Der wilde Kontinent von Keith Lowe

Der wilde Kontinent von Keith Lowe

Keith Lowe beginnt sein Buch über die Auswirkungen des zweiten Weltkriegs mit Erfahrungen, die Angehörige aller am Krieg beteiligten Nationen immer wieder erzählen:

  • zerbombte Städte
  • zerstörte Straßen und Schienenwege
  • vergewaltigte Frauen
  • hungernde Menschen

Das alles habe ich in meiner Familie erzählt bekommen und Sie vielleicht auch. Es gibt auch heute noch eine gewissen Vertrautheit mit dem Thema.

Doch Keith Lowe geht weiter und tiefer ins Thema hinein. Zum Einen weitet er den Blick über West- und Mitteleuropa hinaus aus, hin in den Osten und Südosten des Kontinents, Regionen, deren Erfahrungen aus der Zeit zum großen Teil erst seit den 90er Jahren zugänglich für die Wissenschaft sind. Und zum Anderen geht er den Motiven und Hintergründen für die Greueltaten der Zeit detailliert nach.

Wer hat wann und warum andere Menschen ungebracht, gefoltert, vertrieben?

  • Menschen, die aus den KZ und Arbeitslagern befreit wurden, wollten Rache.
  • Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter ebenso
  • Widerstandskämpfer und Kollaborateure gerieten aneinander
  • Soldaten, die Greuel durch die Besatzungsmächte erlebt hatten, rächten sich ihrerseits

Darauf aufbauend schildert er die ethnisch begründeten Säuberungen – nach der späten Kriegs- und der Nachkriegszeit hatte Europa sein Gesicht verändert: Vorher multiethnische Regionen waren nun ethnisch „sortiert“. Der Weg dahin bestand aus Vertreibungen und Massakern. Dazu gehören nicht nur die Vertrteibunge deutschstämmiger Menschen in Tschechien und der Slowakei oder in Polen, sondern auch Auseinandersetzungen zwischen Serben, Kroaten und anderen Völkern auf dem Gebiet Jugoslawiens, Umsiedlungen von Serben und Ungarn in den jeweiligen Grenzgebieten, Umsiedlung innerhalb der neuen Staatsgrenzen Polens und vieles mehr.

Eure Schuld
Solche Plakate zeigten den Deutschen im Sommer 1945 die Greuel der KZs
Den Abschluss bildet das Kapitel über die Bürgerkreige, die dem zweiten Weltkrieg in manchen Gegenden folgten und teilweise jahrelang andauerten.

Sie sehen, die Kapitel bauen aufeinander auf und Keith Lowe verweist gern vor und zurück, betont an anderer Stelle bereits Erwähntes noch mal und macht so seine Argumetation transparent und  nachvollziehbar. Er nimmt mich als Leserin mit hinein in seine Gedankenfolge, denn er nutzt gern und in mehrfacher Hinsicht das „Wir“:

  • für die Alliierten, besonders die Briten, zu denen er sich selber zählt
  • für die Historikerinnen, die die verschiedenen Bereiche bearbeitet haben
  • für die Menschen, die lange nach der geschildeten Zeit ein Bild von ihr haben, beruhend auf Erzählungen, Überzeugungen, Propaganda und nationalen Mythen

Es ist also einerseits ein gut lesbares und verständliches Buch, das Informationen zusammenträgt, die in solcher Form selten so zusammengefasst wurden. Die Argumentation, wie schon erwähnt, ist klar, nachvollziehbar und wenn man sich die Mühe macht, den reichen Anmerkungsapparat zu berücksichtigen, auch belegbar. Andererseits ist der Inhalt des Buches streckenweise nur schwer erträglich, denn Keith Lowe schildert die Greueltaten auf allen Ebenen, nimmt Augenzeugenberichte hinzu und mutet mir damit ganz schön was zu:

  • die Lage in den KZs und Arbeitslagern der Nazis, einschießlich der Todesmärsche gegen Ende des Krieges
  • die Lage der Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter
  • die Situation derer, die feindlichen Truppen in die Hände fielen
  • der Hunger in den zerbombten Städten
  • die Racheakte gegenüber Kollaboratuerinnen und Kollaborateuren (übrigens wurden die Frauen, die ein Liebesverhältnis mit dem Feind unterhielten stärker „bestraft“ als die Männer, die Geschäfte mit ihnen machten …)
  • die Folgen der zerbombten Infrastruktur – aufgrund zerstörter Schienenwege und Straßen konnten die Flüchtlinge und Vertriebenen, die Kriegsheimkehrer und die Kriegsgefangenen der Alliierten nicht versorgt werden
  • die Situation in den Lagern der Alliierten
  • die Lynchjustiz allerorten

Antisovjet russian partisan hunters 1942
Eine Gruppe von antisowjetischen Partisanenjägern, die mit den Nazis zusammenarbeiteten. Sie hatten nach dem Krieg Repressalien zu befürchten.
Hinzu kommen die politischen Differenzen; obwohl die Westalliierten mit der UdSSR gemeinsam Nazideutschland besiegt hatten, war von vertrauensvoller Zusammenarbeit zwischen Konservativen und Kommunisten keine Rede – das zog sich durch bis in die unteren Ebenen der Kommunen; der Widerstand der kommunistischen Kämpferinnen und Kämpfer wurde diskreditiert, Rechtsgesinnte kamen schnell wieder in Amt und Würden; ehrlich gesagt hat mich die Schilderung der politischen Zwiste der Zeit (1943-1950 ist der Berichtszeitraum) mit ganz anderen Augen auf Don Camillo und Peppone blicken lassen …

Auch in diesen politischen Konflikten floss reichllich Blut, sie waren Anlass für Bürgerkriege und politische Gewalt in Griechenland, in Rumäniern und in den osteuropäischen Ländern, die sich großenteils nicht friedlich als Satellitenstaaten der UdSSR einrichteten. Aber auch Frankreich und Italien wurden der politisch motivierten Gewalt nicht verschont.

Alles in allem also eine fordernde Lektüre auf diesem Gebiet; das Verdienst von Keith Lowe besteht darin, dass er das Prozesshafte dieser Zeit und ihrer Greuel deutlich macht und dabei die verschiedenen Faktoren, die in privaten Erzählungen unverbunden nebeneinander stehen, in Zusammenhang setzt und manche politische Entscheidung zu Beginn des Kalten Krieges verständlich macht. Ein durch und durch empfehlenswertes Buch.

Keith Lowe: Der wilde Kontinent. Europa in den Jahren der Anarchie 1943-1950, übersetzt von Stephan Gebauer und Thorsten Schmidt, Klett-Cotta Verlag, Stuttgart, 2014, ISBN: 9783608948585

Diese Besprechung gehört in die Reihe zu Thema ’45.

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