Die vergessene Schwester von Jennifer Paynter

Die vergessene Schwester von Jennifer Paynter

„Mary Bennets Stolz und Vorurteil“ ist tatsächlich der Untertitel, den Jennifer Paynter ihrem Erstlingsroman gegeben hat … Auf dass der Bezug zu „Stolz und Vorurteil“ von Jane Austen auch wirklich allen klar wird.

Mary erzählt selbst und beginnt schon vor ihrer Geburt – mit der Ehe ihrer Eltern. Anfangs war Mr. Bennet gar nicht sooo unbarmherzig gegenüber der Dummheit seiner Frau. Seine Enttäuschung über die ununterbrochene Reihe von Töchtern macht Jennifer Paynter sehr deutlich, mit allen Folgen im familiären Umgangston. Die weiteren Beziehungen in der Familie sind auch Thema: Zwei Schwesternpaare, die einander genügen und Mary als Einzelgängerin dazwischen. Sie gilt als weniger hübsch als ihre älteren Schwestern und weniger lebhaft als ihre jüngeren – doch alles hat seine Gründe:

  • sie ist hochsensibel und die Brüllerei des Mannes ihrer Amme bringt sie völlig durcheinander – sie fürchtet sich danach vor jedem Mann, auch dem eigenen Vater; keine gute Grundlage für eine vertrauensvolle Beziehung
  • sie benötigt eine Brille – bis das klar wird, geht Zeit ins Land, in der Mary als Dummkopf dasteht
  • in ihren Teeniejahren kommt sie bei der Mutter ihres ehemaligen Hauslehrers in Bath unter – wird also der Familie etwas entfremdet
  • eine der Szenen, die alle Stolz- und-Vorurteil-Leserinnen kennen, in der Mary eine schlechte Figur macht, ist ihr Klavierbeitrag beim Ball in Netherfield – einer der jungen Männer hat ihr vorher statt Limonade Punsch gegeben

Jennifer Paynter zeichnet das Porträt eines empfindsamen Kindes, dem vor allem Enttäuschungen begegnen.

Netherfield vor Bingley

Vor dem eigentlichen Geschehen von Jane Austens Geschichte ist bei ihr bereits Dramatisches geschehen. Netherfield war nämlich vor Bingelys Einzug bereits einmal verpachtet. Und da schlugen die Wellen hoch:

Jasper Coates – ein optischer Vorgänger von Fitzwilliam Darcy – lebte dort in einer Ménage à trois mit seiner Stiefschwester Christina und deren Mutter. Und das enthüllte die ältere der beiden Frauen beim Dinner eines geselligen Abends.

An dem Abend hatte Mary zusammen mit einen der Söhne von Christina einen Auftritt als Pianistin – George war ihr Freund. Der Erfolg des Abends als Musikerin war nach dem Skandal im Speisezimmer bedeutungslos.

George entdeckte kurz vor dem Konzert, dass die damals 14-jährige Elizabeth sich nach Netherfield geschlichen hatte, um Jasper Coates zu treffen; Mary konnte es wegen ihrer schlechten Augen nicht selber sehen, aber George behaupetete, Lizzy und Jasper hätten sich geküsst. Quelle horreur für die kleine brave Mary. Noch so eine Belastung für ihr Gewissen.

FortepianoAntonWalter
Ein elegantes Instrument – sehr gut möglich, dass ein solches Mary und George auf Netherfield zur Verfügung stand. Gérard Janot, FortepianoAntonWalter, CC BY-SA 3.0
Nach dem Showdown in Netherfields war die Familie von dort

a) weg und

b) durfte sie nicht mehr erwähnt werden.

Mary verfiel danach in eine Depression – weil sie einerseits George vermisste, dann noch den Tod einer kleinen Cousine betrauerte und sich allgemein schuldig fühlte. Gesund wurde sie erst, als sie zur Mutter ihres ehemaligen Hauslehrers nach Bath eingeladen wurde. Regelmäßige Abläufe, gleichmäßige Zuwendung – was braucht es mehr 😉 ? Ihre Frömmigkeit und Belesenheit, die bei Jane Austen so schlecht wegkommen, sind hier ganz „normale“ Eigenschaften. Mrs. Knowles, bei der sie zwei Jahre lebte und selber von einer unaufgeregten Alltagsfrömmigkeit, regte sie an, in einem Buch Zitate und andere aufbauende Kleintexte zu sammeln – ihr Kollektaneenbuch (ehrlich, das Wort musste ich auch erst nachschlagen – bei mir hieß das immer „Sprüchebuch“ …). Alle Zitate, die wir aus Jane Austens Version der Geschichte 😉 kennen, stammen daraus. Jennifer Paynter macht deutlich, dass Mary die Zitate oft benötigte, um sich selbst im Gleichgewicht zu halten, denn …

Hier kommt Jennifer Paynter nun zur bekannten Handlung

Ja, Mary ist auch aus dem Takt geraten. Peter Sheffels, der Sohn ihrer ehemaligen Amme, spielt zum Tanz auf. Geige. Das erste Mal gesehen hat sie ihn beim öffentlichen Ball in Meryton, wo die Bingleys und Darcy ihren ersten Auftritt haben. Und im Gegensatz zu ihren Schwestern nimmt sie diesen untergeordneten Menschen nicht nur wahr, sie beginnt auch ein Gespräch mit ihm, empfiehlt ihn für den Ball Bingleys und will Geigenunterricht bei ihm nehmen. Das bleibt nicht verborgen – und schon haben die Schwestern wieder was, womit sie Mary aufziehen können.

Mary erlebt eine Katastrophe in ihrem Umfeld mit, von der die anderen nichts wissen dürfen – wieder eine Belastung. Die beiden Nichten von Mrs. Long, die bei Jane Austen nur als solche apostrophiert werden, sind mit Mary näher befreundet. Sie bekommen nicht nur Namen (Cassandra (!) und Helen), sondern auch Charakter und eine eigene Geschichte. Cassandra verdient sich mit Zeichnen und Malen etwas Geld – so soll sie Bingleys Schwestern porträtieren und Mary wird benötigt, um vorzulesen oder Klavier zu spielen. Mary bekommt so Einblicke in die Beziehungen auf Netherfields, die ihren Schwestern verborgen bleiben. Cassandra ist ein ernsthafter, fast schon strenger Charakter – kein Wunder, dass sie und Mary sich verstehen. Helen dagegen ist ein Sausewind und sehr flirtbereit – sie fällt auf Wickham rein und zwar gründlich. Und Mary darf zu Hause nicht sagen, was für ein Schuft der allseits beliebte Offizier ist …

Die Handlung läuft in solch verschlungener Weise weiter – ein paar Passagen hätten da ruhig kürzer ausfallen können. Aber mit der Lebensgeschichte der Mary Bennet hat Jennifer Paynter durchaus ein anderes Sittengemälde der Zeit um 1810 entworfen als Jane Austen, sehr viel näher an der Realität, auch der rauen Realität – und trotz aller Einwände durchaus noch nah an Jane Austen. Das Schicksal Marys entwickelt sich stetig, endet auf überraschende Weise und zeigt, dass sie einersets geduldig ist und bleibt, andererseits aber ihre eigenen Vorurteile durchaus erkennt. Da wird ihr gegen Ende des Buches echt was abverlangt.

Fazit

Die möglichen Einwände, sie sei weniger subtil als ihr Vorbild oder bringe zu viel Sex and Crime darin unter, sollten nicht zu schwer ins Gewicht fallen: Sie hat eine im Großen und Ganzen spannende Geschichte erzählt, eröffnet an manchen Stellen einen anderen möglichen Blick auf beliebte Gestalten. Insgesamt ein historischer Roman, der duch die Verknüpfung zu „Stolz und Vorurteil“ Fans von Jane Austen durchaus Freude machen kann, sich aber auch selber trägt.

Amazon Crossing ist aufgrund meiner Abneigung gegenüber Amazon insgesamt kein von mir bevorzugter Verlag – aber das Thema hat mich einfach zu sehr gereizt. Mary Bennet ist ja wirklich das graue Mäuschen schlechthin in Jane Austens Roman, so dass ich mir die bekannte Geschichte aus ihrer Sicht nicht verkneifen wollte. Und es hat sich durchaus gelohnt 🙂

Jennifer Paynter: Die vergessene Schwester – Mary Bennets Stolz und Vorurteil, übersetzt von Annette Seifert, Amazon crossing Verlag, Luxemburg, 2016, ISBN: 9781503954731

Dieser Beitrag gehört in meine Reihe „Beloved Jane“ zum 200. Todestag von Jane Austen im Juli.

Jane Austen Cassandra Austen Aquarell Jennifer Paynter Mary Bennet
Gut, viel erkennen kann man von Jane Austen hier nicht – Casssandra hat die Rückenansicht gewählt

Ach ja, das „Osterei“ mit „Cassandra“ und „Zeichnen/Malen“ haben Sie entdeckt, oder? Die einzigen authentischen Zeichnungen von Jane Austen stammen von ihrer Schwester Cassandra. Sie hat auch in den Juvenilia die Aquarelle zur „Geschichte der englischen Könige“ beigesteuert.

Published byHeike Baller

Bis zum Morgen schmökern, Kissen nass weinen, bei der Bahnfahrt mal eben los gackern – das alles und noch einiges mehr bedeutet Lesen für mich. Naja, die Nächte lese ich nur noch selten durch, da melden sich doch zu penetrant die erwachsenen Bedenken in Sachen „Wecker am Morgen“ … Aber in der Bahn können Sie mich immer mal wieder grinsend oder kichernd erleben. Mit einem Buch vor der Nase. Da ich außerdem gerne mit anderen über das, was ich gelesen habe, diskutiere, habe ich dieses Blog gestartet. Leselust, das ist es, was mich antreibt, immer neue Bücher zu kaufen, zu leihen und vor allem zu lesen. – Vorlesen tu ich übrigens auch gern.

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