„Die Siedler von Catan “ werden 25 – Ein Interview mit Rebecca Gablé

„Die Siedler von Catan “ werden 25 – Ein Interview mit Rebecca Gablé

Und nein, der Roman „Die Siedler von Catan“ war in der Überschrift jetzt nicht gemeint ;-), sondern das Brettspiel dieses Titels in seiner ersten Version 1995. Klaus Teuber hat es entwickelt und es wurde „Spiel des Jahres 1995„.

Wie Klaus Teuber im Vorwort zu Rebecca Gablés gleichnamigen Roman schreibt, hatte er irgendwann die Idee, dass die Spielidee auch als Roman taugen könnte. 2001 lernte er Rebecca Gablé kennen. Da er bereits – mindestens – einen Romam von ihr kannte, war sie die Autorin, die er mit seinem Anliegen ansprach. Das Ergebnis war der Roman „Die Siedler von Catan“ von 2003. Der ist also erst 17 Jahre alt.

Ich selber bin eine Zeitlang um den Roman herumgeschlichen – ein Spiel als Roman? Konnte ich mir nicht vorstellen. Als ich aber alles andere von Rebecca Gablé durch hatte und erst mal nichts Neues zu erwarten war, hab ich vor einigen Jahren auch „Die Siedler von Catan “ gelesen. Und war fasziniert. Ohne konkrete historische Bezüge ist da nicht eine Art Fantasy-Geschichte entstanden, sondern eine realistische Schilderung bei der Besiedlung einer Insel durch Wikinger im 9. Jahrhundert.

Rebecca Gablé hat mir freundlicherweise ein paar Fragen beantwortet:

Interview zu „Die Siedler von Catan“

Liebe Frau Gablé,

Porträt der Autorin Rebecca Gablé zum Interview zu "Die Siedler von Catan"
Rebecca Gablé © Olivier Favre 2019

vielen Dank, dass Sie sich bereit erklärt haben, meine Fragen zu ihrem 2003 erschienenen Roman „Die Siedler von Catan“ zu beantworten. Im Vor- und Nachwort des Romans schildern Sie und Herr Teuber ja kurz, wie es zu Ihrer Zusammenarbeit gekommen ist. Die erste neugierige Frage vorweg versteht sich fast von selbst:

Kannten Sie das Spiel, als Herr Teuber Sie ansprach?

Ich hatte es noch nie gespielt, aber schon davon gehört. Und an der Art und Weise, wie Freunde und Freundinnen mir davon erzählten, hatte ich bereits gemerkt, dass es sich um ein ganz besonderes Spiel handeln musste.

Sie haben im Zusammenhang mit „Das zweite Königreich“ bereits das Thema Wikinger/Menschen aus Skandinavien behandelt. Der Zeitpunkt liegt jedoch deutlich später, im 11. statt im 9. Jahrhundert. In wieweit konnten Sie Ihre Recherchen von Alltagskultur weiterhin nutzen?

In Das zweite Königreich kommen die „Nordmänner“ ja nur am Rande vor und meist in der Rolle der raubenden und mordenden Eindringlinge, also geschildert aus der Perspektive der leidgeprüften Engländer. Darum habe ich damals gar nicht sehr intensiv  zu ihrer Kultur und Lebenswelt recherchiert. In dieser Beziehung war der Roman Die Siedler von Catan ziemliches Neuland für mich.

In welchen Bereichen haben Ihre Recherchen Sie einen neuen Blick auf die Kultur der Wikinger gelehrt?

Sehr spannend fand ich ihr Leben abseits der Raubzüge und abseits all der vielbemühten Wikingerklischees: Ihr täglicher Kampf ums Überleben von Fischfang, Viehzucht und ein bisschen Ackerbau in einem Klima, wo der Winter immer zu früh kam und zu lange andauerte. Ihre Religion und Kultur und nicht zuletzt ihre Frauenrechte, die im Vergleich zum christlich geprägten, späteren Mittelalter sehr weitreichend waren.

Ich habe mich ja mit der Besiedlung von Island erst im Zusammenhang mit diesem Interview befasst und einiges erfahren, unter anderem aus Fernsehsendungen oder Artikeln von populären Wissenschaftszeitschriften, die ich im Internet fand. Wie fremd waren Ihnen die Einrichtungen der Island-Wikinger – das Thing oder die Existenz der Vogelfreien, die in Höhlen Zuflucht suchten und fanden und sich per Raubzug bei den Siedlern ernährten – im Vergleich zu Ihren sonstigen Themen im mittelalterlichen feudalen England oder Deutschland?

Wenn man sich so lange mit der Geschichte und Literatur des vor-normannischen Englands beschäftigt hat wie ich, bleibt es nicht aus, dass man auch die altnordische Literatur liest und der Kultur der nordischen Völker hier und da begegnet, darum waren das „Thing“ und seine quasi demokratischen Strukturen und viele andere Aspekte mir schon bekannt, aber um einen Roman über sie zu schreiben, musste ich dann doch ein bisschen tiefer in die Recherche einsteigen.

Sie und Herr Teuber schreiben, dass das Thema Wikinger für Sie beide als Umsetzung für einen Roman rund um Catan von vornherein feststand, als Sie sich 2001 das erste Mal trafen. Herr Teuber schreibt, er habe die Entstehung des Romans vor allem lesend und nur sehr gelegentlich kritisierend begleitet. Doch wenn er sich bereits mit dem Thema Wikinger befasst hat – sind da nicht doch auch Ideen von ihm mit in die Handlung eingeflossen?

Herr Teuber hat sich, nachdem wir die generelle Struktur des Romans gemeinsam entwickelt hatten, wirklich sehr vornehm zurückgehalten. Aber ich erinnere mich, die Idee, dass die auf dem Meer umhertreibenden Siedler Raben aussenden sollten, um Land zu finden, stammte von ihm. Das war bei den nordischen Seefahrern tatsächlich gängige Praxis.

Raben als Tiele Odins waren Wikingern wichtig - auch in "Die SIedler von Catan"
Ein stilisiertes Rabenbanner – Raben als Odins Tiere waren den Wikingern wichtig. MacRud (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ravnefanen.png), „Ravnefanen“, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode

Ich erinnere mich, dass Sie einmal geschrieben oder gesagt haben, für ihre Recherchen reisten Sie auch an die Orte, an denen Ihre Romane spielen. Haben Sie dies auch für „Die Siedler von Catan“ getan? Und wo genau sind Sie dann hingereist?

Nein, denn nach Catan kann man ja leider nicht reisen 😉 Und Island war auch eigentlich nicht Vorbild für Catan, wo das Klima ja wesentlich milder ist. Aber das „Leere Land“, die Vulkanwüste, die im Roman eine wichtige Rolle spielt, ist der Timanfaya-Region auf Lanzarote nachempfunden, wo ich früher gelegentlich Urlaub gemacht habe.

In ihren Romanen rund um die Waringham-Familie gibt es immer wieder einen Erzfeind des Protagonisten, bei dem ich in der Regel ein Problem mit der Motivation seines Hasses habe. In „Die Siedler von Catan“ gibt es ebenfalls einen solchen Gegensatz zwischen zwei Hauptfiguren, doch entwickelt sich dieser über den gesamten Roman. Warum sind Sie an dieser Stelle von Ihrem bewährten Muster abgewichen?

Jede Geschichte erfordert ihre individuelle Figurenkonstellation. Der „Erzschurke“, an dem der Protagonist des Romans sich abarbeiten muss, damit er wachsen und sich entwickeln kann, ist in Die Siedler von Catan eigentlich der mächtige Kaufmann Olaf. Die Entfremdung zwischen den Freunden Candamir und Osmund (die ja niemals wirkliche Feinde werden) steht symbolisch für den Zerfall der Siedlergemeinschaft in zwei Gruppen unterschiedlicher Religionen. Und weil das Christentum erst nach der Ankunft in Catan – in dieser „Neuen Welt“ – Anhänger findet und die alte nordische Götterwelt herausfordert, kann auch der Konflikt zwischen den beiden Freunden sich erst dort allmählich entwickeln.

Die Namen – das ist ja auch so ein Kapitel für sich. Olaf, Brigitta, Inga und Hacon sind vertraut; auch andere Namen ähneln denen, die man so kennt, z. B. Siglind, wo die Schreibweise etwas abweicht. Auch Osmund, Thorbjörn oder Eilhard haben Vertrautes. Doch gerade Candamir ist richtig fremd. Wie machen Sie das mit den Namen Ihrer Figuren? Welche Quellen nutzen Sie? Wie entscheiden Sie, welcher Name nun zur Figur passt?

Wer welchen Namen bekommt, entscheide ich hauptsächlich nach Bauchgefühl. Mein Protagonist muss einen Namen haben, der mir gefällt, immerhin schreibe ich ihn pro Roman ca. 3.000 mal. Und so weit möglich, achte ich darauf, dass die Namen sich nicht zu sehr ähneln, sodass die Figuren für die Leserschaft gut unterscheidbar bleiben. Als Quellen für Eigennamen verwende ich alles, was an schriftlichen Überlieferungen zur Verfügung steht: erzählende Literatur, Gerichtsakten, Chroniken usw. Wenn ich mich recht entsinne – (das ist ja alles beinah zwanzig Jahre her) – stammt der Name Candamir von einem Waräger, einem der nordischen Leibwächter des byzantinischen Kaisers, der sich in Konstantinopel irgendwo in einem Graffito verewigt hat.

„Die Siedler von Catan “ und andere Romane von Rebecca Gablé

Sie haben im Laufe ihrer Romane verschiedenen mittelalterliche – und auch etwas später gelegene – Perioden europäischer Geschichte bearbeitet: England vom elften bis ins 16. Jahrhundert, Deutschland im zehnten Jahrhundert und dann in „Die Siedler von Catan“ Skandinavien und Island im neunten Jahrhundert. Welche Epoche war für Sie am aufwändigsten zu recherchieren?

Die Renaissance, weil sie durch die Erfindung der Druckerpresse und die zunehmende Anzahl an schriftlichen Quellen viel besser dokumentiert ist als das Mittelalter. Es gab einfach viel mehr, das ich lesen musste, um mir ein umfassendes Bild über die Epoche zu machen.

Gibt es außerdem Informationen, Erkenntnisse – kurz: Wissen, das Sie von einem zum anderen Projekt mitnehmen konnten?

Es gibt, soweit es das Mittelalter betrifft, ein Basiswissen, etwa über feudale Strukturen, Landwirtschaft, Handel, die Rolle der Religion im Alltag, das sich auf lange Zeiträume anwenden lässt, weil sich an diesen Dingen über Jahrhunderte wenig geändert hat.

Lehnseid gegenüber Wilhelm dem Eroberer - zu Beitrag "Die Siedler von Catan"
Das Feudalwesen mit LEhsneid – eine Konstante im Mittelalter. Hier auf dem Teppich von Bayeux: Harold und Willam

Inwieweit hat sich die Arbeit an „Die Siedler von Catan“ von Ihren anderen Projekten unterschieden? Waren Sie eher freier oder weniger frei in der Gestaltung? Die Kenntnis historischer Umstände spielte hier ja nicht eine ganz so große Rolle.

Der grundlegende Unterschied war, dass ich hier keine Historie im engeren Sinne erzählt habe, also nicht von Personen, die tatsächlich gelebt haben, und ihren Taten, die historisch verbrieft sind. Insofern musste ich viel mehr „erfinden“, denn beim klassischen historischen Roman dienen mir die historischen Ereignisse und Personen als Handlungsgerüst, um das ich meine fiktive Handlung ranken lassen kann. Andererseits war ich dadurch aber auch freier bei der Entwicklung von Handlung und Figuren, was eine interessante Erfahrung war.

Liebe Frau Gablé, vielen Dank für die ausführlichen und erhellenden Antworten.

Nachbemerkungen zum Jubiläum von „Die Siedler von Catan“

Erst im Nachhinein ist mir klar geworden, dass meine Fragen an Frau Gablé doch sehr durch meine Recherchetätigkeit bestimmt sind 😉

Das Spiel „Die Siedler von Catan“ heißt seit 5 Jahren übrigens „Catan – das Spiel“ und es gibt eine Vielzahl an Erweiterungen, Variationen und Drumherum. Dem Spieleentwickler Klaus Teuber ist da echt ein Dauerbrenner gelungen! Herzlichen Glückwunsch also an dieser Stelle zum Jubiläum!

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