Schund und Sühne von Anna Basener

Schund und Sühne von Anna Basener

Da ist Anna Basener ja voll in ihrem Metier: Eine Heftromanautorin gewinnt ein Stipendium bei einer Adelsfamilie, so komplett mit Fürst und Fürstin, Prinz und Prinzessin und ’ne Gräfin gibt‘s auch noch. Klar, alles keine echten Titel mehr, aber …

Was erzählt Anna Basener?

Clash of cultures – an manchen Stellen trifft das wirklich zu. Aber der Reihe nach:

Der Roman beginnt mit einer adligen Hochzeitsfeier. Die Prinzessin, die den Brautstrauß fängt, fängt sich auch ’nen Ellbogenstoß mit blutigen Folgen. Bevor sie zu rabiat wird, lotst ihre Tante sie aus der Gefahrenzone. Schnell wird klar, Seph, wie Josephina Prinzessin Schell von Ohlen genannt wird, ist eine enttäuschte Frau. Nach ihr und der Tante Gratzie – Grazia Gräfin von Montgerlach – treten die übrigen Familienmitglieder auf:

  • Valerius Prinz Schell von Ohlen, genannt Valu, Sephs Bruder
  • Werfried Prinz Schell von Ohlen, genannt Fredi, der Vater der beiden und immer „der Fürst“
  • Follie Prinzessin Schell von Ohlen, Fredis Gattin und die Mutter der beiden anderen und immer „die Fürstin“

Als Leserin wird mir sehr schnell klar, dass nicht nur die Prinzessin Josephina ein Problem hat, sondern auch ihr Bruder Valu. Fredis alter Freund Letti gibt dem jungen Mann den Hinweis, dass erst eigene Kinder den Vater dazu bringen werden, den Sohn ernst zu nehmen. Doch Valus Neigungen liegen woanders.

Seph trauert einen Mann hinterher – nicht irgendeinem, oh nein! Denken Sie bitte an die größte Adelshochzeit im Jahr 2018!

In diese Familiensituation geraten nun zwei „Ungeborene“, wie Nicht-Adlige in diesem erlauchten Kreis genannt werden:

  • Kat, ihres Zeichens Heftromanautorin für die  Untersparte Adel, die Stipendiatin
  • Moritz, Rosenzüchter mit ökologischen Ambitionen

Er ist  im Auftrag seines Chefs da, um die Rose vorzustellen, die auf Josephinas Namen getauft wird.

So stelle ich mir die Umgebung vor, in der Kat, Moritz, Seph und Valu agieren

Vier junge Leute – das Spiel kann beginnen. Aber so einfach ist das nicht.

Valu ist – nach den Andeutungen oben  keine Überraschung – schwul. Was seine Familie nicht weiß und nicht erfahren soll. Kat hat es innerhalb von 24 Stunden raus.

Sie, die nach eigener Aussage unromantischste Person, die man sich vorstellen kann, verschenkt dann ihr Herz auf hoffnungsloseste Weise.

Seph, wie schon gesagt, trauert Harry Windsor hinterher, ist streng katholisch (und das in Niedersachsen!) und bereit, Moritz bei seinen ökologischen Plänen zu unterstützen. Und nicht nur das.

Moritz trampelt ungezwungen über alle feinere Etikette hinweg, bietet der jungen Prinzessin das Du  an – die Fürstin sieht sich veranlasst, Kat um Unterstützung zu bitten, den jungen Mann in die feineren Manieren einzuweisen.

Die Handlung erhält noch ein paar Schlenker durch Hobbys und Pflichten des Adels, in erster Linie Jagd und Jagdball. Am Ende ist eine Person tot. Andere bekommen was sie am Anfang ersehnten oder zumindest die Aussicht darauf. Doch ein wirkliches Happy End ist das nicht.

Wie erzählt Anna Basener?

Sowas von witzig und spritzig – und pointiert holt sie die dunkle Seite immer kurz ans Licht. Ergänzend hat sie einen guten Blick für die Details, zum Beispiel den ersten Absatz des Romans:

Am Boden wird das Gedränge dichter. Ballrobe presst sich an Ballrobe, steife Stoffe rascheln, keiner atmet. Ein erhitzter Pulk im pastellfarbenen Reifröcken, der die Luft anhält. Brillanten blitzen auf wie Sterne. Der Brautstrauß hebt ab. Er fliegt durch den Saal und dreht Pirouetten, Seidenbänder wirbeln durch die Luft. Mit einem Eifer, als wäre er der erste Brautstrauß auf der ganzen Welt, der erste der je geworfen wurde. Dabei ist er der achte in diesem Jahr. (S. 7)

An einer Stelle gibt Kat  einen Einblick in die Regeln des Heftromans: kein Sex, keine Politik, keine Fremdwörter usw. Mit den Überschriften ihrer Kapitel holt Anna Basener diese heile Welt des Adelsromans in ihre Parodie, sie heißen z. B.:

  • Prinzenblut und Rosenstolz
  • Ballsaal der Sehnsucht

Doch in der Geschichte selber bricht Anna Basener mit allen Vorgaben auf das Gründlichste. Es geht um politische Fragen. Es gibt sehr expliziten Sex. Es gibt einen sehr tragischen Todesfall. Und wie schon angedeutet: ein wirkliches Happy End sieht anders aus.

Ich habe das Buch mit großem Vergnügen gelesen.

Anna Basener: Schund und Sühne, Eichborn Verlag, Köln, 2019, ISBN: 978384906537

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