Japanische Gedichte in deutscher Übertragung – aus meinem Bücherregal

Japanische Gedichte in deutscher Übertragung – aus meinem Bücherregal

Haiku gelten als die bekannteste Form japanischer Gedichte bei uns. Und nachdem ich mich nun schon seit ein paar Monaten in meiner deutschen Version um sie bemühe, habe ich nachgesehen, woher denn meine erste Verbindung damit stammt. Die ist alt, wie mich ein Blick in mein Bücherregal lehrte. Zwei Bänd(ch)e(n) sind es im Besonderen:

  • Liebe, Tod und Vollmondnächte, Japanische Gedichte  übertragen  von Manfred Hausmann
  • Bambusregen, Haiku und Holzschnitte, übertragen und herausgegeben von Ekkehard May und Claudia Waltermann

Zu „Liebe Tod und Vollmondnächte“

Dieser Gedichband befindet sich schon seit den früher 80ern in meinem Besitz und ich habe in meinem Sprüchebuch einige davon notiert. Sie springen mich beim Wiederdurchblättern als alte Bekannte sofort an:

O süßes Mondlicht! –
Wenn ich wiedergeboren werde,
will ich ein Föhrenwipfel sein.
Buson (S. 14)

Auch wenn Manfred Hausmann die Silbenfolge 5 – 7 – 5 nicht exakt einhält, ist das mit großer Wahrscheinlichkeit die Ausgangsform. Er erläutert in seinem kleinen Vorwort:

Es hat den Anschein, als sei die deutsche Sprache nicht imstande, mit einunddreißig oder gar mit siebzehn Silben das Gleiche auszusagen wie die japanische in ihrer bündigen Gedrungenheit. Allen bislang unternommenen Versuchen, die japanischen Kurzgedichte Zeile für Zeile unter Beobachtung der Silbenzahl zu übertragen, haftet etwas Unnatürliches und Gezwungenes an.

S. 9

So sieht er sich selber frei, die Silbenzahl zu variieren. Soweit ich informiert bin, kennt die japanische Sprache bestimmte Wortarten (Artikel z. B. ) nicht. Außerdem gibt es bei ihr Zusammenziehungen von Bedeutungen zu eienr Silbe. Deshalb kann ich das Vorgehen von Manfred Hausmann gut nachvollziehen.

Die Gedichtformen aus dem Japanischen ins Deutsche zu übertragen, ist also eine heikle Aufgabe. Da gibt es das „Hokku“ mit der Silbenfolge 5 – 7- 5. Als Haiku werden seiner Aussage nach eher heitere Verse benannt.

Daneben kommt noch das Uta vor, das aus der Silbenfolge 5 – 7 –  5 – 7 – 7. Die vollständige Bezeichnung dieser Form lautet Mijika-uta – das Kurzgedicht. Das Hokku und mit ihm das Haiku ist eine weitere, spätere Verknappung dieser Form.

Ich bringen Ihnen noch zwei Beispiele für die Art, wie Manfred Hausmann die japanischen Gedichte überträgt:

Unmerklich reiht sich Tag an Tag. 
So bist  du entstanden,
Vergangenheit. 
Buson (S. 55)
Die Gedanken der Menschen 
In meinem Heimatdorf
Sind mir nicht mehr vertraut.
Aber die Blumen duften noch wie damals,
als ich ein Kind war.
Ki No Tsurayuki (S. 48)

Beim Blättern habe ich wieder entdeckt, dass Buson und Issa meine Favoriten sind 😉

Zu „Bambusregen“

Ekkehard May und Claudia Waltermann haben 27 Haiku aus einer Sammlung ausgewählt, die Bild und Text verbindet. Der Text ist ins Bild geschrieben.

Japanisches Gedicht mit einer Tuschezeichnung von Pilzen
Das ist ein Beispiel für ein Kurzgedicht mit Tuschezeichnung von Rangyu, das ich aus der Wikipedia habe.

Die Holzschnitte in dieser kleinen Sammlung beruhen genau wie in der zugrunde liegenden Sammlung „Kagebôshishû“ auf Tuschezeichnungen. Deshalb habe ich eine solche zur Illustration ausgewählt.

Im Gegensatz zu Manfred Hausmann halten sich die beiden bei ihren Übertragungen ins Deutsche bei den Haiku an die Silbenfolge „gemäß dem Prinzip, daß eine Einschränkung in der Ausgangsspreche nicht eine Freiheit in der Zielsprache bedeuten kann.“ (S. 71)

Jedes der Haiku nimmt eine Doppelseite ein:

  • Links das Gedicht in deutscher Sprache mit dem Namen des Autors oder der Autorin in japanischen Schriftzeichen und ggf. einem erläuternden Kommentar unten.
  • Rechts der vollständige Holzschnitt – Bild und Text. Darunter der Text in modernen Druck-Schriftzeichen und in einer Umschrift.

Ein Beispiel:

"Auf Seide gemalt 
Die Orchidee – nicht malen 
Kann man ihren Duft 
Rochô

Der Reiz des Verses wird durch ein Wortspiel erhöht: Obgleich auf dünne Seide, feine Seide (ra ni) gemalt , ist der Duft der japanichen Orchidee (ran, als Nebenform auch rani!) nicht im Bilde zu bannen. Die Orchidee, Jahreszeitenwort für den Frühherbst, taucht meist in Verbindung mit ihrem Duft (ran no ka) im Haiku auf.“ (S. 42)

Die Umschrift auf der folgenden Seite unter dem Bild, das dazu gehört, lautet:

ra ni kakite kaki-en ran no   nioi kana

Die Sammlung orientiert sich an den Jahreszeiten – für den Frühling gibt es fünf Haiku, für den Sommer neun, den Herbst wieder fünf und für den Winter 8. Ekkehard May und Claudia Waltermann erläutern im Nachwort die Nutzung bestimmter Begriffe – gerade die Jahreszeitwörter haben eine weitergehende Bedeutung. Wie im Beispiel mit der Orchidee können das sehr verschiedene Wörter sein – Pflanzen, die mit einer Jahreszeit verbunden sind, oder Wetterphänomene. Sie sind mit einem Gedanken assoziiert – Vergänglichkeit, Liebe, Hoffnung. Das Publikum war homogen – alle konnten die Andeutungen entschlüsseln und die Verknappung genießen.

Manfred Hausmann: Liebe Tod und Vollmondnächte. Japanische Gedichte, Verlag Arche, Zürich, ISBN: 3716016799

Ekkehard May und Claudia Waltermann (Hg.): Bambusregen. Haiku und Holzschnitte aus dem „Kagebôshishû“, Insel Verlag, Frankfurt und Leipzig, 1995, ISBN: 3458191240

Noch was zu meinen „japanischen Gedichten“

Auch wenn ich naturgemäß – ohne Sprachkenntnisse – keine japanischen Gedichte übertragen kann, habe ich Freude daran, die Prinzipien dieser Kurzlyrik für mich in meiner Sprache auszuprobieren. Mein Ziel ist es, dass ich bis zum Herbst, dann ist es ein Jahr, Ihnen jede Woche ein Haiku zeige. Auch wenn Manfred Hausmann da die Unterscheidung mit „komisch“ macht – für mich sind die 5 – 7 – 5 „Haiku“. Und sei es nur, weil es lustig zu meinem Namen passt ;-). Haiku von Heike *scnr* gibt es immer montags.

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