Gertrude grenzenlos von Judith Burger

Gertrude grenzenlos von Judith Burger

Eins gleich vorweg: Dass Judith Burger für dieses Buch den Gustav-Heinemann-Friedenspreis bekommt, freut mich sehr! Er ist wohlverdient.

Was erzählt Judith Burger?

Die Geschichte einer Freundschaft. Und die Geschichte einer inzwischen untergegangenen Gesellschaftsordnung.

Aus der Sicht von Ina, einer lebhaften Elfjährigen, erlebe ich ihren Alltag – und die beginnende Freundschaft mit Gertrude, die neu in die Klasse kommt. Wir sind in der DDR in den späten 70er Jahren. Pioniernachmittage, der Gruß „Allzeit bereit“ und Subbotnik-Aktionen sind der Alltag der Kinder

Nun also Gertrude – was für ein Name … Es sind doch die 70er und wie Ina sagt, heißen Mädchen jetzt Kathrin oder Simone oder Andrea oder so … Aber Getrude hat ihren Namen von einer berühmten Dichterin: Getrude Stein. Von der haben Ina und ihre Mutter noch nie gehört. Gertrude ist sehr nett – Ina möchte gern mit ihr befreundet sein. Doch da ihr Vater als Dichter systemkritische Texte verfasst und die Familie statt zu den Pionieren in die Kirche geht, sieht ihre Mutter das nicht gern. Außerdem haben sie einen Ausreiseantrag gestellt – mit solchen Leuten hat man besser nichts zu tun. Doch Ina ist entschlossen – mit Gertrude kann sie über ganz andere Sachen sprechen als mit den anderen. Und lachen. Und träumen.

Um Gertrude zu helfen, denkt sie sich Aktionen aus – besonders viel Altpapier sammeln, Timurhilfe (also Leuten im Alltag helfen) und sie hat noch viel mehr vor. Doch das passt dann auch wieder nicht. Ina regt sich sehr über die Ungerechtigkeiten auf, denen Gertrude in der Schule ausgesetzt ist – sie bekommt die schlechteren Noten, wird beschimpft, nicht mit Namen angesprochen.

Ina hat Angst, dass der Ausreiseantrag bald genehmigt werden könnte. So wie der Sommer läuft, könnte es doch bleiben. Doch Getrudes Famiie ist unglücklich in der DDR.

Wie erzählt Judith Burger?

Ich nehme ihr die Elfjährige ab. Das sagt eigentlich alles, oder?

Zum Beispiel als Gertrude das mit ihrem Namen erläutert:

„Ich heiße wie eine berühmte Dichterin. Getrude Stein. Also eigentlich Görtrud Ssstein. Sie hat in Amerika gewohnt.“

Zack! Der erste Preis fürs Blödgucken geht an mich.

„Wer?“

„Gertrude Stein. Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose … Kennst du das nicht?“

S. 13

Die komplexeren Probleme bringen Ältere in die Geschichte ein, z. B. Getrudes Bruder Gotthold – ja, er heißt nach Gotthold Ephraim Lessing. Wenn er das Wort „linientreu“ nutzt, weiß ich sofort, was er meint – Ina kennt es nicht und Gotthold erläutert es. Doch diese Erklärszenen sind völlig harmonisch in die Erzählung eingebettet.

Da Judith Burger selber in der DDR aufwuchs, nutzt sie die Sprache völlig selbstverständlich, die damals üblich war – die politischen Ausdrücke, die Namen von Jungendzeitschriften oder Institutionen der DDR oder eben solche Sachen wie Timurhilfe oder Subbotnik. Auch die werden im Text erklärt, ohne, dass es erklärbärig ausfällt. Außerdem gibt es am Ende ein gutes Glossar, in dem Judith Burger die Prinzipien der DDR-Gesellschaft anhand zentraler Begriffe erläutert.

Was erzählt Judith Burger von der DDR?

Im Laufe des Buches werden Ina ein paar Tatsachen der DDR klarer – der Kontakt mit einer Familie, die von der StaSi überwacht wird, ändert ihren eigenen Blick auf die Umstände. Vorher war der Pioniernachmittag vor allem langweilig – da Gertrude als Kirchenmitglied nicht dabei sein darf, sieht sie die ausschließende Funktion missliebiger Kinder. Das Porträt von Honecker, das überall hängt, fällt ihr auf einmal auf – und wie er guckt.

Auch die Vorladung in die Schule, wo ihr und ihrer Mutter der Umgang mit Getrudes Familie als schädlich vorgehalten wird, macht deutlich, dass Ina und ihre Mutter jetzt bewusst wird, wo sie sich wie zu ducken haben, um nicht negativ aufzufallen. Ja, Ina und ihre Mutti machen eine Reihe von Veränderungen durch und sehen ihren Alltag nachher mit anderen Augen.

Im Glossar erläutert Judith Burger unter dem Stichwort „Sozialismus“:

Aber in der Praxis gehörten die Betriebe dem Staat und der SED. Die an sich gute Idee des Sozialismus hat nie funktioniert. Ein Grund dafür war zum Beispiel, dass es immer Menschen gahb, die mehr als andere haben wollten – vor allem die Mächtigen aus Partei und Regierung. Und wer etwas dagegen sagt, wurde ins Gefängnis gesteckt.

S. 233

Ach ja, „Mutti“ – eine Anrede, die im Westen nicht so verbreitet war, wie in der DDR. Ich kenne sie auch – meine Familie stammt aus Brandenburg, bzw. Ostpreußen – da war das so üblich. Mein Nachwuchs sagt „Mama“ .

HO-Laden zu Judith Burger Gertrude grenzenlos
So sah der HO-Laden auch aus … K. Franze (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dobritz_Kaufhalle_Schulen_Straßenbahn_Parkplatz_ca._1970.JPG), „Dobritz Kaufhalle Schulen Straßenbahn Parkplatz ca. 1970“, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/legalcode

An einer Stelle spricht Ina über ihren Besuch in einem Intershop und wie toll es da gerochen hat. Ich hatte als Kind ein gegenteiliges Erlebnis in einem HO-Laden – ich musste da raus, weil ich es nicht ausgehalten habe …

Unser Kontakt in die DDR hat mir im Laufe der Jahre jede Menge Kinder- und Märchenbücher beschert – und eine Menge Noten: Klavierauszüge von Mozart-Opern, z. B.

Judith Burger ist ein wunderbares Buch gelungen: Eine authentische Geschichte von Freundschaft, Mut und Zusammenhalt, eine Darstellung des Alltags der DDR aus der Sicht eines Kindes und eine Entwicklungsgeschichte, wenn Menschen mit neuen Gedanken und Informationen in Kontakt kommen. Ich bin wirklich begeistert.

Judith Burger: Gertrude grenzenlos, Gerstenberg Verlag, Hildeshaim, 2018, ISBN: 9783836959575

Die Stadtbibliothek Köln hat das Buch als Print– und als als Hörbuch im Bestand.

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