Meine Gedanken zur berühmten See-Szene mit Colin Firth

Meine Gedanken zur berühmten See-Szene mit Colin Firth

Die berühmteste Szene aus einer Jane-Austen-Verfilmung ist die mit Colin Firth im nassen Hemd. Klar, wer Jane-Austen-Verfilmungen guckt, kommt daran nicht vorbei. Überhaupt ist diese BBC-Version von 1995 großartig. Doch welche Funktion hat die Szene, die sich Andrew Davies ausgedacht hatte?

Colin Firth als Sexsymbol?

Die Janeite Charlene Dargay  erläutert auf Quora, dass es sich um ein optisches Gutsle für das vorwiegend weibliche Publikum handelt, analog zu Szenen, in denen junge Frauen in nassen T-Shirts gezeigt werden. Sexy halt.

Nun ja.

Inhaltlich ist die Szene gut begründet: Ein nass geschwitzter Fitzwilliam Darcy sucht Abkühlung. Und dann – völlig unerwartet – steht er vor seiner Angebeteten. Überraschung und Verlegenheit auf beiden Seiten. Eiliger Abgang Dacys. Es folgt der trockene Kommentar der Tante über die nicht ganz so passende Kleidung. *hach*

Außerdem mag ich die Unterwasserszene – wie er da abtaucht, das macht Lust auf ein erfrischendes Bad, oder? Okay, ich bin da äußerst anfällig, denn ich tu es selber einfach zu gern.

Aber was geschieht hier eigentlich?

Colin Firths Bad aus anderer Perspektive

Vor dieser Szene haben wir einen Darcy, der zwar hin und wieder sprechende Blicke auf Elizabeth richtet, sich ansonsten aber durch Schroffheit auszeichnet. Auch die Nachfrage nach der Familie, als sie beide sich bei den Collins treffen, wirkt nicht so, als interesssiere ihn die Antwort tatsächlich – sie ist ein Vorwand, um mit Elizabeth zu sprechen, sie anzuschauen. Wer den Roman kennt, kann dieses auch beim ersten Sehen der Szene erkennen.

Illustration zu Pride and Prejudice von 1895, Szene Darcy  lästert über Elizabeth. zu Artikel über Colin Firth als Darcy
In der Ausgabe von 1895 ist Elizabeth eher blond – und hört Darcys Kommentar zu ihr auf dem Ball in Meryton

Elizabeth ist nach der feuchten Begegnung erstaunt, wie umgänglich der Man sein kann, mit dem sie sich so erbittert gestritten hat. Die planlose Wiederholung derselben Frage, wie es der Familie geht, kommt auch im Roman so vor – sie zeigt die absolute Verwirrung auf seiner Seite. Auf einmal wirkt er verletzlich.

So und jetzt komm ich mit meiner Interpretation: Wir haben es hier mit einer klassischen Taufszene zu tun, im ursprünglichen Sinne, dass der alte gegen den neuen Menschen ausgewechselt wird.

Hm?

Nein, ich meine nicht, dass das die ursprüngliche Intention der Szene ist. Aber ich denke, dass in unseren kulturellen Bausteinen diese Möglichkeit steckt.

Die ursprünglich geplante Nacktszene wurde aus verschiedenen Gründen – Familientauglichkeit und Ästhetik (die „love-handles“ von Colin Firth finde ich eine sehr nette Begründung) – in diese Wet-Shirt-Version geändert.

Das Vorher-Nachher-Muster habe ich ja eben schon genannt – erst ist Darcy unnahbar, nun ist er verletzlich und deutlich sanfter. Eben ein anderer, ein neuer Mann.

Ein paar Erläuterungen zu Taufe

Ursprünglich bestand die Taufe in völligem Untertauchen, um den alten Menschen zu töten und dann als neuer Christenmensch wieder aufzuerstehen. Martin Luther hat es in seinem „Kleinen Katechismus“ drastisch ausgedrückt:

ZUM VIERTEN
Was bedeutet denn solch Wassertaufen?
Es bedeutet, dass der alte Adam in uns durch tägliche Reue und Buße soll ersäuft werden und sterben mit allen Sünden und bösen Lüsten; und wiederum täglich herauskommen und auferstehen ein neuer Mensch, der in Gerechtigkeit und Reinheit vor Gott ewiglich lebe.
Wo steht das geschrieben?
Der Apostel Paulus spricht zu den Römern im sechsten Kapitel: Wir sind mit Christus begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln.

Luthers Kleiner Katchismus

Die Kleidung dazu war das weiße Gewand – ebenfalls symbolisch, als Zeichen der Erneuerung. Gemäß einem Pauluswort, der im Brief an die Gemeinde in Ephesus im vierten Kapitel sagt:

22 Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet. 23 Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn 24 und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.

Lutherbibel, Brief an die Epheser

Die Taufe selber war kein spontaner Akt. In der alten Kirche gab es eine Vorbereitungszeit vor Ostern. Da fand dann die Taufe statt. Wer neu in die Gemeinde wollte, musste in dieser Zeit lernen, was es ausmacht, als Christin oder Christ zu leben. Hier ging es um eine lebenverändernde Entscheidung im Erwachsenenalter.

Wie sich Darcy in der Verfilmung mit Colin Firth verändert

Auch Fitzwilliam Darcy hat sich nicht von einer auf die andere Sekunde geändert. Er hat über die Vorwürfe von Elizabeth gebrütet, sie erst von sich gewiesen und nach und nach ein paar unschöne Wahrheiten über sich erkannt. So wie es Elizabeth mit seinem Brief ging. Ihre schrittweise Änderung können wir im Roman mit vollziehen, denn Jane Austen schreibt aus ihrer Perspektive. Die Wandlung Darcys bekommen wir – zusammen mit ihr – erst am Ende von ihm geliefert.

In der Verfilmung mit Colin Firth bekommen wir seine Wandlung über Blicke und Mienenspiel mit. Andrew Davies erzählt in der Dokumentation über das Making-of des Films, dass er versucht habe, die männliche Perspektive, die bei Jane Austen komplett fehlt, mit hineinzubringen. Dazu gehört auch der Anfang, des Films, in dem die beiden Männer, Bingley und Darcy über Felder galoppieren, um sich Netherfield von weitem anzuschauen. Zurück zu Darcy: Es gibt eine Szene – in der Langfassung – in der deutlich wird, wie sehr ihn diese Geschichte quält: Am Ende einer Fechtlektion in London – vor der Reise nach Pemberley – sagt er zu sich selbst „I shall conquer this“ – auf gut Deusch: „Ich werde es überwinden.“ Offensichtlich glaubt er hier nicht mehr an eine Verbindung mit Elizabeth. Es wird deutlich, wie sehr er unter der Demütigung leidet, die ihm ihre Ablehnung und vor allem deren Begründung bereitet hat. Man kann ihm danach nicht mehr vorwerfen, dass er nur gegenüber anderen schroff und anspruchsvoll sei 😉

Es folgt die Szene am und im Teich mit der Begegnung – und die Schroffheit scheint verschwunden. Denken Sie nur an die Szene im Gasthof, nachdem Lizzy den Brief von Jane über Lydias Flucht gelesen hat. So was von besorgt. Der düstere Blick allerdings – es ist verständlich, dass Elizabeth ihn auf sich und die Schande ihrer Familie bezeiht, nach den vorherigen Erfahrungen. Doch den gewandelten Darcy plagen andere Vorwürfe …

So, und nun sind Sie dran. Liege ich völlig daneben? Oder scheint Ihnen das nachvollziehbar, was ich mir dazu gedacht habe? Ich bin auf Ihre Reaktionen sehr gespannt!

Im Grunde gehört auch diese Gedankenspielerei zu meiner 2017 veröffentlichten Reihe „beloved Jane“. (Der verlinkte Beitrag ist der erste davon.) Mit „#belovedJane“ oder „beloved Jane“ finden Sie alle Beiträge 😉

Funfact zur Verfilmung mit Colin Firth und Jennifer Ehle

JaneAusten gezeichnet von Cassandra Austen, Rückenansicht, In der Verfilmung mit Colin Firth und Jennifer Elhel gibt es eine Szene, in der Jennifer Ehles Position an das Bild erinnert.
Jennifer Ehle steht in der Szene – aber sonst …

Ich habe die Verfilung zuerst in den 90ern als TV-Serie gesehen. Das ist lange her ;-). Dann hab ich mir das Video besorgt – das war erst mal nur die deutsche Fassung. Doch ich wollte den Film auf Englisch sehen und habe mir die Langfassung besorgt – und mein blaues Wunder erlebt. Da waren Szenen drin, die ich überhaupt nicht kannte! Die oben erwähnte Fechtszene gehört dazu. Außerdem eine, in der Elizabeth auf der Reise mit Tante und Onkel auf einem Hügel steht und in die Landschaft guckt – gekleidet in ein blaues Gewand, von hinten gefilmt … Ich habe in meiner Familie das Bild von Jane Austen gezeigt, das ihre Schwester Cassandra von ihr gezeichnet hat, und dann diese Szene – die Meinung war einhellig: Ein Bildzitat 🙂

2 Comments

  • Maike Claußnitzer

    29. Mai 2019 at 13:04 Antworten

    Das ist eine spannende Interpretation! An einen Taufbezug habe ich bei der Szene ehrlich gesagt nie gedacht, aber das ist durchaus eine interessante Perspektive. In meiner Sicht hatte die Szene tatsächlich zum einen die Funktion, den privaten, verletzlichen Darcy nach außen zu kehren (indem er in einem Moment, in dem er sich unbeobachtet glaubt und sich folglich natürlicher geben kann, als die gesellschaftlichen Spielregeln und seine eigenen Eigenarten es sonst zulassen, von der Anwesenheit seiner Angebeteten samt Anhang kalt erwischt wird). Zum anderen unterstreicht sie aber auch subtil, dass Elizabeth und er bei allen Reibereien so verschieden nicht sind: Umgekehrt kommt sie ja zu einem früheren Zeitpunkt mit vom Spaziergang und vom Sprung vom Zauntritt ramponiertem Kleid in Netherfield an, so dass sein Auftritt hier in etwas derangierter Garderobe, weil auch er spontan in der (wenn auch gebändigten) Natur seinem Bewegungsdrang nachgegeben hat, ein ganz schönes Spiegelbild dazu ist.

    • Heike Baller

      29. Mai 2019 at 13:07 Antworten

      Danke. Das mit dem Spiegeln ist eine gute Idee!

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