrik-300x2431-150x1501111111111111111.jpgMorgen

Nun sind die Sterne wieder
von blaßblauer Seide verhüllt,
nun Näh’ und Ferne wieder
von junger Sonne erfüllt.
Ihr weißen Wasser, die ihr
hinab zur Ebne springt,
oh sagt den Freunden, wie mir
das Herz heut singt und klingt.

Christian Morgenstern am 15. August 1896

Gedicht zum Tag – Von den heimlichen Rosen von Christan Morgenstern

Von den heimlichen Rosen

Oh, wer um alle Rosen wüsste,
die rings in stillen Gärten stehn
oh, wer um alle wüsste, müsste
wie im Rausch durchs Leben gehn.

Du brichst hinein mit rauhen Sinnen,
als wie ein Wind in einen Wald
und wie ein Duft wehst du von hinnen,
dir selbst verwandelte Gestalt.

Oh, wer um alle Rosen wüsste,
die rings in stillen Gärten stehn
oh, wer um alle wüsste, müsste
wie im Rausch durchs Leben gehn.

Christian Morgenstern

Gedicht zum Tag – Wenn’ s Winter wird von Christian Morgenstern

Wenn’ rp_Bild-hauptsache-Lyrik-300x2431-150x15011111111111111.jpgs Winter wird

Der See hat eine Haut bekommen,
so dass man fast drauf gehen kann,
und kommt ein großer Fisch geschwommen,
so stößt er mit der Nase an.

Und nimmst du einen Kieselstein
und wirfst ihn drauf, so macht es klirr
und titscher – titscher – titscher – dirrrrr …
Heißa, du lustiger Kieselstein!
Er zwitschert wie ein Vögelein
und tut als wie ein Schwälblein fliegen –
doch endlich bleibt mein Kieselstein
ganz weit, ganz weit auf dem See draußen liegen.

Da kommen die Fische haufenweis
und schaun durch das klare Fenster von Eis
und denken, der Stein wär etwas zum Essen;
doch so sehr sie die Nase ans Eis auch pressen,
das Eis ist zu dick, das Eis ist zu alt,
sie machen sich nur die Nasen kalt.

Aber bald, aber bald
werden wir selbst auf eignen Sohlen
hinausgehn können und den Stein wieder holen.

Christian Morgenstern

Hauptsache Lyrik: Der vergessene Donner von Christian Morgenstern

Der vergessene Donner

Ein Gewitter, im Vergehn,
ließ einst einen Donner stehn.

Schwarz in einer Felsenscharte
stand der Donner da und harrte –

scharrte dumpf mit Hals und Hufe,
dass man ihn nach Hause rufe.

Doch das dunkle Donnerfohlen –
niemand kams nach Hause holen.

Sein Gewölk, im Arm des Windes,
dachte nimmer seines Kindes –

flog dahin zum Erdensaum
und verschwand dort wie ein Traum.

Grollend und ins Herz getroffen
lässt der Donner Wunsch und Hoffen,

richtet sich im Felsgestein,
wie ein Bergzentaure ein.

Als die nächste Frühe blaut,
ist sein pechschwarz Fell ergraut.

Traurig sieht er sich im See
fahl, wie alten Gletscherschnee.

Stumm verkriecht er sich, verhärmt;
nur wenn Menschheit kommt und lärmt,

äfft er schaurig ihren Schall,
bringt Geröll und Schutt zu Fall …

Mancher Hirt und mancher Hund
schläft zu Füßen ihm im Schrund.

Christian Morgenstern

Christian Morgenstern von Jochen Schimmang

rp_Rubrik-Biographie-300x200.jpg“Es war einmal ein Lattenzaun”, “Ein Wiesel saß auf einem Kiesel” – wer kennt sie nicht, die schrägen Gedichte von Christian Morgenstern? Aber wer kennt den Menschen, der sie geschrieben hat? Jochen Schimmang stellt ihn in seiner Biographie vor. Ausführlich und manchmal etwas ausufernd. So streut er in die Biographie Exkurse ein, die spezielle Aspekte des Lebens von Christian Morgenstern erläutern helfen sollen: Morgenstern als “Jünger”, erst von Nietzsche, dann von Paul Lagarde und zum Schluss von Rudolf Steiner, aber auch zu anderen wichtigen Personen seines Umfelds: Maximlilian Harden, die Cassirers, zur Gesellschaft der Kaiserzeit oder zu Morgensterns Verhältnis zu Frauen.

Jochen Schminag wendet viel Zeit auf, um den unbekannten Morgenstern zu präsentieren: den Übersetzer Ibsens z. B., der mit einer seltenen Begabung Norwegisch erst kurz zuvor erlernte. Morgenstern war in Norwegen, lernte Ibsen selber kennen und der war von der Übersetzung des jungen Mannes sehr angetan – das Gesamtwerk des norwegischen Autors zu übersetzen, war eine mehrjährige Aufgabe, an der Christian Morgenstern großen Anteil hatte. Den Zeitgenossen, der in der ersten längeren Friedensperiode aufwuchs, die technische und gesellschaftliche Umbrüche mit sich brachte. Den Mann, der erst spät die Gefährtin fürs Leben fand.

Christian Morgenstern 18

Christian Morgenstern im Alter von 18 Jahren – schon damals gerne gut gekleidet.

Christian Morgenstern war ein kranker Mann sein ganzes, eher kurzes Leben lang. Bei seiner Mutter, die in seiner Kindheit an Tuberkulose starb, hat er sich angesteckt. Die Folge war, dass er ständig reiste – immer auf der Suche nach einer ihm bekömmlichen Luft. So heiter, wie man vermuten könnte, wenn man seine Galgenlieder als Ausdruck seiner Person nimmt, war er nicht. Jochen Schimmang öffnet einen Zugang zu diesen vor allem als Jux verstandnen Gedichten: Sie sind subversiv – sie sind Sprachkritik. Dabei spielt die Form der Gedichte eine besondere Rolle.

Jochen Schimmags Buch ist eine Biographie, die durchaus persönlich daherkommt. Ein paar Elemente haben mich ein wenig gestört: Die Exkurse hätten, evtl. etwas gekürzt, auch im normalen Text Platz finden können – schließlich stellt Jochen Schimmang im Text auch sonst Zeitumstände oder Personen ausführlich vor. Sie in kleinerer Schrift zu drucken, ist bei ihrer Länge über mehrere Seiten nicht lesefreundlich. Andererseits kommen dann Sätze, in denen Jochen Schimmang darauf hinweist, etwas nicht ausführen zu können, weil es zu viel Raum einnähme, in meinen Augen etwas willkürlich daher. Es ist also keine Biographie wie viele andere – ein sehr eigenes Buch von einem eigenwilligen Autor über einen sehr eigenen Menschen, der übrigens heute vor 100 Jahren seiner Lungenkrakheit erlag, sechs Wochen vor seinem 43. Geburtstag.

Jochen Schimmang: Christian Morgenstern. Eine Biographie, Residenz Verlag, St. Pölten, 2013, ISBN: 9783701732630

Gedicht zum Tag: Der Schnupfen von Christian Morgenstern

Der Schnupfen Foto zu "Hauptsache Lyrik!" von Christian Baller

Ein Schnupfen hockt auf der Terrasse,
auf dass er sich ein Opfer fasse
– und stürzt alsbald mit großem Grimm
auf einen Menschen namens Schrimm.
Paul Schrimm erwidert prompt: „Pitschü!”
und hat ihn drauf bis Montag früh.

Christian Morgenstern