Frauenliteratur von Nicole Seifert

Frauenliteratur von Nicole Seifert

Leider gibt es die Überschriftenfunktion hier nicht her, den Titel des Buches von Nicole Seifert „richtig“ darzustellen, nämlich so: Frauenliteratur. Ja, „Frauen“ ist durchgestrichen. Denn es geht nicht um die Bücher, die in Buchhandlungen als „Frauenliteratur“ präsentiert werden – weder in die eine noch in die andere Richtung. Es geht um Literatur von Frauen.

Punkt.

Wovon berichtet Nicole Seifert?

Ihr geht es um die Literatur, die lange Zeit in der Wahrnehmung zu kurz kam – Literatur von Frauen. Denn es gab sie. Und es gibt sie. Doch im Literaturkanon kam sie lange gar nicht vor und kommt sie erst langsam rein.

Und „Frauenliteratur“ – was soll der Begriff? Niccole Seifert führt pointiert aus, dass es schließlich auch keine Männerliteratur gibt. Bücher von Männern sind Literatur. Punkt. Das war so, das ist so und nach Meinung einiger soll das auch so bleiben. Literatur von Frauen ist in dieser Wahrnehmung „das Andere“.

Doch warum? Das führt sie an ihrem eigenen Lesetagebuch aus.

Und diese persönliche Lesehistorie der Autorin hat mich sofort gepackt – Winnetou, Kalle Blomquist, genau dieselben Bücher hab ich auch gelesen. Ja, gerade Kalle Blomquist war eins der Bücher, die mich durchs Leben begleitet haben. Ein guter Freund sozusagen. Und immerhin ist mit Eva-Lotte ja auch ein Mädchen mit am Start. Aber gerade beim von Nicole Seifert genannten Band mit Rasmus liegt ihre große Rolle im Fürsorglichen, also klassisch Weiblichen.

Wollte ich nicht Kinderpflege und ähnliches als Inhalt haben, waren männliche Protagonisten die Regel. Völlig normal. Gerade auch als Identifikationsoption. Denn normal war das Männliche. In der Kinder- und Jugendliteratur gab es schon lange die Unterscheidung für Jungen und Mädchen – aber Klassiker wie Kalle Blomquist oder Geschichten um die 5 Freunde usw. waren nie Geschlcehctern zugeordnet. Nach meiner Wahrnehmung war das Kriterium „Mädchen“ häufiger vertreten als das Merkmal „Jungen“ (noch früher „Knaben“).

Nicole Seifert führt das jetzt in verschiedenen Facetten aus.

Wichtigster Punkt: Schreibende Frauen werden in erster Linie als Frauen wahrgenommen und ihr Geschriebenes durch diesen Filter gelesen und bewertet. Dabei spielt das vorherrschende Bild von Weiblichkeit, von Rollenidealen usw. eine größere Rolle als die Bewertung von Stil und Können. Zahlreich die Beispiele, in denen sich die Sachen sinnlos verheddern:

  • Frauen sollen nur über das schreiben., was sie kennen (dürfen).
  • Schreiben Frauen über Themen, in denen sie sich auskennen, hat das keinen literarischen Gehalt – ist ja nur was, was Frauen angeht.
Titelblatt von Wuthering Heights von Emilly Brontë unter dem Namen von Ellis Bell
Die Romane der Brontë-Schwestern gehören in die Biographie weiblichen Schreibens, besonders der Roman von Emiliy, der mit Konventionen bricht. Die männliche Pseudonyme waren nicht ohne Grund gewählt

Weiterer Punkt, der in Kritiken weiblichen Schreibens eine Rolle spielte: Die Biographie der Autorin. War sie nicht makellos, musste ihr Geschriebenes schlecht sein.

Hups – wenn ich da so manche männliche Biographie vor Augen habe …

Da das Schreiben von Frauen über Jahrhunderte abgewertet wurde – Nicole Seifert zitiert ein paar „hübsche“ Passagen, die erschreckenderweise noch nicht so lange zurückliegen, z. B. mit Marcel Reich-Ranicki -, fällt auch Kritiker_innen unserer Zeit die Einordnung von Frauen geschriebener Werke schwer. Sie sehen keine Tradition, nehmen als Maßstab wieder Bücher von Männern.

Doch langsam tut sich was – Frauen werden mehr wahrgenommen.

Nicole Seifert hat übrigens nicht nur Frauen im Blick – auch andere marginalisierte Gruppen finden bei ihr immer wieder Platz, seien es People of Color oder queere Menschen.

„Vergessene“ Literatur von Frauen

Damit sind wir im politischen Bereich. Und da gibt es eine Passage, die mich sehr nachdenklich gemacht hat. Ich zitiere sie hier mal ausführlich. Nicole Seifert bezieht sich dabei auf den amerikanischen Literaturwissenschaftler Todd McGowan:

Warum wurden diese Werke denn „vergessen“? Seine Theorie: Weil die Traumata, die Frauen und Schwarze, BIPoc und LGBTQIA erlebten und beschrieben, sich nicht in die Weltsicht des bestehenden Kanons integrieren ließen. Sie wurden eigentlich nicht vergessen, sonder eher abgewehrt und verdrängt, weil andernfalls eine Auseinandersetzung mit diesen Bereichen der Gesellschaft hätte stattfinden müssen. Und das wiederum hätte bedeutet, dass eine ethische Verantwortung hätte übernommen werden müssen. Vor dem Hintergrund der Sklaverei, der Kolonialgeschichte und der jahrhundertelangen Unterdrückung der Frau war der Ausschluss dieser „anderen“ Stimmen demnach immer schon politisch begründet, ist die ästhetische Begründung stets eine politische.

S. 96f (Hervorhebungen im Original, H. B.)

Die Argumentation läuft noch weiter – Nicole Seifert lehnt in diesem Kontext das Wort „vergessen“ für die Literatur marginalisierter Gruppen ab.

Wie liest sich so schwere Kost?

Gut! Das Thema ist schwierig, der gesellschaftliche Rahmen größer und bedrückender als ich es vermutet habe – aber Nicole Seifert schreibt verständlich, konkret und mit Witz, wo es passt.

Mir sind beim Lesen einige Lichter aufgegangen.

Nicole Seifert gibt eine ungewöhnlich angeordnete Quellenliste an – am Ende des Buches, nach Kapiteln sortiert, in der Reihenfolge des „Auftritts“, aber ohne direkte Anbindung an ein Wort oder einen Satz in ihrem Text.

Danach folgt noch eine „Leseliste“ – Titel, die sie im Buch erwähnt. Ebenfalls in der Reihe des Auftritts. Alles Titel von Frauen. Ein Entdeckungsreisenangebot.

Nicole Seifert: Frauenliteratur. Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt, Kiepenheuer und Witsch, Köln, 2021, ISBN: 9783462002362

Bisher gibt es noch keine Kommentare

Einen Kommentar hinterlassen