Sanditon von Jane Austen und Marie Dobbs

Was hat Jane Austen doch für eine wunderbar skurrile Familie mit den Parkers geschaffen. Ein Jammer, dass sie dieses Buch “Sanditon” (das bei ihr noch “Die Brüder” hieß) nicht mehr fertigstellen konnte. Doch mit der Fortsetzung von Marie Dobbs aus den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts ist dieser Fehler nun 😉 auch behoben.

Worum geht es in Sanditon?

Badekarren Cuxhaven

Die Badekarren in England sahen so ähnlich aus, wie diese Exemplare von der deutschen Nordseeküste

Mister Parker ist ein Enthusiast. Alles und jeden will er mit Meerwasser und Seeluft kurieren – eingeschlossen seinen eigenen Knöchel, den er sich auf der Suche nach einem Arzt für „seinen“ Badeort Sanditon verknackst hat. Aus Dankbarkeit für die Gastfreundschaft der Familie Heywood laden er und seine Frau deren Tochter Charlotte zu einem Aufenthalt in besagtem aufstrebenden Kurort ein. Hier begegnet Charlotte der Geschäftspartnerin von Mister Parker, Lady Denham, und ihrer jungen Verwandten Clara. Außerdem erscheinen, kurz nachdem sie das Seeklima als eigenes Todesurteil abqualifiziert hatten, Mister Parkers Schwestern mit dem jüngeren Bruder Arthur in Sanditon. Als Gäste stellt sich eine Gruppe Frauen ein – eine Matrone, die drei junge Frauen in Pension genommen hat. Charlotte hat jede Menge Gelegenheit, die hypochondrischen Ergüsse der Geschwister Parker zu beobachten und sich ihre Gedanken dazu zu machen. Auch Lady Denham hat weitere Verwandte vor Ort, den jungen Lord Denham und seine Schwester, die von einem Freund begleitet werden. Einer der Brüder Parker fehlt noch in der Galerie, als Jane Austen die Arbeit an dem Roman aufgeben musste; bzw. taucht er im letzten Kapitel gerade auf.

Von nun an übernimmt Marie Dobbs

Und sie macht es so geschickt, dass der Übergang kaum merklich ist. Sie entwickelt die verschiedenen Irrungen und Wirrungen zwischen den jungen Leuten aus dem vorgegebenen Material. Ihre Figuren entwickeln streckenweise mehr Dynamik, als wir sie in dieser klaren Form von Jane Austen gewöhnt sind. Doch alles in allem entsprechen sie dem, was Jane Austen vorgelegt hat. Besonders hervorheben möchte ich, dass sie die inneren Monologen, die Charlotte schon unter Jane Austens Regie führt, weiter nutzt und ihr auch, so wie wir es von den anderen Romanen gewohnt, sind, genügend Raum für einsames Nachdenken zubilligt.

Der nahtlose Übergang von der einen zur anderen Autorin mag auch daran liegen, wie das Buch übersetzt wurde; mir liegt eine Übersetzung von Elizabeth Gilbert vor. Der Vergleich mit der Übersetzung von Christian Grawe in den ersten elf Kapiteln von “Sanditon” zeigt deutliche Unterschiede in mancher Wortwahl. Doch ist nicht auszuschließen, dass Christian Grawe im selben Stil auch den Text von Marie Dobbs übersetzt hätte. 😉

Marie Dobbs – huch, wer war denn das?

Es ist nicht die einzige Arbeit, die Marie Dobbs als Fortsetzung oder Zuarbeit vorgelegt hat. Sie sagte von sich selbst, sie sei eine „Beenderin“ und gebe nicht auf, bevor das Ergebnis sie zufrieden stelle. So hat sie als Journalistin gearbeitet und auch mit dem Autor der James-Bond-Romane, Ian Fleming. Sie reiste viel – Griechenland und die UdSSR waren ihre Ziele. In Moskau heiratete die junge Australierin Mr. Dobbs, der an der Botschaft arbeitete. Unter Pseudonym veröffentlichte sie Kurzgeschichten und zwei Romane um „Miss Bagshot“. Bis zu ihrem Lebensende 2015 war sie, dem oben zitierten Zeitungsartikel nach zu urteilen, eine Frau von Witz und Esprit und eine nimmermüde Geschichtenerzählerin.

Jane Austen und Marie Dobbs: Sanditon, übersetzt von Elizabeth Gilbert, Ehrenwirth Verlag, München, 1980, ISBN: 3431023002

Der Beitrag gehört in meine Blogreihe zum 200. Todestag von Jane Austen am 18.7.2017.

Jane Austens Romane von Christian Grawe

Dieses Buch ist für mich eine Mischung aus Frank Schätzings “Nachrichten aus einem unbekannten Universum” und “Thomas Mann. Ein Porträt für seine Leser” von Hermann Kurzke. Zum einen kann Christian Grawe hier voll in seine große Wissenskiste rund um Jane Austen, ihre Zeit und englische Literatur greifen; das ist der Bezug zu Schätzings Buch. Das Ganze listet er dann in Stichworten alphabetisch sortiert auf – das ist der zu Kurzke, der ja Stichwörter benutzt, um das Werk Manns zu erschließen..

Ich habe ja nun immer mit Gewinn die ganzen Nachworte und Anmerkungen in den Reclam-Ausgaben der Jane-Austen-Romane von Christian Grawe gelesen. Also dachte ich, ich kenn’ das alles. Also, entweder habe ich Details vergessen (was nicht auszuschließen ist) oder Christian Grawe hat hier tatsächlich noch mal ein paar Informationen oben drauf gepackt. Weiterlesen

Irrungen und Wirrungen … von Brigitte H. Hammerschmidt

Nein, keine Angst, Brigitte H. Hammerschmidt ist kein Pseudonym für Fontane … Ihr Titel geht noch weiter “… auf Pemberley” – puh, kein Fontane-Verschnitt, sondern Fanfiction zu Jane Austen verbirgt sich dahinter.

Wir befinden uns auf Pemberley und Lizzie begrüßt ihre Schwester Jane Bingley, die überraschend zu Besuch gekommen ist. Beide “Bennet-Mädchen”, wie es in der Vorschau zum Folgeband heißt, sind inzwischen rund ein Jahr verheiratet und haben so ihre Päckchen zu tragen. Janes heißt Caroline. Weiterlesen

Jane Fairfax von Joan Aiken

So, nachdem ich es geschafft habe, Emma von Jane Austen noch mal zu lesen (hat gar nicht weh getan 😉 ), konnte ich auch mein letztes Buch von Joan Aiken zum Thema in Angriff nehmen. Wie bereits einmal erwähnt, hatte ich bei meinem Erstkontakt mit dem Titel vor 20 Jahren oder so ein paar Schwierigkeiten.

Janes Geschichte vor “Emma”

Joan Aiken erzählt die gesamte Geschichte von Jane Fairfax und Emma Woodhouse von der Kleinkindzeit der beiden an und beginnt, ehrlich gesagt, ziemlich schwach. Was mich dabei störrt, sind die vielen Erklärungen der Erzählstimme:

Und daß man ihr Woche für Woche ein Kind als leuchtendes Beispiel vor Augen hielt, das ihr in jeder anderen Hinsicht (…) so offensichtllich unterlegen war (…), fand sie verwunderlich und ebenso schwer zu ertragen wie zu begreifen (…)  (S. 11)

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Jane Austens Geheimnis von Charlie Lovett

Bei dem Cover und überhaupt nach meiner Lektüreerfahrung mit Jane-Austen-Nachfolge- oder -Ergänzungsbänden erwartete ich eine Frau als Autorin – nix, da, Charlie Lovett ist Antiquar und tatsächlich männlich 😉 Sein Beruf spielt im vorliegenden Roman auch eine Rolle. Fazit gleich vorweg – es war eine Freude!

Der Klappentext ist zwar nicht falsch – aber sehr sehr irreführend! Denn obwohl Sophie Collingwood tatsächlich in einem Buchantiquariat arbeitet, ist das nicht ihre Haupteigenschaft. Weiterlesen

Zitatsammlungen von Jane Austen

Eine Autorin, die für ihren Witz, ihre Ironie und ihre Beobachtungsgabe gerühmt wird, ist natürlich eine Quelle für Zitate. Also gibt es zu Jane Austen solche handlichen Büchlein, die, thematisch sortiert, ihre Worte verbreiten.

Mein Liebling ist ja das “Jane-a-day“, von dem ich mindestens einmal pro Woche was bei Twitter einstelle (immer zum Datum, da wird nicht gepfuscht). Außerdem denke ich, dass ich daran länger als fünf Jahre Freude haben werde 😉

“Witziges und Weises, Geniales und Gemeines von Jane Austen”

Im Insel-Verlag ist gerade ein sehr handliches kleines Büchlein erschienen: “Witziges und Weises, Geniales und Gemeines von Jane Austen” heißt es. Die Übersetzungen, die ihm zugrundeliegen, stammen alle ebenfalls aus dem Insel-Verlag – kommen mir also manchmal etwas unvertraut vor (das kann den Blick aufs Original nur schärfen!). Weiterlesen

200. Todestag von Jane Austen – eine Verlosung

Jane Austen – beliebt, gelesen, forgesetzt

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Die berühmte Skizze von Jane Austen von ihrer Schwester Cassandra – den Augen entging offensichtlich nichts

Heute ist es also so weit. Heute ist der Termin, auf Grund dessen es dieses Jahr so viele Neuerscheinungen im Zusammenhang mit Jane Austen (und meine Blogreihe) gab: Am 18.7.1817 ist die Autorin von “Stolz und Vorurteil”, “Emma”, “Lady Susan” usw. mit nur 41 Jahren gestorben.

Viel ist darüber spekuliert worden, ob ihr klar war, welcher Qualität ihre Werke waren, dass sie die ihrer Zeitgenossinnen bei weitem überdauern würden. Dass sie gut schreiben konnte, wusste sie wohl. Sie hatte ja auch lange trainiert 😉

Ihre Bücher sind inzwischen ein Renner auf dem Buchmarkt, Verfilmungen gibt es zuhauf (fast jede Dekade hat ihre Jane-Austen-Verfilungen) und – was ja in meiner Reihe “beloved Jane” oft zur Sprache kam (und kommen wird – es geht weiter!) – es gibt Adaptionen ihrer Stoffe, Wiederaufnahmen von Personal und Fortsetzungen jeglicher Couleur. Weiterlesen

Jane Austen. 100 Seiten von Christian Grawe

Nun habe ich schon so vieles von Christian Grawe über Jane Austen gelesen – und da schafft er es doch mich noch mal zu überraschen 🙂 Klar, einige Fakten und auch die Nacherzählungen ändern sich inhaltlich nicht. Aber allein der Anfang – sehr persönlich, seine eigene erste Begegnung mit “Pride and Prejudice”. Die sofort aufkommende Begeisterung gerade für den berühmten Anfang vermittelt er in ein paar Absätzen – auch als alte Häsin in Sachen Jane Austen habe ich sie noch mal als so eine Art Augenöffner erlebt. Und schon so am Anfang: Erstaunlich, wie viele Informationen Christian Grawe auf so wenigen Seiten zusammenträgt.

Man kann es sich heute gar nicht vorstellen, wie unbekannt Jane Austen vor 50 Jahren in Deutschland war. Christian Grawe macht das an der Reaktion von Verlegern deutlich; einer meint, Chrstian Grawe wolle mit einer Biographie

einer noch lebenden jungen Autorin zu unverdientem frühen Ansehen verhelfen. (S. 5)

Ziel des Bändchens ist eine Einstiegshilfe in die Lektüre von Jane Austens Büchern. Deshalb gibt es eine kurze Inhaltsangabe zu allen Romanen und auch zu den Jugendwerken, mit ein paar besonders typischen Zitaten als Schmakerln garniert. Es fehlt auch nicht der kurze Abriss zum Leben und zur Gesellschaft vor 200 Jahren. Und zu guter Vorletzt geht Christian Grawe noch etwas ausführlicher auf das Besondere in Jane Austens Stil ein. Um die Leseeinladung perfekt zu machen, gibt es eine Liste zur empfohlenen Einstiegsdroge – äh, pardon, -lektüre.

CassandraAusten-JaneAusten(c.1810) hires lebenjunge Autorin à la Christian Grawe

Hier haben wir die “lebende junge Autorin” gezeichnet von ihrer Schwester Cassandra

Ach ja, und zu den Verfilmungen äußert er sich auch – für alle, die “das Buch zum Film” suchen 😉

Für mich ist klar – ich glaub, ich hatte es an anderer Stelle schon erwähnt: Ich muss mich noch mal an “Emma” machen. Und “Sense and Sensibility” noch mal lesen – Christian Grawe bezeichnet das Buch als Jane Austens bitterstes Werk …

Christian Grawe: Jane Austen. 100 Seiten, Reclam-Verlag, Stuttgart, 2016, ISBN: 9783150204177

Das Buch gibt’s auch in der Stadtbibliothek Köln.

Die Besprechung gehört in meine Reihe “Beloved Jane”, die ich anlässlich des 200. Todestags am 18.7.2017 in diesem jahr begonnen habe.

Die schöne Cassandra von Jane Austen

2012 erschien die Sammlung der gesammelten Jugendwerke von Jane Austen erstmals auf Deutsch – in der mir sehr vertrauten Übersetzung von Christian und Ursula Grawe (ich bin mit den Reclambändchen der Werke Austens sozialisiert).

Die Texte entstanden in der Teenagerzeit von Jane Austen, zwischen 1786 und 1793 und dienten der abendlichen Unterhaltung im Familien- und Freundeskreis. Insgesamt 27 Werkchen – im Umfang zwischen einer halben Seite und einer Novelle von ca. 50 Seiten – hat Jane Austen offensichtlich selber zusammengetragen, denn sie finden sich in drei Heften, säuberlich geschrieben und mit „Band 1-3“ bezeichnet, sorgfältig aufbewahrt. Ja, die Hefte wurden sogar regelgerecht vererbt – sie kamen im Testament vor.

Aber was erzählt sie denn nun? Weiterlesen

Der Schmuck der Lady Catherine von Joan Aiken

Obwohl sie im Titel vorkommt, hat Lady Catherin de Bourgh in diesem Buch von Joan Aiken – entgegen ihres von Jane Austen ersonnenen Charakters – erst einmal nur wenig zu sagen.

Joan Aiken bedient sich des Personals, das Jane Austen eingeführt hat und ergänzt es nach ihren Bedürfnissen – völlig in Ordnung. Sie schreibt ja schließlich ein neues Buch. Was ich nicht so gut finde: Ihre Charakerisierung der Hauptperson, Mary Lucas, differiert ziemlich von der Mary, die Jane Austen eingeführt hat. Auch Anne de Bourgh hat sich stark verändert. Für beides gibt es gute Erklärungen, besonders bei Anne -, aber trotzdem hat es mich gestört, dass ein völlig naives Pflänzchen auf einmal nicht nur “Hausverstand” aufweist, sondern sich als selbständige und kritische Person entpuppt. Nicht, dass ich es Mary nicht gönnen würde … Weiterlesen