Thema 1914: Die Schlafwandler von Christopher Clark

Das Buch von Christopher Clark war bei Erscheinen schon Thema bei den Tagesthemen, der Autor wurde auf der Buchmesse von Stand zu Stand gereicht – dieses Buch hat eine große Popularität. Und das zu Recht. Zemanta Related Posts Thumbnail

Ein Buch in drei Teilen – zuerst stellt Clark die beiden “auslösenden” Staaten vor: Serbien und die Habsburger Doppelmonarchie Österreich-Ungarn. Sehr plastisch wird das Attentat in Belgrad 1903 geschildert – als Auftakt in einen Parforceritt durch die serbische Geschichte. Beim Lesen habe ich mir vorgestellt, ich müsste den Text vorlesen – die serbischen Namen habens in sich … Österreich-Ungarn wird schon in der Überschrift als “Reich ohne Eigenschaften” bezeichnet. Die vergangenen Jahrzehnte mit Niederlagen und nationalistischen Strömungen innerhalb des Vielvölkerstaates haben dazugeführt, dass die Doppelmonarchie als gefährdeter Staat galt und die Politik war quasi erstarrt.

Im zweiten Teil geht es um die anderen europäischen Mächte – um ihre Interessen in Europa und in den Kolonien, um ihren Nationalismus und Imperialismus, um ihre Ängste. Im Zentrum stehen die Konflikte in der Balkanregion: Wer will hier was erreichen und auf wessen Kosten? Der Traum von Groß-Serbien ist ein Antrieb für die Konflikte dort. Aber auch die anderen Staaten wollen – auf Kosten des gefährdeten osmanischen Reichs – ihre Gebiete erweitern; Österreich-Ungarn ist da unmittelbar betroffen. Der behandelte Zeitraum geht bis in die 80er Jahre des19. Jahrhunderts zurück, um den Motiven nachzuspüren.

Christopher Clark verfolgt die Handelnden dieser Zeit – und zwar nicht nur die Herrscher und “großmächtig” daherkommenden Politiker. Seine Recherchen reichen bis in die mittleren Ebenen – wenn auch Minister wie in Frankreich im Außernministerium oft wechseln, die Beamten bleiben oft an ihrer Stelle. Diese Apparate der Regierung entwickeln manchmal ein Eigenleben.

WWI-Causes

Gründe für den Ersten Weltkrieg – zu einem angefachten Feuer aufgeschichtet von Harris Morgan

Christopher Clark kann lebhaft erzählen. Trotzdem ist es wegen der vielen Namen keine ganz leichte Lektüre. Sie ist es aber wert, sich einzuarbeiten. Die minutiöse Aufbereitung der vielen Quellen hat mir manches Mal ein “Ach!” entlockt. Ich fand es wirklich spannend, den Argumenten Clarks zu folgen.

Eine Sache muss erwähnt werden: Die Kriegsschuldfrage. Christopher Clark weist im letzten Kapitel darauf hin, wie schwierig eine Einschätzung sei. Seine Tendenz, dass Serbien eine große Verantwortung für die Eskalation im Jahr 1914 trägt, ist aber deutlich spürbar. In dem Zusammenhang folgen Christopher Clark andere Kollegen nicht. Die meisten sehen die Verantwortung für den Kriegsausbruch vor allem beim Deutschen Reich, bzw. auch bei Österreich-Ungarn. Hierzu gibt es ein Interview von Gerd Krumeich bei der Gerda-Henkel-Stiftung, der darin Clark einen demagosichen Touch bescheinigt, wenn es um die Frage der Kriegsschuld geht. Zum Bild Serbiens bei Clark gibt Prof. Dr. Holm Sundhaussen ebenfalls bei der Gerda-Henkel-Stiftung Auskunft.

Der Titel “Die Schlafwandler” ist auch der Originaltitel “The Sleepwalkers: How Europe Went to War in 1914” – bei manchen Titelübersetzungen für deutschsprachige Ausgaben ist das einer Erwähnung wert 😉 .

Christopher Clark stammt aus Australien und lehrt in Cambridge; er ist ausgewiesener Experte für die deutsche Geschichte – eine Biographie über Wilhelm II und das Buch “Preußen” legen dafür Zeugnis ab.

Christopher Clark: Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog, aus dem Englischen von Norbert Juraschitz, München, DVA, 2013, ISBN: 9783421043597