Franz von Assisi von Gunnar Decker

Franz von Assisi von Gunnar Decker

Der Name des Franz von Assisi ist ja seit der Namensübernahme durch Jorge Mario Bergoglio als Papst Franziskus wieder sehr im Gespräch. Dieser Heilige, der der Schöpfung ein Lied sang, der die Krippe als Ort der Weihnachtsfeier erfand und der mit den Wundmalen Christi auf dem Leib gezeichnet war. Anders als einige eher „fromme“ Biographien hat Gunnar Decker den Zeitgenossen Francesco in den Mittelpunkt seiner Schilderung getellt. Die Freude am Leben hat dieser Bettelmönch nicht verloren. Gunnar Decker bietet gleich am Anfang eine Erklärung dafür an, die Franziskus gerecht wird und ihn gleichzeitig als Kind seiner Zeit, seiner Familie und Gesellschaftsschicht kennzeichnet:

Nein, dieser Franz von Assisi ist kein Heiliger des zu Boden gerichteten Blicks, kein Meister der Selbstabtötung. Da spürt einer, dass er Sinne hat, die ihn das göttliche Wunder des Lebens erleben lassen – in seinem Wachstum und Blühen ebenso wie im Welken und Absterben. Mit Franz von Assisi bekommt die vita activa, wie sie bereits sein ruhelos Handel treibender Vater verkörpert, eine Seele. Sie hört damit nicht auf, vita activa zu sein, aber sie beginnt nach innen zu lauschen. (S. 37)

Dieser historisch eingeordnete Franziskus verliert vielleicht in manchen Facetten den so beliebten soften Touch, ist aber näher an mir als „normalem“ Menschen dran. Auch mit solchen Sätzen holt Gunnar Decker ihn aus der heiligen Ecke raus:

Die Todesprophezeiung […] macht ihm Angst. […] Es kostet ihn alle Kraft, auch zu dem Unvermeidbaren Ja zu sagen. Denn er lebt gern, trotz aller Askese, trotz Buße für das gottferne Leben in seiner Jugend […] Mitten aus dem Leben heraus spricht er, nicht aus der Weltverneinung, sondern aus der Weltbejahung predigt er die Nachfolge Jesu. (S. 280)

StFrancis part
Das älteste Bild des Franz von Assisi, laut Wikipedia noch zu Lebzeiten entstandene, ein Fresko im Sacro Speco in Subiaco
Er ist ein Produkt seiner Zeit – in seiner Auflehnung und in seiner Vereinnahmung. Denn der Sozialrebell wollte es sich mit der Kirche nicht verderben – auch wenn er vieles an ihr kritisierte. So begann schon zu seinen Lebzeiten die Vereinnahmung seiner Lehren. Warum das so kam, ja kommen musste, schildert Gunnar Decker einerseits sehr kundig – quellen- und literaturkundig -, andererseits lebendig und nachvollziehbar.  Der Zwiespalt zwischen dem „franziskanischen Ideal“ und der Ordnung einer großen Gruppe war bereits in seinem engsten Kreis ein Thema; viel mehr aber wurde nach seinem Tod das seiner Lehren verbreitet, was genehm war; die Radikalität seiner Abkehr von Reichtum und Bequemlichkeit mutierte so zu einer frommen Geschichte. Der Orden selbst entfernte  sich in vielen Bereichen zunehmend von diesem Ideal. Auch die Gründe dafür legt Gunnar Decker dar, beleuchtet nicht nur die Geschichte des Gründers, sondern auch die des Ordens in der späteren Zeit.

Gunnar Decker: Franz von Assisi. Der Traum vom einfachen Leben, Siedler Verlag, München, 2016, ISBN: 9783827500618

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