Noch mal zum “Waldröschen” von Karl May

In unserem tollen Bücherschrank in Köln-Dellbrück fand ich vor ein paar Tagen diese beiden Bände aus dem Waldröschen-Roman von Karl May. Und da ich ja den Verlag Neues Leben, der ursprünglich in der DDR beheimatet ist, schon mal beim Kürzen religiös gefärbter Stellen “ertappt” hatte, habe ich die Gelegenheit genutzt, meine Ausgabe mit dieser hier zu vergleichen. Alles in Ordnung – der Segen, den Herzog Olsunna seiner Tochter Flora spendet, kommt in beiden Versionen vor 🙂

Karl May Waldröschen Teilbände

1983 erschien in der Manfred Pawlak Verlagsanstalt das Waldröschen in 7 Bänden

Jetzt kann ich die beiden Bücher wieder zurück bringen – vielleicht hat ja jemand Lust, sie sich seinerseits zu leihen oder zu behalten.

Jane Fairfax von Joan Aiken

So, nachdem ich es geschafft habe, Emma von Jane Austen noch mal zu lesen (hat gar nicht weh getan 😉 ), konnte ich auch mein letztes Buch von Joan Aiken zum Thema in Angriff nehmen. Wie bereits einmal erwähnt, hatte ich bei meinem Erstkontakt mit dem Titel vor 20 Jahren oder so ein paar Schwierigkeiten.

Janes Geschichte vor “Emma”

Joan Aiken erzählt die gesamte Geschichte von Jane Fairfax und Emma Woodhouse von der Kleinkindzeit der beiden an und beginnt, ehrlich gesagt, ziemlich schwach. Was mich dabei störrt, sind die vielen Erklärungen der Erzählstimme:

Und daß man ihr Woche für Woche ein Kind als leuchtendes Beispiel vor Augen hielt, das ihr in jeder anderen Hinsicht (…) so offensichtllich unterlegen war (…), fand sie verwunderlich und ebenso schwer zu ertragen wie zu begreifen (…)  (S. 11)

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Lady Susan von Jane Austen

rp_Bild-Klassiker-300x19921.jpgLady Susan

Nachdem ich mit großem Vergnügen den Film “Love & Friendship” gesehen habe, der auf dem zu Lebzeiten nie publizierten Frühwerk – okay, da wird diskutiert, ob es nicht doch zur gleichen Zeit entstand wie “Die Watsons”, aber ich bleibe bei der Familientradition der Austens und betrachte es als Frühwerk – von Jane Austen beruht, habe ich den seit Jahren quasi vergessenen Band wieder aus dem Regal genommen – und mich wirklich köstlich amüsiert. Weiterlesen

Scarlet Pimpernel von Baroness Orczy

rp_Bild-historisches-300x1993.jpgVor rund 40 Jahren bekam ich einen Sammelband von Reader’s Digest geschenkt – darin fand ich vier gekürzte Romane (dass sie gekürzt waren, war mir damals noch nicht bewusst). Unter den vieren war auch einer, der meinem kitschresistenten Abenteuergeschichtengeschmack entsprach: Scarlet Pimpernel von Baroness Orczy. Ich habe die Geschichte immer wieder gern gelesen. Die farbigen Illustrationen taten ein Übriges – vielleicht kein absolutes Lieblingsbuch, aber ein gern zur Hand genommener Schmöker.

Nun fiel mir vor einiger Zeit die ungekürzte Fassung des Buchs in die Hände. Begierig auf neue Erkenntnisse machte ich mich an die Lektüre. Und war enttäuscht.

Nein, nicht nur, weil sich mein Geschmack inzwischen geändert hat – das auch –, sondern weil es tatsächlich Längen im Original gibt, die sehr ermüden. Baroness Orczy hat Anfang des 20. Jahrhunderts mit Romanen und Übersetzungen ihr und ihres Mannes Leben zu finanzieren versucht; der erste Roman war ein Flop. Dann bot sie ein Theaterstück um Percy Blakeney an – es wurde vier Jahre lang gespielt. Daraus entwickelte sie dann den Roman.

Nachdem ich diese Information hatte, konnte ich für mich analysieren, was die gekürzte Fassung so viel lesbarer machte:
Baroness Orczy neigt zu Erklärungen über die Zeit, 1792, in der ihre Geschichte spielt, stellt sich auf den Blickwinkel „aus großer zeitlicher Ferne“ ein und erläutert Mode, Sitten und politische Gegebenheiten. Leider wird da manches mehrfach erläutert – ermüdend.

Sie nutzt zur Beschreibung ihrer Frauengestalten in erster Linie drei Adjektive

  • hübsch
  • bezaubernd
  • lieblich

Ein klein wenig eintönig …

Das Innenleben der Figuren, besonders das von Marguerite, der Hauptperson, ist keineswegs einleuchtend, da Baroness Orczy den jeweiligen Seelenzustand auswalzt und in die Vergangenheit verlängert. Ist Marguerite angespannt, kommt ihr Gatte Percy Blakeney sehr schlecht weg. Sie habe damals nur gehofft, dass sie in mal lieben können werde; ist sie nun um ihn besorgt, ist die leidenschaftliche Liebe zu ihm schon sehr alt.

Nein, Baroness Orczy hat das Füllmaterial in ihren Theaterszenen nicht sorgfältig bearbeitet und so ist die Kürzung bei Reader’s Digest tatsächlich ein Gewinn für das Buch.

So sieht die Einzelblüte von Anagallis arvensis in Prof. Dr. Otto Wilhelm Thomés Buch "Flora von Deutschland, Österreich und der Schweiz", das 1885 erschien (Quelle: Wikipedia Commons)

So sieht die Einzelblüte von Anagallis arvensis in Prof. Dr. Otto Wilhelm Thomés Buch “Flora von Deutschland, Österreich und der Schweiz” aus, das 1885 erschien (Quelle: Wikimedia Commons)

Ach, Sie wollen auch was zum Inhalt lesen? 1792, wie gesagt – französische Revolution und Septembemorde. Eine anonyme Gruppe junger Engländer schafft es, verurteilte Adlige vor der Guillotine zu retten. Ein Gesandter der revolutionären Regierung veranlasst Marguerite Blakeney, geborene St. Just, um ihren Bruder zu retten, Hinweise weiterzuleiten, wer der geheimnisvolle Anführer ist, der mit dem Symbol der kleinen roten Blume – Scarlet Pimpernel – signiert. Erst als sie ihre Erkenntnisse weitergegeben hat, wird ihr klar, dass Percy Blakeney, ihr Mann, dieser Held ist und macht sich auf, ihn zu retten.

Baroness Orczy: Scalet Pimpernel. Das scharlachrote Siegel, übersetzt von Werner von Grünau, Kipenheuer und Witsch, Köln, ISBN: 3462623098

Nachtrag vom 14.3.2016: Ich melde diesen Beitrag zur Golden-Backllist-Challenge des Blogs Papiergeflüster an. Nähere informationen dazu gibt es auch noch in dem Beitrag zur Golden-Backlist-Challenge hier im Blog. #GoldenBacklist

Der Distelfink von Donna Tartt

rp_Bild-Unterhaltung-150x1501111.jpgWie dieser kleine Vogel schon aus dem Cover guckt – ich weiß ja nicht, ob Donna Tartt da mit eingebunden war (im Original ist das Cover identisch!), es ist auf jeden Fall ein sehr ansprechendes, vielversprechendes Motiv. Und Donna Tartt hält das Versprechen.

Worum es geht? Um Theo Decker und seine Entwicklung. Der kleine Distelfink, das Bild von Carel Fabritius, dessen Bild dem Buch den Titel gab und das Theo einen großen Teil der zehn Jahre begleiten wird, seit es in seinen Besitz kam, ist vorne im Buch noch mal abgedruckt, so dass ich immer, wenn von ihm die Rede war, dahin blättern konnte, um ihn mir noch mal anzuschauen, um die Details, die Donna Tartt uns über Theo, seine Mutter Audrey und andere vermittelt, die sich mit dem Gemälde befassen, nachzuvollziehen.

Fabritius-vink

Da ist er nun, der titelgebende Distelfink.

Theo schaut als Mittzwanziger zurück auf sein Leben. Und zwar mit präzisem, detailreichem Erinnerungsvermögen. Obwohl er ja am Anfang der Erzählung schon erwähnt, dass es um den Tag geht, an dem er seine Muter verlor, vermag Donna  Tartt die  Empfindungen eines im Schockzustand befindlichen Dreizehnjährigen so zu schildern, dass ich zusammen mit Theo auf das Wunder gehofft habe, seine Mutter möchte doch noch auftauchen. Und so geht es weiter – seien es Drogenerfahrungen, sei es der Frust seines Lebens bei seinem unzuverlässigen Vater – ich bekomme hier eine wirklich beenduckende Ich-Perspektive geboten.

Weitausholend im Gestus, kleinteilig und präzise in den Details – das ist ein Buch zum Eintauchen. Mag es auch merkwürdig erscheinen, von außen betrachtet, dass Theo den Verlust des Gemäldes  – ja, Spannung und Krimielemente enthät dieser Entwicklungsroman auch! – eben nicht gepürt hat: Im Buch selber ist erst einmal alles völlig stimmig, weil die Haltung, der Erzählton, das suggeriert.

Donna Tartt schreibt nicht viele Bücher – alle zehn Jahre mal eins. Ihr ersten beide kenne ich – noch – nicht; der Eindruck vom Distelfink ist jedenfalls so, dass ich dieses Versäumnis gerne mal nachhole.

Donna Tartt: Der Distelfink, übersetzt von Rainer Schmidt und Kristian Lutze, Goldmann Verlag, München, 2013, ISBN: 9783442312399

Die Münze von Akragas von Andrea Camilleri

rp_Bild-Unterhaltung-150x1501111.jpgAndrea Camilleri erzählt in dem schmalen Band, wie er in der Anmerkung am Schluss berichtet, eine Geschichte aus seinem eigenen Familienumfeld – so eine Geschichte, die, weil sie eine gute Geschichte ist, immer weiter erzählt wird und wo der Wahrheitsgehalt nicht sooo wichtig ist.

Gloeden, Wilhelm von (1856-1931) - n. 0043

So ähnlich mögen Cosimo und seine Kumpels ausgesehen haben, als sie auf dem Feld arbeiteten.

Worum es geht? Um eine kleine Münze aus der griechischen Epoche auf Sizilien, eine besondere Münze wohlgemerkt, von der nur eine geringe Auflage geprägt wurde. Nachdem Andrea Camilleri die Ausgangssituation von 406 v. Chr.  – die Eroberung von Akragas durch die Karthager – geschildert hat, springt er im zweiten Kapitel ins frühe 20. Jahrhundert: 1909. Ein Bauer findet eine kleine goldene Münze und will sie dem Arzt schenken, der ihn davor bewahrt hat, sein Bein zu verllieren, denn der Arzt ist als Numismatiker bekannt. Und er ist so beschlagen in seinem Hobby, dass er beim Anbllick der Münze vom Pferd fällt und sich das Bein bricht. Nachdem Andrea Camilleri in einem eigenen Kapitel die Geschichte der Schwestermünze im Zusammenhang mit dem Erdbeben von Messina 1908 erzählt hat, geht die Geschichte um die kleine Akragas in Vigata auf tragische Weise weiter: Beim Sturz vom Pferd verschwand die Münze, der Bauer, der sie dem Arzt schenken wollte, wird von diesem ermordet aufgefunden – und wo um alles in der Welt ist die Münze?

Auf nur 120 Seiten entfaltet Andrea Camilleri einen kleinen Kosmos in einer sizilianischen Kleinstadt – und führt sie zu einem überraschenden Schluss, denn nicht nur der Arzt, sondern auch der italienische Königt ist ein begeisterter Numismatiker.

Andrea Camilleri erzählt im Präsenz, einfach, so wie eine solche Geschichte wohl auch im Familienkreis erzählt würde. Er hat dem Skelett der Familienüberlieferung aber jede Menge Fleisch, Sehnen, Haut und Muskeln mitgegeben, so dass sie nun über diese Ursprungsituation hinaus interessant ist. Ein nettes kleines Buch für einen Lesenachmittag – ein bisschen sizilianische Geschichte, ein bisschen Spannung …

Damit ich als Leserin auch weiß, wie diese Münze nun aussieht, gibt es am Anfang Abbildungen der Vorder- und Rückseite.

Andrea Camilleri: Die Münze von Akragas, übersetzt von Annette Kopetzki, Nagel & Kimche Velag, München, 2012, ISBN: 3798312004959

Tanizaki Jun’ichirō bei Manesse

Heute vor 50 Jahren starb der japanische Autor Tanizaki Jun’ichirō. Seine Werke sind auch in Europa und in  den USA viel gelesen worden. Mir waren auf der Buchmesse im Oktober die drei schön aufgemachten schmalen Bände aus dem Manesse-Verlag aufgefallen:

Die Buchtitel von Tanizaki Jun’ichirō, wie ich sie im Oktober gesehen habe.

Die Buchtitel von Tanizaki Jun’ichirō, wie ich sie im Oktober gesehen habe.

Japan ist ja eh’ so ein Sehnsuchtsland von mir – also habe ich mich mit den Büchern beschäftigt.

Der Stil dieser Essays ist so eigenartig, dass ich erst mal zu Sekundärliteratur griff, um mich über den Autor und seine Zeit schlau zu machen. Tanizaki Jun’ichirō hat in den verschiedenen Phasen seines langen Lebens sein Thema – die Suche nach der Schönheit – unterschiedlichst abgehandelt. Als junger Autor nutzte er die noch recht frisch in Japan bekannt gewordenen Stilmittel des Westens. Der Japanologe Eduard Klopfenstein (der auch die vorliegenden Bücher übersetzt hat), spricht von einem Ästhetizismus, der sich an die Literatur des Fin de Siècle anlehnt. Weiterlesen

Überleben auf Festivals von Oliver Uschmann

rp_Bild-Unterhaltung-150x150111.jpgDie Festival-Saison beginnt – der ideale Zeitpunkt, um dieses unterhaltsame Buch von Oliver Uschmann vorzustellen. Und nein, ich bin keine angesprochene Festival-Besucherin, denn um welche Festivals es geht, das macht der Untertitel klar: “Expeditionen ins Rockreich”. Aber ich fand das Buch so nett 😉

Hier werden die verschiedenen Besucher- und auch Musiker-Gattungen vorgestellt, Verhaltensrituale erklärt; das war dann was, was mich interessierte und als ich dann bei der “Bierrutsche” las:

“… wer so verbissen, bei etwas “Verrücktem” beobachtet werden will, sortiert sonst sorgsam die Socken.” (S. 186)

war ich neugierig auf die Schreibe des Autors geworden. Was für eine schöne Alliteration! Deren gibt es reichlich – und gekonnte!

Weitere Themen gefällig? Ernährung! Bier als Grundnahrungsmittel – klar. Aber wussten Sie, dass Choco Pops auch dazu gehören? Schön dazu dann der Satz:

… und die Zahnfüllungen beten in ihren Höhlen ein Ave Maria.” (S. 270)

Sprich: Oliver Uschmann bietet einen wirklich erheiternden Einblick in die Welt der Rockfestivals. So lassen sich auch für mich Barockenthusiastin Rockfestivals ertragen 😉 Und wenn der Humor mal etwas aufdringlich wird – häppchenweise lesen.

Oliver Uschmann: Überleben auf Festivals. Expeditionen ins Rockreich, Heyne Verlag, München, 2011, ISBN: 9783453268081

Hans Bender und seine Vierzeiler

rp_Bild-hauptsache-Lyrik-300x2431-150x1501111111111111.jpgGestern starb Hans Bender – ein trauriger Anlass, sich noch einmal in seine vierzeiligen Kurzgedichte zu vertiefen. Lakonisch, klare Sprache, klare Bilder. Ja, diese Gedichte sind leicht verständlich. Sie zaubern ein Lächeln ins Gesicht. Zum Beispiel das hier :

 

Junger  Dichter

Er schreibt nicht nur,

er gibt schon den Vorlass

nach Marburg.

Der wird ein Klassiker!

Hans Bender: Wie es kommen wird. Meine Vierzeiler, Hanser Verlag, München, 2009, ISBN:9783446233317

Metaphysik der Röhren von Amélie Nothomb

rp_Bild-Unterhaltung-150x150111.jpgEin ruhiges Baby ist eine feine Sache – für die Eltern, die können nämlich durchschlafen. Ein völlig bewegungs- und blickloses Baby dagegen hat etwas Beunruhigendes. Laut Amélie Nothomb, deren fiktive Kleinkindbiographie heute mein Thema ist, fanden die Eltern in diesem Falle das Kind ohne Reaktion ganz in Ordnung. Wie das Baby selbst sich empfand?

Gottes Augen waren ewig offen und starr. (…) Er war voll und dicht wie ein hartes Ei, mit dem er auch die runde Form und die Unbeweglichkeit gemein hatte. (S. 5)

Das Wesen in der Wiege nahm sich wenn überhaupt als Röhre wahr – geeignet, Nahrung durchzuschleusen, vom Trinken bis zum Endergebnis in der Windel.

Ort des Geschehens ist Japan – und hier werden Kinder bis zu ihrem dritten Lebensjahr vergöttert. Das passte sehr gut zur Selbstwahrnehmung der kleinen Amélie, nachdem sie das Röhren- oder Pflanzendasein hinter sich gelassen hatte. Weiterlesen