Und Marx stand still in Darwins Garten von Ilona Jerger

Nein, getroffen haben sich Charles Darwin und Karl Marx im realen Leben niemals. Doch Ilona Jerger lässt die beiden zusammentreffen. Allerdings nur kurz. Trotzdem entwickelt sich im Laufe des Buches eine Auseinandersetzung zwischen den beiden alt gewordenen und kranken Genies. Der Vermittler oder Zuträger zwischen ihnen ist ihr Arzt, Doktor Beckett.

Ilona Jerger bettet die unterschiedlichen Ansichten der beiden in die Schilderung ihres Alltags ein und lässt sie dadurch nahbar werden. Insgesamt nimmt Charles Darwin einen größeren Raum ein als Karl Marx; bei ihm kommen dann auch noch die Erinnerungen an seine Reisen dazu, die ihm zu seinen Erkenntnissen verhalfen. Seine Evolutionstheorie wird von Karl Marx mit seinen Anhängern dahingehend interpretiert, dass Gott nicht existiert. Genau das ist das Thema bei dem Abendessen, zu dem der Schwiegersohn von Karl Marx diesen, ohne vorher seinen Namen zu nennen, mitgebracht hat. Ein Atheistenkongress in London ist der Anlass für diesen Überfall auf das Haus Darwin.

Zwei wichtige Nebenfiguren sind Frauen. Zum einen Emma Darwin, die langjährige Ehefrau von Charles, gläubige Christin, humorvoll und sehr liebevoll. Eine wirklich charmante Frau. Sie sorgt dafür, dass bei dem Dinner mit Karl Marx auch der Dorfpriester anwesend ist. Die beiden bekennenden Atheisten bei Tisch fühlen sich sichtlich düpiert. Die andere Frau ist Lenchen, die langjährige Haushaltshilfe von Karl Marx und seiner Familie. Durch sie erfährt Doktor Beckett einiges aus der familiären Vergangenheit.

Ilona Jerger schildert aber nicht nur die ideologischen Gräben zwischen den beiden Männern und jeweils ihren Gegnern, sondern sehr ausführlich auch die Krankengeschichte eines jeden. Das ist in manchen Punkten der ermüdendste Teil ihres Buches. Im Nachwort weist sie darauf hin, welche Quellen ihr vorlagen, gerade die „Krankenakten“ nehmen da einen breiten Raum ein. Kein Wunder, dass sie Doktor Beckett erfunden hat. 😉

Insgesamt erzählt Ilona Jerger lebendig und humorvoll..

Denn so, wie wir Regenwürmer durch die fleißige Aufnahme von Steinchen in ihrem Innersten feinste Bodenarbeit leisteten, verdaute Charles Unmengen an Fakten und produzierte Sätze länglichen Formats, die, einmal in Gang gesetzt, schwerlich wieder zu stoppen waren. (S. 138)

Marx old

Karl Marx 1882 in Algier

Ja, dieser Satz stammt von der Unterhaltung beim Dinner mit den Atheisten und hier wird einerseits deutlich, wie charmant Ilona Jerger erzählen kann und andererseits, wie unwiderstehlich Charles Darwin in ihrem Buch zu plaudern versteht. Übrigens stammt auch der Titel des Buches aus dieser Szene – Darwin und Karl Marx gehen zu zweit hinaus – und Darwin haut seinem unerwarteten Gast den Satz um die Ohren, er sei ein Idealist.

Charles Darwin by Julia Margaret Cameron

Charles Darwin, 11 Jahre vor seinem Tod

Und was ist nun mit dem Atheismus des Darwin? Er selbst bezeichnet sich bei Tisch als Theisten und erregt damit nicht geringes Aufsehen bei seinen Gästen, die ihn gerade wegen seiner “Abschaffung Gottes” aufgesucht haben. Gegenüber seinem “Freund”, dem Priester, erwähnt er, dass er, je länger er Naturgesetze erforsche, desto mehr davon überzeugt sei, dass es ein Walten dahinter geben müsse.

Insgesamt hat Ilona Jerger auf unterhaltsame Weise Fktion mit Fakten gemischt.

Ilona Jerger: Und Marx stand still in Darwins Garten, Ullstein Verlag, Berlin, 2017, ISBN: 9783843715829 (E-Book)

Jane Austen von Holly Ivins

“Eine Entdeckungsreise durch ihre Welt” ist der nette Untertitel des Buchs von Holly Ivins. Der Originaltitel des Büchleins ist bei weitem weniger zahm: “The Jane Austen Pocket Bible” – das wummst ganz anders.

Die ersten drei Abschnite befassen sich mit Janes Leben und der Gesellschaft mit ihren Regeln, die ihre Umwelt bildete. Dazu gehören dann z. B. Anmerkungen zum Rang von Persönlichkeiten – und da Jane Austen über die Gesellschaft schrieb, in der sie lebte und die sie kannte, gelten diese Regeln sowohl für Realität wie Fiktion: Weiterlesen

Jane Austens Geheimnis von Charlie Lovett

Bei dem Cover und überhaupt nach meiner Lektüreerfahrung mit Jane-Austen-Nachfolge- oder -Ergänzungsbänden erwartete ich eine Frau als Autorin – nix, da, Charlie Lovett ist Antiquar und tatsächlich männlich 😉 Sein Beruf spielt im vorliegenden Roman auch eine Rolle. Fazit gleich vorweg – es war eine Freude!

Der Klappentext ist zwar nicht falsch – aber sehr sehr irreführend! Denn obwohl Sophie Collingwood tatsächlich in einem Buchantiquariat arbeitet, ist das nicht ihre Haupteigenschaft. Weiterlesen

Zitatsammlungen von Jane Austen

Eine Autorin, die für ihren Witz, ihre Ironie und ihre Beobachtungsgabe gerühmt wird, ist natürlich eine Quelle für Zitate. Also gibt es zu Jane Austen solche handlichen Büchlein, die, thematisch sortiert, ihre Worte verbreiten.

Mein Liebling ist ja das “Jane-a-day“, von dem ich mindestens einmal pro Woche was bei Twitter einstelle (immer zum Datum, da wird nicht gepfuscht). Außerdem denke ich, dass ich daran länger als fünf Jahre Freude haben werde 😉

“Witziges und Weises, Geniales und Gemeines von Jane Austen”

Im Insel-Verlag ist gerade ein sehr handliches kleines Büchlein erschienen: “Witziges und Weises, Geniales und Gemeines von Jane Austen” heißt es. Die Übersetzungen, die ihm zugrundeliegen, stammen alle ebenfalls aus dem Insel-Verlag – kommen mir also manchmal etwas unvertraut vor (das kann den Blick aufs Original nur schärfen!). Weiterlesen

Lostage von Tina Pruschmann

Da hab ich mich auf das Debut von Tina Pruschmann gefreut und erwartungsfroh den E-Reader angeschmissen – und musste feststellen, dass es sich um ein Buch handelt, das bei mir als E-Book nicht funktioniert. Als ich es dann in der Bibliothek als Druckwerk bekam, war ich froh – endlich konnte ich das Werk so lesen, wie es mir gefiel.

Tina Pruschmann erzählt nämlich nicht chronologisch. Jeder Abschnitt ist mit einem Datum versehen (Zeitraum 1960 bis heute, zuzüglich der Kriegszeiten, von denen einzelne Personen erzählen) und ich musste immer mal wieder zurückblättern, um Personen und Zeiten zuzuordnen. Weiterlesen

Ein Festtag von Graham Swift

Da hat die Leseprobe doch ihre Funktion erfüllt – ich wollte “Ein Festtag” von Graham Swift unbedingt zu Ende lesen. Hab ich gemacht. Und es hat sich gelohnt.

Die Geschichte ist eigentlich simpel: Ein junger Adliger hat seit Jahren ein Verhältnis mit einem Dienstmädchen und muss in zwei Woche aus Standes- und finanziellen Gründen eine andere heiraten. Doch es kommt nicht nur anders, als alle im Buch das denken und planen, es ist schon anders. An dem Tag, an dem Festtag (das Original benennt den Festtag als “Mothering Sunday” – der Muttertag in Teilen Englands, auch des frühen 20. Jahrhunderts – Sonntag Lätare, im liturgischen Kalender) darf Jane durch den Haupteingang gehen, ihr Fahrrad einfach am Eingang stehen lassen. Sie trifft sich mit Paul in seinem Zimmer. Beiden ist klar, dass es das letzte Mal ist – nach der Hochzeit wird ihr Verhältnis ein Ende haben. Weiterlesen

Mr. Peardews Sammlung … von Ruth Hogan

Der vollständige Titel lautet: “Mr. Peardews Sammlung der verlorenen Dinge” (das englische Original “The Keeper of Lost Things”). Mit Anthony Peardews hat Ruth Hogan eine skurrile, liebenswerte Figur erschaffen.Mr. Peardrew sammelt alles, was andere verloren haben. Warum? Er selbst hat im Mai 1974 – das kann ich als Leserin erschließen –  das Liebste verloren, was es für ihn gab: Seine Verlobte Therese starb auf dem Weg zur Hochzeit. Und er verlor am selben Tag das Andenken schlechthin an sie, ein Medaillon, das immer bei sich zu tragen er ihr versprochen hatte.

Das Buch hat einen irritierenden Beginn:
Da reist eine Person in einer Keksdose. Huch? Weiterlesen

Sommer in Edenbrooke von Julianne Donaldson

rp_Bild-historisches-300x1993-300x199-300x199.jpgJulianne Donaldson ist eine vielversprechende Nachfolgerin für Georgette Heyer. Ihr 2012 auf Englisch erschienener Debütroman „Sommer in Edenbrooke“ (wie zu erwarten lautet der Titel im Original nur einfach „Edenbrooke“) hat mich wirklich gut unterhalten, auch wenn es ein paar kleine Haken gab.

Marianne Daventry, die junge Protagonistin, hat gleich am Anfang des Buches ein großes Problem, nämlich einen unerwünschten Verehrer. Der macht sich bei ihr mit selbst verfassten Gedichten auf ihre Schönheit unbeliebt. Kein Wunder, dass sie ihm zu entkommen trachtet. Dazu gibt es bald eine unerwartete Gelegenheit – Marianne wird eingeladen, die nächsten Wochen bei der Familie der Freundin ihrer verstorbenen Mutter zu verbringen. Zudem verspricht ihre grantige Großmutter, sie anstelle ihres nichtsnutzigen Cousins als Erbin einzusetzen. Bedingung: Sie soll lernen, sich wie eine Dame zu benehmen. Weiterlesen

Jane Austens Northanger Abbey von Val McDermid

rp_Bild-Unterhaltung-150x1501111.jpgBisher kannte ich Val McDermid “nur” als Krimiautorin – doch so was kann sie auch: Einen Jane-Austen-Roman in die Jetztzeit transportieren.

Northanger Abbey gehört – ebenso wie Emma – nicht gerade zu meinen Favoriten in der kurzen Reihe von Jane Austens Romanen, da ich zum Fremdschämen neige 😉 (Satire hin oder her) und Catherine genau wie Emma bietet dazu ja nun wirklich reichlich Gelegenheit. Nichtsdestoweniger habe ich das Buch von Val McDermid genossen, einfach, weil sie die Geschichte so völlig selbstverständlich in die Moderne tranferiert. Dabei schafft sie es, die den Personen von Jane Austen verliehenen Charaktere fast 1:1 zu modernisieren: Weiterlesen

Heute von Heidi Julavits

rp_Bild-Unterhaltung-150x1501111.jpgDer “Klappentext” zu “Heute . Dem Leben auf der Spur” von Heidi Julavits klang so verheißungsvoll:

Ein magisches Buch über das Abenteuer, das wir ‘Leben’ nennen: Heidi Julavits erforscht die eigene Existenz und bringt dabei das Außergewöhnliche im Alltäglichen zum Leuchten: radikal persönlich, zutiefst wahrhaftig und hinreißend komisch.

Doch ich hatte große, sehr große Probleme, der Ich-Erzählerin zu folgen.

  • Erste Irritiation: Die Einträge dieser als Tagebuch geschriebenen Texte über zwei Jahre im Leben der Autorin sind nicht chronologisch.
  • Zweite Irritation: Bei vielen Einträge habe ich mich gefragt “Was soll das heißen? Worauf zielt das ab?” – Fragestellungen, Assoziationen und Lebensprobleme weit ab von allem, was mich angeht oder mir nachvollziehbar erschien.

Der Gegenpol: Sprachbilder, Sätze, die mich berührt haben. Weiterlesen