Cider mit Rosi von Laurie Lee

„Eine der schönsten Kindheitserinnerungen in der Literatur“ steht hinten auf dem Buch mit den hübschen Blumen auf dem Leinencover. Es handelt sich um die Kindheitserinnerungen von Laurie Lee. Ehrlich gesagt, so eine Kindheit möchte ich nicht erlebt haben und wünsche sie weder meine Kinder noch meinen Enkeln. Wieso steht dann dieser Satz auf dem Cover? Und warum habe ich dann das Buch mit großer Begeisterung gelesen?

Laurie Lee beschreibt sein Leben auf dem Land in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts – zu Beginn ist er drei Jahre alt. Das Haus, in das er mit drei Schwestern, zwei Brüdern und der Mutter einzieht, ist alt, feucht, verfallen – und hat einen großen Garten. Weiterlesen

Ein Gentleman in Moskau vom Amor Towles

Der Klappentext zum zweiten Roman von Amor Towles ist leider etwas irreführend. Sein Held, Graf Alexander Rostov, ist keineswegs „gezwungen“, als Hilfskellner zu arbeiten. Er wird 1922 zu lebenslangem Hausarrest verurteilt – in demselben Hotel, in dem er sowieso residiert. Von seiner Suite muss er in eine Dachmansarde umziehen und sich von einigen, naja, okay, von sehr vielen seiner weltlichen Besitztümer trennen. Als eine sehr frühe Szene des Buches erscheint die lockere Akzeptanz dieser Verschlechterung seiner Situation erst einmal ungewöhnlich. Sobald ich aber die Gelegenheit habe, Alexander Rostov näher kennen zu lernen, kommt mir seine Haltung – für ihn – sehr natürlich vor.

Aufgewachsen im Zarenreich, streng und liebevoll zugleich erzogen und sowohl finanziell als auch geistig offen für die Genüsse des Lebens, entspricht er in keiner Weise dem Menschenideal des neuen Regimes. Neben der Freude am Genuss sind auch Pflicht- und Verantwortungsbewusstsein bei ihm tief verwurzelt. So reiste er 1918 von Paris unter großen Schwierigkeiten auf das heimatliche Gut, um seiner geliebten Großmutter eine friedliche Ausreise zu ermöglichen. Amor Towles nutzt immer wieder die Rückblicke, um die Position von Alexander in der erzählten Jetztzeit zu erläutern. Dass er 1922 nicht zum Tode, sondern “nur” zu Hausarrest verurteilt wird, hat er einem Gedicht zu verdanken, dass – noch weit vor jeder Revolution in Russland – mit revolitionären Ideen sympathisierte. Es wurde mit seinem Namen verbunden.

Für die nächsten 35 Jahre muss er sich nun im Hotel einrichten. Finanzielle Notlage kennt er dabei nicht. Er ist trotz des Hausarrestes in der Lage, neue Gewohnheiten und auch neue Kontakte zu pflegen. So lernt er Nina kennen, ein neunjähriges Mädchen, das genauswenig wie er aus dem Hotel herauskommt. Doch Nina weiß sich zu helfen. Sie kennt sich im Hotel aus wie sonst niemand; ihr Geheimnis: ein Generalschlüssel. Den „hinterlässt“ sie dem Grafen, als sie das Hotel verlassen muss. Auch in späteren Jahren taucht sie gelegentlich im Hotel auf, so dass Alexander ihr Leben mitverfolgen kann. Nachdem ihr Mann vom Regime verhaftet worden ist, vertraut sie Alexander ihre kleine Tochter Sofia an, die er nun, in seiner Situation im Hausarrest, groß zieht.

Alexander hat im Hotel viele Freunde und Verbündete: der Koch und der Restaurantchef, die Näherin, der Barbier, der Portier und die Pagen stehen treu an seiner Seite. Neben Nina und ihrer Tochter lernt er weitere Leute kennen, die teils zum Regime gehören, teils auswärtige, ja sogar ausländische Gäste sind. Gegner hat er natürlich auch. Besonders mit dem Hotelchef steht er auf gespanntem Fuß.

Und was ist das Thema des Romans von Amor Towles?

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In diesem Luxusrestaurant macht sich Alexander Rostov in Roman von Amor Towles als Kellner unentbehrlich. © A.Savin, Wikimedia Commons

In einem Statement zu seinem Buch hat Amor Towles gesagt, es gehe um Bildung. Das stimmt. Es geht aber auch um Herzensbildung, um die eigene Persönlichkeit in schwieriger Zeit und um den moralischen Kompass. Mit Alexander Rostov hat Amor Towles eine liebenswerte und überzeugende Figur geschaffen, die, ohne wirklich vollkommen zu sein, solche Ideale lebt. Der feine Humor des Autors macht es mir leicht, dieser Figur zuzuhören, denn wenngleich Amor Towles seinen Grafen sehr ernst nimmt, tut es nicht in allen Belangen. Besonders hübsch finde ich die Art und Weise, in der er seine Hauptfigur altern lässt. Während Alexander als junger Mann alle Treppen bis in den sechsten Stock mit zwei Stufen auf einmal nimmt, wird er im Laufe der Jahre langsamer. Seine Morgengymnastik, die ab einem gewissen Punkt erwähnt wird, verändert sich schleichend: Von 30 Kniebeugen am Anfang geht es runter bis auf fünf am Ende. Nun ja, es sind ja auch 35 Jahre, die Amor Towles schildert. Alexander Rostov lebt nicht nur die Werte, die Onkel (er war Waise) und Großmutter ihn lehrten, er gibt sie auch weiter und er steht zu ihnen. Ein aufrechter, ja, eben “Gentleman”.

An dieser Stelle möchte ich ein paar kurze Zitate bringen, um den Erzählstil von Amor Towles zu verdeutlichen:

Es ist recht schmerzhaft, mit dem Hammer den Daumen zu treffen, und führt unweigerlich dazu, dass man auf und ab springt und den Namen des Herrn unnütz führt. (S. 75).

Als Nina und Alexander heimlich eine Sitzung eines der vielen Komitees verfolgen, die im Hotel tagen, ergeht sich Amor Towles in folgende Betrachtung über einen Satz in der Satzung des tagenden Gremiums.

Und was für Satz das war: Einer, der sich im Reich der Kommata auskannte und den Punkt aufrichtig ablehnte. Denn offensichtlich bestand der Zweck des Satzes darin, ohne Zaudern und Zagen jeden einzelnen Vorzug der Gewerkschaft aufzulisten, einschließlich – aber ohne sich darauf zu beschränken – der unermüdlichen Schultern, der unverdrossenen Schritte, des Klopfens der Hämmer im Sommer, des Schaufelns von Kohle im Winter und des hoffnungsvollen Pfeifens bei Nacht. (S. 79)

Eine Betrachtung zur Zeit gefällig? Amor Towles zum Warten und wie sich die Sekunden gebärden.

Nicht nur verlangt jeder einzelne ihren Auftritt auf der Bühne, sondern sie besteht auch darauf, einen Monolog zu halten, voll mit schweren Pausen und kunstvollen Zögern, und gibt eine Zugabe, sobald man nur die Hand zum Applaus hebt. (S. 350)

Sie können sich also vorstellen, welchen Spaß ich beim Lesen hatte.

Amor Towles: Ein Gentleman in Moskau, übersetzt von Susanne Höbel, Ullstein Verlag, Berlin, 2017, ISBN: (E-Book) 9783843716192

Die englische Originalversion können Sie in der Stadtbibliothek Köln entleihen.

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Kornblumenjahre von Eva-Maria Bast

rp_Bild-historisches-300x1993-150x1501.jpgDer zweite Teil der Trilogie von Eva-Maria Bast ist ein ebensolcher Schmöker wie der erste – das vorweg. Wieder geht es um die Geschichten von Sophie, Luise und Johanna. Die Handlung spielt in den 20er Jahren. Die Folgen des Kriegs sind überall spürbar – Besetzung des Ruhrgebiets durch die Franzosen und die damit verbundenen Unruhen, Inflation und Hungerszeit, in Russland der Tod Lenins. Die drei Protagonistinnen müssen auf vielfältige Weise mit den Wirren klar kommen. Ihr Leben ist, auch wenn sie den Mann ihrer Träume gefunden haben – Johanna und Luise sind seit Kriegsende mit Sebastian bzw. Siegfried verheiratet, Sophie ist auf der Suche nach Pierre -, schwierig. Die Kriegsfolgen finden eben nicht nur in der Wirtschaft statt, sondern wirken sich auch auf die Männer aus, die an der Front Schreckliches erlebt haben. Hinzu kommen politische Wirren, der Putsch von 1923 in München, der Hass auf Franzosen und andere ehemalige Kriegsgegner, Machtübernahme Stalins in der UdSSR – Eva-Maria Bast hat ihre Heldinnen so international vernetzt, dass alle diese Ereignisse sich auf sie auswirken.

French enter Essen

Die Besetzung des Ruhrgebiets, besonders in Essen, spielt im Roman von Eva-Maria- Bast eine große Rolle – hier geschieht Entscheidendes.

Wie im ersten Band gibt es auch noch die Handlung von 2013 – kurz vor ihrem Tod überrascht die alte Franziska ihre Verwandten mit zwei Äußerungen über die Familiengeschichte, die hektische Recherchen in Gang setzen und dazu führen, dass erst Zita und Philippe und später auch Mia und Melissa nach Paris reisen. Eva-Maria Bast endet auch diesmal klassisch mit einem Cliffhanger – der dritte Band soll 2016 erscheinen 😉 .

Obwohl es immer wieder Elemente gibt, die ein bisschen nerven, da es sich um so offensichtliche Stil- und  Spannungsinstrumente handelt, hab ich das Buch ziemlich rasch und neugierig zu Ende gelesen. Und freu mich schon auf den dritten Teil – Schmöker müssen sein!

Eva-Maria Bast: Kornblumenjahre, Gmeiner Verlag, Meßkirch, 2015, ISBN: 9783839246641