Über „Lázár“ von Nelio Biedermann habe ich relativ viel gelesen – sehr Unterschiedliches. Von Lob bis Häme war alles dabei. Nun habe ich ihn mir endlich mal vorgenommen und recht zügig durchgelesen.
Was erzählt Nelio Biedermann?
Die Geschichte der Lázárs im 20. Jahrhundert. Eine adelige Familie in Ungarn, zu Beginn noch Teil der österreichischen Monarchie, dann ein eigenständiges Land bis hin zur Zeit nach dem Aufstand in sozialistischem Ungarn 1956. Jede politische Änderung betrifft auch die Familie Lázár. Doch die lebt großenteils trotzdem in einer eigenen Welt. Einer Welt, in der Träume eine Rolle spielen, Lügen, ein unheimlicher Wald und vielfältige seelische Verstörungen. Der Wald bringt Tod – wer hineingeht, kommt nicht mehr heraus. Nur tot. Oder verändert. Der zu Beginn des Buches geborene Lázár ist keiner, die Lüge der Mutter zerstört sie.
Die Jahrzehnte zwischen Anfang und Mitte des Jahrhunderts verlangen den Menschen in Europa viel ab – Kriege, Gewaltherrschaft. Sie mussten sich dazu verhalten. Wie sie es taten, entschied über ihr Leben. Lajos, der dem Namen nach der Baron Lázár ist und als dieser lebt, tut, was getan werden muss.Meint er. Eine Lebenslüge, um nicht dem Vater genannten Mann in seiner Lebenslüge zu folgen.
So geht es weiter – jedes Individuum im Buch hat Verletzungen erlebt und webt sie in die Familiengeschichte ein. Es ist trotzdem kein bedrückendes Buch – Nelio Biedermann erzählt flüssig, geradzu süffig. Manche Szenen, gerade die, in denen es um Träume oder auch (Wahn)Vorstellungen geht, haben mich an Isabel Allendes „Geisterhaus“ erinnert – ein Schweben, das nicht zwischen Realität und Traum oder Halluzination unterscheidet und mir als Leserin eine Entscheidung abverlangt.
Wie schreibt Nelio Biedermann?
Sehr gut lesbar, sehr kreativ. Und an einer Stelle habe ich sehr gelacht, denn da sinniert Eva, die Tochter des zu Beginn geborenen Lajos über die Tätigkeit von Schriftstellern:
Was tut ein Schriftsteller anderes, dachte Eva, als seinen Figuren das Recht auf Selbstbestimmung zu nehmen. Er legt ihnen Kriege in den Weg, schreibt ihnen Depressionen ins Gemüt oder entreißt ihnen ihre erste Liebe (S. 89)
Genau das tut Nelio Biedermann selbst – hat es über 200 Seiten lang schon getan. Eva sinniert dann noch über das Machtgefälle zwischen Autor und Figuren, dem Bedürfnis des Autors, „sich seiner Überlegenheit zu vergewissern“.
Nelio Biedermann: Lázár, Rowohlt Verlag, Berlin, 2025, ISBN: 9783737102261

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