Gestern habe ich im Gottesdienst über Hagar gepredigt – eine in der christlichen Tradition vernachlässigte Frau in der Hebräischen Bibel.
Warnung an alle, die
- Religion überflüssig und das Wort Gott eher merkwürdig finden. (Niemand verlangt in diesem Text, „Gott“ männlich zu lesen)
- Hinweise auf sexualiserte Gewalt nicht ertragen können
beides kommt in diesem Text vor.
An diese Frau zu erinnern, ist mein Beitrag zum diesjährigen Frauentag.
Ein Kriminalfall?
Die Akte beginnt ohne Namen.
Es geht um das Geschehen in einem Haushalt. Wohlhabend. Einflussreich. Alte Versprechen, die angeblich von ganz oben stammen.
Ein Mann, eine Frau, viele Bedienstete. Und darunter: eine junge Frau. Eigentum, kein Familienmitglied. Ihr Name wird notiert wie ein Gegenstand im Inventar.
Sie hat keine Stimme in diesem Haus. Aber sie hat einen Körper.
Und genau der wird zum Tatort.
Die Herrin des Hauses wartet seit Jahren auf ein Kind. Nichts passiert. In den Protokollen liest sich das nüchtern: „unerfüllter Kinderwunsch“.
In Wahrheit wächst etwas anderes:
Die Angst, dass ihr Leben ohne Nachkommen bedeutungslos ist.
Die Angst, dass Versprechen, auch von ganz oben, nur Schall und Rauch sind.
Dass die Anerkennung von ganz oben verloren ist oder verloren gehen kann.
Dann fällt eine Entscheidung. Keine Beratung. Kein Einverständnis der Betroffenen. Kein Gespräch auf Augenhöhe.
Die junge Frau wird übergeben. Wie ein Werkzeug. Der Mann protestiert nicht. Warum auch? Für ihn ist es legal. Zweitehe – völlig normal in dieser Gesellschaft. Sozial akzeptiert. Praktisch.
Was hier geschieht, würde man heute anders nennen. Sie nannten es: Lösung.
Die junge Frau wird schwanger.
Plötzlich verändert sich die Dynamik im Haus.
Die Hierarchie bleibt offiziell bestehen – aber biologisch trägt jetzt sie das, worauf die Herrin ihr ganzes Leben gewartet hat.
Und genau da kippt die Stimmung. Die Akte vermerkt „zunehmende Spannungen“. Demütigungen. Schikanen. Psychischer Druck.
Die Untergebene rebelliert. Doch das kann die Hausherrin nicht dulden.
Die junge Frau versucht die Flucht. Doch selbst ihre Flucht gehört nicht ihr. Sie muss zurück.
Sie kehrt zurück, nach einem einschneidenden Erlebnis und mit einem Versprechen – von ganz oben. Dazu später mehr. Erst einmal geht es in diesem Fall weiter.
Dort, ganz oben, wird sie nicht als Instrument zur Verheißung betrachtet, sondern als eigenständige Akteurin. Und so kehrt sie zurück. Wird weiter gedemütigt. Doch mit Perspektive.
Sie bringt einen Sohn zur Welt – die Verheißung für Herrr und Herrin ist wieder spürbar. Erleichterung.
Doch dann geschieht das Unvorstellbare: Die Herrin selbst wird ebenfalls schwanger und bringt einen Sohn zur Welt. Den legitimen. Den Erben der Verheißung.
Nun ist die Mutter des Erstgeborenen ein Ärgernis. Ein Hindernis.
Was folgt, wirkt wie ein klassischer Fall von sozialer Säuberung. Die Herrin fordert die Entfernung der Konkurrentin und des Kindes.
Der Mann, bitte: Der Ehemann der jungen Frau und Vater des Kindes muss – wieder auf Geheiß von ganz oben – mitmachen. Die Frau mit dem Kind wegschicken.
Man gibt ihr Vorräte. Ein Minimum. Genug, um sagen zu können: Wir haben geholfen.
Dann schickt man sie fort. Keine Eskorte. Kein Ziel. Nur eine Richtung: ab in die Wüste.
Und jetzt der Name der Fallakte:
Die junge Frau heißt Hagar.
Die Herrin heißt Sara.
Der Mann heißt Abraham.
Die Geschichte steht im Buch Genesis.
Was oft als Randnotiz einer großen Glaubensgeschichte gelesen wird, sieht unter einem anderen Licht aus wie das Protokoll eines alten, still akzeptierten Verbrechens:
Ausbeutung eines abhängigen Körpers.
Instrumentalisierte Schwangerschaft.
Soziale Entsorgung, sobald der Zweck erfüllt ist.
Das ist das menschliche Handeln.
Die letzte Szene:
Eine Frau mit ihrem Kind.
Allein.
In der Wüste.

Aber was dann geschieht, das ist das wirklich Unglaubliche. Statt zu sterben, werden Mutter und Kind gerettet.
Das ist das göttliche Handeln
Das Versprechen von ganz oben, das Versprechen Gottes an Abraham von großer Nachkommenschaft, es lässt die missbrauchte Frau nicht außen vor.
Barmherzig und gnädig nimmt sich Gott des Opfers der Ausbeutung und der Missachtung an.
Das Versprechen bei ihrer Flucht, sie werde Mutter eines großen Volkes, bekommt mit der Rettung aus Wüstennot Glaubwürdigkeit.
Denn Hagar hat bei ihrer Flucht vor der Geburt eine entscheidende Erfahrung gemacht – im Gegensatz zu ihrer Sklavenhalterin Sara sieht Gott sie an, als Person, als im Heilsgeschehen verwurzelt.
Das drückte sie aus mit dem Wort „Du bist der Gott, der mich sieht.“
Die Überlieferung des Kapitels 16 im Buch Genesis ist vielfältig – oft wird der Vers auch in dem Sinne übersetzt, dass Hagar Gott sieht. Doch lassen die ältesten Zeugnisse der Genesis vermuten, dass es Gott ist, der Hagar ansieht und zu ihr spricht. Und sie, sie antwortet direkt.
Wie eine Prophetin spricht sie aus, was Gott ausmacht. Sie, die missbrauchte, instrumentalisierte Frau, ist kein Niemand. Sie ist Trägerin einer Verheißung. Das gab ihr die Kraft, in die Sklaverei zurückzukehren, die Schikanen Sarahs zu ertragen.
Wie gut kannten Sie die Geschichte Hagars bisher? Sie ist eine oft vernachlässigte Figur in der Tradition – doch im Buch Genesis nehmen sie und ihr Sohn Ismael durchaus wichtigen Raum ein.
Bei der Beisetzung des Vaters Abraham agiert Ismael – der Name bedeutet „Gott hört“ oder „Gott erhört; gilt das nun Sara oder nicht? – an der Seite seines Bruder Isaak. Die anderen Kinder Abrahams, die er nach Saras Tod mit verschiedenen Nebenfrauen zeugte, hat der Vater vorher weggeschickt – sie gehören nicht zur Heilsprophezeiung.
Ismael, der Sohn Hagars hingegen hat über seine Mutter seine eigene Prophezeiung bekommen. Hagar ist eine Frau mit eigener Prophezeiung. Auch wenn schon im Galaterbrief die Interpretation zu lesen steht, dass „wir“, also die Adressat*innen des Briefes und damit nach unserer Tradition auch Christenmenschen heutzutage, nicht Kinder der Unfreien sondern der Freien sind; nicht Kinder Hagars also, sondern Sarahs.
Das erklärt, dass die Figur der Hagar in der christlichen Tradition immer als ein Nebenschauplatz der großen Verheißung betrachtet wurde und wird.
Doch Gott sieht auch die, die nach menschlichem Ermessen nur Nebenfiguren sind. Gott ist Gott und sieht uns. Und die anderen auch – die Unterdrückten, die Nebenfiguren. Gott sieht Menschen. Sie sieht sie an. Menschen haben einen Platz bei Gott. Menschen. Nicht „auserwählte Menschen“, sondern alle. Nehmen Sie dazu den Artikel unseres Grundgesetzes, in dem es heißt „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Nicht „die Würde besonderer Menschen“. „Du bist ein Gott, der mich sieht“ – ein starkes Wort von einer starken Frau, das aufrichten, trösten und stärken kann.
Falls Sie sich über den Ton wundern, der anders ist als bei meinen sonstigen Beiträgen: Es ist halt eine Predigt. Ich bin seit 2007 ordinierte Prädikantin der evangelischen Kirche im Rheinland.

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