Nadia Pantel hat als Erläuterung für diesen merkwürdigen Titel dann „Ein etwas anderes Frankreich-Porträt“ gewählt. Das ist durchaus zutreffend. Sie geht anhand von, ich möchte sagen, typisch-französischen Nahrungsmitteln dem gesellschaftlichen und politischen Frankreich ein bisschen nach. Der Prolog heißt „Carottes râpées oder Wie alles begann“. Hier erfahre ich, dass Nadia Pantel Halbfranzösin ist und als Kind eben viel bei der Familie in Frankreich war. Als Frankreich-Korrespondentin hat sie auch beruflich jahrelang mit unserem westlichen Nachbarland zu tun gehabt.
Und dann geht es los; ich nenne jetzt einfach nur mal einige der „verwendeten“ Nahrungsmittel:
- Baguette,
- Tomaten,
- French Tacos,
- Camembert
- Pain au chocolat
- Wurst
Diese schmackhaften Dinge sind dann kombiniert mit Begriffen wie „Krise“, „Widerstand“ oder „Kindererziehung“. Sie merken schon, da sind einige lustige Kombinationen möglich.
Was genau porträtiert Nadia Pantel denn da?
Sie versucht, einen Zugang zu französischer Gesellschaft und auch Politik zu finden, indem sie den Alltagsdingen nachspürt. Da geht es zum Beispiel im Kapitel mit dem Baguette darum, dass in Paris das beste Baguette ausgezeichnet wird, Das beste Baguette aus Paris. In der Hauptstadt versammelt sich alles, was in Frankreich erfolgreich ist. Zumindest ist das so ein bisschen das Bild.
Doch es gibt da eben auch die andere Geschichte. Das Baguette in der Provinz sozusagen. Und da hat ein Bäcker aus Lothringen einen Automaten erfunden, sodass auch in kleinen Orten jederzeit ein frisch gebackenes Baguette auf den Tisch kommen kann. Ich muss gestehen, ich habe diese Automaten schon gesehen, wenn ich in Frankreich war, habe sie aber immer für etwas nicht so Tolles gehalten. Die Erklärung dieses Bäckers hat meine Meinung verändert. Er sagt, die Automaten werden in kleine Orte verkauft, wo lokale Bäcker vorgefertigte Teiglinge einspeisen. Und dann kommt, wenn man das Geld eingeworfen hat, kurz danach ein frisch gebackenes Baguette raus, das eben keine Fabrikware ist, wie ich sie in den Supermärkten bekomme. Sondern es handelt sich dann, wenn es auch aus einem Automaten kommt, um ein lokales Produkt. Sehr spannend. Bei meinem nächsten Frankreich-Urlaub werde ich also vielleicht doch eher am Automaten als im Supermarché mein nächstes Baguette kaufen.
Ein anderes Beispiel sind die Pains au Chocolat, die kleine Kinder am Nachmittag bekommen. Das ist das sogenannte „gouter“, also „was zum Naschen“. Hier steht der Genuss, so Nadia Pantel, im Vordergrund. Es gibt eine Kleinigkeit, etwas, was Kinder gerne essen und sie findet das viel attraktiver – und macht mir das auch verständlich – als die pappigen Reiswaffeln oder die angebräunten Apfelstückchen, die sie von deutschen Eltern so kennt.

Das Buch wird, je weiter man fortschreitet, umso düsterer in den Themen. Es geht um Rassismus, es geht um Kolonialismus, es geht um Faschismus. Die Banlieues sind Thema, der Algerienkrieg und seine bis heute spürbaren Folgen. Die Kluft zwischen den Eliten und der Bevölkerung. Doch Nadja Pantel bindet alles auf eine gut lesbare Art zusammen. Ich habe das Buch wirklich sehr genossen.
Ach so, das Camembert-Diagramm … In Frankreich wird ein Camembert nicht in Scheiben geschnitten. Damit alle am Tisch gleich viel vom Inneren wie vom Rand bekommen, wird es wie eine Torte in dreieckige Stücke geschnitten. So ist bei Wahlen und ähnlichen Ereignissen im französischen TV nicht vom Torten-, sondern vom Camembert-Diagramm die Rede …
Der Stil von Nadia Pantel
Sie ist Journalistin mit einer lockeren, lebendigen Schreibe. Damit ich bei den vielen Themen nicht die Übersicht über die Gesprächspartner und -partnerinnen verliere, nutzt sie z. B. für Dora Variationen um „die beste Nachbarin von allen“. Ich finde das sehr charmant.
Ihrer Bekehrung zur Austerliebhaberin kann ich nicht folgen, oder wenn , dann nur sprachlich:
Außerdem bist du gar nicht schleimig, liebe Auster, sondern du schimmerst, als hätte dir jemand zum Schutz deiner zarten Haut ein Seidentuch übergeworfen (S. 124)
Nadia Pantel: Das Camembert-Diagramm. Ein etwas anderes Frankreich-Porträt, Rowohlt, Berlin, 2025, ISBN: 978373102186

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