Die Flucht nach Ägypten von Otfried Preußler

Die Flucht nach Ägypten von Otfried Preußler

Als das Buch Anfang der 80er erschien, fand ich keinen Zugang dazu; fast 30 Jahre später hatte ich jetzt viel Spaß mit dem Humor von Otfried Preußler. Der wird ja schon bei der fast vollständigen Fassung des Titels greifbar: „Königlich böhmischer Teil“.

Huch?

Was erzählt Otfried Prueßler?

Er erzählt, wie Maria, Josef und das Jesulein sich auf den Weg nach Ägypten machen und dabei durch Böhmen müssen. Zur Zeit Kakaniens – weshalb nicht nur König Herodes eine Rolle spielt, sondern auch Kaiser Franz Joseph I; der aber wirklich nur am Rande. Statt seiner sind seine Untertaninnen und Untergebenen im Königreich Böhmen aktiv.

Herodes hat telegraphisch gefordert, die drei Flüchtigen zu ergreifen und zu überstellen. Dazu wird, nachdem sie die Grenze unbehelligt überschritten haben, ein Landgendarm namens Hawlitschek abkommandiert.

Der hat nun mit bürokratischen und anderen Hindernissen zu kämpfen – Kakanien eben. Unterstützt wird er vom Metzgershund Tyras, in dem sich ein Teufel namens Pospišil eingenistet hat – denn der Hölle liegt noch mehr als Herodes daran, dass das Jesulein nicht heil nach Ägypten kommt.

Der Hund ist nicht das einzige „besetzte“ Tier: Erzengel Gabriel hat sich im Esel niedergelassen und führt die Wandersleute sicher durch das gefährliche Böhmen.

Gemälde aus dem 16 Jahundert Maria stillt auf der Flucht nach Ägyptern das Kind.
Gerard David, Rast auf der Flucht nach Ägypten, ca 1515. In Böhmen bei Otfried Preußler war es eindeutig kälter …

Was ist das für ein Land?

Doch die Stationen dieser malerischen Flucht sind in erster Linie Haltepunkte für Geschichten aus Böhmen und über Böhmen – in märchenhafter Version.

  • in einem Kirchlein huldigen die böhmischen Heiligen dem Jesuskind
  • der Volksbrauch der beweglichen Krippe spielt eine Rolle
  • es sind vor allem die Armen, die sich der flüchtenden Familie annehmen – garniert mit Geschichten rund um ihr Wohlverhalten und das üble Gebaren der Bessergestellten

Es geht um Traditionen, um Speisen und um soziale Fragen. Was macht man mit einem zurückgeblieben Kind? Wer nimmt sich seiner an? Wie bahnen sich Liebesgeschichten an?

Wie erzählt Otfried Preußler?

Liebevoll und ironisch. Er selbst wird in der Zusammenfassung als einer aus Böhmen vorgestellt. Und so wie diese „Zusammenfassung“ ist das ganze Buch geschrieben – umständlich, uneigentlich, altertümelnd und mit viel viel Spaß an der Freud‘:

Die Flucht nach Ägypten. Königlich böhmsicher Teil. Das ist: Wahrhaftige und genaue Beschreibung sämtlicher Vorfälle, Zufälle und Ereignisse wie auch mehrerer Wunder, welche sich damals bei Durchzug der bethlehemitschen Wandersleute im Königreich Böhmen begeben haben, teil Amts-, teils Zivilpersonen betreffend sowie auch Tiere – geschätztem Leser zu erbaulicher Unterhaltung vorgelegt durch Herrn Otfried Preußler aus Reichenberg in Böhmen.

Zweites Vorsatzblatt

Hübsch sind auch die entsprechend umständlichen Kapieltüberschriften, die mehrere zeilen benötigen und in einem Fall rahmen die Kapitel Numero 9 Abteilung A undNumero 9 , Abteilung B das Kapitel 10 ein …

„Der geschätzte Leser“ wird mit hinein genommen ins Geschehen. Der Erzähler bemüht sich immer wieder um Nervenberhigung:

Kapitel Numero 7, welches uns in die tiefsten Tiefen der Hölle hinabführt, jedoch – was geschätztem leser mit Rücksicht auf dessen Seelenfrieden versichert sei – nur vorübergehend.

Inhaltsverzeichnis

Spracheigentümlichkeiten wie in diesem Beispiel „geschätztem Leser“ ohne Artikel ziehen sich durch den Text und vermitteln böhmisches Flair.

Das war genau das richtige Buch für die Weihnachtstage. Und passt deshalb auchals Besprechung gut in die Zeit vor dem 6. Januar. Denn die Flucht startet, nachdem die Heilligen drei Könige wieder abgereist sind.

Otfried Preußler. Die Flaucht nach Ägypten. Königlich böhmischer Teil, Edition Weitbrecht im K .Thienemann Verlag, Stuttgart, 1984, ISBN: 3522701208

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