Wer sich mit der Biographie Rainer Maria Rilkes ein wenig auskennt, weiß, dass er in Worpswede, dem Künstlerdorf, verkehrte und dort seine Frau Ruth Westhoff kennenlernte. Er selbst galt und gilt als Wortkünstler hohen Grades – doch es stimmt trotzdem: Rilke war auch Zeichner.
In einem üppigen Band haben Gunilla Eschenbach, Mirko Nottscheid und Sandra Richte vom Literaturarchiv Marbach das zeichnerische Werk Rilkes zugänglich gemacht. Alle Zeichnungen konnten sie darin nicht unterbringen, denn sie sind zahlreich. Sehr zahlreich.
Was zeichnet Rilke als Zeichner aus?
Die ersten Bilder, denen das Autor*innenteam minutiös nachgeht, sind Kinderzeichnungen, von der Mutter Phia Rilke sorgfältig aufbewahrt und datiert. Ebenso sorgfältig arbeiten die drei Fachleute vom Literaturarchiv Marbach heraus, dass bei einigen der Kinderzeichnungen Rilkes erwachsene Hilfe gegeben war, und schlussfolgern aus Informationen aus unterschiedlichen Quellen, dass das Kindermädchen dem Vier- und Fünfjährigen Vorlagen erstellte oder den Stift führte. Dabei liefern sie auch ein Bild des Familienlebens aus dieser frühen Zeit. Neben der Erschließung des zeichnerischen Werks – wobei ich gerade bei den ersten Kinderzeichnungen etwas Probleme mit dem Wort habe, aber sei‘s drum – gibt es in diesem Buch eben auch Einblicke ins private Leben des Autors, weil er zum Beispiel Briefe mit Zeichnungen versah. Auch für sein dichterisches Werk haben sie Bedeutung:
Dass Rilke Erinnerungen an frühkindliche Malsituationen in die Aufzeichnungen* integrierte, ist ein starkes Indiz dafür dass sich für ihn damit erste und tief eingeprägte ästhetische Erfahrungen verbanden. (S. 42)
*Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge
Militärpersonen waren in Rilkes Kindheit und Jugend allgegenwärtig, so auch in seiner Malerei. Ein besonderes Bild ist das des gottesfürchtigen Husaren, der vor einem Bildstock kniet. Er hat es auf eine Holztafel gemalt, vermutlich von einer Zigarrenkiste. Vermutlich 1890 oder 1891 – da war er dann 15 oder 16 Jahre alt. Er hatte zu der Zeit schon selbst Erfahrungen mit dem Militärleben gemacht, denn von 1886 an besuchte er sechs Jahre lang eine Militärrealschule in St. Pölten, was seinem musischen Wesen entgegenstand. Er verließ sie ohne Abschluss.

Egal in welcher Lebensphase ers sich befand: Rilke zeichnete. Er zeichnete nach Vorlagen, zum Beispiel ein Portrait von Julius Zeyer und eins von der Autorin Gabriele Reuter. Anhand seiner Lektüre ihres Romans „Aus guter Familie. Leidensgeschichte eines Mädchens“ imaginierte er dann eine junge Gabriele Reuter – das Gesicht ist aus dem bekannten Autorinnenportrait entnommen, das er auch nachgezeichnet hatte, doch alles Weitere ist seine Fantasie: Ein Mädchen mit nacktem Oberkörper, offenem Haar und markanten Ohrgehängen und einer Aureole „Santa Vigilia“. (Bei manchen Bildern kann ich schon verstehen, dass Rilke sie lieber dem Vergessen anheim gegeben hätte.)
Rilke hat auch Gedichte mit Zeichnungen kombiniert – teils ist der Zusammenhang ersichtlich, teils nicht. Das Gedicht „Die Mühle von Goisern“ hat ein Liebespaar zum Inhalt, das auf dem Bild nicht vorkommt. Bei dem Gedicht „Die Pfauenfeder“ ist der Bezug allerdings sehr deutlich, vor allem, weil der Schwerpunkt sowohl im Text als auch in der Zeichnung nicht auf dem Pfauenauge, sondern auf den kleinen Federchen darunter liegt.
Zum Buch
Die drei Autor*innen schaffen es, ein gut lesbares Buch zu schreiben. Dass ich mit einigen der sehr kleinteiligen Analysen nicht recht etwas anzufangen weiß, ist wohl eher meinem beschränkten Zugang zu zeichnerischen Details oder anderen Hemmnissen geschuldet. Das Werk ist sehr informativ und zeigt unbekannte Facetten des Dichters Rainer Maria Rilke – als Zeichner – auf.
Es gibt zwei Schriftarten im Buch – die Schrift Neutra Text in der schmalen Version ist für die Gedichttexte verwendet worden, was in meinen Augen stilistisch sehr gut zu der Zeit passt, in der Rilke lebte und arbeitete.

Ein schweres Papier, schon fast wie Tonpapier, macht das Buch gewichtig im Wortsinne und ermöglicht ein breites Aufklappen der Seiten, um Bildfolgen, die über zwei Seiten gehen, besser zu betrachten. Im Gegensatz zu den gedeckten Farben des Schutzumschlags ist der Einband leuchtend pertrolblau; mit dem roten Schnitt sehr stark kontrastierend. Ein liebevoll und aufwendig gestaltetes Buch mit wirklich interessantem Inhalt.
Am 4. Dezember ist Rilkes 150. Geburtstag – vielleicht ist das Werk ja für das Datum 20 Tage später ein Geschenk für Rilke-Fans …
Gunilla Eschenbach, Mirko Nottscheid, Sandra Richter, unter Mitarbeit von Hanna Baumgärter: Rilke zeichnet, erschien als Sonderband in der Anderen Bibliothek, herausgegeben von Nele Holdack und Rainer Wieland, Aufbau Verlag, Berlin, 2025, ISBN: 9783847700241

No Comments