Der Untertitel zu der kleinen Sammlung heißt „Die UHU-Gedichte“ – hups, was hat Erich Kästner oder Lieschen Neumann mit dem Alleskleber zu tun? Den gab es zur Entstehungszeit der Gedichte gerade so; zumindest für einige von ihnen. Hat aber trotzdem nichts damit zu tun …
Gut, dass in dem schmalen Bändchen das alles erklärt wird: Erich Kästner hat in der Zeit von 1929 bis 1933 insgesamt 12 Gedichte für die Zeitschrift „UHU“ verfasst. Es handelt sich zu großem Teil um „Bild-Gedichte“ – das heißt, dass ein Bild die Grundlage bildet. Oder auch schon mal mehrere Bilder, wie im titelgebenden Text.
Lieschen Neumann – ein langes Bildgedicht

Rund 12 Fotos einer jungen Frau sind die Grundlage für ein Gedicht, das nicht besonders freundlich mit dem Rollenklischée einer ehrgeizigen zeitgenössischen jungen Frau umgeht: Sie posiert auf Fotos, um Karriere zu machen – eine ganze Abfolge: mit Pferd, am Steuer eines Autos im Abendkleid oder Golf spielend. Zu jedem Bild hat Kästner was anzumerken. Etwas moralisch kommt der Dichter daher, wenn er mit den Worten:
Ein hübscher Kopf ist fraglos ein Talent.
Und nichts spricht gegen tadellose Beine.
Doch das allein? Nichts als das alleine
ist etwas wenig, wenn ihr sonst nichts könnt.
(S. 34)
den Abspann einleitet. Dass die Mädchen, die so in Berlin Karriere machen wollen, nichts zu brechen und zu beißen haben, macht er dabei auch klar. Offenbar plädiert der Nachtschwärmer Kästner für Arbeit (Kästner selbst hat unendlich viel gearbeitet!).
UHU-Gedichte
Die UHU-Hefte liegen digitalisiert vor – unter diesem Link finden Sie die eine Hälfte des Textes von „Zwei Photos – eine Straße“, die Kästner unter dem Namen Peter Flint veröffentlicht hat. Wenn Sie die zweite Seite auch lesen wollen, müssen Sie einfach weiterblättern. So können Sie sich ein Bild vom Stil der Veröffentlichungen machen.
Es sind zwölf Gedichte, von denen sieben bisher nicht wieder veröffentlicht wurden; wie Remo Hug im Vorwort erklärt, hat Kästner selbst einige der Gedichte in seine Bücher aufgenommen, manchmal leicht abgeändert und, wenn sie im UHU mit Bild erschienen, im Buch dann ohne Bild. Dabei sind gerade bei den Bild-Gedichten ganz wunderbare Sachen dabei: „Jetzt tritt er ins Leben“ ist ein Gedicht, das auch sprachlich den schweren Übergang vom Kind ins Erwachsenendasein spiegelt, doch das Foto dazu gibt der Sache noch mal einen anderen Tiefgang – schauen Sie es sich unter dem Link oben gern einmal an.
Remo Hug geht im Vorwort auf die Geschichte der Zeitschrift und Kästners Mitarbeit ein. Im Anhang finden Sie zu jedem Gedicht nähere Informationen, gegebenenfalls auch Worterläuterungen oder Hinweise auf verwendete Namen der Zeit.
Erich Kästner: Lieschen Neumann will Karriere machen. Die UHU-Gedichte, hrsg. von Remo Hug, Atrium Verlag, Zürich, 2024, ISBN: 9783855351855

No Comments