Bühlerhöhe von Brigitte Glaser

rp_Bild-Unterhaltung-150x1501111.jpgDieses Buch ist auf Empfehlung meiner Buchhändlerin mein erster Kontakt mit der Autorin Brigitte Glaser (ich hab mir das Krimi-Lesen ein bisschen abgewöhnt …) und ich habe Freude dran gehabt. Es ist eine gute Mischung aus Krimi, Spionage-Geschichte und Gesellschaftsbild.

Gerade die Erinnerungen der drei Frauen im Mittelpunkt der Geschichte:

  • Rosa, aus Deutschland nach Palästina geflohen, die gesamte Familie bis auf die Schwester in der Nazi-Barbarei verloren und nun überzeugte Israelin
  • Sophie Reisacher aus Straßburg, die einen Nazi geheiratet hat und nun als Hausdame des Hotels Bühlerhöhe nach Höherem strebt, wieder erhobenen Hauptes durch ihre Heimatstadt gehen will
  • Agnes, die Buchhalterin aus einfachen bäuerlichen Verhältnissen, fromm und mit, wie wir sagen würden, einer posttraumatischen Belastungsstörung

Die Lebensgeschichten der drei bieten eine recht breite Palette an Erfahrungen mit der Nazi- und Nachkriegszeit – Verlust der Heimat, der Familie, Gewalterfahrungen und die Position als Frau in einer männlich dominierten Gesellschaft. Wie kommt eine Frau wieder auf die Füße, die solches erlebt hat? Alle drei – und noch mindestens die Schwestern von Rosa und Agnes – bieten da sehr unterschiedliche Antworten. Weiterlesen

Der offene Sarg von Sophie Hannah

rp_Bild-Krimis-300x2681-150x1501.jpgDen ersten Hercule-Poirot-Krimi von Sophie Hannah habe ich ja bereits rezensiert und war sehr gespannt auf den zweiten. Gleich vorweg: Er hat mich nicht enttäuscht 😉

Der Ort der Handlung könnte nicht typischer sein: Ein Landsitz (in Irland), eine etwas bejahrte Hausherrin mit erwachsenen Kindern und Schwiegerkindern, einem Sekretär und zwei Anwälten. Zusammen mit diesen Personen befinden sich an der entscheidenden Dinnertafel noch die Pflegerin des Sekretärs – bekanntermaßen ist er schwer krank – sowie Poirot und sein neuer Freund Catchpool von Scotland Yard. Im Gegensatz zu den meisten am Tisch weiß ich als Leserin schon, welche Bombe Lady Athelinda Playford gleich hochgehen lässt, denn im ersten Kapitel erzählt Catchpool (aus dessen Perspektive ich alles miterlebe) die Vorgeschichte: Die erfolgreiche Schriftstellerin hat ihr Testament zugunsten ihres Sekretärs geändert – er soll alles erhalten, die Kinder Athelindas sollen leer ausgehen.

Aufschrei, Tumult. Besonders die Schwiegertochter stellt die zwei Absurditäten heraus: Die eigenen Kinder für einen Sekretär zu enterben, das könne nur als Antipathie besonders ihr gegenüber verstanden werden. Und jemand Todkrankem etwas zuzusprechen, was er nicht erleben wird, sei geschmacklos.

Die Tischgesellschaft löst sich in dem Moment auf, in dem der Sekretär seiner Pflegerin einen Heiratsantrag macht und Poirot beginnt sofort zu arbeiten: Er und Catchpool müssen herausfinden, wer sich wo aufhält, ob die Hausherrin in Gefahr ist und ob der Kranke gut versorgt ist. Einige Personen haben das Bedürfnis nach frischer Luft, darunter auch die „glückliche Braut“. Währenddessen leidet der dicke Anwalt sehr und geht davon aus, er sei vergiftet worden – er hatte einen Mann und eine Frau im Laufe des Tages Geheimnisvolles reden gehört. Wie der Arzt im Hause – der Verlobte der Tochter – feststellt, hat sich der Gourmand einfach nur, pardon, überfressen und schnarcht nach der drastischen Behandlung durch den arroganten jungen Mann lautstark. Mitten in das Schnarchen hinein tönen entsetzte Schreie: Die Pflegerin ist von ihrem Spaziergang zurück und steht vor dem Wohnzimmer – dort liegt der Sekretär, tot, mit zerschlagenem Gesicht. Die Pflegerin behauptet hartnäckig, sie habe die Tochter des Hauses beim Zuschlagen beobachtet.

Einer dER hausbewohner zitiert ständig aus "King John" von Shakespeare - die korrekte Wiedergabe eines Zitats hilft Poirot weiter

Einer der Hausbewohner zitiert ständig aus “King John” von Shakespeare – die korrekte Wiedergabe eines Zitats hilft Poirot weiter

So weit die Krimisituation. Natürlich ist der mit der Aufklärung beauftragte Beamte nicht nur unfähig, sondern auch unfreundlich. Poirot und Catchpool versuchen nun, alles herauszufinden, was relevant ist. Letztlich führen die Lektüre eines der weniger bekannten Dramen von Shakespeare, die nicht zerschmetterte Kinnpartie des Opfers und ein Besuch Poirots in Oxford zur Auflösung. Sophie Hannah lässt Inspektor Catchpool dabei durchaus  einige Meriten selber verdienen – er wird nicht als ein Poirot intellektuell so unterlegener Freund geschildert, wie es Hastings war. Die Charakterisierung der mehr oder weniger adligen Gesellschaft neigt in manchen Fällen ein wenig zur Übertreibung, passt aber trotzdem zu Poirots Umfeld, auch wenn ich  nicht vergessen kann, dass es eine Autorin des 21. Jahrhunderts ist, die den Roman schrieb.

Ein bisschen schade finde ich, dass die Charakterisierung Catchpools, dem im ersten Roman ein traumatisches Erlebnis in seiner Kindheit Probleme bereitete, hier etwas „glatter“ daherkommt. Insgesamt ist es wieder ein gelungener Genre-Krimi a la Agatha Christie mit einem glaubwürdigen Hercule Poirot.

Sophie Hannah: Der offene Sarg. Ein neuer Fall für Hercule Poirot, übersetzt von Giovanni und Ditte Bandini, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, , ISBN: 783455600537

Mörderwetter von Eva Gründel

rp_Bild-Krimis-300x2681-150x1501.jpgMit zwei verschiedenen Elementen steigt Eva Gründel in ihren neuen Krimi ein: ein Labyrinth und ein Rhinozeroshorn. Besonders um das letztere kreisen am Anfang die Gedanken von Ilse Hubinek, der Mutter von Elena Martell. Doch bis wir ihm wieder begegnen, vergeht noch eine Menge Zeit. Da im Untertitel steht „Ein England-Krimi“, müssen alle Protagonisten erst einmal auf die britische Insel

 

  • Adele, eine Freundin von Ilse und Elena, veranlasst nicht nur die beiden, sondern auch ihren Freund Ludwig, an einer Gartentour in der Mitte Englands teilzunehmen; Reiseleiterin ist Feli, die bei dieser Premiere gern Elena, die professionelle Reiseleiterin, als Rückenstärkung dabei hätte
  • Giorgio Valentino, der Partner von Elena, fährt zu einem fachlichen Austausch mit Scotland Yard nach London.

Die Reise durch die schönsten Gärten in den Cotswolds in England fällt buchstäblich ins Wasser, denn Dauerregen macht die meisten Besichtigungen unmöglich. Mit den Augen von Elena und Ilse lernen wir die Gruppe kennen, die dann endlich auf dem Anwesen des Earl of Wharvedale die ersten Sonnenstrahlen erlebt. Doch leider auch die Leiche des Hausherrn findet.

James Tissot - In an English Garden

Englische Gärten sind schon früher Reiseziele gewesen

An diesem Punkt ist noch nicht einmal die Hälfte des Romans erreicht – die Ermittlungen gestalten sich allzu kompliziert. Und mittendrin: Elena Martell. Die couragierte Reiseleiterin hat bereits früher Mordfälle aufgeklärt – Eva Gründel hat um sie und Commissario Giorgio Valentino eine ganze Reihe von Reisekrimis entworfen. So nimmt es nicht Wunder, dass bei aller Polizeipräsenz vor allem die Laien auftrumpfen können. Ludwig und Elena sind diejenigen, die das wahre Geschehen aufdecken. Letztlich geht es nicht nur um den Mord an Richard Deverell, sondern um Waffenlobbyismus (gut, im Grunde ist diese Zeit schon passé, wirft aber ein Licht auf die Personen), Kunstfälschung im großen Stil, um Ehebruch und Erbrecht – ein schönes Bündel an Motiven und Gelegenheiten.

Eva Gründel wechselt geschickt die Handlungsorte, lässt mich als Leserin durch verschiedene Augen blicken und entwickelt neben der Krimihandlung noch weitere spannungsgeladene Szenen, die vor allem das Verhältnis von Elena und Giorgio betreffen.
Ganz offensichtlich orientiert sich Eva Gründel an den Vorbilder des klassischen englischen Kriminalromans – kein Wunder, dass ich mich gut unterhalten gefühlt haben.

Eva Gründel: Mörderwetter. Ein England-Krimi,Haymon Verlag, Innsbruck, Wien, 2014, iSBN: 97837099977880 (E-Book)

Die Monogramm-Morde von Sophie Hannah

rp_Bild-Krimis-300x2681-150x1501.jpgHercule Poirot – der kleine Belgier mit dem markanten Schnurrbart ist eine Erfindung von Agatha Christie, die letzten Monat ihren 125. Geburtstag hatte. Sophie Hannah, selbst erfolgreiche Thrillerautorin, zollt mit einem neuen Fall für den belgischen Detektiv dem großen Vorbild ihren Respekt. Und das tut sie ziemlich gut.

Drei Menschen werden in einem Hotel ermordet aufgefunden – zwei Frauen und ein Mann. Alle haben einen mit einem Monogramm versehen Manschettenknopf im Mund. Alle sind an dem selben Gift gestorben. Alle liegen da wie aufgebahrt. Hercule Poirot, der gerade “Ferien” macht, in einer Pension schräg gegenüber von seiner eigenen Wohnung (was für eine nette Idee!), hat in dieser Pension nicht nur die Bekanntschaft eines jungen Scotland-Yard-Mannes, Edward Catchpool, gemacht, sondern auch ein neues Lokal gefunden, das ihm gefällt. Bevor Catchpool ihm von dem grausigen  Mord im Hotel berichtet, hat Poirot seinerseits eine beunruhigende Begegnung in diesem neuen Lieblingslokal: Eine offensichtlich sehr ängstlich erregte Frau vertraut ihm an, dass sie erwarte, ermordet zu werden. Und dagegen könne und dürfe man nichts tun. Dann läuft sie weg und lässt Poirot sehr besorgt zurück.

Dish monogram Louvre OA325-33

Monogramme sind ziemlich alt – dieser Teller stammt aus dem 13. Jahrhundert

Zu Catchpooles Missvergnügen verknüpft der eitle Belgier dann beide “Fälle”. Er mischt sich ein, schickt Catchpool auf Recherchereise und ergeht sich in Andeutungen. Alles wie gehabt. Catchpoole ist als Ich-Erzähler ein netter Nachfolger für Hastings, Poirots alten Freund.

Sophie Hannah trifft den Ton von Poirot sehr schön – diese leichte Arroganz, das Bedürfnis nach Symmetrie, die kleinen grauen Zellen – alles Poirot, wie man ihn aus  den Büchern von Agatha Christie kennt. Mit der Figur von Edward Catchpoole hat Sophie Hannah einen neuen Begleiter für Poirot zu schaffen versucht, der aber im Grunde dieselbe Funktion eines “Watson” hat, wenngleich mit beruflicher Verbindung zur Kriminalitätsbekämpfung. Mit einer traumatischen Kindheitserinnerung versehen, gibt es in diesem Fall für ihn eine große Hürde zu überwinden – da kommt die Hilfe Poirots gerade recht; der Stil des Freundes ärgert ihn aber auch. Aus dem Eigenleben Catchpooles kann sicher noch mehr gemacht werden, sollte Sophie Hannah eine Fortsetzung planen.

Wer einen handwerklich sauberen “Häkelkrimi” schätzt und gern mit Poirot seine Zeit verbringt, ist hier gut aufgehoben.

Sophie Hanna: Die Monogramm-Morde. Ein neuer Fall für Hercule Poirot, übersetzt von Giovanni und Ditte Bandini, Atlantik Verlag, Hamburg, 2014, ISBN: 9783455600162

Törtchen-Mördchen von Petra Busch

rp_Bild-Krimis-300x2681-150x1501.jpgPetra Busch hat bereits eine andere Sammlung  mit kleinen Krimis herausgebracht – “Mördchen fürs Örtchen“. Die Törtchen-Mördchen, die jetzt herausgekommen sind, bieten neben spannender Unterhaltung einen praktischen Zusatznutzen: Rezepte! Wenn Ihnen also ein “Törtchen” besonders lecker vorkommt – den teils grausigen Umständen zum Trotz – können Sie sich selbst daran versuchen, es herzustellen.

24 Kurzkrimis hat Petra Busch zusammengetragen – mal heiter, mal düster, mal skurril. Appetitthäppchen gefällig? Bitte sehr:

  • Muutzemandeln backt der eine, ein Muutzekopp ist der andere – ein Beichtgespräch der besonderen Art im Kölner Raum über zwei Brüder und ihre Geschichte.
  • Eine Trüffelpralinie mit exquisitesten Zutaten – Ursache für Einbruch, Mord und ABC-Alarm in Bamberg?
  • Prinzesssinentorte mit bitterem Beigeschmack in einer unglücklichen Nachkriegs-Patchwork-Familie.

In der ersten Gechichte vom naschhaften Mäuserich Willi werden, da sie quasi in einer Konditorei spielt, jede Menge leckerer Backwerke genannt – sie tauchen in den folgenden Geschichten wieder auf und dann gibt es das Rezept dazu. Laut Aussage von Petra Busch sind alle Rezepte getestet und garantiert giftfrei. Eine hübsche Sammlung für die Küche oder den Konditorei-Besuch, um die Wartezeit zu überbrücken 🙂

Petra Busch (Hrsg.): Törtchen-Mördchen, KBV-Verlag, Hillesheim, 2015, ISBN: 9783954412600

Ob es eine solche Sammlung mit Rezepten auch mal für die Liebhaberinnen herzhafter Genüsse geben wird? Hm?

Falsches Zeugnis von Birgit Ebbert

rp_Bild-Krimis-300x2681-150x1501.jpgBirgit Ebbert hat ihre Karina Bessling mal wieder auf eine Spur gesetzt; der Erfolg ihres Buches – also das von Karina 😉 – über die Postkarten ihrer Tante Katharina hat der jungen Bauingeneurin nicht nur Lesungstermine, sondern auch Anfragen anderer Art gebracht, z. B. die Mitgliedschaft in einer Jury.

Aber der Reihe nach. Birgit Ebbert beginnt nämlich nicht mit Karina, sondern mit der Innensicht einer Person, die gleich auf den ersten Seite ein äußerst gesetzwidriges Verhalten an den Tag legt. Das Thema: Briefe, die von Anne Frank stammen könnten und zwar aus der Zeit nach ihrer Verhaftung und Deportation. Also genau die Zeit und der Themenkomplex, in denen sich Birgit Ebbert bestens auskennt. Diese – fiktiven! – Briefe schieben sich immer wieder zwischen die beiden zeitgenössischen Handlungsstränge, den von Karina und den der lange namenlos agierenden anderen Person. Weiterlesen

Madame Merckx trinkt keinen Wein von Lisa Graf-Riemann

rp_Bild-Krimis-300x2681-150x1501.jpgWas für eine schöne Gegend – das Languedoc. Und Lisa Graf-Riemann beschreibt es so, dass man sofort dorthin will. Dabei ist es gar kein Reiseführer, sondern ein Krimi, und zwar ein  Südfrankreichkrimi, so stehts unter dem Titel ;-).

Gleich zu Anfang bekommt man eine Kostprobe von ländlicher Frömmigkeit – Isa wandert zur Kapelle von Saint Martin des œufs und erlebt mit, wie die Küsterin Mado mit dem Heiligen verhandelt: Sie will als Mitglied eines Reiseclubs im Oktober verreisen, doch ihr Mann Jean ist der Meinung, dass das nur rausgeschmissenes Geld sei. Ob Staint Martin da nicht was deichseln könne?

Nächstes Kapitel, nächster Schauplatz: Jean ist mit Laurent auf Mufflon-Jagd. Am Ende muss er Laurent den ganzen beschwerlichen Weg ins verlassene Dorf tranportieren und dann noch die Ambulanz rufen, denn Laurent hat sich selber in die Schulter geschossen. Jean ist stinkesauer und verkrümelt sich in sein Refugium, eine alte Hütte auf seinem ehemaligen Weinberg. Dort hängt er seinen Gedanken nach, übernachtet dort, wärmt sich früh am nächsten Tag mit einem Schnäpschen auf und macht sich auf den Heimweg. Weiterlesen

Historische Krimis aus dem Gmeiner Verlag

rp_Bild-Krimis-300x2681-150x1501.jpgBereits drei Krimis aus dem Gmeiner Verlag habe ich hier vorgestellt:

Die beiden ersten sind historische Krimis, der dritte nicht. Der Gmeiner Verlag hat sich auf Spannungsromane, wie es auf der Website heißt, aus dem deutschsprachigen Raum spezialisiert. Hier erscheinen also viele Krimis und sie spielen alle in Deutschland, Österreich oder der Schweiz. Die Zeitspanne reicht von heute bis ins Mittelalter. Für mich waren besonders die Titel interessant, die zu meinem “Thema 1914” passten – der Verlag hat da eine große Anzahl Bücher im Programm. Mondjahre gehört auch in diese Serie meines Blogs. Ich interessiere mich aber auch für weitere historische Themen und habe folgenden Bücher des Verlags gelesen: Weiterlesen

Thema 1914: Der eiserne Sommer von Angelika Felenda

rp_Bild-Krimis-300x2681-150x150.jpgMünchen im Sommer 1914 – Angelika Felenda schickt Kommissär Sebastian Reitmeyer in einen komplizierten Fall, seinen ersten, wie der Untertitel verrät.

Fast wäre er Jurist geworden; nun arbeitet er bei der Kriminalpolizei und muss sich mit einer Leiche befassen. Als Leserin habe ich im Gegensatz zu Reitmeyer schon zuvor ein paar Impressionen serviert bekommen: Tagebucheintragungen und die Erlebnisse des Mannes, der ihn später als Leiche beschäftigen wird.

Der Kommissär arbeitet mit unterschiedlichen Kollegen zusammen: dem loyalen Steiger, dem von Sherlock Holmes inspirierten Polizeischüler Korbinian Rattler und dem brummigen Wachtmeister Brunner. Außedem sind da noch ein paar Vorgesetzte. Das mit den Vorgesetzten ist erwartungsgemäß die größte Schwierigkeit für einen selbständig denkenden Mann. Noch dazu im München von 1914. Noch dazu, wenn Militär in dem Fall eine Rolle spielt. Da dürfen die Polizisten nämlich rein gar nichts – wehe, ein schlechtes Licht fällt aufs Militär. Gerade in dieser Zeit. Nach der Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand in Sarajevo wird immer wieder von Krieg gesprochen. Also gilt die Unantastbarkeit militärischer Personen in verschärfter Form.

Charles Vetter Blick auf den Marienplatz in München 1912

Autos und Pferdekutschen auf dem Marienplatz 1912 – dieses Gemälde von K. Vetter zeigt München als eine mdoerne Großstadt zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Aber auch ein Privatleben hat der Kommissär: Er lebt seit dem Tod seiner Eltern mit seiner Tante zusammen, die ihn gern gut verheiratet wissen will – Hildegard heißt ihre für ihn Auserwählte.

Alte Freunde tauchen wieder auf: der Jurist Dr. Sepp Leitner, die Ärztin Dr. Caroline von Dohmbach und ihre Brüder Lukas und Franz.

Auf diesem Tableau hat Angelika Felenda nun ein Stück inszeniert, in dem es um Gier und Angst und um insgesamt rund ein halbes Dutzend Leichen geht.  Ich will jetzt inhaltlich nicht zu viel verraten. Angelika Felenda lässt anhand des Krimigeschehens die Zeit im Sommer 1914 lebendig werden: Da gab es das Attentat und dann hat sich für die Bevölkerung erst einmal längere Zeit nichts getan, es gibt Diskussionen über einen dritten Balkankrieg, es gibt Versammlungen nationalistischer Verbände; Reitmeyer bekommt verschiedene Positionen mit, aber eine tragende Rollte spielt der drohende Krieg erst einmal nicht. Das ändert sich im Laufe der Ermittlungen schlagartig und Reitmeyer sieht sich auf einmal in einer sehr gefährlichen Situation.  Das Zusammenspiel verschiedener Mächte und Kräfte mit dem Militär ist – schon damals – hoch brisant. Da kollidieren die poitisch motivierten Vorgaben der Vorgesetzten mit dem Drang nach Aufklärung.

Es ist ein handwerklich gut gearbeiteter Kriminalroman mit Zeitkolorit – ich bin gespannt, wie es mit Sebstian Reitmeyer und seinen Gefährten und Gefährtinnen weitergeht; schon vor oder erst nach 1918?

Angelika Felenda: Der eiserne Sommer, Suhrkamp Verlag, Berlin 2014, ISBN: 9783518465424

Thema 1914: Mondjahre von Eva-Maria Bast

Zemanta Related Posts ThumbnailFrüher Sommer 1914 am Bodensee – Sophie lernt in Friedrichshafen Pierre, einen französischen Journalisten, kennen. Die folgenden Ereignisse  – Attentat in Sarajewo, Juli-Krise, Kriegsausbruch – verhindern die Hochzeit, denn Pierre hat nun als Feind zu gelten und verlässt Deutschland. Der heimliche Verlobte von Johanna, Sophies Nichte, muss genau wie andere junge Männer in den Krieg ziehen; Johanna sitzt mit ihrer Mutter Helene und ihrer Tante Sophie bei deren Eltern in Überlingen – der Vater hat sie aus Sicherheitsgründen dorthin geschickt.

Später taucht noch Luise auf, eine junge Frau aus Ostpreußen, die im Krieg ihre Eltern und Großmutter verloren hat – Siegfried, der Bruder von Helene und Sophie hat sie zu seinen Eltern geschickt. Weiterlesen