Emma Watson von Joan Aiken

Ehrlich gesagt bin ich die Version der “Watsons” von Joan Aiken sehr vorsichtig herangegangen, denn vor ewigen Zeiten hat mir ihre Version der Emma-Geschichte – “Jane Faifax” – so gar nicht gefallen. Und was ist passiert? Ich habs an einem Nachmittag ausgelesen 🙂 Ein weiterer Punkt, der zuerst gegen “Emma Watson” sprach: Ich hatte kurz zuvor die anonym vollendete Version von Jane Austens Fragment gelesen und war quasi in  Hinblick auf die zu erwartenden Ehen etwas voreingenommen.

Was genau macht Joan Aiken nun mit dem Stoff? Sie bedient sich der fünf Kapitel, die Jane Austen zu den “Watsons” hinterlassen hat, als Steinbruch, um auf Ereignisse vor dem Einsetzen ihrer eigenen Handlung zu verweisen. Sie stellt sie ihrem eigenen Werk aber nicht voran. Dabei nutzt sie, wenn ich der Übersetzung trauen darf, Satzteile und Formulierungen, die dann als vertraute Bausteine erkennbar sind. Ähnlich wie Mella von der Jane-Austen.de-Seite habe ich die Erwähnung der Alltagsrezepte usw. aus der Zeit um 1804 als etwas übertrieben empfunden. In meinen Augen nehmen sie aber nur im ersten Kapitel einen unbillig großen Raum ein; naja, gut, am Ende, die ganzen Tipps zum Kurieren von Pferden … Die ersten Kapitel, die den ersten Tag (!) der Handlung schildern, haben sowieso den Nachteil, etwas überfüllt zu wirken – in meinen Augen hat Joan Aiken hier zu viel reingepackt, nämlich:

  • die große Wäsche im Hause des Vaters von Emma Watson, die von Emma und ihrer ältesten Schwester Elizabeth bewältigt werden muss – eine gute Gelegenheit sich auszutauschen, wobei die Informationen sehr geballt daherkommen
  • den Besuch von Mrs. Blake mit ihren Kindern
  • die Ankunft von Penelope mit ihrem frisch angetrauten Ehemann Dr. Harding
  • den Besuch von Tom Musgrove und Lord Osborne
  • das unangenehme Verhalten von Jane Watson, der Schwägerin von Emma, Elizabeth, Margaret und Penelope

Jean-Baptiste Siméon Chardin 019

Große Wäsche war für nur eine Person eindeutig zu viel – zwei musstens schon sein, die sich die Arbeit teilten.

Danach sind nicht nur Emma und Elizabeth rechtschaffen erschöpft – ich als Leserin auch. Doch im weiteren Verlauf geht es etwas gemächlicher voran:

  • Penelope hat ihren Gatten überredet, ein großes, verwahrlostes Haus in der Nachbarschaft zu kaufen
  • Lady Osborne ist hinter Mr. Howard her
  • Emma ist für ihren Vater ein Trost
  • die Kalamitäten der mit dem irischen Offizier verheirateten Tante werden sehr schnell Thema – es geht ihr übel in Irland

Ein paar neue Figuren werden eingeführt:

  • in Vetter von Mrs. Blake, der sich mit westsächsischen Gebäuden auskennt (Penelopes Errungenschaft gehört dazu) und sich mit Mr. Watson einen Abend lang freundschaftlich unterhält
  • Ein Vetter von Lady Osborne taucht auch noch auf.
  • Damit sich Tom Musgrove nicht so allein vorkommt, hat Joan Aiken noch einen anderen Blender eingeführt – Mr. Thickstaffe führt mit seinem “Geldinstinkt” einige Entwicklungen herbei, die ohne ihn nicht so rasch eingetreten wären.

Am Ende bekommen alle, was ihnen zusteht – bis auf Mrs. Blake und ihren Sohn Charles; deren Schicksal ist einfach “ßu ßu traurig”, wie man bei uns in der Familie sagt. Die Charakterisierung der Personen orientiert sich an den Vorgaben von Jane Austen. Lady Osborne, die auf einen neuen Gatten erpichte verwitwete Mutter des linkischen Lord Osborne, ist ganz besonders “liebevoll” gezeichnet. Man merkt schon, dass Joan Aiken auch Krimis und Thriller schreibt … fiese Charaktere gelingen ihr gut.

Hübsch finde ich die verschiedenen “Ostereier” im Text – als Jane-Austen-Leserin habe ich Spaß daran, die Bezüge und Zitate zuzuordnen, die sich da verstecken. Auch beim Leben Jane Austens selber bediente sich Joan Aiken – so tritt hier der Bibliothekar des Prinzregenten an Emma heran, weil dieser die Sammlung so schätzt, die sie aus den Predigten ihres Vaters herausgegeben hat. Prinny und Predigtsammlungen – herrlich, wenn ich ich die Charaktersierung dieses Monarchensprosses aus der Feder von Geogette Heyer denke, in deren Büchern er häufiger auftaucht …  Sie sehen, ich hatte Spaß an dem Buch 🙂

Joan Aiken: Emma Watson, übersetzt von Renate Orth-Guttmann, Diogenes Verlag, , Zürich, 1997, ISBN: 3257061315

Auch diese Besprechung gehört zu meiner Serie “Beloved Jane” zu Jane Austen 200. Todestag im Juli 2017.

In der Stadtbibliothek Köln gibt es das Buch auch.

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2 Gedanken zu „Emma Watson von Joan Aiken

  1. Das klingt sehr unterhaltsam (und überhaupt habe ich an deiner Jane-Austen-Serie meinen Spaß). Ich fürchte, mit alltagshistorischen Details (egal ob in Überfülle oder nicht) kann man mich immer gut ködern!

    • Irgendwie scheinen Blogreihen gerade mein Ding zu sein 😉
      Das mit dem Alltagswissen kommt bei Joan Aiken mal gut und mal weniger gut rüber – manchmal hat es schon was Aufgesetztes. Aber ich gestehe, dass ich auch eine Schwäche für manche Tipps aus Ur-Ur-Urgroßmutters Haushalt habe.
      Joan Aiken hat ja einige Bücher dieser Art geschrieben – es kommen da noch welche. Aber auch anderes. “Dummerweise” hatte ich schon sehr viel Jane-Austen-Material verbraten (und freu mich jetzt wie Bolle, dass ich so spannende Sachen auftun darf)

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