Freunde und Gefährten bei Karl May oder Old Shatterhand und seine Entourage II

Freunde und Gefährten bei Karl May oder Old Shatterhand und seine Entourage II

Karl MayWahrscheinlich wissen Sie, dass es Bücher gibt, in denen Karl May als Ich-Erzähler figuriert und solche, die in der Er-Perspektive geschildert werden. Woran das liegt?

Wie letzte Woche schon erwähnt, hat Karl May  eine Zeitlang für Jugendzeitschriften geschrieben. Das sind die Geschichten vom Silbersee, vom Ölprinz und vom Sohn des Bärenjägers. Obwohl Old Shatterhand hier vorkommt, hat May die Außenperspek­tive gewählt. Die Winnetou-Bände sind erst deutlich danach enstanden.

Aber auch in der Frühphase gab es Geschichte aus der Ich-Perspektive, z. B. „Old Firehand“ von 1875 – hier war an Old Shatterhand noch nicht zu denken. Der Ich-Erzähler bleibt namenlos.

Auch andere Figuren aus der Wild-West-Welt Mays treten in diesen und noch frühe­ren Geschichten auf. Zum Beispiel Sam Hawkens, eine ganz wichtige Figur in Karl Mays Wild-West-Kosmos.

Sam Hawkens

In „Old Firehand“von 1875, steht Sam vor der Burg des Titelhelden Posto:

Bei dem letzten Worte theilte sich dasselbe und ließ einen Mann hindurch, bei dessen Anblicke ich mich eines leisen Lächelns nicht erwehren konnte.

Unter der wehmüthig herabhängenden Krämpe eines Filzhutes, dessen Alter, Farbe und Gestalt selbst dem schärfsten Denker einiges Kopfzerbrechen verursacht haben würde, blickte zwischen einem Walde von verworrenen, schwarzgrauen Barthaaren eine Nase hervor, welche fast von erschreckenden Dimensionen war und jeder belie­bigen Sonnenuhr als Schattenwerfer hätte dienen können. In Folge des gewaltigen Bartwuchses waren außer diesem so verschwenderisch ausgestatteten Riechorgane von den übrigen Gesichtstheilen nur die zwei kleinen, klugen Augen zu bemerken, welche mit einer außerordentlichen Beweglichkeit begabt zu sein schienen und mit einem Ausdrucke von schalkhafter List von Einem zum Andern von uns Dreien sprangen.

Diese Oberparthie ruhte auf einem Körper, welcher uns bis auf das Knie herab vollständig unsichtbar blieb und in einem alten, bockledernen Jagdrocke stak, wel­cher augenscheinlich für eine bedeutend stärkere Person angefertigt worden war und dem kleinen Mann vor uns das Aussehen eines Kindes gab, welches sich zum Ver­gnügen einmal in den Schlafrock des Großvaters gesteckt hat. Aus dieser mehr als zu­länglichen Umhüllung guckten zwei dürre, sichelkrumme Beine hervor, welche in ausgefransten Leggins staken, die so hochbetagt waren, daß sie das Männchen schon vor einem Jahrzehnt ausgewachsen haben mußte und dabei einen umfassenden Blick auf ein Paar Indianerstiefel gestatteten, in welche zur Noth der Besitzer in voller Person hätte Platz finden können.

In der Hand trug der Mann eine alte Rifle, die ich nur mit der äußersten Vorsicht angefaßt hätte, und als sich so mit einer gewissen Würde auf uns zu bewegte, konnte ich mir keine größere Carricetur [sic!]eines Prairiejägers denken, als ihn. –

In „Der Ölprinz“ variiert die Beschreibung ein bisschen – Sam kommt hier als kleiner Dicker in Begleitung zwei langer dürrer Männer (Dick Stone und Will Parker) vor:

Der vorderste von ihnen war ein kleines, sehr dickes Kerlchen. Unter der wehmütig herabhängenden Krempe eines Filzhutes, dessen Farbe, Alter und Gestalt selbst dem schärfsten Denker ein nicht geringes Kopfzerbrechen verursacht haben würde, usw … [das „usw. …“ stammt von mir, Heike Baller]

Die meisten von uns werden als ersten Auftritt Sams den in St. Louis vor Augen haben, in Winnetou I. Abgesehen von den Kommentaren zu der Situation in einem Haus mit einer Dame usw. unterscheidet sich die Schilderung kaum – deshalb kommt hier die Reaktion des Greehorns:

Henry stellte mir dann Sam Hawkens, den Westmann, vor.

Den Westmann! Ich gestehe offen zu, daß ich, als mein Auge verwundert auf ihm ruhte, wohl nicht sehr geistreich ausgesehen haben mag. Eine solche Gestalt hatte ich denn doch noch nicht gesehen; später freilich habe ich noch ganz andere kennen gelernt. War der Mann schon an sich auffällig genug, so wurde dieser Eindruck dadurch erhöht, daß er hier in dem feinen Parlour ganz genau so stand, wie er drau­ßen in der Wildnis gestanden haben würde, nämlich ohne die Kopfbedeckung abzu­nehmen und mit dem Gewehre in der Hand. Man denke sich folgendes Aeußere: Unter der wehmütig …

Und es folgt die bekannte Schilderung.

Karl May Sam Hawkens
Eine Zeichnung von Sam und seiner Mary, dem Maultier, und Liddy, dem Gewehr. DDouglas hat das Bild angefertigt

Ich muss gestehen, dass ich, wenn es mit der wehmütig herabhängenden Krempe begann, in der Regel zwei Abschnitte übersprungen hatte, denn was dann kam, kannte ich nach einiger Zeit intensiver Karl-May-Lektüre auswendig …

Auch in der  Beziehung zu Sam Hawkens kommt das Überlegenheitsgefühl des Sprechers deutlicher und deutlicher hervor. Er überrascht den erfahrenen Westmann mit seinen Fähigkeiten und weist ihm sogar sehr früh in ihrer Bekanntschaft Fehler nach – denken Sie an die Verfolgung von Winnetou und Intschu-tschuna nach dem Mord an Klekhi-petra. Schon in der Erzählung „Old Firehand“ gibt es diese Tendenz.

Nächste Woche komme ich dann endlich zu Winnetou 😉 Korrektur (24.12.2016): Da ich über Weihnachten und Neujahr offline sein werde, müssen Sie sich – RTL-Verfilmung hin oder her – doch bis ins neue Jahr gedulden. Frohe Weihnachten.

Stadtbibliothek Köln

Unter 22.4. May als Signatur finden Sie alle Karl-May-Bände aus dem Karl-May-Verlag.

3 Comments

  • Maike

    20. Dezember 2016 at 9:27 Antworten

    Auf Winnetou freue ich mich natürlich schon, aber das Wiedersehen mit Sam und der vielfach eingesetzten Beschreibung hat mir auch Spaß gemacht.

  • Heike Baller

    23. Dezember 2016 at 7:58 Antworten

    Na, offensichtlich war der Beitrag für die gestrige Sendung „Wer wird Millionär“ gerade richtig 🙂

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