Ein Festtag von Graham Swift

Da hat die Leseprobe doch ihre Funktion erfüllt – ich wollte “Ein Festtag” von Graham Swift unbedingt zu Ende lesen. Hab ich gemacht. Und es hat sich gelohnt.

Die Geschichte ist eigentlich simpel: Ein junger Adliger hat seit Jahren ein Verhältnis mit einem Dienstmädchen und muss in zwei Woche aus Standes- und finanziellen Gründen eine andere heiraten. Doch es kommt nicht nur anders, als alle im Buch das denken und planen, es ist schon anders. An dem Tag, an dem Festtag (das Original benennt den Festtag als “Mothering Sunday” – der Muttertag in Teilen Englands, auch des frühen 20. Jahrhunderts – Sonntag Lätare, im liturgischen Kalender) darf Jane durch den Haupteingang gehen, ihr Fahrrad einfach am Eingang stehen lassen. Sie trifft sich mit Paul in seinem Zimmer. Beiden ist klar, dass es das letzte Mal ist – nach der Hochzeit wird ihr Verhältnis ein Ende haben.

Das Besondere ist nun, wie Graham Swift Janes Gedanken folgt – assoziativ reihen sie sich aneinander. Immer wieder rekurrieren sie auf ihr späteres Leben, auf ihr hohes Alter, das sie erreichen wird. Einerseits haben wir da eine erzählende Instanz – und die bringt in manchen Stellen die Idylle im Zimmer, an einem Märztag, der warm wie ein Junitag war, ins Taumeln. Ziemlich genau in der Mitte erfahre ich als Leserin, die ich mir Gedanken gemacht habe, wie es mit Paul und Jane weiter geht, etwas, von dem Jane an diesem Mothering Sunday 1924 noch keine Ahnung hat – und damit wird meine Aufmerksamtkeit gegenüber den assoziativen Gedankenreihen völlig verändert, ja, ich möchte unter diesem neuen Aspekt die erste Hälfte gleich noch mal lesen und schauen, wo da Informationen für die spätere Sicht auf das Geschehen versteckt sind. Tu ich aber nicht – erst muss ich wissen, wie es weitergeht.

Bei aller Sinnlichkeit, bei aller Detailfreude am Erotischen, an der Spannung, unausgesprochen zwischen zwei Menschen, die gerade miteinander geschlafen haben, ist die Beobachtungsgabe von Jane von Anfang an bemerkenswert. Sie bertrachtet den nackten jungen Mann und sich selber, neue Wörter fallen ihr ein, Wörter, die nicht zu einem einfachen Dienstmädchen passen, wie “seine Augen an etwas weiden” (S. 11). Die bewusste Parallelsetzung von Körper und Landschaft in derselben Szene:

Sie lag ausgestreckt auf dem Bett, nackt, von einem Paar billiger Ohrringe, ihrem einzigen Paar, abgesehen  (…)

Draußen lag, ebenfalls ausgestreckt, die Grafschaft Berkshire, gegürtet mit hellem Grün, von Vogelgesang erschallend, im März mit einem Junitag gesegnet. (S. 11)

Otto Scholderer Englische Landschaft

Eine idealtypische englische Landschaft

Sprache ist Jane wichtig. In ihren Gedanken geht  es um die Bücher, die sie – mit Erlaubnis ihres Arbeitgebers – aus seiner Bibliothek entleihen  und lesen durfte. Sie macht sich in den Gedanken der alten Frau, der Schriftstellerin Jane Faichild, die sie  einmal sein wird, Gedanken über das Beschreiben und Behalten von Eindrücken – und über das Vergessen. Kurz: Sie mditiert das Schriftstellerin-Sein.

Nebenbei macht Graham Swift die Zeit um 1920 lebendig – ihre vergleichsweise Beschaulichkeit, mit den ganzen Abgründen, mit den Nachwirkungen des Großen Krieges der so viele junge Männer das Leben kostete – die Söhne von Janes Arbeitgeber, die Brüder ihres Liebhabers. Unaufdringlich lässt er diese vergangene Welt lebendig werden und zeigt ihre Zerbrechlichkeit und damit die Zerbrechlichkeit menschlicher Ziele und Wünsche. En passsant entfaltet sich, mit einer Bemerkung hier und einer dort, das Leben einer ungewöhnlichen Frau, die, so alt wie das 20. Jahrhundert, ihren Weg vom Waisenkind zur viel interviewten Schriftstellerin ging, der Sprache so wichtig war, das Beschreiben, das Behalten, das Zurückhalten. Ein Kunstwerk.

Graham Swift: Ein Festtag, übersetzt von Susanne Höbel, dtv, München, 2017, ISBN: 9783423281102

Mr. Peardews Sammlung … von Ruth Hogan

Der vollständige Titel lautet: “Mr. Peardews Sammlung der verlorenen Dinge” (das englische Original “The Keeper of Lost Things”). Mit Anthony Peardews hat Ruth Hogan eine skurrile, liebenswerte Figur erschaffen.Mr. Peardrew sammelt alles, was andere verloren haben. Warum? Er selbst hat im Mai 1974 – das kann ich als Leserin erschließen –  das Liebste verloren, was es für ihn gab: Seine Verlobte Therese starb auf dem Weg zur Hochzeit. Und er verlor am selben Tag das Andenken schlechthin an sie, ein Medaillon, das immer bei sich zu tragen er ihr versprochen hatte.

Das Buch hat einen irritierenden Beginn:
Da reist eine Person in einer Keksdose. Huch?

Es ist Anthony, der die Dose findet, mitnimmt und sorgfältig beschriftet seiner Sammlung einverleibt: Die Beschriftung gibt dann Auskunft: Einäscherung …

Anthonys Assistentin Laura lerne ich als nächstes kennen – sie hat sich vor Jahren aus Verzweiflung nach ihrer gescheiterten Ehe auf die Stelle beworben und es nie bereut. Zwar weiß sie nicht, was ihr Arbeitgeber in seinem Arbeitszimmer hat, aber die stilvolle und ruhige Atmosphäre seines Hauses hat es ihr angetan. Sie schreibt die Geschichten  Anthonys ab, erledigt sonstigen Schriftkram und freut sich, einen so angenehmen Arbeitsplatz gefunden zu haben.

Die nächste Szene katapultiert mich ins Jahr 1974- anderes Personal, auch wenn die Situation vergleichbar scheint: Eine junge Frau bewirbt sich als Assistentin eines Verlegers. Auf dem Weg fallen ihr zwei Dinge auf: Ein Menschenauflauf vor der Bäckerei gegenüber der Adresse, wo sie hin muss und vorher ein wartender, nervöser Mann. Auch in diesem Strang entwickelt sich zwischen Arbeitgeber und Anagestellter ein guter Kontakt – sie werden Freunde, schauen Filme, Eunice, so heißt die junge Frau wird in “Bombers” Familie aufgenommen. Na ja, fast – seine Schwester Portia, eine reiche Frau, die sich als Autorin versucht, lehnt Eunice ab.

Berlock med fotografiporträtt av Wilhelmina Kempe, 1865 - Hallwylska museet - 110564

Das Medaillon von Therese enthielt auch ein Bild. Hallwyl Museum / Helena Bonnevier / CC BY-SA, Berlock med fotografiporträtt av Wilhelmina Kempe, 1865 – Hallwylska museet – 110564, CC BY-SA 3.0

Während es sich bei Anthony, Laura, Freddy und Sunshine nur um wenige Jahre handelt, begleite ich Bomber, Eunice und die Hunde über viele Jahre, bis sich die Handlungsstränge im Hier und Heute begegnen. Ruth Hogan hat viel Magie eingewoben – zum Glück auch viel Wortmagie.

Anthony war gegangen und hatte eine Leiche zurückgelassen. (S. 66)

oder etwas drastischer

Das Pochen in ihrem Kopf wurde bald von einem lauten Klopfen an der Fenstertür erwidert. (S. 135)

Ruth Hogan hat eine anrührende Geschichte geschrieben. Sie hat einen gut lesbaren Stil mit überraschenden Formulierungen, die stutzen lassen oder einfach Spaß machen, ihre Figuren sind lebendig – gute Unterhaltung garantiert. Schön auch die Szene, wo Laura den beiden Klatschbasen, die sich über ihr mögliches Verhältnis zu Anthony ausließen, das Wort “Fellatio” an den Kopf wirft und die eine behauptet, das schon mal in Italien gegessen zu haben.

Ruht Hogan: Mr. Peardews Sammlung der verlorenen Dinge, übersetzt von Marion Balkenhol, List Verlag, Berlin, 2017, ISBN: 9783471351475

Ich habe das Buch über vorablesen.de gewonnen und dort auch eine Rezension geschrieben.

Sommer in Edenbrooke von Julianne Donaldson

rp_Bild-historisches-300x1993-300x199-300x199.jpgJulianne Donaldson ist eine vielversprechende Nachfolgerin für Georgette Heyer. Ihr 2012 auf Englisch erschienener Debütroman „Sommer in Edenbrooke“ (wie zu erwarten lautet der Titel im Original nur einfach „Edenbrooke“) hat mich wirklich gut unterhalten, auch wenn es ein paar kleine Haken gab.

Marianne Daventry, die junge Protagonistin, hat gleich am Anfang des Buches ein großes Problem, nämlich einen unerwünschten Verehrer. Der macht sich bei ihr mit selbst verfassten Gedichten auf ihre Schönheit unbeliebt. Kein Wunder, dass sie ihm zu entkommen trachtet. Dazu gibt es bald eine unerwartete Gelegenheit – Marianne wird eingeladen, die nächsten Wochen bei der Familie der Freundin ihrer verstorbenen Mutter zu verbringen. Zudem verspricht ihre grantige Großmutter, sie anstelle ihres nichtsnutzigen Cousins als Erbin einzusetzen. Bedingung: Sie soll lernen, sich wie eine Dame zu benehmen.

Marianne begibt sich also frohgemut auf die Reise und die Abenteuer können beginnen: Ihre Kutsche wird überfallen, der Kutscher James verletzt, ihr Medaillon geraubt – was tun? Zusammen mit ihrer Zofe, ein ebenso zierliches Geschöpf wie sie selber, wuchtet sie den verletzten Kutscher ins Innere des Gefährts und lenkt den Wagen bis zum nächsten Gasthaus. Ihr erstes Ansuchen um Hilfe wird von einem Gentleman in der Gaststube abgewiesen, doch der Wirt ist hilfsbereit; er schafft James in eins der Zimmer, versorgt die Wunde und empfiehlt Marianne, unten in der Gaststube etwas zu essen. Dort begegnet sie dem vorher so unfreundlich auftretenden jungen Mann – noch vor Ende der Mahlzeit sind die beiden die dicksten Freunde; Marianne entdeckt in ihm einen Menschen mit demselben Humor. Während sie ihm ihre Identität enthüllt, verbleibt er in Anonymität. Am nächsten Morgen stellt sich heraus, dass er sich a) um alles Notwendige für Mariannes Weiterfahrt und b) um eine Pflegeperson für James gekümmert hat. Marianne und ihre Zofe reisen weiter nach Edenbrooke.

A treatise on carriages - comprehending coaches, chariots, phaetons, curricles, whiskies, &c. - together with their proper harness, in which the fair prices of every article are accurately stated (14590085648)

Ein Kutschenmodell aus der geschilderten Zeit – offensichtlich besser gefedert als das altmodische Teil der Großmutter.

Was dann folgte, habe ich in der Straßenbahn gelesen und da ich dort nicht die ganze Zeit schallend lachen konnte, habe ich still Tränen gelacht: Mariannes Bedürfnis, sich aus purer Lebenslust im Kreis zu drehen, hat, man könnte sagen: bestürzende Folgen. Und wer dann als Retter auftaucht, das können Sie sich sicher denken.

Julianne Donaldson hat mit Marianne und Philip – ja, so heißt der junge Mann und er ist Sohn des Hauses, in dem Marianne zu Gast ist – ein so offensichtlich kongeniales Paar erschaffen, dass jede Art der Verzögerung, auch als Traumpaar zu enden, gesucht erscheint. Das ist im Grunde einer meiner Kritikpunkte an dem Buch: Das glückliche Ende für die beiden winkt einfach schon zu früh, und das trotz einiger schwerwiegender Hindernisse. Einer davon ist die absolute Begriffsstutzigkeit von Marianne im Zusammensein mit Philip. Ein Mädchen, das mit der eigenen Schwester bereits über die möglichen Zuneigung von Jungen spekuliert hat, kann nicht so blind sein; in dieser Hinsicht ist Marianne äußerst unglaubwürdig – der nächste Kritikpunkt. Hinzu kommen die Szenen, in denen die beiden, wenn auch oft bei geöffneter Tür, oft stundenlang völlig allein miteinander sind; Georgette Heyer wäre ein solcher Fauxpas nicht passiert, denn das war für die damalige Zeit undenkbar.

Julianne Donaldson schildert im Interview, das dem Roman folgt, wie sehr Georgette Heyer und Jane Austen sie beeinflusst haben – an solchen Stellen wird aber deutlich, dass sie eben doch eine Frau des 21. Jahrhunderts ist.

Im Großen und Ganzen jedoch ist das Buch eine reizende, unterhaltsamen Lektüre für alle, die ein Faible für die Zeit zu Beginn des 19. Jahrhunderts haben. Wie ihr Vorbild Georgette Heyer schreibt Julianne Donaldson einen lockeren, selbstironischen Stil. Das tut dann auch Marianne, wenn sie ihrer Großmutter pflichtschuldigst von ihren Fortschritte berichtet, sich wie eine Dame zu benehmen. Beispiel gefällig? Bitte sehr:

Zwischenzeitlich hier eine kleine Zusammenfassung darüber, was ich über das Dasein einer eleganten jungen Lady gelernt: Sie sollte niemals einen Genlteman beledigen, mit dem sie später womöglich diniert. (S. 141)

Julianne Donaldson: Sommer in Edenbrooke, übersetzt von Heidi Lichtblau, Pendo Verlag, München Berlin Zürich, 2017, ISBN: 9783866124288

Jane Austens Northanger Abbey von Val McDermid

rp_Bild-Unterhaltung-150x1501111.jpgBisher kannte ich Val McDermid “nur” als Krimiautorin – doch so was kann sie auch: Einen Jane-Austen-Roman in die Jetztzeit transportieren.

Northanger Abbey gehört – ebenso wie Emma – nicht gerade zu meinen Favoriten in der kurzen Reihe von Jane Austens Romanen, da ich zum Fremdschämen neige 😉 (Satire hin oder her) und Catherine genau wie Emma bietet dazu ja nun wirklich reichlich Gelegenheit. Nichtsdestoweniger habe ich das Buch von Val McDermid genossen, einfach, weil sie die Geschichte so völlig selbstverständlich in die Moderne tranferiert. Dabei schafft sie es, die den Personen von Jane Austen verliehenen Charaktere fast 1:1 zu modernisieren:

  • Statt auf Schauerromane steht Cat auf Vampirgeschichten
  • Informationen über die Famlienbeziehungen der Tilneys bekommt sie über Facebook
  • Die Angebereien von John Thorpe sind durchaus angepasst …

Andere Gegebenheiten ändert Val McDermid aber auch, so dass die Aktualität gewahrt bleibt, so z. B. den Umgang Cats mit dem Ehepaar Allen – gemäß unserer Zeit herrscht hier sehr viel mehr Gleichberechtigung und Lockerheit im Ton als zu Zeiten Jane Austens. Drogen sind Thema – nur mal so als Beispiel. Und der Verdacht, aus dem sich das Missverständnis zwischen Cat und Henry entwicklen kann, ist ebenfalls aktueller als der Vorwurf, sie sei ja keine reiche Erbin, wie er im Original erhoben wird.

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Obwohl Jane Austen ihre Satire viel früher geschrieben hatte, erschien sie erst nach ihrem Tod, zusammen mit ihrem letzten Roman Persuasion

Auch Cat ist eine junge Frau von manchmal etwas beschränktem Verstand, wie ihr historisches Vorbild, und ebenso wenig wie Catherine in der Lage zwischen Fiktion und Wirklichkeit zu unterscheiden – sie benimmt sich also mehr als nur einmal äußerst albern. Doch am Ende gibt es wie bei Jane Austen ein glückliches Paar.

Man kann den Roman auch einfach so genießen – mit dem Wissen um das Original gibt es aber noch mehr Spaß.

Val McDermid: Jane Austens Northanger Abbey, übersetzt von Doris Styron, HarperCollins Germany, Hamburg, 2016, ISBN: 9783959670180

Dieser Beitrag gehört in meine Reihe zum 200. Todestag von Jane Austen im Juli “Beloved Jane”.

In der Stadtbibliothek Köln gibt es den Titel als E-Book, als Buch und im Original.

Heute von Heidi Julavits

rp_Bild-Unterhaltung-150x1501111.jpgDer “Klappentext” zu “Heute . Dem Leben auf der Spur” von Heidi Julavits klang so verheißungsvoll:

Ein magisches Buch über das Abenteuer, das wir ‘Leben’ nennen: Heidi Julavits erforscht die eigene Existenz und bringt dabei das Außergewöhnliche im Alltäglichen zum Leuchten: radikal persönlich, zutiefst wahrhaftig und hinreißend komisch.

Doch ich hatte große, sehr große Probleme, der Ich-Erzählerin zu folgen.

  • Erste Irritiation: Die Einträge dieser als Tagebuch geschriebenen Texte über zwei Jahre im Leben der Autorin sind nicht chronologisch.
  • Zweite Irritation: Bei vielen Einträge habe ich mich gefragt “Was soll das heißen? Worauf zielt das ab?” – Fragestellungen, Assoziationen und Lebensprobleme weit ab von allem, was mich angeht oder mir nachvollziehbar erschien.

Der Gegeenpol: Sprachbilder, Sätze, die mich berührt haben. Und so habe ich es dann doch gelesen, nicht von vorn nach hinten, sondern zufällig – aufgeschlagen und entweder hängengeblieben oder zu gemacht, völlig ohne System. Dabei habe ich natürlich Sachen auch mehrfach “gefunden” und mich mal mehr mal weniger damit befassen mögen.

Ach, Sie wollen jetzt mindestens ein Beispiel für so gelungene Sätze – mal sehen *blätterrascheln*:

Manchmal denke ich, keiner von uns glaubt wirklich, was er sagt; wir verteidigen nur unseresgleichen. (S. 264)

Unsere Verabschiedung war zwanglos, als würden wir uns in drei Tagen oder niemals wiedersehen. (S. 356)

Und diese Auswahl ist jetzt natürlich von meinem Geisteszustand abhängig, in dem ich das auswähle – morgen könnte ich anderes gut finden 😉 Insgesamt ein Buch, auf das man sich einlassen “muss” und das dann etwas zu bieten haben kann, nicht muss.

Heidi Julavits: Heute. Dem Leben auf der Spur, übersetzt von Britt Somann-Jung, Atrium Verlag, Zürich, 2016, ISBN: 9783855350056

 

Auf phantastischen Pfaden von Thomas Le Blanc herausgegeben

rp_Bild-Unterhaltung-150x1501111.jpg2016 sind im Karl-May-Verlag einige “phantastische” Bücher erschienen, zu denen auch diese von Thomas Le Blanc herausgegeben Anthologie zählt. 20 Autorinnen und Autoren haben Figuren Karl Mays in magische oder phantastische Szenarien gesetzt. Wollte Karl May heute faszinieren, müsste er Fantasy schreiben, da die von ihm beschriebene, damals unbekannte, unerreichbare Welt so bekannt geworden ist – Unbekanntes bieten nur noch Magie und Phantastik. Das ist die Grundannahme, die Thomas Le Blanc im Vorwort ausführt.

Karl May

Hm, ob ihm Fantasy gelegen hätte? Thomas Le Blanc und die anderen Autorinnen des Bandes meinen: Ja.

Nun bin ich ja eher die Wild-West-Geschichten-Leserin und deshalb froh, dass trotz des Reihennamens “Karl May magischer Orient” auch Indianer vertreten sind – die zweite Hälfte des Buches widmet sich Old Shatterhand & Co. Und gleich die erste Geschichte, die aufschlug, hat mich wirklich begeistert: Tanja Kinkel schildert in “Lehrmeister”, wie Klekhi-Petra zu den Apatschen kam. Weiterlesen

Wo die Liebe hinfliegt von Tanja Brandt

rp_Bild-Unterhaltung-150x1501111.jpgJa, kitschfrei ist das nicht – aber die Fotos von Tanja Brandt haben mir mehr als ein Lächeln ins Gesicht gezaubert. Sie ist Falknerin und Fotografin und verbindet beides miteinander – sie fotografiert ihre Tiere: Steinkauz Poldi, Schäferhund Ingo und die anderen Vögel: Schnee-Eule Uschi, die sibirische Uhu-Dame Bärbel, die Weißgesichtseule Gandalf und den Wüstenbussard Phönix.

Tanja Brand erzählt in ihrem Buch die Geschichte der Freundschaft zwischen Poldi und Ingo – in erster Linie. Da wird durchaus gemenschelt – na gut. Es ist auch klar, dass die Tiere die Kamera gewohnt sind – kein Wunder, wenn man sich die Fülle der Fotos auf der Website anschaut. Die Inszenierung vieler Bilder ist auch sehr deutlich. Letzten Endes sind aber so viele Bilder dabei, die einfach nur schön oder auch sehr witzig sind – mir ist da echt das Herz aufgegangen.

Anrührens sind besonders die Bilder, die eine vertrauensvolle Nähe zwischen so unterschiedlichen Tieren zeigen - der Verlag ha tmir das Foto freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Anrührend sind besonders die Bilder, die eine vertrauensvolle Nähe zwischen so unterschiedlichen Tieren zeigen – der Verlag ha tmir das Foto freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Neben den Geschichten und Anekdoten rund um ihre tierische Familie vermittelt Tanja Brandt auch Infos zu den einzelnen Gattungen, so dass dem (oder soll ich sagen “meinem”?) Informationsbedürfnis Rechnung getragen wird 🙂

Tanja Brandt: Wo die Liebe hinfliegt. Ingo und Poldi – Die Geschichte einer Freundschaft, Bastei Lübbe Verlag, Köln, 2016, ISBN: 978343109696

Die Bezauberin von Ghita Gothóni

rp_Bild-Unterhaltung-150x1501111.jpgAm Anfang bin ich über das Titelwort “Bezauberin” gestolpert – Ghita Gothóni setzt offensichtlich auf die Irritation, die durch die ungewohnte Substantivierung entsteht.

Worum geht es? Ein Finne, Erik, der als Übersetzer in Köln lebt (Ghita Gothóni stammt aus Finnland und lebt in Köln 😉 ) reist in seine Heimat, um dort abzuschalten. Eine unglücklich verlaufene Liebesgeschichte seiner Jugend macht den Besuch bei Freunden nicht einfach – er war früher der Partner von Hanna; als sie von ihm schwanger wurde, hat sie das Kind abtreiben lassen und später Kari geheiratet, seinen Freund, der nicht weiß, dass die beiden mal ein Paar waren. Von Kari hat er eine Hütte im Wald gemietet, um dort abzuschalten, resp. in Ruhe zu arbeiten. Spannung liegt in der Luft. Aber nein, Hanna ist nicht (mehr) bezaubernd. Weiterlesen

Scepter und Hammer, Die Juweleninsel – noch zwei Fortsetzungsromane von Karl May

rp_Bild-Unterhaltung-150x1501111.jpgWenngleich diese Romane eine ähnliche Mischung von Kitsch und Abenteuer aufweisen, wie die Münchmeyer-Romane, gehören sie eigentlich nicht in diese Reihe, denn sie erschienen in der Zeitschrift „Für alle Welt!“ in der Zeit von 1879-80, bzw. 1880-82. Neben den beiden Fortsetzungsromanen hat Karl May in dieser wöchentlich in Stuttgart erscheinenden Zeitung auch andere Texte veröffentlicht, insgesamt vier Jahre lang. Aufgrund der strukturellen Verwandtschaft zu den Münchmeyer-Romanen möchte ich diese beiden meiner Reihe anschließen.

Der Inhalt

In „Scepter und Hammer“ betreten wir zuerst norländischen Boden, lernen Doktor Max Brandauer, den Sohn des Hofschmieds, Prinzessin Asta von Süderland, den Prinzen von Raumburg und die Zigeunerin Zarba kennen. Die spricht dann eine Prophezeiung aus, in der die beiden Titelworte des Buches vorkommen. Max Brandauer erweist sich nicht nur als tüchtiger Schmied, sondern im Laufe der verwickelten Geschichte auch als Vertrauter des Königs von Norland, als geschickter Spion und talentierter Diplomat. Dass er tapfer und stark ist, bedarf keiner weiteren Erwähnung. Weiterlesen

Bühlerhöhe von Brigitte Glaser

rp_Bild-Unterhaltung-150x1501111.jpgDieses Buch ist auf Empfehlung meiner Buchhändlerin mein erster Kontakt mit der Autorin Brigitte Glaser (ich hab mir das Krimi-Lesen ein bisschen abgewöhnt …) und ich habe Freude dran gehabt. Es ist eine gute Mischung aus Krimi, Spionage-Geschichte und Gesellschaftsbild.

Gerade die Erinnerungen der drei Frauen im Mittelpunkt der Geschichte:

  • Rosa, aus Deutschland nach Palästina geflohen, die gesamte Familie bis auf die Schwester in der Nazi-Barbarei verloren und nun überzeugte Israelin
  • Sophie Reisacher aus Straßburg, die einen Nazi geheiratet hat und nun als Hausdame des Hotels Bühlerhöhe nach Höherem strebt, wieder erhobenen Hauptes durch ihre Heimatstadt gehen will
  • Agnes, die Buchhalterin aus einfachen bäuerlichen Verhältnissen, fromm und mit, wie wir sagen würden, einer posttraumatischen Belastungsstörung

Die Lebensgeschichten der drei bieten eine recht breite Palette an Erfahrungen mit der Nazi- und Nachkriegszeit – Verlust der Heimat, der Familie, Gewalterfahrungen und die Position als Frau in einer männlich dominierten Gesellschaft. Wie kommt eine Frau wieder auf die Füße, die solches erlebt hat? Alle drei – und noch mindestens die Schwestern von Rosa und Agnes – bieten da sehr unterschiedliche Antworten. Weiterlesen