„Tabu“ von Margarita Lecuona

„Tabu“ von Margarita Lecuona

In „Das grosse Evergreen-Concert“ fand ich den Song „Tabu“, der mich deshalb ansprach, weil eine Frau als Komponistin genannt wurde – ungewöhnlich für die angegebene Zeitspanne 1930 – 1939; Margarita Lecuona. Also hab ich mir den Song am Klaiver mit meiner Ein-Finger-Suchtechnik zusammengestückelt und gedacht: Warum nicht?

Textvarianten zu „Tabu“ von Margarita Lecuona

In dem Heft mit 70 Schlagern von 1930 bis 1965 waren nun zwei Texte angegeben:

Text von Günther Schwenn von 1939

Tabu

Einsam ging ich durch fremde Strassen
Einsam denn du hast mich verlassen

Frauen die sich aufs Glück verstehen
Sah ich an mir vorübergehen
Doch keine in Pelzen und Seide
Keine verstand wie ich leide

Schön war was ich einst besessen
Schwer ist dieses Schöne zu vergessen

Tabu, Tabu du liebst einen andren als mich
Tabu, Tabu doch ich liebe immer noch dich

Tabu, für mich bist du Tabu
Tabu, Tabu, Tabu, Tabu

Der andere Text im Heft ist auf Englisch und es gibt keinen Hinweis auf den Autor:

Taboo 
Blue night of orient was falling
Soflty my lonely heart was calling
 
Blue night the desert stars were gleaming
Sadly my lonely heart was dreaming
't was dreaming you soon would be near me
't was calling  and hoping you’d hear me
 
When strangely a drum started beating
From nowhere I could hear a voice repeating
 
Taboo, taboo a voice, that was my destiny
Taboo, I knew your love was forbidden to me
 
I heard one word and knew
To you, to you my soul in its loneliness cried
To you, to you and softly the echo replied

Dieser Text schien mir zum Charakter der Musik etwas besser zu passen – sie hat so einen anderen Charakter als europäische Schlager, könnte durchaus orientalisch sein. In verschiedenen Foren wird S. K. Russel (oder auch Bob Russel – ist dieselbe Person) als Texter – evtl. einer englischen Version – genannt. Ob es sich dabei um „meinen“ Text handelt, habe ich nicht herausfinden können.

Nun war ich neugierig und habe unter dem Namen der Komponistin Margarita Lecuana nach dem Lied gesucht. Die erste Fassung, die ich fand, passte vom Format auch prima in das Schema der beiden vorliegenden Versionen:

 Alma de la África lejana 
llena mi pecho de candela
y el pobre como hijo de esclavo
añora siempre las palmeras
latosa selva primitiva
de dioses misteriosos y de guerra

Tierra de la África añoraba
los ríos caudalosos
y el cielo azul
si allí el negro mira la hembra blanca
Tabú
anaguayero

Doch das letzte Wort – was sollte das denn heißen? DeepL hatte es einfach so übernommen; andere Übersetzungshilfen haben noch schlechter übersetzt. Online-Wörterbücher halfen auch nicht weiter. Also hab ich in meinem Netzwerk nachgefragt, ob da jemand was weiß. Das Wort „anaguayero“ kannte niemand und meine Kollegin Julia Ritter hat mir meine Grenzen als Rechercheurin aufgewiesen: Sie hat einen vollständigeren Text gefunden und da ist das Wort gar nicht drin. Aber viel anderes und sehr Spannendes! Erstveröffentlichung war 1934.

 Tabú von Margarita Lecuona
||: Alma del África lejana               
Llena mi pecho de candela :||

El pobre Congo hijo del esclavo
Añora siempre las palmeras
Las oscas selvas primitivas
De dioses misteriosos y de fieras

||: Oshun, Ifá, Obatalá, Chango, Yemayá :||

Tierra del África añorada
De río caudaloso y cielo azul
||: Y aquí si el negro mira la hembra blanca :||

||: Tabú, tabú, tabú :||

||: Oshun, Ifá, Obatalá, Chango, Yemayá
Oshun, Ifá, Obatalá, Chango, Yemayá :||

So, damit nun mal der Inhalt des Originals ein bisschen verständlicher wird, habe ich die Übersetzung, die DeepL mir angeboten hat, etwas überarbeitet:

||: Seele des fernen Afrika
Füllt meine Brust mit Kerze (ich bevorzuge: Licht). :||
 
Armer Kongo-Sohn des Sklaven
Ich sehne mich immer nach Palmen.
Die primitiven Waldoskas (unklarer Begriff - evtl. Synonym "Regenwald")
Von mysteriösen Göttern und Bestien.
 
||:: Oshun, Ifá, Obatalá, Chango, Yemayá, Chango. :||
 
Ersehntes Land Afrika
Von einem mächtigen Fluss und blauem Himmel.
||: Und hier, wenn der Schwarze die weiße Frau ansieht. :||
 
||: Tabu, Tabu, Tabu, Tabu :||

||: Oshun, Ifá, Obatalá, Chango, Yemayá, Chango.
Oshun, Ifá, Obatalá, Chango, Yemayá, Chango.:||

Übersetzt von mit www.DeepL.com/Translator, bearbeitet von Heike Baller

Statt eines geheimnisvollen Wortes haben wir da auf einmal vier! (Warum in der Übersetzung als 5. Name einer der anderen von DeepL wiederholt ist, leuchtet ja auch nicht wirklich ein, oder?) Doch diese Wörter lassen sich schnell auflösen: Es sind die Namen von Angehörigen der kubanischen Santeria :

Yemayá wird im Song von Margarite Lecuona auch genannt -
Eine Stauette von Yemayá (hier geschrieben Lemanja) – nicht sehr mütterlich und auch nicht farbig, aber aktuell. Foto:
Andréa Farias, Image of Lemanjá, Brazil, CC BY-SA 2.0
  • Obatalá steht für Gerechtigkeit, Frieden und ähnliche positive Dinge
  • Shangó beruht auf der Person eines nigerianischen Königs und repräsentiert den Krieg
  • Yemayá ist die Mutter aller Angehörigen der Santeria ,die Mutter des Universums und Meereskönigin
  • Osha repräsentiert die starken menschlichen Gefühe – Liebe und Religiostät gehören dazu

„Tabu“ von Margarita Lecuona war kubanisch

Mein erster Eindruck vom Lied „Tabu“ durch die deutsche und englische Version war, ich sach mal: ein normales Liebeslied, an eine unerreichbare Frau gerichtet. Den Aspekt haben wir im Original auch – doch nur in einer Zeile: „Y aquí si el negro mira la hembra blanca“. Im Gegensatz zu den melancholischen Vertretern Europas geht es hier um eine völlig andere Existenz. Die Sklaverei wurde auf Kuba erst 1886 abgeschafft – als Margarita Lecuona 1910 geboren wurde, gab es noch Menschen mit dieser Erfahrung. Natürlich hat auch sie mit diesem Lied die unerreichbare Frau thematisierrt. Die Einleitung dazu ist jedoch eine Sehnsucht, wie sie in anderen Gesellschaften so nicht vorstellbar ist – es bedarf der Erfahrung der Sklaverei und eine bestimmte Art der Religiosität. So ist die Szenerie völlig anders als bei Songs in Europa oder in den USA und konnte deshalb nicht 1:1 in andere Sprachen übertragen werden. Was hätte ein deutsches oder englisches Auditorium mit den Namen gemacht, die aus einer so fremden Welt wie der kubanischen Santeria stammen?

So haben die Texter dieser Versionen sich auf den Titel gestützt und die Begriffen vor allem damit ersetzt. Songtexte (oder Lyrics) sind eben nicht einfach von einer in die andere Kultur zu übertragen.

Ach so – „anaguayero“, Sie erinnern sich, der merkwürdige Begriff am Ende der Kurzversion des Textes. Meine liebe Kollegin Marion Trutter hat sich als Kuba-Spezialisitn dahinter geklemmt: Es handelt sich um ein Kleidungsstück im Zusammenhang mit westafrikanischen Yoruba-Zeremonien. Das passt sehr schön zu den Namen aus der Santeria.

Jetzt wollen Sie den Song sicher auch mal hören. Hier ist eine Möglichkeit dazu.

1961 erschien eine völlig andere – englischsprachige – Version mit Caterina Valente.

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