Die Chinesen von Stefan Baron und Guangyan Yin-Baron

Die Chinesen von Stefan Baron und Guangyan Yin-Baron

Stefan Baron und Guangyan Yin-Baron und nennen ihr Werk ein „Psychogramm einer Weltmacht“ – ganz schön herausfordernd. Für beide Seiten – das schreibende Paar und die, die es lesen wollen. Dachte ich. Aber: Das Lesen geht gut vorstatten!

Was schildern Stefan Baron und Guangyan Yin-Baron?

Ich muss gestehen, ich habe das Buch in der Mitte begonnen – mich faszinierten die Überschriften im zweiten Teil: „Denken und Wahrnehnung“ und „Sprache und Kommunikation“. „Moral und Gesellschaft“, „Mann und Frau“ und „Lebenseinstellung und Temperament“ folgen – alles äußerst spannend.

Gleich das Kapitel „Denken und Wahrnehmung“ begann für mich mit einem Paukenschlag:

Neurowissenschaftler haben bei Chinesen andere Hirnstrukturen entdeckt als bei Kaukasiern.

S.143

Und vieles, was Stefan Baron und Guangyan Yin-Baron nach diesem Satz erklären, erklärt sich genau daraus: Im Gegensatz zu westlich geprägten Menschen mit ihrer Denkstruktur entlang von Kausalketten, denken Chinesen in Beziehungen. Ein Gegensatzpaar, das Stefan Baron und Guangyan Yin-Baron immer wieder benutzen lautet „independent“ und „interdependent“ – während unsere Gesellschaft darauf gepolt ist, das Individuum zu sehen, sind es in China die Beziehungen, die den Menschen ausmachen. Das mit dem Individuum beruht zumindest zu einem Teil auf der religiösen Tradition, in der der Mensch als einzelnes Ebenbild Gottes gedacht und empfunden wird. Chinesinnen und Chinesen empfinden sich dagegen als Teil einer Kette. In erster Linie steht da die Familie – ihr gebührt und gehört alle Loyalität; als Kind gegenüber dem Vater, der Mutter und allen Vorfahren (in der Reihenfolge) und diese Struktur durchzieht auch die Gesellschaft – je weiter entfernt ein Mensch von der Urspungsfamilie ist, desto weniger Loyalität und Solidarität bekomme er ab.

So erklären die beiden auch die unterschiedliche Einstellung gegenüber Verträgen – seien sie nun klein oder groß, zwischen Einzelpersonen oder zwischen Firmen oder gar Staaten. Selbst Guangyan Yin-Baron reagierte auf eine Nachfrage ihres Mannes mit einem achselzuckenden „Ist nur ein Stück Papier.“ Diese sehr grundlegende Einstellung in der chinesischen Kultur führte und führt dazu, dass sie als Vertragspartner in der Welt als nicht zuverlässig, ja, als hinterhältig wahrgenommen wurden und werden. Doch die Ursachen liegen eben nicht in einem willentlichen Brechen von Verträgen, sondern in der Auffassung, dass Verträge nicht so wichtig sind, wie die Beziehung der Menschen, die ihn geschlossen haben. Stimmt die nicht, ist der Vertrag das Papier nicht wert, auf dem er steht.

Confucius Tang Dynasty
Vor rund 2500 Jahren lebte Konfuzius, dessen Lehren auch das heutige China beeinflussen

Diese Beziehungsebene spielt in alle Lebensbereiche hinein – und das seit Jahrtausenden. Der erste Teil des Buches behandelt die Geistesgeschichte Chinas. Und ja, ich wusste, dass diese Kultur älter ist als alle in Europa und dem Nahen Osten – doch die Jahreszahlen haben mich durchaus erschüttert: 2200 Jahre vor unserer Zeitrechnung beginnt die verbürgte politische Geschichte Chinas (S. 65). Bei aller Vielfalt der Ethnien und sonstigen – teils regional bedingten – Unterschiede: Es ist ein Land oder Reich oder Staat – je nach Zeit – und existiert seit mehr als 4000 Jahren. Beeindruckend, wenn man das mal so deutlich vor Augen geführt bekommt.

Stefan Baron und Guangyan Yin-Baron verweisen immer wieder auf Konfuzius und Laotse – aber auch andere Lehrer und Gelehrte kommen vor -, deren Erkenntnisse und Regeln die Gesellschaft Chinas bis heute prägen.

Genauer gesagt: Wieder! Denn gerade unter Mao war Konfuzius nicht wohl gelitten. Deng Xiaoping hat als sein Nachfolger die Wirtschaftsauffassung in China reformiert. Unter Xi Jinping gibt es nun seit 2013 eine geistige Öffnung. Stefan Baron und Guangyan Yin-Baron schildern seinen Werdegang detailliert und beziehen sich imemr wieder auf seine Rede vor dem Parteitag 2017; sie ist ihrer Meinung nach in den westlichen Medien zu wenig berücksichtigt worden; in ihr verberge sich der Schlüssel zum Verständnis dessen, was in China zu erwarten ist.

China sei aufgrund seiner Geschichte eben nicht mit westlichen Maßstäben zu messen. Selbst der Marximus sei ein „Sino-Marxismus“, nicht dogmatisch, sondern an der Praxis orientiert und mehr eine dialektische Untersuchungsmethode zu allem. (S. 324) Xi Yinping zitieren sie mit „Wir sind Marxisten u n d Erben der chinesischen Tradition“ (S. 328). Die z. T. schon umgesetzten Methoden zu einem Sozialranking dienen – ihrer Meinung nach – nicht dem Aufbau eines absoluten Überwachungsstaates, sondern haben das Ziel, Anforderungen des Konfuzius an den Einzelnen mehr ins Bewusstsein zu holen. Eine schwierige Gratwanderung. Für uns unvorstellbar, da zuzustimmen. Doch in China selbst hat das eine Menge Befürworter. Andererseits: Die Regierung nimmt auch Einfluss auf die Medien – alle Medien sollen Regierungsmedien sein. Dasselbe gilt fürs Internet – Informationen von außen kommen kaum ins Land.

Ich finde die Schilderungen von Stefan Baron und Guangyan Yin-Baron zur Kultur und Denkweise in China hochspannend und sehr faszinierend. Doch gerade im dritten Teil kommen dann die ganzen Aspekte der Kontrolle zur Sprache, bei denen ich nicht mehr so einfach glauben kann, dass sie nur der unterschiedlichen Denkweise geschuldet sind. Das Paar schildert Xi Jinping, der das alles letztlich verantwortet, insgesamt als aufrechten und fürsorglichen Staatsdiener.

Wenn ich mir die jahrtausendealte Geschichte Chinas in der Sicht der beiden anschaue, kann da was dran sein – doch die Machtfülle auf einer Person und später vielleicht auf einer Funktion ist dafür prädestiniert, Machtmissbrauch zu fördern. Das ist in der chinesischen Geschichte oft genug vorgekommen.

Wie berichten Stefan Baron und Guangyan Yin-Baron von China?

Auf jeden Fall sehr gut lesbar. Für das leichtere Verständnis von uns Leserinnen haben sie bei vielen Namen die vertrauten Versionen beibehalte, geben aber bei der ersten Erwähnung immer auch die inzwischen aktuelle Umschrift an. Stefan Baron ist ein Wirtschaftsspezialist – im dritten Teil ist das ein Schwerpunkt und da musste ich zeitweilig etwas aussetzen, weil ich das nicht alles sofort verstanden habe; das hängt aber eher mit mir als mit ihm zusammen 😉

Gerade im ersten Teil geht es ja um die Kultur- und Geistesgeschichte Chinas – und um ds Bild Chinas im Westen. Da musste ich sehr an das Buch von Christoph Ransmayr denken, in dem genau diese Probleme immer wieder aufschimmern; letztlich hat mir das Buch von Stefan Baron und Guangyan Yin-Baron bei der nachträglichen Verständnis anderer Bücher geholfen. Charmant für mich war ja, dass die beiden tatsächlich auch Pearl S. Buck zitieren; ihr Roman „Die gute Erde“ hatte 1933 den Pulitzer-Preis gewonnen und 1938 hat sie den Nobelpreis bekommen; ich habe als Teen viel von ihr gelesen. Stefan Baron und Guangyan Yin-Baron treten zwar als Paar auf, doch leider gibt es den Text aus seiner und nicht aus ihrer Feder. Er erläutert dies im Vorwort (S. 31) mit der Muttersprachlichkeit. Doch mir hat im Text die Perspektive der Chinesin durchaus gefehlt. So schildert er einmal, dass seine Frau in einer Situation vor sich hin brummelte „Typisch deutsch.“; die Szene aus ihrer Perspektive zu lesen, hätte mich wirklich interessiert. Auch einige andere Stellen, vor allem anekdotischer Art, die das Buch sehr beleben, hätten eine andere Perspektive durchaus als Ergänzung vertragen, finde ich,

Doch ansonsten habe ich nichts zu meckern: Das Buch liest sich interessant, ist einerseits gut aufgebaut und bietet andererseits genug Wiederholungen in den verschiedenen Kontexten, um klar zu machen: Chinesen ticken tatsächlich anders. Ich kann das Buch wirklich empfehlen.

Stefan Baron und Guangyan Yin-Baron: Die Chinesen. Psychogramm einer Weltmacht, Econ Verlag, Berlin, 6. Auflage, 2018, ISBN: 9783430202411

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