Frau Grinch auf dem Adventsbasar

Frau Grinch auf dem Adventsbasar

Alle nennen sie Muscheln. Dabei sind es Schneckenhäuser. Meeresschneckenhäuser, genau gesagt. In allen Pastellfarben schimmernd. Da hatte bestimmt jemand nachgeholfen.

Mareike schlenderte über den Adventsbasar der Kirchengemeinde. Zwei Gruppen haben sich der maritimen Verzierung ergeben. Und nun stehen sie in Reihen parat: Schächtelchen neben Döschen neben Bilderrahmen. Und alles verziert mit „Muscheln“!

NEI-HEIN! Es sind Schneckenhäuschen, Kobold und Klabautermann noch einmal! Nur 20 Kilometer von der Küste entfernt haben eifrige Bastlerinnen offenbar auch jedes Fachwissen entfernt. Ihnen geht es nur um die geschmackvolle Anordnung: Groß umringt von Klein, umringt von Winzig. Farbige Öffnung in Bleu, Rosé oder goldschimmernd, immer abwechselnd oder als Farbverlauf.

Wie ist sie nur auf die blödsinnige Idee gekommen, einen Adventsbasar zu besuchen? Die sind doch alle gleich – ob auf der Hallig, im Seekurort, in der Marsch oder im Gebirge.

Der Glühweinstand sammelte hinter der Bude seine Abfälle. Keine Option, sich den Basar schöner zu trinken – auf diese Sorte „Glühwein“ hatte sie nun gar keine Lust! Mareikes Laune sank weiter. Ihr Gesicht war schon immer ein Spiegel ihrer Seele gewesen – die anderen wichen ihr aus.

„Na, Grinch“, grinste ein junger Mann sie an. „Selber“, schoss sie zurück. „Ich? Ich doch nicht! Ich liiiieeebe Weihnachten!“ Er breitete die Arme aus, als wolle er die Welt umarmen. „Friede, Freude …“ „Eierkuchen“, platzte Mareike in die Aufzählung.  „Was sitzt dir denn quer? Hey, hier sind lauter nette Leute, die sich Mühe gegeben haben, teils über Monate.“ „Bei manchem hätten sie es besser unterlassen!“ Was wollte der Typ?

„Du bist ein richtiger, echter Grinch, quasi in der Wolle gefärbt, ich seh schon! Hm.“ Mit schief gelegtem Kopf musterte er erst sie, dann die Stände im Hof der Kirche. „Ich weiß was!“

Er sprintete zu einem der „Muschelkästchen-echt-von-der-Nordsee“-Stände und stand zwei Minuten später wieder vor ihr, hielt ihr ein grün und rosa glitzerndes Döschen entgegen und sagte: „ So, jetzt packst du deine Mieselaunemiene hier rein und bist mal ein bisschen nett!“

Übergriffiger Großkotz! Mareike musterte ihn ostentativ von oben bis unten, zog einen Mundwinkel nach unten und eine Augenbraue hoch. Einen Moment hielt sie seinen Blick fest – einen Blick so voller Begeisterung. Noch einmal zuckte ihre Braue, dann wandte sie sich wortlos ab und ließ ihn stehen. Dachte sie. Doch er überholte sie gekonnt und hielt ihr erneut diesen Kitsch unter die Nase. „Das ist für dich!“ „Ich will das aber nicht!“ „Keine nette Art, auf ein Geschenk zu reagieren.“ „Hab ich dich um was gebeten? Nein! Also, was soll das?“ „Das ist der Trick beim Beschenkt-Werden: Das kommt unaufgefordert.“ Mareikes Blick sollte ihm klarmachen, dass man sie nicht einfach so überrumpeln durfte. Dieser Blick! Also, seiner. Erwartungsfroh. Überzeugt, auch eine Frau Grinch zu Weihnachtsglück zwingen zu können. Wie grausam konnte sie sein?

„Okay, gut, gib her.“ Seufzend streckte sie die Hand aus. „Ein Muschelkästchen für …“ „Das sind keine Muscheln! Das sind Schneckenhäuser!“ Wie blöd konnten die hier sein? „Ach?“ „Ja, ach. Guckstu: Gedrehtes Schneckenhäuschen, ein Eingang, einteilig. Muscheln haben zwei Seiten zum Zuklappen, quasi mit einem Scharnier verbunden.“ „Ach!“ „Ja, ach. Und überall bekomme ich so ’nen Schrott als Muschelkästchen angeboten,  weil sich keiner die Mühe macht …“

„Doch doch. Aber ‚Muschelkästchen‘ klingt netter als ‚Meeresschneckenhauskästchen‘. Und jetzt will ich dir was zeigen.“ Ungefragt ergriff er ihre Hand, führte sie zu dem ersten der beiden Stände und zeigte ihr, was man nur lesen konnte, wenn man dicht herantrat. Unter dem Wort „Muschelkästchen“ stand ganz klein „sind das nicht, aber ‚Schneckenhauskästchen‘ klingt blöd, oder? An alle Besserwisser: Manchmal ist das Einfache oder Gebräuchliche wahrer als die Wahrheit!“

Hölzener Weihnachtsengel mit Schal

Mareike musste laut lachen. Ihr „Weihnachtself“ schrie: „ Ich hab’s geschafft! Frau Grinch kann lachen! Weihnachten kann kommen!“

PS: Diese Geschichte entstand aus einem Schreibimpuls im Rahmen des „Schreibnovembers“ von Meike Blatzheim, an dem ich 2025 erstmals teilgenommen habe. Dank an Meike und die anderen – es hat Spaß gemacht!

Published byHeike Baller

Bis zum Morgen schmökern, Kissen nass weinen, bei der Bahnfahrt mal eben los gackern – das alles und noch einiges mehr bedeutet Lesen für mich. Naja, die Nächte lese ich nur noch selten durch, da melden sich doch zu penetrant die erwachsenen Bedenken in Sachen „Wecker am Morgen“ … Aber in der Bahn können Sie mich immer mal wieder grinsend oder kichernd erleben. Mit einem Buch vor der Nase. Da ich außerdem gerne mit anderen über das, was ich gelesen habe, diskutiere, habe ich dieses Blog gestartet. Leselust, das ist es, was mich antreibt, immer neue Bücher zu kaufen, zu leihen und vor allem zu lesen. – Vorlesen tu ich übrigens auch gern.

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