Finnisches Feuer von Johanna Sinisalo

Finnisches Feuer von Johanna Sinisalo

Was ist das denn für ein Buch? Was passiert denn da? Mein erster Eindruck des neuen Romans von Johanna Sinisalo war Irritation. Doch dann hat mich die Geschichte von Vanna/Vera in den Bann gezogen.

Sie lebt in Finnland, im Jahr 2016. Aber ihr Finnland unterscheidet sich grundlegend von dem Land, das wir kennen – Johanna Sinisalo hat ein Finnland erfunden, das im 20. Jahrhundert einen eigenen Weg eingeschlagen hat, den Weg in die Eusosistokratie – den Wohlfahrtsstaat. Wer jetzt meint, das klänge doch gut, sitzt einem Irrtum auf. Wenn die Wohlfahrt aller das  herrschende Leitbild ist, kann das eben auch so aussehen, das „gefährliche“ Dinge vom Staat verboten sind:

  • Alkohol
  • Zucker
  • Tabak
  • Fleisch
  • Handys
  • Computer

Andere Staaten, in denen es all‘ das gibt heißen „Hedonisten-“ oder „Zerfallsstaaten“. Menschen werden – orientiert an den Völkern der Zeitmaschine von H. G. Wells – in Gruppen eigneteilt: Eloi, Morlock, Minusmann, Masko. Fortpflanzen dürfen sich nur Elois – auch Femifrauen genannt – und Maskos.

Elois sind das Ergebnis von Zuchtauswahl und Erziehung: Blond, Kindchenschema, dumm, sexuell attraktiv.

Vanna/Vera ist eine Morlock, eine Frau mit Verstand, sieht aber aus wie eine Eloi. Ihr Schwester Manna/Mira, an deren Grab das Buch beginnt und der sie im Lauf der rd. 310 Seiten Briefe über ihre gemeinsame Geschichte schreibt, ist eine typische Eloi. Die Spannung zwischen den beiden ungleichen Schwestern erlaubt einen Einblick, wie gnadenlos das gesellschaftliche Ideal der gesunden Lebensführung in die Selbstbestimmung, in den Alltag und die Lebensmöglichkeiten eingreift.

Capsicum galapagoense brachistus pubescens schuyler mathews
Eine Chilipflanze in historischer Darstellung
Neben den oben genannten Dingen ist auch Capsaicin verboten – der Stoff, der Chilis scharf macht. Vanna/Vera ist eine Capserin – sie ist abhängig von dem Flash, den Chilis und ihre Produkte erzeugen können. Johanna Sinsalo, die selber Chilis liebt, schildert die Geschmackserlebnisse derart lebendig – synästhetisch, mal als Farbe, mal als Klang -, dass selbst ich,  die ich scharfes Essen gar nicht mag, fasziniert bin.

Die Geschichte, wie Vanna/Vera ihren Weg geht, wie sie es schafft, als Morlock in Eloi-Hülle durchzukommen, macht die Funktionsweise von totalitärer Herrschaft erlebbar. Gesundheit, also physische Gesundheit, als Nonplusultra der Lebensführung, als Staatsziel – „lebensunwert“ ist da nicht weit entfernt, Menschenverachtung, besonders Frauenverachtung, ist hier Alltag. Und die Sache mit den zwei Namen  – Vanna/Vera und Manna/Mira – gehört auch in diese Kategorie der staatlichen Eingriffe.

Der Roman von Johanna Sinisalo passt in keine Genre-Schublade; er ist nicht Science Fiction, er  ist nicht Fantasy (beides Genres, in denen die Autorin viel veröffentlicht hat). Er hat Elemente von beidem und zeigt auch kritische Elemente unserer Realität: Gesundheitswahn, Frauenbild, Frauenrolle.  Eine gute Mischung.

Der Original-Titel lautet übirgens übersetzt „Kern der Sonne“.

Johanna Sinisalo: Finnisches Feuer, übersetzt von Stefan Moster, Klett-Cotta Verlag, Stuttgart, 2014, ISBN: 9783608501445

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