Eine Hand voller Sterne von Rafik Schami als Buch für die Stadt

Die Häuser sind aus Lehm gebaut. In jedem leben mehrere Familien, und jedes Haus hat einen Innenhof, der allen Nachbarn gehört, sie zusammenbringt und streiten lässt. Das Leben der Erwachsenen findet in den Innenhöfen statt. Die Straße gehört uns Kindern, den Bettlern und den fliegenden Händlern. (Eine Hand voller Sterne von Rafik Schami, Beltz + Gelberg, Weinheim/Bergstraße,1987,S. 6f)

Biographie Rafik Schami

So schildert Rafik Schami die Gasse in Damaskus, in der er aufgewachsen ist in seinem ersten Roman „Eine Hand voller Sterne“ von 1987, dem diesjährigen „Buch für die Stadt“ in Köln.

Rafik Schami wurde 1946 in Damaskus geboren – an welchem Tag ist unklar; in seinem Essay „Hürdenlauf“ (im Essayband “Damaskus im Herzen und Deutschland im Blick“; der Essay ist neben anderern aus dem Band die Grundlage für die folgenden biographischen EInzelheiten) schildert er die damalige Situation: 1946 gewann Syrien die Unabhängigkeit von der französischen Besatzung/Kolonialherrschaft. Da die Franzosen die Minderheiten ein bisschen besser behandelt hatten als die muslimische Mehrheit, fürchtete die aramäisch-christliche Familie Repres­salien und zog sich im Sommer ins Heimatdorf Malula zurück. Der Vater kehrte früh in die Stadt zurück, denn er hatte eine Bäckerei erworben; im Herbst folgte die ganze Familie und erst im Winter fand der viel beschäftigte Vater die Zeit, die Geburt seines Sohnes beim Amt zu melden. Da er nicht zugeben wollte, dass das Kind schon mehrere Monate zählte, gab er keine konkrete Angabe und der Beamte notierte eigenmächtig den 23.6.

Die Ananias-Kapelle ist ein altes chrsitliches Bauwerk in Damskus und Rafik Schamin gut bekannt.  „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert“ (kein Name angegeben)

Die Ananias-Kapelle ist ein altes christliches Bauwerk in Damaskus und liegt in Rafik Schamis altem Viertel
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Damascus-Ananias_chapel.jpg?uselang=de

Wenn Sie unser diesjähriges Buch für die Stadt schon gelesen haben, wissen Sie, dass der Protagonist genau wie Rafik Schami – zum Namen kommen wir gleich noch ausführlich – Sohn eines Bäckers in Damaskus ist; dieser Vater will, dass sein Sohn die Schule abbricht und in der Bäckerei arbeitet. Anders der Va­ter von Rafik Schami – er unterstützte seinen Sohn in Sachen Schule, ja förderte das literarische Talent des Sohnes. Allerdings ging die Förderung erst einmal nach hinten los, denn der fromme Vater wollte vor allem religiöse Gedichte – das verleidete dem Sohn die Sache. Da der Vater überzeugt war, aus dem Jungen könne was werden, sandte er ihn in ein Kloster in den Libanon – eine strenge Einrichtung, deren einziger Vorteil für den Jungen in der großen Bibliothek be­stand. Im Gegensatz zum Vater wusste er, dass er nicht Priester werden wollte, der Aufenthalt wurde für ihn zur Qual; dann erkrankte er auch noch schwer, dummerweise zur Erntezeit, weshalb die Lehrer ihn für faul hielten und ihn nicht richtig untersuchen, geschweige denn behandeln ließen.

Nur ein überraschender Besuch des Vaters rettet dem an Meningitis Erkrankten das Leben. Er durfte zurück nach Damaskus und besuchte dort eine Eliteschule, in der er sich als Musterschüler hervortat, obwohl er unter dem strengen Urteil „Thema verfehlt“ sehr litt, das Aufsätze brandmarkte, die nicht genau der Form entspra­chen, die Humor oder Fantasie spüren ließen.

Seinem Vater hatte er – zu dessen großem Kummer – gesagt, dass er Naturwissenschaften mehr liebe als Literatur und verschanzte sich regelmäßig hinter als Schulbüchern getarnten Romanen, Krimis und Werken der Weltliteratur. Er begann auch zu schreiben, gab sein erstes Stück einem Radioredakteur, der, das ist eine Parallele zum Buch für die Stadt “Eine Hand voller Sterrne”, das Stück unter eigenem Namen herausbrachte.

Jetzt kommen wir zu der Sache mit dem Namen. Rafik Schami heißt eigentlich Suheil Fāḍel. So nannte er sich, bis er 17 oder 18 Jahre alt war. Mit 16 lernte er einen Mann kennen, der seine bisherige literarischen Sachen las und für gut befand. Er regte Suheil an, der Kommunistischen Partei Syriens beizutreten, denn dort könne er was für sein Volk tun und seine Kunst sinnvoll nutzen. Politisiert waren die jungen Leute damals zu einem großen Teil, was bei der damaligen Lage nicht ausbleiben konnte – aber dazu später mehr.

Mit 17 trat also Suheil Fāḍel der KP in Syrien bei. Sein Mentor war nicht lange an seiner Seite, aber Suheil engagierte sich sehr. Da die KP im Untergrund arbeitete, musste ein Deckname her – da erfand er „Rafik Schami“: Rafik heißt „Freund“, aber auch „Genosse“ und „Weggefährte“ und „Schami“ bedeutet „aus Damaskus“. Die Herkunft dieses Namens aus der Untergrundbewegung erläutert manche Be­merkung Schamis, über die ich im Rahmen der Vorbereitung etwas gestolpert bin – der Name solle keinen Hinweis auf Familie und Stand geben, z. B. Nächs­tes Jahr wird Suheil Fāḍel 70 Jahre alt und wird dann seit mehr als 45 Jahren unter dem Namen Rafik Schami bekannt sein.

In seiner Jugend sah Syrien und damit auch Damaskus ganz anders aus, als wir das heute erleben. Rafik Schami beschreibt das so:

Wir sind in den 1950er Jahren eine sehr aufmüpfige, wunder­schöne Republik gewesen, die habe ich als junger Mann* noch erlebt. Da gab es richtige Wahlen, richtige Zeitungen, wir hatten keinen einzigen politischen Gefangenen, wir lebten frei und hatten keine Angst vor der Regierung. Wir haben uns getraut, über jeden zu schimpfen – das war das Syrien meiner Kindheit und Jugend. (Interview : Anne Allmeling © Deutsche Welle 2011)

* „Junger Mann“ ist gut – 1960 war Suheil gerade mal 14 Jahre alt.

In seiner KP-Zeit wollte Suheil-Rafik mit Gleichgesinnten eine Jugendzeitung der KP herausbringen – sie wurde von der Partei-Führung verboten, da zu elitär. Rafik ging innerhalb der KP in die Opposition und brachte ab 1966 – unabhängig von der KP – eine eigene Wandzeitung heraus, in seiner Gasse, in seinem Viertel. Zweimal monatlich er­schien sie.

Können Sie sich so eine Wandzeitung vorstellen? Ich konnte es nicht und bin dankbar, dass Rafik Schami in seinem Essay „Hürdenlauf“ das genau schildert:

Hinter Glas befand sich die Fläche, 2 x 1,5 Meter, darauf wurde die Zeitung be­festigt; die Artikel waren so angebracht, dass die Kinder die für sie bestimmten Texte unten lesen konnten, während die für die Erwachsenen weiter oben standen. Nachts wurde die Wandzeitung beleuchtet.

Das mit der Kinderecke war auch so eine Sache. Rafik Schami beschreibt an ei­ner Stelle, dass er einmal abends mitbekam, dass die Kinder auch was lesen wollten. Aus seiner Gruppe, die sich für die Zeitung engagierte, wollte sich nie­mand mit solchem „Gedöns“ abgeben – da nahm er es selber in die Hand. Er befasste sich mit Kinderbüchern, mit Themen, die Kinder interessieren; er nahm die jungen Leserinnen und Leser sehr ernst und vertritt – offensichtlich bis heute – die Auffassung, dass Kinder die beste Literatur brauchen und die kritischsten Rezipienten sind; niemals ein Kind zu langweilen, gehört zu seinen Zielen.

Die Zeit der Wandzeitung Al Muntalak (der Ausgangspunkt) war politisch sehr bewegt – im Nahen Osten wie weltweit: Die PLO mauserte sich zu einer politi­schen Größe, die Befreiungsbewegungen kamen von Südamerika nach Afrika, auch in den Nahen Osten, Frauen, Schwarze und andere gingen für mehr Rechte auf die Straßen, der Protest gegen den Vietnamkrieg war auf dem Hö­hepunkt. Die politischen Vorgänge in Syrien waren verworren – deshalb gab es eine Zeit der größeren Freiheit. Doch dann zeichnete sich eine neue Entwicklung ab, mit eher diktatorischen Zügen, und 1969 wurde die Wandzeitung, die gerade mal eine Handvoll Leserinnen und Leser hatte, verboten, ihr Autor wurde mit Zensur belegt.

Freunde von ihm mussten ins Gefängnis; ihm selbst drohte auch Verhaftung. Da entschloss er sich zum Exil. Ende 1970 floh er erst in den Libanon, im März 1971 flog er nach Ost-Berlin und von dort weiter in die BRD. Sein Ziel: Heidel­berg. Er hatte dort einen Studienplatz in Chemie zugesagt bekommen. In Da­maskus hatte er neben Chemie auch Physik und Mathematik studiert.

Er studierte also Chemie und Pharmakologie, arbeitete für den Lebensunter­halt in Kaufhäusern, Restaurants, auf Baustellen und in Fabriken. 1979 schloss er sein Studium mit der Promotion in Chemie ab und ging in die Wirtschaft.

Gleichzeitig hatte er aber auch geschrieben und veröffentlicht: In Zeitschriften und Anthologien, am Anfang auf Arabisch, später, ab 1977, auf Deutsch. Da war er gerade mal 6 Jahre in Deutschland! 1978 er­schien sein erstes Buch, das er auf Deutsch geschrieben hat – die Märchen­sammlung „Andere Märchen“.

Neben der eigenen literarischen Arbeit war Ra­fik Schami schon früh engagiert darin, andere zu unterstützen – so begründete er 1980 die Literaturgruppe „Südwind“ mit, in der sogenannte Gastarbeiterlite­ratur ein Forum fand. Auch der Verein PoLiKunst – das heiß Polynationaler Lite­ratur und Kunstverein – wurde 1980 unter seiner Mitwirkung gegründet. Seit 1982 lebt Rafik Schami als freier Schriftsteller in Rheinland-Pfalz.

Dass seine Werke viele Preise gewonnen haben, muss ich wohl nicht mehr er­wähnen – er ist ein anerkannter und erfolgreicher deutschsprachiger Schrift­steller, dessen  Bücher in 20 Sprachen übersetzt werden. Und er war von Anfang ein kritischer Beobachter der Lage in Syrien und in Deutschland; bevor ich mich der Haltung Rafiks Schamis zur aktuellen Lage in Syrien zuwende, möchte ich einen kleinen Abriss über die politische Entwick­lung seines Heimatlandes seit 1946 geben – denn wenn es Ihnen so geht wie mir, haben Sie die Entwicklungen der Nachkriegszeit nicht so wahnsinnig prä­sent …

Geschichte Syriens im 20 Jahrhundert

Syrien befand sich jahrhundertelang unter Fremdherrschaft, wobei „Syrien“ im Laufe der Zeit unterschiedlich große Gebiete umfasste; Damaskus gehörte üb­rigens immer dazu.

Die letzten fremden Herren waren die Franzosen, die nach dem ersten Welt­krieg das Völkerbundmandat für Syrien und den Libanon erhielten und bis April 1946 in Syrien das Sagen hatten. In die Herrschaft berufene Vertreter der neuen Republik – der Syrischen Republik –  1946 waren vor allem solche, die mit den vorherigen Kolonialisten – so drückt Rafik Schami das aus – gut vernetzt und ihnen loyal waren; so waren sie dankbar und berechenbar. Doch diese neuen Herren schürten die Unzufrie­denheit derer, die sich einen echten Neuanfang gewünscht hatten – eine gesi­cherte Demokratie sieht anders aus.

Zur gleichen Zeit wie die Ausrufung der Syrischen Republik wurde durch UNO-Beschluss der Staat Is­rael gegründet. Das nahmen die arabischen Nachbarn nicht einfach so hin, son­dern verbündeten sich gegen den Neuen in ihrer Nachbarschaft: 1948 gab es einen Überfall auf Israel, ohne vorherige Kriegserklärung – und die arabische Allianz schei­terte. Syrien gehörte mit zu den Verlierern.

In Ägypten war damals Gamal Abdel Nasser der große Mann. Er verfolgte pa­narabische Ideen – eine damals sehr populäre Sache, die Schaffung eines arabi­schen Großreichs erschien vielen sinnvoll, auch in Syrien. Dabei wurde der Umstand ignoriert, dass die willkürlich gezogenen Grenzen aus der Kolonialzeit inzwischen tatsächlich Staaten mit eigenen Interessen umfassten – mit Interessen, die sich teils entgegenstanden.

Nach einer „Probephase“ mit gemeinsamem Oberbefehl im Sueskrieg entstand am 1. Februar 1959 die „Vereinigte Arabische Republik“ – ein Zusammenschluss von Syrien und Ägypten. Dieser Zusammenschluss wurde von Offizieren initiiert, die ohne Wissen der Regierung mit Ägypten verhandelten. Nicht stabilitätsfördernd …

Assad Maalula Syria 2001

Assad-Personenkult überall – auch im Heimatdorf von Rafik Schamis Familie, Malula. Foto: Krokodyl https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Assad_Maalula_Syria_2001.jpg?uselang=de

Syrien war in dieser Konstellation aber eindeutig der kleinere Partner, Ägypten dominierte – und das führt zu Unzufriedenheit in Syrien. Wirtschaftliche Probleme in Syrien ver­stärkten das Ungleichgewicht und damit die Unzufriedenheit – 1961 beendete ein Putsch unter Beteiligung von Hafiz al-Assad diese „Republik“. Im Mai 1963 putschte sich die Baath-Partei an die Macht – und Hafiz al- Assad wurde Luft­waffenchef. 1966 gab es den nächsten Putsch – und al-Assad wurde Verteidi­gungsminister. Im Sechs-Tage-Krieg mit Israel 1967 patzte al-Assad als Verteidi­gungsminister – Verlust der Golanhöhen – , vermochte es aber, die Schuld dem Regierungschef in die Schuhe zu schieben, putschte 1970 erneut , beseitigte so die Zivilregierung. Er wurde Premier, 1971 dann Präsident Syriens. Mit Zustim­mungszahlen, die uns an die DDR erinnern: 99,2 %, ohne Gegenkandidat …

Assad stützt seine Macht auf Militär und Geheimdienst“ – so heißt es im Artikel über ihn bei Wikipedia. Rafik Schami betont immer wieder, dass in Sy­rien 15 Geheimdienste tätig seien. Diese konkurrieren miteinander und das Er­gebnis ist die vollständige Überwachung.

Mit diesen Machtinstrumenten unterdrückte Hafiz al-Assad v. a. die islamisti­sche Opposition wie die Muslimbrüder. Gemeinerweise führte diese Haltung, verbunden mit der Erfahrung der Revolution im Iran mit Ajatollah Khomeini dazu, dass der Westen nicht so viel dagegen einzuwenden hatte. Auch das Massaker von Hama 1982, eine blutige Niederschlagung eines Putsches der Muslimbrüder in Kooperation mit einem der Brüder von Hafiz al-Assad, fiel so unter den Tisch. 30.000 Menschen sollen damals durch das Militär umgebracht worden sein – genaue Zahlen sind bis heute unbekannt.

Syrien erfuhr in den Anfangsjahren der Diktatur al-Assads eine Phase verhältnismäßiger politischer Stabilität und auch die Wirtschaft erholte sich et­was. Das stabilisierte die Herrschaft al-Assads.

Einen weiteren Aspekt nennt Rafik Schami, der die Entwicklung in seiner Hei­mat seit Beginn seines Exils engagiert verfolgt und mit vielen Oppositionellen und auch mit denen seiner Familie, die in Damaskus geblieben sind, in Verbin­dung steht: Die Familie al-Assad gehört zu den Alawiten, die viele Jahre der Verfolgung erlitten – Hafiz al-Assad hat die wichtigsten Posten mit Glaubens­brüdern besetzt, deren Motiv Rache sich dann in brutalen Reaktionen gegen­über der Opposition manifestierte. Baschar al-Assad setzte diese Strategie fort. Die Alawiten sind dem al-Assad-Clan loyal ergeben. Auch andere Minderheiten wurden in die Regierung einbezogen, darunter auch Christen – Loyalität ist das Ergebnis.

Der Aufstand für Demokratie von 2011 und der Bürgerkrieg

Wissen Sie noch, wie der Arabische Frühling, die Arabellion begann? Im De­zember 2010 in Tunesien war das. Im März 2011 erreichte er dann auch Syrien. Menschen gingen auf die Straße – einmal in der Woche. In Daraa – von einer jahrelangen Dürre geplagt und von der Willkür und Korruption bei der Vergabe von Saatgut und anderen lebenswichtigen Entscheidungen – schrieben Kinder regimekritische Parolen auf Hauswände. Sie wurden verhaftet, gefoltert, mindestens ein elfjähriger Junge starb. Die Eltern, die gegen die Folter ihrer Kinder bei Atef Najib, dem Geheimdienstchef vor Ort, einem Cousin Assads, protestierten, wurde von diesem beleidigt – sie sollten diese Kinder vergessen und bessere zur Welt bringen und wenn sie das nicht schafften, sollten sie ihre Frauen bei ihm und seinen Männern vorbeibringen … Wütend protestieren die Menschen gegen diese unmenschliche Einstellung – das Regime reagierte mit Härte, ließ schießen, vier Demonstranten starben und ihre Beisetzung war das Fanal für Proteste im ganzen Land. Rafik Schami schildert diese Ereignisse im Interview mit Andrea Pollmeier.

Nun waren sie jeden Tag auf der Straße, tausende. Sie forderten Demokratie und Freiheit. Nichts war zu dieser Zeit von unterschiedlichen Konfessionen oder Ethnien zu hören. Syrien als ein Land mit besseren Lebensbedingungen, mit Rede-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit, mit demokratischen Strukturen – das war das gemeinsame Ziel. Allerdings waren es von Anfang an verschiedene Gruppen, die da aktiv wurden, die Protestbewegungen waren keine zentralisierte Größe, ihre Kundgebungen waren verstreut – anders als in Ägypten auf dem Tahir-Platz – und sie hatten außer den grundlegenden Forderungen keine gemeinsamen Vorstellungen davon, wie es weitergehen sollte. Rafik Schami meinte, dass sie Assad auch als Regierungschef weiter hingenommen hätten, wenn es entsprechende Reformen gegeben hätte.

Aber für Assad sind Demonstranten per se Terroristen. Oder zumindest vom Ausland gekaufte Verbrecher. Deshalb griff er durch. Erst ließ er Dschihadisten aus dem Gefängnis frei, dann sandte er Geheimdienstmitarbeiter als Agents provocateurs mit auf die Straße und als sich die Straße dann radikalisierte, hatte er den Anlass, so durchzugreifen, wie er es von Anfang getan hat: mit Gewalt. Bis dahin, dass er Fassbomben und Giftgas gegen die eigene Bevölkerung einsetzte und immer noch einsetzt.

In diese Situation kamen die ersten echten Terroristen von Al-Quaida und trieben den Konflikt vor sich her. Bis wohn, das wissen wir – der IS führt einen blutigen Kampf und Assad erscheint dem Westen gegenüber solchen Terroristen als das kleinere Übel.

Rafik Schami hat all die Jahrzehnte über den Kontakt nach Syrien gehalten – über seine Familie, über Freundinnen und Freunde. Er kennt nach wie vor jede Gasse in Damaskus – ein Hilfsmittel ist ihm Google Earth – nach eigener Aussage kennt er die Lage in Syrien besser als jeder, der dort lebt, weil er Informationen, die er im Exil frei bekommen kann und Informationen von innen miteinander kombinieren kann. So hat er sich – auch für seine Romane – von Menschen, die in den Gefängnissen saßen, diese genau beschreiben lassen: Wo sie liegen, wie sie aussehen und ausgestattet sind, wie der Umgang mit Gefangenen ist.

Mit dieser Kenntnis hat Rafik Schami von Anfang auch in Deutschland Position bezogen, den Westen kritisiert – nachzulesen im bereits zitierten Interview mit Andrea Pollmeier. Und er hat versucht, zu analysieren, warum arabische Potentaten so erfolgreich sein konnten.

Im Essay „Dem Morgen begegnen heißt Hoffnung haben“, der auch in “Damaskus im Herzen …” erschienen ist, sagt Rafik Schami sinngemäß: Die Potentaten haben viele industrielle und Luxusgüter importiert und fühlten sich auf der Höhe der Zeit; im Land selber könne aber nichts produziert und entwickelt werden. Politisch kritischen Zeitgenossen wird dann vorgeworfen, sie importierten westliches Gedankengut, das dem Hergebrachten widerspräche

Die Übernahme westlicher Ideen ist nicht leicht – weder für die Potentaten als Pseudo-Demokratie, noch für die Oppositionsgruppen; unkritisches Übernehmen westlicher Muster sei in beide Richtungen fatal; Rafik Schami plädiert dafür, sowohl in Politik als auch in der Kultur, die westliche Sicht zu studieren und kennenzulernen, sie dann jedoch mit den Traditionen zu versöhnen und so etwas Eigenes zu schaffen.

Diese Gründe, zusammen mit der Einstellung des Westens, die Verhandlungen mit Diktatoren bequemer findet als mit Demokratien, die auf das wirtschaftliche Wohl ihres Volkes gucken und nicht auf den eigenen Profit – so Rafik Schamis Erläuterung – haben dazu geführt, dass sich im Mittleren und Nahen Osten Herrscher wie die Assads, wie Gaddafi und Saddam Hussein halten konnten und können. Selbst jetzt noch – bzw. jetzt wieder – gilt Assad gegenüber dem IS als das kleinere Übel. Und das ungeachtet der Tatsache, dass er zum eigenen Vorteil den Dschihadisten erst das Tor geöffnet hat.

Kein Wunder, dass Rafik Schami auch schon mal scharf polemisiert. Dabei aber betont er immer wieder die Vorzüge der Freiheit und wird nicht müde, seine Dankbarkeit zu bezeugen, dass er nun frei reden und schreiben darf.

„Eine Hand voller Sterne“ ein Beispiel für das Erzählen von Rafik Schami

Doch nun genug der Geschichte und der Politik – kommen wir zum Buch, bzw. zum Schreiben, noch besser aber zum Erzählen von Rafik Schami.

Inhaltlich möchte ich denen, die das Buch noch lesen wollen, nicht vorgreifen, und denen, die es schon gelesen haben, kann ich eh‘ nichts Neues erzählen. Deshalb nur kurz zur Einordnung:

Es handelt sich um eine autobiographisch gefärbte Geschichte eines Jugendlichen im Damaskus der 60er und 70er Jahre, ein Junge, der schreiben will. Er lebt als Mitglied der christlichen Minderheit in Damaskus und schildert in seinem Tagebuch nicht nur sein alltägliches Leben als Sohn eines Bäckers, sondern auch seine Gedanken über die Zeitläufte, seine Einschätzung der Menschen um ihn herum. Anfangs ist er 14, am Ende ca. 17 Jahre alt – in diesen Jahren entwickelt er ein feines Bewusstsein für die gesellschaftlichen Umstände, die politische Lage. Und er lernt, was es mit dem Erzählen auf sich hat, denn erzählt wird viel. Da ist Salim, sein Freund, ein alter Kutscher, der so wunderbar erzählen kann, aber auch bei den Frauen gibt es welche, die ihre Zuhörerschaft in den Bann ziehen.

Das karge Leben der Beduinen sieht Rafik Schami als Ursache für die überbordende Erzählfreude der Bduinen.

Die Tradition des Erzählens liegt Rafik Schami sehr am Herzen. So wird gesagt, dass er weniger Lese- als viel mehr Erzählreisen macht. Er liest nicht aus seinen Büchern vor, sondern er erzählt die Geschichten immer wieder neu. Erzählen bedeutet immer, sich auf sein Publikum einzustellen, den Tonfall wechseln zu können – das gelingt Rafik Schami in seinem ersten Roman sehr gut, er porträtiert den Heranwachsenden sehr glaubwürdig; ich nehme ihm die Figur ab – und alle anderen Figuren auch. Rafik Schami vermag es, einen Kosmos zu erschaffen; das ist auch ein Kennzeichen seiner anderen Bücher, in die ich zumindest kurz hineingeschaut habe.

Niemals zu langweilen, ist seine eine Devise. Und niemals dieselbe Geschichte mehrfach zu erzählen die andere. Wegen der letzteren gibt es keine Fortsetzungen von Geschichten, die das Muster aufgreifen und variieren. Im „Hürdenlauf“ berichtet er, wie er dazu kam: Seine Erkrankung im Libanon, im Kloster, war lebensbedrohlich und er sagt, dass der Tod an seinem Bett saß und ihn mitnehmen wollte. Ähnlich wie Scheherazade hat er den Tod mit Geschichten geködert. Der Deal: Er darf sich niemals wiederholen. Das hat dann dazu geführt, dass er sich gegen seine Verleger durchsetzen musste, die in Fortsetzungen seiner erfolgreichen Bücher Kassenschlager witterten. Auch das eine Episode aus „Hürdenlauf“.

Die mündliche Tradition Arabiens leitet Rafik Schami vom Wüstenleben der Nomaden her – die Stille, die Kargheit der Landschaft sei Ursache für die farbige Sprache, die erzählten Bilder von Überfluss.

Wer sonst außer einem Hungernden träumt von einem Paradies, in dem Milch und Honig fließen. (Damaskus im Herzen, Essay “Dem Morgen begegnen heißt Hoffnung haben”, S. 61).

Ebenso schildert er in dem Text „Eine Leidenschaft namens Nudelsalat“ die unterschiedliche Einstellung als Gast wie als Gastgeber zwischen Deutschen und Arabern, auch hier der Wüstenhintergrund als Begründung. Ein lesens- und hörenswerter Text (ich habe auf der Landesgartenschau in Landau eine Hörprobe davon bekommen).

Rafik Schami ist ein Sprachzauberer. Er drückt sich bildhaft und konkret auf, nutzt eingängige Bilder auch im metaphorischen Zusammenhang „Der Vergleich ist lahm, er kann nicht mal aufstehen, um zu hinken“ ist so ein Satz – und das alles in einer Sprache, die nicht seine Muttersprache ist.

Und jetzt am Ende muss ich Ihnen was gestehen: Bevor dieses Buch als Buch für die Stadt in Köln vorgeschlagen wurde, habe ich nie was von Rafik Schami gelesen – aber ich hab da jetzt eine Menge Bücher, um mich drauf zu freuen – jedes mit einer anderen Geschichte.

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