Rheinblick von Brigitte Glaser

Rheinblick von Brigitte Glaser

Nicht nur optisch leht sich das neue Buch von Brigitte Glaser an ihr vorheriges, „Bühlerhöhe„, an: das Umschlagmotiv ist sehr ähnlich. Und innen drin erst:

  • Hauptort ist die titelgebende Institution, in diesem Falle eine fiktive Kneipe im Bonner Regierungsviertel im Jahr 1972.
  • Brigitte Glaser lässt mich das Geschehen durch die Innensicht von vier verschiedenen Personen erleben – drei Frauen und ein Mann. Jeder Abschnitt ist mit Datum und Uhrzeit überschrieben. Gesamtzeit: gerade mal zwei Wochen, vom 18. November bis 4. Dezemebr 1972.

Für mich überraschend: Krieg und Nachkriegszeit spielen auch Anfang der 70er noch eine große Rolle. Das hab ich als Kind nicht so mitbekommen.

Was erzählt Brigitte Glaser?

Willy Brandt ist zum Kanzler gewählt worden – mit klarem Vorsprung. Das Politkarussell dreht sich. Mitten drin die vier Leute, deren Sicht mir das Geschehen näher bringt:

  • Hilde Kessel, um die 40, Wirrtin der Gaststätte „Rheinblick“, in der sich alle treffen, die mit Politik zu tun haben – Abgeordnete, Angestellte und Beamte rund um Bundestag und Regierung. Jeden Mittag und Abend wird Politik diskutiert. Hilde Kessel hält sich raus. In der Regel.
  • Sonja Engel, Logopädin in der Klinik am Venusberg, die den Alltag der Station nur zu gern für einen prominenten Privatpatienten hinter sich lässt. Das ist dieses Mal mit viel Warten verbunden.
  • Max Dorendo, Student und Taxifahrer, immer klamm, ein Schnorrer vor dem Herrn mit richtigen Problemen desahalb – und ein Geschenk an alle Frauen, wie er meint
  • Lotti Legrand, Journalistin aus Kehl, die aufgrund einer gewonnenen Wette nach Bonn darf, um den erstmals gewählten Wolfgang Schäuble, den Abgeordneten ihrer Heimatregion, zu interviewen und ein bisschen über die Bundesstadt zu berichten.
Wahlplakat Willy Brandt zu Rheinblick von Brigitte Glaser, das 1972 rund um die Wahl spielt
Solche Plakate erwähnt Brigitte Glaser auch – die Wahl 1972 stand bei vielen unter dem Motto „Willy wählen“. Sir James, Willy Brandt Wahlplakat 1972 HdG Bonn, CC BY 4.0

Dann gibt es noch zwei wichtige stumme Rollen: Willy Brandt, nach den Wahlkampfanstrengungen im Krankenhaus mit einer – zum Glück – ungefährlichen Kehlkopfoperation. Ein Mädchen, das in der Klinik am Venusberg vor ein paar Monaten behandelt wurde und nun als „Mädchenleiche in Heilsarmeeuniform“ die Zeitungen und die Polizei beschäftigt. Auch Sonja und Lotti und deshalb auch Max, befassen sich mit ihrem tragischen Tod. Sie ist quasi das Krimielement im Roman.

Sonja und Max leben mit zwei anderen in einer WG – völlig unverständlich für sowohl die groß- als auch die kleinbürgerlichen Eltern der beiden. Mit zur WG gehören noch Tine, auf’m Esotrip und ständig high, und Kurt, der überzeugte Sozialist. Da Lotti ihn von früher kennt, schlägt sie in der WG auf und kann für eine kurze Zeit Tines Zimmer übernehmen, die in die Eifel abdüst, zwecks Erleuchtung.

In den einzelnen Abschnitten – immer mit Datum und Zeitangabe, wie in Bühlerhöhe – berichtet Brigitte Glaser nun, was die einzelnen erleben. Nach und nach entwickelt sich eine gemeinsame Handlung: Die Suche nach der Herkunft des Mädchens, das Geschacher um Posten in der neuen Regierung, die Koalitionsverhandlungen, die Debatten rund um die aktuellen Themen der Zeit. Dabei bringt jede Figur ihre Geschichte mit:

  • Hilde hat im Krieg Mutter und Zuhause verloren – sie heiratet einen 15 Jahre älteren Mann und kann wieder wie als kleines Mädchen in einer Kneipe arbeiten – ihre Berufung. Nicht nur die Kriegstraumata machen ihr zu schaffen; da gab es noch mehr zu bewältigen. Sie ist Witwe.
  • Sonjas Familie ist so was von disfunktional, wie man es nach dem Krieg nur erwarten kann. Sie durfte nich aufs Gymnasium, der Vater prügelt, seit die drei älteren Kinder aus dem Hasus sind, die Mutter immer wieder grün und blau, die kleine Schwester verschwindet, und das so kurz vor dem Abitur. Gut, dass es den Cousin Erwin Tibulski gibt, der hilft. Aber er will eine Gegenleistung.
  • Max ist der aufmüpfige jüngere Sohn einer stockkonservativen Familie – immer in Geldnot. So will Witiko das Geld für die Superboxen von ihm – das er nicht hat. Statt dessen hat er nach dem Wahlabend ein ordentliches Veilchen – Witiko hat da so seine Leute.
  • Lotti ist als Scheidungskind aufgewachsen, alleinerziehende Mutter und dann noch ein französischr Vater, der einfach verschwand – keine einfache Sache für eine Heranwachsende; sie schaut genau hin, sie weiß, was sie will und sprüht nur so vor Energie.

Ja, der Mörder des Mädchens in der Heilarmeeuniform wird gefunden. Nein, die Ambitionen vieler Politiker werden nicht erfüllt. Neben Wolfgang Schäuble treten noch Egon Bahr und Horst Ehmke auf – so richtig aktiv; sie reden auf Willy Brandt ein, der nicht antworten darf. Dieser Blick auf die politisch Aktiven, die Strippenzieher und Aufstiegsgierigen – sehr spannend. Und der Blick auf den jungen Wolfgang Schäuble ist mit den Kenntnissen von heute auch nett 😉

Hübsch fand ich ja die zwei Ostereier, die zur Bühlerhöhe führen: Lotti kennt in Baden-Baden den Shoa-Überlebenden Nathan Nagelstein (S. 143) und Rut Brandt erwähnt das Sanatorium Bühlerhöhe – dort habe ihr Mann 1969 eine Kur gamcht (S. 252)

Wie erzählt Brigitte Glaser?

Meist recht nüchtern, aber sie hat auch ihre poetischen Momente – wenn Sonja ein Rotkehlchen beobachtet zum Beispiel. Am besten aber finde ich ihre Personenschilderungen, besonders durch die Augen von Lotti:

„Stimmt es, dass es eine Spur in politische Kreise gibt?“, mischte sich eine feiste, in ihrem Speck ruhende Matrone ein. (S. 259)

Das Buch ist spannend, die Zeitreise darin wirklich geglückt – auch wenn ich damals noch ein Kind war, kann ich manches in den Beschreibungen von Autoverkehr, Mode und anderen Alltagsszenen in mir wieder entdecken. Für mich war ja „Bundeskanzler Willy Brandt“ ein einziges Wort …

Das Glossar am Ende des Buches wirkt wie eine Geschichtsstunde – neben den realen Personen, die Brigitte Glaser dort vorstellt, erläutert sie Begriffe wie APO, SDS und die dialektische Argumentationskette (Kurts Steckenpferd, der Sozialist in der WG). Außerdem gibt es eine Menge Quellen – und eine Liste aller Songs, die im Laufe des Buchs erwähnt werden … Am Anfang gibt es eine Szene, in der Hilde Kessel Zeitung liest und Brigitte Glaser uns den Text des Artikels mitlesen lässt – das fand ich ein wenig de trop. Aber sonst: ein tolles Buch!

Ich habe das Buch bei einer Aktion von vorablesen.de gewonnen. Eine Kurzrezension ist dort auch schon erschienen.

Brigitte Glaser: Rheinblick, Ullstein Verlag, Berlin, 2019, ISBN: 9783471351802

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