„Eine kleine Geschichte“ untertitelt Barbara Imgrund ihren schmalen Band – ja, mag sein, vom Umfang her. Aber: Die Geschichte ist alles andere als klein, weder inhaltlich noch gar sprachlich.
Was erzählt Barbara Imgrund?
Sie schildert aus der Sicht Marthas, was diese über 80-jährige Frau erlebt, die lebensmüde an den Ort ihrer Kindheit zurückkehrt. Ich begleite sie auf ihrem mühsamen Weg hoch zum Einödhof in den Bergen, erlebe das alte Haus sowohl mit ihren alten Augen als auch mit ihren Erinnerungen – so war das Anfang der 40er Jahre, als Martha Kind war: ein karger Haushalt mit vielen Kindern – nicht jedes Baby überlebte unter diesen Umständen, harte Arbeit schon für die damals Achtjährige. Doch da ist mehr. Unbehaglicher wird es von Seite zu Seite. Martha trägt Schuld mit sich. Und sie erinnert sich daran, wie es damals war, als „der Wurm“ nicht nur ins Dorf unten kam, sondern auch in den Kopf des Vaters. „Der Wurm“, das wird bald deutlich, ist die Ideologie der Nationalsozialisten, die dem Vater das Gefühl von Bedeutsamkeit gibt, die ihm das Leben vorenthält.
Immer wieder wechselt Barbara Imgrund die Perspektive: Martha heute, mit über 80 Jahren, die nur noch sterben will, und Martha das Kind, das sich vor dem Vater zunehmend fürchtete. Die alte Martha fürchtet sich auch. Vor dem Wurm, der zurückgekehrt ist, in die moderne Welt. Dem sie nur noch entfliehen will. Sie kann und will nicht noch einmal das Grauen des Faschismus erleben.

Zur alten Martha kommt dann einer von außen, der aussieht wie einer aus ihrer Erinnerung. Ein Großneffe, der nach ihr schauen will, der sie erkennt, obwohl sie ein Leben lang eben nicht die Martha war, die auf dem Berghof aufwuchs.
Die Geschichte, an die Martha sich erinnert, ist grausam – ihre Schuld drückt sie nieder und macht das Miterleben schwer. Die Sprache dagegen zieht mich mit in Marthas Gefühle und Erfahrungen.
Der Stil
Barbara Imgrund versteht es, sowohl das Erleben der alten als auch der jungen Martha intensiv zu vermitteln. Das Kind und die alte Frau, beide „Versionen“ Marthas haben ein Gefühl für die Umgebung, „erfahren“ sie: die Bäume, die Steine, die Berge. Ein paar Beispiele. Direkt auf der ersten Seite:
Sie weiß bis in ihre Träume hinein, wie die Stubentür klagt, wenn man sie öffnet; sie riecht den Stall, in dem schon lange keine Tiere mehr stehen. S. 11
Die kleine Martha sitzt, als die Einberufungen für ihre älteren Brüder kommen, am Tisch und beschwört innerlich den Gekreuzigten, der da, grob geschnitzt, über ihnen hängt und auf sie niederschaut:
Mach ein Wunder, steig herunter von deinem Kreuz! Dort oben nützt du uns nichts! Wir brauchen dich hier unten, bei uns! Sei doch wenigstens ein Mensch, in Gottes Namen! S. 73
Ein wirklich bewegendes Buch, eins, das zeigt, wie „der Wurm“ sich einen Weg in die Herzen der Menschen bahnt und dabei Menschlichkeit und Mitgefühl tötet. Damals, als Martha ein Kind war, und heute. Dabei steht das Erleben Marthas so im Vordergrund, dass der Appell, dem Wurm zu widerstehen, tief eindringen kann. Sehr, sehr empfehlenswert.
Barbara Imgrund: Der Wurm. Eine kleine Geschichte. Ulrike Helmer Verlag, Sulzbach am Taunus, 2025, ISBN: 978389744945

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