Herr Tschie und ich von Jens Olaf Koch

Herr Tschie und ich von Jens Olaf Koch

Als ich aus dem Urlaub kam, fand ich dieses Buch von Jens Olaf Koch in meinem Briefkasten – vom Autor mit einem netten Brief einfach mal zugesandt. Weil ich in meinem Blog zu Recherche so viel zu KI gemacht habe. Der Untertitel macht deutlich warum: „Meine bizarren Begegnungen mit der Überflieger-KI ChatGPT“.

Warum ich das Buch hier bespreche?

Es ist weder Ratgeber zum Umgang mit KI, noch Sachbuch, das textgenerierende KI erläutert, noch ein Ratgeber für schreibende Menschen, was KI kann und was nicht – sondern von allem etwas. Und dazu sehr unterhaltsam!

Was berichten Herr Tschie und Jens Olaf Koch?

Und: Wer ist überhaupt Herr Tschie?

Sie können es sich denken: Die KI. Der Name entwickelt sich so peu à peu.

Im Buch lässt Jens Olaf Koch mich über seine Schulter blicken, wie er mit der KI kommuniziert – erst mit ChatGPT ohne Abo, dann mit. Er sammelt Erfahrungen mit den verschiedenen Versionen GPT 3, GPT 3.5 und GPT 4 und vergleicht sie auch hin und wieder.

Er lässt ChatGPT rumschreiben was die KI so an statistischen Wahrscheinlichkeiten fürs nächste Token berechnet. So hat er nach Titeln gefragt, die er selber publiziert hat. Ähnlich wie bei einem Experiment, das ich mit einer KI gemacht habe, kamen da phantastische Titel heraus – die er nie geschrieben hat. Von denen er aber meint, das eine oder andere dieser Bücher müsste eigentlich mal geschrieben werden …

Er versucht, die KI zu Sprachspielen zu animieren oder sich Witze auszudenken, beides mit mäßigem Erfolg. Meist. Doch er stellt fest, dass sehr präzise Prompts, die die Struktur der KI berücksichtigen, auch diese Hürde nehmen. So kann die KI, nachdem sie analysiert hat, dass „klangeln“ aus „klingeln“ und „Klang“ neu zusammengesetzt wurde, selber neue Wörter nach diesem Muster bilden. Jens Olaf Koch widmet dem Thema ein eigenes Kapitel (S. 295 ff). Darin gibt er den Dialog mit ChatGPT, pardon: Herrn Tschie, wieder, mit dazwischengeschobenen Gedanken, warum er nun auf eine bestimmte Weise weiterfragt.

Auch wenn Herr Tschie und sein menschlicher Sparringspartner MI (Menschliche Intelligenz) eine Adaption von Goethes „Zauberlehrling“ verfassen – dichten kann die KI nicht. Aber das Ergebnis ist nett. Sie können es sich hier vorlesen lassen (auch von einer KI).

Der informative Aspekt

Damit ich als Leserin überhaupt merken kann, was das Besondere an Herrn Tschie und seinen „Geschwistern“ ist, erläutert die MI immer mal wieder was dazu:

  • Grundbegriffe rund um KI
  • Sie gibt Beispiele für Prompts z. B. um von der KI Zusammenfassungen des Chats zu erhalten
  • Sie erläutert, immer und immer wieder, dass Herr Tschie ein Programm ist, das nach Wahrscheinlichkeiten die nächsten Wortbruchstücke (Token) berechnet
  • Sie mahnt zu Distanz gegenüber dem Programm
  • Sie macht deutlich, dass Faktencheck bei Sachinformationen der notwenige abschließende Schritt der Arbeit mit textgenerierender KI ist
Buchcover mit Tiel udn Untertitel über einem künstlichen Gehirn, da aus einem Oberkopf steigt - alles petrol, weiß und schwarz mit einem hellen Licht ind er mitte des "Gehirns"
Das Cover zum Buch – Bildmaterial ebenfalls per KI erstellt …

Wie schreibt Jens Olaf Koch?

Sehr unterhaltsam. Und in sachlicher Hinsicht sehr auf den Punkt:

Tschie kommt gelegentlich ins Stolpern, wenn es aufs logische Denken ankommt. Er ist eben ein Sprachmodell, das auf Deep Learning beruht, aber nur begrenzt symbolhaft und regelbasiert „überlegen“ kann.

S. 241

Ein wichtige Überlegung zur Nutzung von GPT-Versionen zur Beurteilung von Texten findet sich hier:

Mit den entsprechenden Instruktionen spuckt Herr Tschie jede gewünschte Beurteilung aus. Das wäre übrigens auch der Fall, würde eine Lehrkraft versuchen, Arbeiten von Schülern und Schülerinnen bewerten zu lassen. Schon die kleinste Änderung des Sentiments einer Anfrage, also deren emotionale Stimmung, würde das Ergebnis beeinflussen.

S. 208f

Und das ist nach dem vorher stattgehabten Dialog mit der KI sehr glaubhaft …

Und wie schreibt Herr Tschie?

Wechselhaft … Oft sehr steif. Die MI Jens Olaf Koch macht bei dem Versuch der KI einen Traum zu erzählen eine wichtige Beobachtung:

Wie so oft bleibt die KI sehr im Ungefähren. Statistisch wahrscheinliche Sprache ist eine unpersönliche Sprache. Zwischen den Zeilen spürt man die Künstlichkeit.

S. 109

Erwarten Sie von Herrn Tschie also nicht zu viel.

Fazit

Ein unterhaltsames Buch mit echtem Mehrwert – ich habe entgegen der Erwartung von Jens Olaf Koch durchaus noch was aus seinem Buch gelernt und manches Mal schallend gelacht.

Jens Olaf Koch: Herr Tschie und ich. Meine bizarren Begegnungen mit der Überflieger-KI ChatGPT, ÄIAI Verlag, Köln, 2023, ISBN: 9783757939960

Den Verlagsnamen sollten Sie mal laut aussprechen …

Published byHeike Baller

Bis zum Morgen schmökern, Kissen nass weinen, bei der Bahnfahrt mal eben los gackern – das alles und noch einiges mehr bedeutet Lesen für mich. Naja, die Nächte lese ich nur noch selten durch, da melden sich doch zu penetrant die erwachsenen Bedenken in Sachen „Wecker am Morgen“ … Aber in der Bahn können Sie mich immer mal wieder grinsend oder kichernd erleben. Mit einem Buch vor der Nase. Da ich außerdem gerne mit anderen über das, was ich gelesen habe, diskutiere, habe ich dieses Blog gestartet. Leselust, das ist es, was mich antreibt, immer neue Bücher zu kaufen, zu leihen und vor allem zu lesen. – Vorlesen tu ich übrigens auch gern.

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