Der Roman „Da Capo“ von Cäcilie Kowald hat einen Untertitel, der sehr gut passt: „Ein Roman über Liebe, Gesang und die Liebe zum Gesang“.
Worum geht es?
Betty testet zu Beginn mit ihrer Stimme die Akustik einer alten Kirche – später soll dort mit dem Vokalensemble, das sie gegründet hat, ein Konzert stattfinden. Der neue Bass, Hannes, hat ebenfalls seinen ersten Auftritt, bevor das Konzert losgeht.
Cäcilie Kowald nimmt mich mit in die Anspannung vor dem Konzert, die Anspannung, wie das mit dem neuen Mitsänger wird und in die Freude des Singens, als es losgeht. Hannes bescheinigt der jungen Sopranistin, sie habe die richtige Stimme für Händel.
Darum geht es dann im weiteren Verlauf, denn Betty bekommt eine „Mucke“ vermittelt von ihrem Prof. Doch erst beim Vorsingen kapiert sie: Hier geht es nicht um ein Oratorium, sondern um eine Oper – eine Händel-Oper. Und der Dirigent sucht eine passende Sängerin für die Titelpartie. Hoppala!
Sie bekommt die Rolle und nun ist Stress angesagt. Ihr kleines Ensemble hat verschiedene Angebote, Konzerte zu machen. Hannes verlangt als erfahrener Sänger weitere Proben und sie hat natürlich die gesamte neue Partie überhaupt zu lernen. Das kollidiert aufs Schmerzhafteste – Betty wird im Ensemble nicht mehr (alles) mitsingen können.
Zumindest auf ihre Stimme kann Betty sich verlassen, auf ihre Gefühle vielleicht weniger. Gleichzeitig mit der neuen Rolle taucht eine alte Freundin wieder auf und die Situation ist recht angespannt. Beide haben sich unabhängig voneinander weiterentwickelt, und zwar anders, als es bei der Trennung vor fünf Jahren aussah. Völlig anders. Eine Verbindung aber ist geblieben, die zu tragen verspricht.
Weiterer Stressor: Der Dirigent ist ihr ein bisschen suspekt, weil sie ihn immer wieder dabei ertappt, wie er ihren Körper scannt und sie sich dabei sehr unwohl fühlt. Er gilt aber als großartig, wenn auch anspruchsvoll. Als er dann von ihr barocke Geläufigkeit für die einzelnen Da Capos ihrer Arien fordert, braucht sie Hilfe.
Die harte Arbeit verlangt Betty einiges ab – ihre bisherigen Erfolge im Ensemble, das sie gegründet hat, oder als Oratoriensängerin, helfen ihr bei diesen Herausforderungen nicht. Wie es im Klappentext steht, kommt ihr dann noch die Liebe dazwischen – schafft sie es?
Hinzu kommt dann noch eine sozusagen familiäre Komplikation, die ich jetzt hier nicht teasern möchte, aber die am Ende auf das Charmanteste aufgelöst wird. So viel darf ich verraten.
Betty geht also durch ziemlich viele Höhen und Tiefen in dieser Zeit.

Doch das Singen, das ist nun einmal ihrs. Und hier kommen nun kleine Zwischenkapitel, immer als letzter Abschnitt eines der großen Kapitel, von Cäcilie Kowald, die für mich den Roman so besonders lesenswert gemacht haben.
Immer wieder beschreibt sie die körperliche Erfahrung des Singens in sehr eindringlicher, nachvollziehbarer Sprache. Dass ich das mag, kann daran liegen, dass ich selber auch ein bisschen singe. Ich weiß nicht, wie diese Passagen auf Leute wirken, die das nicht kennen. Ein Beispiel vom Anfang:
Beim Einatmen spannt sich der Rücken, entspannt sich beim Ausatmen. Dem Ziehen der Rückenmuskulatur nicht ausweichen, sondern sich hineinlehnen, die Arbeit des Körpers bewusst wahrnehmen. (…) Schließlich, ohne die Bewegung merklich zu ändern, in dem winzigen Kippen vom Einatmen zum Ausatmen, keinen Wimpernschlag, später den Ton in den Luftstrom werfen, ihn mit beiläufiger Aufmerksamkeit beobachten, ihn sich entwickeln lassen, ohne ihn zu kontrollieren, zu verstören, zu beschweren. Zuschauen, wie er auf dem Luftstrom tanzt, während der innere Raum langsam nachgibt, die Lungen sich zusammenziehen, das letzte bisschen Luft herauspressen, um den Klang am Leben zu halten, so lange wie möglich, bis er schließlich ohne flackern, einfach verlischt. (S. 48)
Ich habe einige dieser Texte meiner Gesangslehrerin vorgelesen und sie war beeindruckt …
Wie ist „Da Capo“ geschrieben?
In dieser Passage wird schön deutlich, wie Cäcilie Kowald schreibt. Sehr dicht an den Gefühlen, sehr plastisch. Man könnte sagen „mitreißend“, ich nenne es eher mitziehend, einladend. Sie nutzt alle Sinne und spielt hin und wieder – nicht zu oft, damit es nicht nervt – mit der Sprache. Da Capo bietet nicht nur eine durchaus komplexe Geschichte rund um die junge Sängerin, ihr Vokalensemble und die Opernbühne. Der Roman bietet eine dem Stoff angemessene Sprache, ist sehr intensiv.
Die Hauptkapitel sind mit Zitaten aus „Atalanta“ von Georg Friedrich Händel überschrieben – der Oper, in der Betty die Hauptrolle singen soll.
Ich habe hier schon den anderen Roman der Autorin besprochen, „Menschenkette“, doch das hier ist ihr erster Roman, wie vorne in ihrer Bio steht. Hut ab, liebe Cäcilie Kowald – ein starker Einstieg ins Romanschreiben. Da Capo!
Ach ja, am Ende gibt es noch ein ausführliches Glossar, das nicht nur einzelne Titel erläutert, die im Text genannt werden, sondern auch musikalische Fachbegriffe.
Cäcilie Kowald: Da Capo, Cäcilie Kowald, Karlsruhe, 2011, ISBN: 9783565125746

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