Je nachdem, wo Sie leben, haben die Anbieter des öffentlichen Nahverkehrs recht unterschiedliche Namen: KVB in Köln, SSB in Stuttgart, SW in Weimar. In Paris ist es die RATP (Régie Autonome des Transports Parisiens). Und die schreiben seit zwölf Jahren einen „Grand Prix Poesie“ aus. Unter dem Titel „Cent Poèmes pour Voyager“, also „100 Gedichte zum Reisen“, sind in diesem Jahr die Finalist*innen veröffentlicht worden.
Alle können sich beteiligen und Gedichte einreichen. Es gibt Kategorien für Kinder unter zwölf Jahren, für Jugendliche von zwölf bis achtzehn Jahren. Die Erwachsenen werden dann nicht mehr weiter differenziert. Darauf aufmerksam wurde ich in der „Librarie Guillaume“, einer Buchhandlung in Caen, während meines Urlaubs in der Normandie. Das orangefarbene Bändchen stach mir in die Augen, das erste Gedicht, das ich zufällig aufschlug, gefiel mir und die Kombination ÖPNV und Lyrik fand ich spannend. Hier sind die 100 Gedichte versammelt, die es ins Finale geschafft haben, von rund 10.000 eingereichten!

Eine Jury, deren Besetzung jedes Jahr wechselt, begutachtet alle Einreichungen, zudem gibt es Publikumsabstimmungen, denn die Gedichte werden in der RATP öffentlich gemacht, als Aushänge in den Wagen der Metro oder an den Haltestellen. Die Themen sind frei wählbar. Und nun zeige ich Ihnen einige dieser Gedichte.
So hat Owen Upex mit sieben Jahren sein Lieblingsessen bedichtet:

Wenn du nur jeden Tag da wärst
aber meine Eltern lassen mich nicht
Ich habe eine Art Loch im Magen
und große Eile, dich zu verschlingen,
mein geliebter Burger.
Ebenfalls sieben Jahre zählt Amélie Lepetier, die sich Gedanken zu Träumen macht.

An meinen Traum mache ich jeden Tag ein Lesezeichen,
damit ich abends alle Personen wiederfinde.
Der 14-jährige Baptiste Vacheron denkt übers Dichten nach.

Trotz seiner Feder
fliegt der Dichter nicht. Er kann nur
den Wörtern nachlaufen.
Die 15-jährige Sabrina Solignac hat sich an einem Haiku zum Thema Regen versucht.

Regenhaiku.
Zärtlicher Schauer,
wie doch der Regenschirm weint.
Milder Wolkentod.
Der 79-jährige Jean Ricciarelli hat ebenfalls ein Haiku verfasst.

Haiku
Verfluchter Westwind,
er liest mein Buch viel schneller
als ich. So ein Schelm.
Natürlich darf die Liebe nicht fehlen. Ist ja Paris. Die 23-jährigeLola Berthomé findet ein passendes Bild in diesem Zusammenhang.

Die Reise ist so süß,
wenn die Endhaltestelle
du bist.
Ich habe mich auf kurze Gedichte beschränkt, um sie mit meinen beschränkten Mitteln – einer gewissen Sprachkenntnis und einem Wörterbuch – übersetzen zu können. Ganz „hilfreiche“ KI.
Wie Sie sehen können, sind mir dabei, völlig unbeabsichtigt, einige „Ausgezeichnete“ untergekommen: Wo oben neben dem Namen „Lauréat“ oder „Lauréate“ steht, handelt es sich um Preisträger im Gesamtwettbewerb; Owen Upex hat mit seinem Gedicht über den Burger den Publikumspreis erhalten.
Das kleine Bändchen lädt zum Hineinblättern ein. Ich mag mein Fundstück und hoffe, Sie haben auch Freude daran.
Cent poèmes pour Voyager Finalistes du Grand Prix Poesie RATP 2026 Jury présidée par Benjamin Milpied. Édition Bruno Doucet, Paris, 2026, ISBN: 978-3-3622-958-121.

SabineWith
27. September 2026 at 19:08Diese tolle Aktion las ich kürzlich in der Frankreich erleben Ausgabe.