Das geheime Frankreich von Nils Minkmar

Nils Minkmar hat einen unschlagbaren Vorteil für dieses Buch – er kennt beide Seiten, die deutsche und die französische. Immer wieder verknüpft er eigene Geschichte und die seiner Familie mit seiner Schilderung von Französinnen und Franzosen. So schafft er einen Einblick in die nationale Identität unserer westlichen Nachbarn, ohne dass es in die eine oder andere Richtung chauvinistisch wird. Die Art und Weise, wie man in Frankreich miteinander kommuniziert, öffentlich oder privat, hat, so Nils Minkmar, eine lange Tradition. Das ist nicht immer gut. Aber es geht nicht einfach weg. Wandel vollzieht sich langsam – sprachlich und mental. Weiterlesen

Was Fische wissen von Jonathan Balcombe

Wenn Sie Fische vor allem für zappelnde Proteinspender halten, wird Jonathan Balcombe Sie eines Besseren belehren. Und zwar nachhaltig … Die Titelvarianten machens deutlich. In der deutschen Version heißt der Untertitel: Wie sie lieben, spielen, planen: unsere Verwandten unter Wasser. Im englischen Original lautet der vollständige Titel: What a Fish Knows: The Inner Lives of Our Underwater Cousins.

Jonathan Balcombe beginnt mit den Sinneswahrnehmungen

Dass Fische was sehen können, ist klar – schließlich haben sie Augen. Jonathan Balcombe zeigt mir aber auch, dass Fische optischen Täuschungen zum Opfer fallen können. Weiterlesen

Kleines Lexikon der Engel von Heinrich Krauss

Da habe ich nun also Ende Februar mein aktuelles Lieblingsbuch bei der Gemeindeveranstaltung vorgestellt – und schwupps fällt mir in der Bibliothek das kleine Lexikon der Engel von Heinrich Krauss in die Hand. Bei Ewald Arenz geht es ja schließlich auch um Engel. Und als ich den ersten Eintrag las, hab ich so gelacht, denn der erste Eintrag lautet „Abbadon“. Bei Arenz ist Abbadon ein aus der Hölle verbannter Dämonenfürst in und der Bruder von Erzengel Jehudi. Weiterlesen

Irrtümer über Zähne von Frank Lobeck

Ha, wenn heute der Tag des Zahnarztes ist, kann ich ja endlich das tolle kleine Büchlein von „meinem“ Zahnarzt vorstellen. Dr. med. dent. Frank Lobeck hat 2016 auf rund 140 Seiten alles zusammengetragen, was ihm im Laufe seines Berufslebens an Fragen und Irrtümern rund um Zähne und Zahnärzte so begegnet ist. Während der Behandlungstermine habe ich ja schon gemerkt, dass er gut erzählen – und erklären – kann. Das macht sich in seinem Ratgeberbüchlein bemerkbar. (Ich habe auf dem Sektor schon anderes gelesen …!)

157 Punkte behandelt der Zahnarzt hier – aufgeteilt in 23 Kapitel. Alle diese Punkte kommen als Fragen daher – offensichtlich orientiert sich Frank Lobeck an dem, was er in der Praxis so erlebt. Dabei beschreibt er beispielsweise detailliert die Entfernung einer Krone unter der Frage 88 „Sind Kronen schwierig/riskant zu entfernen?“ Jeder Arbeitsschritt wird so nachvollziehbar – und der „schwierigste“ Aspekt für die Person mit der Krone wird auch nicht unterschlagen:

… bei diesem geräuschintensiven Verfahren … (S. 77)

Ob es um Milchzähne, Zahnpflege oder veschiedene Behandlungen geht – anhand des Inhaltsverzeichnisses kann ich mich schnell orientieren und muss nicht alle 140 Seiten lesen. Kann das aber natürlich tun.

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So hübsch können Zähne aussehen, die ordentlich gepflegt werden.dozenist, 06-10-06centralincisors, CC BY-SA 3.0

Frank Lobeck will mit diesem Büchlein auf unterhaltsame und korrekte Weise über Zähne informieren. Deshalb kostet das Werk auch nicht die Welt – für 4,-99 Euro sind Sie bei Amazon dabei (und ja, für dieses Büchlein mache ich ausnahmsweise mal Werbung für Amazon).

 

Übrigens: Der Titel ist auch lesenswert – und enthüllt den Anspruch von Frank Lobeck:

Dr. med. dent. Frank Lobeck : Irrtümer über Zähne. Fakten statt Mythen. Wissenswertes über Zähne und Zahnärzte in 157 mundgerechten Häppchen, printed by amazon, 2. Auflage 2017, ISBN: 9781532792328

Zufallsbuch #2: Von Nebelhorn bis Nachtigall von Julia Hagemann

Der Buch-Zufallsgenerator von Kerstin Herbert verlangt diese Woche das 11. Buch mit buntem Cover bzw. verrücktem Titel.

Dazu gibts wieder Fragen:

  1. Worum geht es in dem Buch?
  2. Hast du das Buch schon gelesen? (Wenn ja, fandest du es? Wenn nein, warum nicht?)
  3. Wie hat das Buch den Weg in dein Regal gefunden?
  4. Wie lautet der 11. Satz auf der 11. Seite?
  5. Hat das (bunte) Cover bzw. der (verrückte) Titel Einfluss auf Eure Kaufentscheidung?

Nun ja, das Cover ist schwarz-weiß, aber vom ersten Eindruck schon mal recht schräg – Julia Hagemann in sängerischer Pose? Und der Titel? Ich find ihn ziemlich schräg 😉

Julia Hagemann Cover

Cover des Buchs von Julia Hagemann

Frage 1: Der Untertitel verrät, worum es geht: “Flexibles Muskelspiel im Gesang”. Julia Hagemann hat hier auf überschaubar kleinen Seiten – rund 130 an der Zahl – ihr Wissen um Gesang und wie man diese Kunst vermittelt, zu Papier gebracht.

Frage 2: Ich kenne und liebe das Buch. Es ist imemr wieder erhellend, reinzuschauen und das eigene sängerische Tun abzugleichen. Da Julia Hagemann auch Kabarettistin ist, Texterin und  Workshopleiterin dazu auch noch, ist neben Gesang der Gebrauch von Sprache ihrs. Das Buch zu lesen macht einfach Spaß!

Frage 3: Ich hatte vor Jahren das große Vergnügen – wenn auch bei trauriger Gelegenheit -, Julia Hagemann kennenzulernen. Als ich von ihrem Buch erfuhr, habe ich es sofort bestellt.

Frage 4: Hm, einen 11. Satz zu finden, ist bei den kleinen Seiten gar nicht so einfach – auf S. 11 ist keiner, aber auf der 11. Seite des Textes habe ich einen 11. Satz gefunden – der ist dafür dann auch gleich hübsch lang:

Beides ist beim Singen nicht günstig, wir müssen also mit dem Mechanismus der Saite arbeiten, und da wir nicht wie die Geiger greifen können (oder jedenfalls wirkt es sich nicht aufs Singen aus), müssen wir das tun, was die Besitzer von Saiteninstrumenten tun: Bei gleichbleibender Saitenlänge die Spannung verändern. (S. 18 f)

Frage 5: Besonders bunte Cover, einfach nur weil sie bunt sind – nee, das turnt mich nicht so an. Ich mag aussagekräftige Cover – also gern auch was, woraus hervorgeht, dass es sich z. B. um einen historischen Roman handelt. Andererseits – das Cover von “Herr Müller, die verrückte Katze und Gott” ist ja auch ziemlich schräg und das hat mich schon interessiert. Aber kaufentscheidend – eher nicht.

Julia Hagemann: Von Nebelhorn bis Nachtigall. Flexibles Muskelspiel im Gesang, Rehwinkel Edition, 3. Auflage, September 2015.

Wir sehen alle denselben Mond von Biggi Mestmäcker

Was für eine Geschichte. Die Geschichte einer Familienzusammenführung unter der Bezeichnung “erleichterter Familiennachzug” – eine unzutreffende Bezeichnung, wie Biggi Mestmäcker eindrucksvoll schildert.

Worum es geht?

Im Rahmen ihres Engagements bei der Flüchtlingshilfe lernt Bíggi Mestmäcker Elias kennen, der ohne Frau und Sohn 2015 den Weg von Damaskus nach Europa auf sich genommen hatte und nun am Niederrhein gelandet war.  Ein freundlicher, hilfsbereiter Mann, der bei den regelmäßigen Kochevents der Gruppe bald unverzichtbar war. Nach und nach freunden sich Biggi Mestmäcker und Elias an. Sie lernt seine Geschichte kennen, hört von Mari, seiner Frau, und Joni, dem gemeinsamen Sohn und warum er als Christ in Damaskus für sich und seine Familie keine Zukunft mehr sah.

Hariksee Inselschloesschen 2016 zu Bigig Mestmäcker Wir sehen alle denselben Mond

So eine hübsche Gegend, in die es Elias verschlagen hat – aber ohne Frau und Sohn …? Fredvida, Hariksee Inselschloesschen 2016, CC BY-SA 4.0

Biggi Mestmäcker erzählt, wie die Freundschaft wächst – Weihnachten feiern sie zusammen, Elias zieht bei ihnen ein. Es dauert alles quälend lange, bis etwas geschieht: Anhörung, Anerkennung – und dann: Familiennachzug. Das ist jetzt der Hauptteil der Geschichte – und wenn ich auch weiß, wie sie ausgeht, klebe ich an den Zeilen und schüttele den Kopf über die Abläufe und Zustände, die Biggi Mestmäcker da schildert. “Erleichterter Familiennachzug” – nach dieser Lektüre klingt das echt wie Hohn.

Sie haben schon mitbekommen – Biggi Mestmäcker kann erzählen. Was das Buch jetzt so ganz besonders macht und weshalb ich zur Print- anstelle der elektronischen Ausgabe rate: Das Buch haben Sie gleich zweimal in der Hand. Die gesamte Geschichte gibt es noch mal auf Arabisch. In der Mitte treffen sich beide Versionen, denn arabische Bücher werden ja nach unserem Verständnis von hinten nach vorn gelesen.

Diese Ausgabe zu stemmen, war eine echte Herausforderung. Erst einmal mussten Menschen gefunden werden, die den Text von Biggi Mestmäcker verlässlich ins Arabische transportierten. Und dann brauchte es einen Verlag, der das mit den zwei Sprachen so umsetzen konnte und wollte, wie es sich Biggi Mestmäcker so vorgestllt hatte. Herausgekommen ist ein schön aufgemachtes Buch, eine Zeitzeugengeschichte über das, was hier als “Flüchtlingswelle” bezeichnet wird – abgesehen davon, dass ich den Begriff sowieso daneben finde, bleibt er mir nach der Schilderung eines solchen Schicksals erst recht im Hals stecken.

Biggi Mestmäcker: Wir sehen alle denselben Mond. Gegen alle Widerstände – Familiennachzug aus Syrien. Ein Bericht, Biggi Mestmäcker, ins Arabische übersetzt von Yaman Naal und Hazem Hadidi, 2017, ISBN: 9783743927889 (Paperback) oder 9783743927896 (Hardcover)

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Show don’t tell von Simone Harland

Kennen Sie “Show, don’t tell” als Schreibprinzip? Wenn nicht – und Sie lebendiger schreiben lernen wollen –  ist das Buch von Simone Harland ein guter Einstieg in das Thema. Simone Harland zeigt anhand vieler Beispiele, wie dieses “fürs Kopfkino”-Schreiben funktioniert. Ihre allgemeinen Tipps sehen so aus:

  • bildhaft zu zeigen, was passiert
  • die verschiedenen Sinne anzusprechen
  • für die Geschichte notwendige Hintergründe und Informationen so in die Handlung einzubauen, dass sie den Fluss der Geschichte nicht bremsen
  • immer mal wieder auf die Kraft von Andeutungen zu vertrauen. (S. 7)

Dann geht Simone Harland hin und bringt Besipiele, die auch mir als Leserin direkt einleuchten. Verbunden immer mit der Aufforderung, es selbst auszuprobieren – ja, diese direkte Schreibweise will geübt sein.

Haben Sie schon mal überlegt, wie eine Autorin Sie in eine Geschichte hineinzieht? Wie sie Ihnen Gefühle nahebringt, die Ihnen sonst fern liegen? “Klar”, sagen Sie jetzt, “wenn sie gut erzählen kann, nimmt sie mich mit.” Aber was gehört zum Gut-erzählen-Können?

Einer der berühmtesten Romananfänge in der englischen Literatur ist der von “Pride and Prejudice” von Jane Austen:

It is a truth universally acknowledged, that a single man in possession of a good fortune, must be in want of a wife.

However little known the feelings or views of such a man may be on his first entering a neighbourhood, this truth is so well fixed in the minds of the surrounding families, that he is considered the rightful property of some one or other of their daughters.

“My dear Mr. Bennet,” said his lady to him one day, “have you heard that Netherfield Park is let at last?”

Mr. Bennet replied that he had not.

“But it is,” returned she; “for Mrs. Long has just been here, and she told me all about it.”

Mr. Bennet made no answer.

“Do you not want to know who has taken it?” cried his wife impatiently.

You want to tell me, and I have no objection to hearing it.”

(Projekt Guteneberg)

Die ersten beiden Sätze sind “Tell” – sie stellen eine Behauptung auf. Was dann folgt – der Dialog von Mr. und Mrs. Bennet – ist “Show” (und was für eine!): Der Charakter beider Figuren wird hier bereits deutlich (ich hab den Dialog hier gekürzt.) und das allein durch ihre Art zu sprechen oder zu schweigen.

Eins ist klar – und das sagen alle, die das Prinzip von “Show, don’t tell” vermitteln: “Show” braucht mehr Raum. Schließlich soll die Szene erlebbar sein – ich soll als Leserin mitempfinden, durch die Augen derer sehen, die da auftreten und mich mittendrin fühlen. Deshalb empfieht Simone Harland, sich genau zu überlegen, an welchen Stellen der Geschichte ein “Show” notwendig ist.  Wo es nötig ist, da sollte es dann auch richtig “zur Sache” gehen, d. h. als Leserin sollte ich keine Chance mehr haben, dem Geschehen zu entwischen.

Ein Beispielkapitel aus dem Buch von Simone Harland

Alle Sinne anzusprechen ist ein gutes Mittel dazu:

  • Was genau erleben die Figuren?
  • Wie fühlt sich etwas an?
  • Was hören sie, wenn sie auf der Straße oder in einem Raum sind?
  • Wie riecht es dort?
  • Was gibt es zu sehen?
Simone Harland Schreibratgeber, Haus auf Klippen Nebel

Wie fühlt sich der Nebel an? Ist die Luft salzig? Sind trotz des Nebels Möwen zu hören? Dringt der Schall der Wellen bis zum Haus durch?

Simone Harland geht den Möglichkeiten aller Sinne nach. Neben der Aufgabe, es selbst zu versuchen – mit Vorschlägen -, gibt sie aber auch Tipps, wo ich als Autorin Informationen herbekommen kann, die mir in meinem Alltag nicht einfach so begegnen. Wie ein auf den Boden aufschlagendes Buch klingt, kann ich ja tatsächlich – wie Simone Harland en detail aufführt – selbst ausprobieren, dabei mit Bucharten, Untergründen und Schwung experimentieren. Aber der Gesang exotischer Vögel? Die völlig unterschiedlichen Frequenzen verschiedener Hunde beim Bellen? Wie entwickelt sich ein Pinguinbaby? Wie sieht es aus, wenn eine Katze es mal nicht schafft, auf den Füßen zu landen? Youtube und andere Videokanäle oder auch Podcasts bieten dazu Informationsmöglichkeiten – so ein Video oder Podcast kann ich mir so oft anhören oder ansehen, bis mir völlig klar ist, wie etwas klingt oder aussieht.

Auch die Grenzen dieser Schreibmethode zeigt Simone Harland auf und gibt Tipps, wann und warum “Tell” besser geeignet ist. Ein Rückblick muss nicht dieselbe Intensität haben wie das unmittelbare Ereignis – hier z. B. ist “Tell” angesagt.

Insgesamt hat Simone Harland einen gut handhabbaren Ratgeber für alle geschrieben, deren Stil belebt werden will.

Simone Harland: Show, don’t tell – Schreiben fürs Kopfkino, Pegestorf, 2017, EAN: 9783739385020

Sex macht Spaß … von Susanne Thiele et alii

” .. aber viel Mühe”  so lautet der Titel dieses informativen und unterhaltsamen Buches vollständig. Susanne Thiele ist eine von drei im Team, das das Buch geschrieben hat: Steffen Münzberg und Vladimir Kochergin gehören auch dazu. Die drei schaffen es, so zu schreiben, dass nicht auffällt, dass drei Personen beteiligt sind.

Worum es geht? Um Sex, klar. Aber nicht (nur) das, was Sie jetzt denken. Es geht um Biologie. Um die Biologie der Fortpflanzung. Die beginnt nicht in irgendjemandes Bett, sondern bei den Genen.

Was macht es sinnvoll, sich geschlechtlich zu vermehren, was spricht für ungeschlechtliche Vermehrung – diese und andere Fragen rund um die Möglichkeit der Verbreitung von Genen bereiten die drei unterhaltsam und einleuchtend auf. Ich will gar nicht versuchen, etwas nachzuerzählen, denn das fiele gegenüber dem Original eh nur ab. Ein bisschen boshaft können Susanne Thiele & Co auch sein. Zur Produktion von “Schrumpelzellen” zur Vermehrung bei Schwämmen enden sie so:

Das männliche Geschlecht entsteht, weil es sich lohnen kann, Quantität statt Qualität abzuliefern. (S. 41)

Auch schlichten Nonsens gibt es:

Was macht ein Erdmännchen mit Hoden, wenn es sich auf die Hinterbeine setzt? Es macht Erdmännchenmännchenmännchen. (S. 82)

Chromosom-DNA-Gen

Das hier ist der Hauptakteur im Buch – sexy, oder? Thomas Splettstoesser (www.scistyle.com) (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Chromosom-DNA-Gen.png), „Chromosom-DNA-Gen“, https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/legalcode

Ich habs laut gesprochen und nachgezählt – es stimmt 😉

Susannne Thiele und die beiden Herren im Team geben Informationen über die Entwicklung der Geschlechter, erläutern – ich hab das Buch ein paar Tage nach der Verkündigung des Urteil zum dritten Geschlecht gelesen -, wie Trans- und Intersexualität entstehen und bringen noch sonst eine Menge Fakten rund um die Sexualität rüber, Sprachlich locker und witzig. Immer wieder verweisen sie auf die Verbindung von Sex und Tod – und meinen damit nicht den Tatort am Sonntagabend.

Ich habe vor dem Buch das eine oder andere rund ums Thema gewusst. Ich habe nach der Lektüre auf sehr nette und unanstrengende Weise noch eine Menge mehr gelernt. Der Sprach- und Wortwitz des Teams ist so, dass ich mir vorstellen kann, das Buch zwecks Vertiefung nochmals oder einzelne Passagen auch mehrmals zu lesen – einige Kalauer sind sicher nicht auf längere Sicht lustig, aber im Großen und Ganzen sind es eben nicht nur  billige Kalauer, sondern ein Stil mit Humor.

Susanne Thiele, Steffen Münzberg, Vladimir Kochergin: Sex macht Spaß, aber viel Mühe. Eine Entdeckungsreise zur schönsten Sache der Welt. Orell Füssli, Zürich, 2014, ISBN: 9783280055571

In der Stadtbibliothek Köln gibt es das Buch auch.

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Licht aus dem Osten von Peter Frankopan

“Eine neue Geschichte der Welt” verspricht mir der Untertitel. Peter Frankopan will die uns bekannte Weltgeschichte aus der Perspektive des Orients zeigen. Das tut er auch – aber in meinen Augen fehlt da was.

Was im Klappentext am Anfang steht:

Peter Frankopan lehrt uns die Geschichte neu zu sehen – indem er nicht Europa, sondern den Nahen und Mitlleren Osten zum Ausgangspunkt macht. Er erzählt von den ersten Hockulturen und den drei monotheistischen Weltreligionen (…)

löst er in meinen Augen zu kurz ein. Bereits das 11. Kapitel “Wo das Gold lockt – die Eroberung der Neuen Welt” hat seinen Schwerpunkt bei den entstehenden Kolonialmächten. Und ab dem 13. Kapitel “Herrscher der Meere – die Handelsmächte des Nordens” liegt der Schwerpunkt dann doch wieder auf vertrautem Terrain; je später desto mehr auf England. Es folgen noch 2/3 des Buches – Peter Frankopan schildert besonders die Zeiten ab dem 19. Jahrhundert in großer Ausführlichkeit. Und das ist spannend – in dieser Zusammenstellung habe ich über die einzelnen Entwicklungen, besonders Englands, noch nicht wirklich was gelesen; das kann an meiner Interessenslage bei historischen Themen liegen. Auch die detaillierten Ausführungen zu den politischen Entwicklungen im 20. Jahrhundert, die Wichtigkeit der Ölreserven im Persischen Golf und die Konsequenzen der “westlichen” Politik über mehr als 100 Jahre mit ihren verheerenden Folgen bis heute – da habe ich eine Menge gelernt.

Doch mein Interesse war eben genau die Zeit, die etwas kurz wegkommt – die Hochkulturen in, ich sach mal “biblischer” Zeit und die Hochzeit der islamischen Welt mit ihren Errungenschaften in Kultur und Wissenschaft. Der Titel “Licht aus dem Osten” hat mich da wohl etwas gebelendet 😉 Der Blick auf den Originaltitel macht – wie so oft – einiges verständlicher: “Silk Roads” heißt  das Buch – es geht in der Hauptsache um Handelswege. Der Begriff “Seidenstraßen” kommt dann gerade fürs 20. und 21. Jahrhundert wiederholt in Anwendung – Peter Frankopan meint, dass die Verlagerung des Schwerpunkts des Weltgeschehens und -handels wieder gen Osten geht.

Lunar eclipse al-Biruni in Peter Frankopan: Licht aus dem Osten

Die Mondphasen, erklärt vom persischen Gelehrten al-Biruni. DasBild findet sich auch im Buch von Peter Frankopan

Aber zurück zu Mittelalter und Co: Auch wenn ich wusste, dass es “im Osten” wesentlich mehr Luxus und Annehmlichkeiten gegeben haben muss als bei unseren Vorfahren, fand ich es spannend, Peter Frankopans Ausführungen dazu zu folgen. Die große Angst vor den Hunnen und Mongolen – völlig unbegründet, sagt er, denn die hatten an diesem unterentwickelten Europa überhaupt kein Interesse. Es gab keine wertvollen Handelsgüter, die Menschen lebten unter vergleichsweise primitiven Bedingungen; da war nix zu holen. Tatsächlich hat sich das Bild der “unterentwickelten” Orientalen erst viel später ausgebildet – bis in die frühe Neuzeit war der Orient die Gegend mit den verfeinerten Lebensformen, die Quelle für Seide, Gewürze und andere Luxusartikel. Außerdem standen bis in die Zeit kurz vor der Renaissance im Westen Bildung und Künste im Osten in hohem Ansehen.

Peter Frankopan erzählt – er nutzt keine hochgestochene Wissenschaftssprache; klar, er ist ja auch Engländer. Gerade in späteren Teilen des Buches habe ich den Eindruck, dass auch mehr eigene Meinung, ja, politische Statements vorkommen. Ich entnehme diesen Teilen den Wunsch, die aktuelle Lage, die Beziehungen zwischen Ost und West erläutern zu wollen und vor Fallen zu warnen, die diese Beziehungen weiter gefährden können.

Für mich war, trotz der Enttäuschung über den zu kurz gekommenen Teil Mittelalter & Co., das Buch von Peter Frankopan lehrreich und durchaus auch unterhaltsam. Jedes der angerissenen Themen hätte sicher mehr Aufmerksamkeit verdient – eine Weltgeschichte, die noch lesbar sein will, kann das nicht leisten; schon so sind die knapp 750 Seiten plus Anhang (Anmerkungen und Literaturverzeichnis) nichts für mal eben zwischendurch. Insagesamt hätte ich eine größere Ausgewogenheit bei den Zeiträumen – konkret: weniger 19. und 20. Jahrhundert – begrüßt.

Peter Frankopan: Licht aus dem Osten. Eine neue Geschichte der Welt, übersetzt von Michael Bayer und Norbert Juraschitz, Rowohlt Verlag, Belin 2016, ISBN: 97838713448334

Ich hab das Buch aus der Stadtbibliothek Köln entliehen.

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Tea with Jane Austen von Pen Vogler

Ist Ihnen mal aufgefallen, was in Jane Austens Büchern so auf den Tisch kommt? Ich hab bisher auch nicht so darauf geachtet – aber seit ich in dem Rezeptbuch von Pen Vogler gestöbert habe, bin ich da aufmerksamer geworden.

Schön finde ich den Satz aus einer Besprechung zu der anderen Rezeptsammlung, dass im Umgang mit Essen auch die sozialen Unterschiede und die Charaktere der Figuren deutlich werden, einfach durch ihr So-Sein. Erwähnt wird hier Mrs. Norris, die sich in ihrem Geiz  und in ihrer Selbstsucht ihr Augenmerk auf den Verbrauch von Nahrungsmitteln richtet (und ihre Schäflein ins Trockene, resp. die Gläser in ihren Vorrat bringt), statt auf die zwischemenschlichen Geschehnisse.

Glasse Art of Cookery 1758 Signature

Hannah Glasses Unterschrift auf dem ersten Kapitel ihres erfolgreichen Kochbuchs, das 1758 in 6. Auflage erschien – ein Klassiker.

Mir lag jetzt “nur” das Büchlein mit den Rezepten zum Tee vor; Pen Vogler hat aber auch “Dinner mit Mr. Darcy” verfasst, wo es um Hauptmahlzeiten geht. Das Prinzip ist bei beiden Büchern dasselbe: Pen Vogler siebt aus dem Text alle Hinweise auf Essen heraus und notiert die Rezepte. Dazu greift sie auf zeitgenössische Kochbücher zurück und modernisiert deren Anweisungen dann. Die Auswahl ihres Büchleins reicht von  “Bath Buns”  – so eine Art Milchbrötchen – über Ratafia Cakes – Mandelmakronen, die mit Amaretto gewürzt werden (im Original sind bittere Mandeln enthalten) – bis hin zu “Toasted Cheese”, der auch Anchovis enthält. Zu jedem Rezept gibt es Hinweise darauf, in welchen Situationen die genannten Sachen bei Jane Austen vorkommen.  Vor allem die Äußerungen von Mr. Woodhouse zitiert sie gern 😉 Im Vorwort gibt es die Erläuterungen zu den unteschiedlichen Mahl”zeiten”  – Tee gab es nach dem Dinner. Dinner gab es noch bei Tageslicht – zumindest in ländlichen Gebieten. Je vornehmer man war, desto später wurde diniert. Das hat einiges mit den Kosten für die Kerzen zu tun … Nach dem Dinner trennte sich die Gesellschaft in Männer und Frauen auf – die Männer tranken Portwein im Speiseraum, die Damen zogen sich in den Salon zurück. Waren alle wieder beisammen – was von den Männern abhing -, wurde der Tee serviert.

Pen Vogler rekurriert auf Mrs. Rundell, Hannah Glasse und andere, deren Originalrezepte in kursiver Schrift eingefügt sind. Da bin ich dann für die Modernisierung dankbar, denn die Art, Rezepte zu notieren, hat sich sehr verändert.

Mrs Rundell Gravy to make Mutton eat like Venison

Ich könnte nach diesen Angaben nichts Gutes zubereiten …

Ich habs bisher noch nicht geschafft, etwas aus dem Buch nachzubacken, bin aber fest entschlossen – die Ratafia-Cakes klingen gut …

Pen Vogler: Tea with Jane Austen. Recipes inspired by her novels and letters, CICO Books, London, 2016, ISBN: 9781782493426

Die Besprechung gehört in meine Reihe “Beloved Jane” anlässlich des 200. Todestags von Jane Austen in diesem Jahr.