Miss Garnet und der Engel von Venedig von Salley Vickers

Miss Garnet und der Engel von Venedig von Salley Vickers

Als Juliet Garnet nach Venedig aufbricht, ändert sich ihr Leben. So weit, so vorhersehbar. Aber Salley Vickers hat eine angenehme Art, Venedig „erscheinen“ zu lassen – mit den Augen Juliet Garnets gesehen, der Ruheständlerin, ehemaligen Lehrerin, Kommunistin und, ja eben, alten Jungfer.

Zusammen mit ihrer Mitbewohnerin Harriet wollte, nein sollte Juliet Garnet nach dem Eintritt in den Ruhestand eine Reise machen. Doch Harriet stirbt vor Reiseantritt. Und Juliet, die sonst bei dem beharrt, was sie kennt, geht hin und macht den Traum der Mitbewohnerin wahr; „Venedig“ hört sie sich selber als Antwort auf die Frage nach dem Wohin antworten.

Antonio Guardi 029
Diese Gemälde des Engels Raphael hat Juliet auch gesehen
Venedig nimmt sie gefangen, so peu à peu; und mit Hilfe von Menschen, denen sie sich öffnet, erobert Juliet Venedig für sich. Besonders beeindruckt hat sie bei der Ankunft auf dem Platz, wo ihre für sechs Monate gemietete kleine Wohnung liegt, das Bild eines Engels, des Engels Raphael.

Salley Vickers erzählt teilweise sehr poetisch, wie die Schönheit Venedigs Juliets Sinne und Seele berühren. Außerdem hat sie ein bisschen Spannung mit eingebaut, denn da gibt es ein junges englisches Zwillingspaar, das mit der Restauration einer Pestkapelle befasst ist – daraus verschwindet ein kostbares Gemälde.

Und dann gibt es da noch die Geschichte von Tobit, Tobias und Raphael, eine der apokryphen Erzählungen der hebräischen Bibel. Juliet, die pensionierte Geschichtslehrerin, geht der Sache nach und lässt mich als Leserin an ihrer Lektüre teilhaben. Tobit und Tobias kommen selbst auch zu Wort – sie erzählen ihre Geschichte ausführlicher, als sie in der Bibel zu finden ist.

Juliet macht also Erfahrungen verschiedenster Art – natürlich auch die, grundlegend verletzt zu werden, eine Gefahr, der sie sich durch ihr abgeschottetes Dasein 35 Jahre lang entzogen hat. Die Juliet Garnet, die in Venedig bleiben will, ist eine völlig andere Frau als die, die London verlassen hat.

Ich kenne Venedig nicht, finde aber die Beschreibungen von Sally Vickers sehr ansprechend. Die Auseinandersetzung mit der alttestamentlichen Geschicht, einschließllich der sieben Engelsnamen, hat mich fasziniert. Es ist keine große Literatur, aber eine an manchen Stellen nachenklich stimmende Lektüre mit kunst- und theologiehistorischem Hintergrundwissen.

Salley Vickers: Miss Garnet und der Engel von Venedig, übersetzt von Karin Nölle-Fischer, List Taschenbauch, München, 2003, ISBN: 3548603467

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