Kriegskinder erzählen

Kriegskinder erzählen

70 Jahre sind seit Kriegsende vergangen und die Kriegskinder, die damals teils im Kindes- teils im Jugendalter waren, haben begonnen, ihre Erlebnisse zu verarbeiten und manche auch aufzuschreiben. Susanne Bode hat in ihrem Buch „Die vergessene Generation“ Berichte vieler zusammengetragen, die deutlich machen, wie Kinder und Jugendliche die Zeit des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit erlebt haben: Überleben stand im Vordergrund, die Erlebnisse von Besetzung, Flucht, Bombardierung, Vergewaltigung, Hinrichtungen, einsamem Tod, Hunger und Kälte wurden verdrängt.  Darüber wurde nicht gesprochen – damals nicht und später auch nicht. Oder nur selten, dann gern in Form von Anekdoten, also die harmloseren Erlebnisse. Oder in verharmlosenden Formulierungen.

Doch ganz verschwunden waren die Erlebbnisse nie; Albträume, die immer wieder kehrten, das Bedürfnis, Lebensmittel zu horten und selbst Verschimmeltes nicht wegzuwerfen, der Spruch bei Tisch, wenn die eigenen Kinder eigentlich satt waren „Dann iss wenigstens das Fleisch auf“ – all‘ das und viele Varianten davon prägten das Leben derer, die zwischen 1932 und 1945 geboren waren – und das ihrer Kinder. Das zeigt Susanne Bode in ihrem Buch „Kriegsenkel“ auf – hier ist die Generation porträtiert, die in den 60er und frühen 70er Jahren geboren wurde. Die Auswirkungen von Krieg und Flucht machen sich also noch Jahrzehnte später bemerkbar. Die Generation derer, die als Erwachsene fliehen mussten, die nach dem Krieg den Wiederaufbau in Angriff nahmen, die in unvollständigen Familien, wo Vater, Bruder, Onkel fehlten oder traumatisiert zurückkehrten, ihre Kinder groß zogen – kurz: die Trümmerfrauen – , die hatten keine Zeit und kein Bedürfnis, diese Erlebnisse aus den Kammern der Gedächtnisse zu holen und zu betrachten – nach vorne schauen, das allein zählte. Das war es, was sie ihren Kindern, den „Kriegskindern“ mitgaben.

Und die brechen jetzt nach und nach das Schweigen.

Leonie Biallas und ihre Familie stammten aus Breslau - hier die St. Elisabethkirche (http://commons.wikimedia.org/wiki/Wroc%C5%82aw?uselang=de#/media/File:Wroclaw_swElzbieta_Rynek.jpg)
Leonie Biallas und ihre Familie stammten aus Breslau – hier die St. Elisabethkirche (http://commons.wikimedia.org/wiki/Wroc%C5%82aw?uselang=de#/media/File:Wroclaw_swElzbieta_Rynek.jpg)

Ein Beispiel dafür ist Leonie Biallas, die 2004 in ihrem Buch „Komm, Frau, raboti“ ihre Erlebnisse schildert, nachdem sie in russische Gefangenschaft geraten ist: Zwangsarbeit, Vergewaltigung, drohende Verschleppung nach Russland (Leseprobe). In einem Folgeband „Und immer wieder Quakenbrück“ erzählt sie von der Zeit nach ihrer missglückten Flucht vor den Russen, von der Ankunft ihrer Familie von Breslau aus in Quakenbrück und ihrem Leben als  Vertriebene dort. Leonie Biallas erzählt flüssig, meistert auch den Wechsel der Zeitebenen gut – sie ist eine Autorin, die über diese autobiographischen Werke hinaus tätig ist und ein im Buch vorgestelltes Gedicht zeigt, dass sie mit dem Schreiben schon früh begonnen hat.

Es gibt viele solche Schilderungen, die teils in kleinen Auflagen im Selbstverlag, teils bei Heimat- oder auch Vertriebenenvereinen erschienen sind. Interessant sind sie für die, die über die Zustände von damals Augenzeugenberichte haben wollen, aber auch für die, die über eine bestimmte Region, ihre Heimat oder die ihrer Vorfahren etwas erfahren wollen.

Die Zeit, in der Flüchtlinge aus dem Osten Deutschlands in die Gesellschaft integriert werden mussten, sieht übrigens im kollektiven Bewusstsein anders aus als in der Realität. Auch Leonie Biallas kann davon berichten; die Vertriebenen wurden nur sehr selten mit offenen Armen aufgenommen – es gab von allem zu wenig und dann sollte man noch die Fremden mitdurchfüttern? Ablehnung allerorten.

Benjamin Härte hat sich in seiner Dissertation mit dem „Lastenausgleich im Spiegel der Presse“ beschäftigt und dabei diesen Spruch vorangestellt (s. Bild unten); dass Flüchtlinge und  Vertriebene alles zurücklassen mussten, wurde von denen, die – teils in Trümmern, teils in halbwegs heiler Umgebung – in ihrer Heimat beiben konnten, nicht immer berücksichtigt, um es mal vorsichtig zu sagen.

Der Lastenausgleich für die, die nach dem Krieg Haus und Fabrik und Hof zurücklassen mussten, rief auch Neid hervor
Der Lastenausgleich für die, die nach dem Krieg Haus und Fabrik und Hof zurücklassen mussten, rief auch Neid hervor

70 Jahre seit Kriegsende – die Folgen der Weltkriege sind in vielfältiger Form in unserer europäischen Gesellschaft weiterhin spürbar: in der Politik, in der Geographie und in den Seelen derer, die selber oder deren Familienangehörige Krieg, Bombennächte, Terror, Flucht, Vertreibung, Gefangenschaft, Zwangsarbeit und KZ durchlitten haben.

Deshalb ist es wichtig, dass die, die heute noch davon erzählen können, dies auch tun – Augenzeugen, Zeitzeugen sein, das erzählen, was in Geschichtsbüchern keine große Rolle spielt, sei es in Büchern, in einfach aufgeschriebenen Erinnerungen für die eigenen Kinder und Enkel, sei es als Zeitzeugen, die in Schulen der nachwachsenden Generation ihre eigenen Erfahrungen schildern. Vom Treck, vom Hunger, von Bombennächten, von Schwarzmarktgeschäften, vom so verändert heimgekehrten Vater, von der Ablehnung als Flüchtling oder auch von der Angst vor den Flüchtlingen, von den Erfahrungen mit den Besatzungssoldaten – es gibt noch so viel zu erzählen, so viele Erinnerungen, die unser Leben geprägt haben, aus dem Dunkel zu holen. Und die Kriegskinder, die das tun können, sind heute zwischen 70 und mehr als 80 Jahren alt – die Zeit, in der sie erzählen können, ist also begrenzt. Vielleicht fragen Sie mal in der Familie nach dieser Zeit – und vielleicht beginnen dann noch welche damit, davon zu erzählen.

Vorgestellte Titel:

  • Sabine Bode: Die vergessene Generation, Klett-Cotta Verlag, Stuttgart, 2014 (10. Auflage), ISBN: 9783608947977
  • Sabine Bode: Kriegsenkel, die Erben der vergessenen Generation, Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart, 2009, ISBN: 9783608945508
  • Leonie Biallas: Komm, Frau, raboti, Drachenmond Velag, Leverkusen,  2010, ISBN: 9783931989620
  • Leonie Biallas: Und immer wieder Quakenbrück, atemwort Verlag, Linz, 2014, ISBN: 9783944276045
  • Benjamin Härte: Der Lastenausgleich im Spiegel der zeitgenössischen deutschen Presse 1949 bis 1979, Dissertation an der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn, 2010; Link zum Volltext: http://hss.ulb.uni-bonn.de/2010/2115/2115.htm

Ein Beitrag zu Thema ’45 – 70 Jahre Kriegsende

Bisher gibt es noch keine Kommentare

Einen Kommentar hinterlassen

Ich akzeptiere