Maike Claußnitzer im Interview

Maike Claußnitzer ist eine liebe Kollegin, die sich immer wieder als kundige Kommentatorin in meinem Blog betätigt – ich freu mich immer sehr über ihre Anmerkungen. Sie ist aber auch Autorin und ich habe im Spätherbst ihr Buch “Rattenlied” gelesen. Das fand ich so faszinierend, dass ich bis 2 Uhr nachts dran blieb. Vor einiger Zeit hatte ich bereits den Band “Greifen, Grabraub und Gelichter” erhalten – und bis zum “Rattenlied” nicht aufgeschlagen … Obwohl ich nicht die große Fantasy-Leserin bin, haben mich die Bücher in den Bann geschlagen. Maike Claußnitzer hat eine Mischung von Realität und Fiktion geschaffen, die ich lesenwert finde.

Nach der Lektüre von “Rattenlied” konnte ich Maike Clausnitzer ein paar Fragen stellen, die sie mir beantwortet hat. Voilà:

Liebe Maike, „Rattenlied“ war mein erster Kontakt mit Deiner Fantasy-Welt – zu meiner Schande sei es gesagt, denn „Greifen, Grabraub und Gelichter“ stand hier ja schon ein Weilchen rum … (Die Lektüre habe ich dann ganz schnell nachgeholt). Wie würdest Du Deine Welt beschreiben?

Die Welt, in der meine Geschichten spielen, ist im Grunde genommen unsere gewohnte Welt, wie sie irgendwann zwischen Spätantike und Wikingerzeit hätte sein können, wenn es Fabelwesen, Gespenster und einen Hauch von Magie gäbe und einige (kultur-)historische Entwicklungen anders verlaufen wären als in Wirklichkeit. Abgesehen davon, dass man bei einem Besuch dort damit rechnen sollte, Drachen oder Trollen über den Weg zu laufen, wird man also auch viel Vertrautes finden – von römischen Ruinen über Zitate aus antiken Texten bis hin zum Christentum.

Hat sie einen eigenen Namen, wie bspw. Tolkiens „Mittelerde“?

Die Welt selbst hat keinen speziellen Namen, sondern ist für ihre Bewohner einfach „die Welt“ oder „die Erde“ – wie für uns. Der zentrale Handlungsort ist ein alternatives Frankenreich, genauer gesagt dessen nordöstlicher Teil, der wie in der Realität Austrasien heißt.

Wie findest Du Dich dort zurecht? Sind alle Völker und Gruppen immer dort, wo Du sie angesiedelt hast?

Wenn sie das wären, würde es garantiert friedlicher zugehen … Spaß beiseite: Da ich mich im Großen und Ganzen am frühmittelalterlichen Europa orientiere, ähneln bestimmte Siedlungsräume den historisch überlieferten. So spielt der Kontrast (und nicht selten auch Konflikt) zwischen sesshaften Kulturen und eurasischen Nomaden ebenso eine Rolle wie Wikingereinfälle aus dem skandinavischen Bereich. Neben ganzen Menschengruppen kommen auch Einzelpersonen geographisch weit herum, ob nun absichtlich als Fahrende, Söldner und Kaufleute oder eher unfreiwillig als Gefangene und Sklaven.
Um den Überblick zu wahren, hilft eine ganz normale Karte aus dem historischen Atlas mit entsprechenden fiktiven Ergänzungen. Damit ich mich an den einzelnen Handlungsorten beim Schreiben nicht verirre, fertige ich manchmal Karten- oder Grundrissskizzen an.

Du bist in Sachen Mittelalter beschlagen – welche Elemente hast Du aus dem echten Mittelalter in Deine Welt übertragen?

MonasterboiceCrossKnot Schmuck in den Geschichten von Maike Claußnitzer

Solche Knotenmuster kommen als Schmuckelemente in den Geschichten von Maike Claußnitzer immer wieder vor

Die erste Idee zu einer Geschichte, die vor diesem besonderen Hintergrund spielt, ist mir vor Jahren bei der Lektüre eines Artikels über archäologische Funde aus der Merowingerzeit gekommen. Mittelalterlich ist bis zu einem gewissen Grade also die materielle Kultur, allerdings ergänzt um ein paar moderne Zutaten. So haben z. B. Tee und Papier ihren Weg weitaus früher in mein Austrasien gefunden, als sie historisch in Europa nachzuweisen sind.
Vor allem aber faszinieren mich als Germanistin natürlich Texte, und so haben sich Motive aus allen möglichen Literaturgattungen von der Heldenepik bis zur geistlichen Dichtung in meine Geschichten eingeschlichen, aber auch die Tücken mittelalterlicher Urkunden, der Wert symbolischer Gesten oder das Nebeneinander von Mündlichkeit und Schriftlichkeit.
Oft greife ich bestimmte Details aber auch etwas augenzwinkernd auf (so sind die Fluchstangen, die im „Rattenlied“ vorkommen, von der „Neidstange“ inspiriert, die in der mittelalterlichen „Saga von Egil Skalla-Grimsson“ beschrieben wird, sind aber in Ausführung und Intention nicht ganz so furchteinflößend).

Frauen spielen in Deinen Geschichten starke Rollen – ist das Deine Form von Utopie?

„Utopie“ ist zu viel gesagt. Insgesamt ist die geschilderte Gesellschaft alles andere als ideal, doch was die Gleichberechtigung und vor allem deren selbstverständliche Akzeptanz betrifft, hat sie dem realen Mittelalter und auch uns tatsächlich etwas voraus. Diese Haltung als Normalität und nicht als fernes oder gar umstrittenes Ideal zu zeigen, ist mir wichtig. Denn die gerade in der Fantasy nicht seltenen Emanzipationsgeschichten über eine tatkräftige Persönlichkeit, die aus einer starren Geschlechterrolle ausbricht, haben einen entscheidenden Nachteil. So gut gemeint sie auch sein mögen, sie untermauern indirekt die Annahme, Vorurteile und Diskriminierung seien naturgegeben und eine Frau (seltener: ein Mann) müsse erst einmal beweisen, dass es sich lohnt, im Einzelfall von der althergebrachten Einschätzung abzurücken. Und das ist keine Sichtweise, die irgendeinem Menschen guttut.

Also, diese letzten Sätze finde ich so was von toll! Ich stimme Dir voll zu.

Greife oder Greifen – wie lautet der korrekte Plural? Schildere doch bitte mal, wie sie genau aussehen und was ihre Eigenschaften sind. Zwei Sorten kenne ich – die kleinen Sperlingsgreife(n) und die Steppengreife(n).

Karlsruher-Greif Maike Claußnitzer Buch Greife

Da sieht man mal, wie man sich irren kann – für mich waren Greife bisher immer rein “vogelig” – da habe ich bei Maike Claußnitzer noch was dazu gelernt Ikar.us, Karlsruher-Greif, CC BY 3.0 DE

Der Duden kennt beide Pluralformen, ich habe mich in meinen Geschichten für „Greifen“ entschieden.

Der Sperlingsgreif (Gryps passerinus) ist ein in Mitteleuropa weitverbreitetes Fabelwesen, das den greifentypischen katzenähnlichen Körper, vogelartige Flügel, einen gefiederten Kopf mit Federohren und einen kräftigen Schnabel aufweist. Die Spannweite ausgewachsener Exemplare übersteigt selten 30 cm. Fell und Gefieder sind zumeist bräunlich bis sandfarben, haben aber bisweilen einzelne weiße Partien. Wie alle Angehörigen der Gattung Gryps ist der Sperlingsgreif ein opportunistischer Allesfresser. Als klassischer Kulturfolger nistet er oft in oder bei Gebäuden. Das Gelege besteht meist aus zwei bräunlich gesprenkelten Eiern. Der Volksglaube sieht im Sperlingsgreifen einen Glücksbringer, dessen Anwesenheit den Menschen Gutes verheißt.
Sein größerer Verwandter, der Steppengreif (Gryps scythicus), ähnelt ihm in Körperbau und Färbung, ist mit einer Kopf-Rumpf-Länge von bis zu 50 cm jedoch beträchtlich größer und verfügt über einen greifvogelhafteren Schnabel. Die scharfen Krallen sind einziehbar. Sein Jagdtrieb ist stärker ausgeprägt als der des Sperlingsgreifen. Zu seinem Beutespektrum zählt neben Mäusen und Schlangen auch das scheue Birkenhörnchen (Sciurus magicus). Sein Lebensraum erstreckt sich von Osteuropa bis nach Zentralasien. Berichte über Steppengreifensichtungen in Mitteleuropa sind vermutlich auf Irrgäste oder Gefangenschaftsflüchtinge zurückzuführen und kein Beleg für eine Verlagerung des Verbreitungsgebiets nach Westen. Die Abrichtung von Steppengreifen zur Jagd soll unter Skythen und Sarmaten üblich gewesen sein, ist aber bisher nicht hinreichend durch archäologische Funde nachgewiesen.

Welche Bücher haben Dich so beeinflusst, dass Du ihnen Anregungen für Deine Welt verdankst?

Den Einfluss der mittelalterlichen Literatur habe ich ja oben schon angesprochen, doch genauso erwähnenswert sind Märchen und Sagen, ob nun bekannt oder nur von lokalem Interesse. So geht der Geist im Wacholder im „Rattenlied“ auf eine Geschichte über den Totengrund in der Lüneburger Heide zurück, ein wacholderreiches Tal, in dem es spuken soll.
Wichtig sind daneben Rosemary Sutcliffs historische Romane, die ich als Kind und Jugendliche sehr geliebt habe und die oft ebenfalls den Übergang von der Antike zum Mittelalter thematisieren. Der Hinweis auf Tolkien darf bei mittelalterlich inspirierter Fantasy natürlich nicht fehlen, aber auch Susanna Clarkes „Jonathan Strange & Mr Norrell“ ist ein Roman, der mir gezeigt hat, wie gut die Verbindung aus historischer Welt und magischen Elementen funktionieren kann, obwohl er mit den Napoleonischen Kriegen eine ganz andere Epoche zum Hintergrund hat.
Hinzu kommen alle möglichen Sachbücher zu geschichtlichen und archäologischen Themen. Besondere Erwähnung verdient „Colonia – Stadt der Franken“ von Carl Dietmar und Marcus Trier. Hier habe ich viele Anregungen gefunden, wie man sich die Entwicklung einer Römerstadt in nachantiker Zeit vorstellen kann.

Kommt da noch mehr?

Das will ich hoffen! Im Moment ist eine Fortsetzung meines ersten Romans „Tricontium“ geplant, in der aber auch ein paar Figuren aus dem „Rattenlied“ vorkommen, und auch einen neuen Band mit kürzeren Erzählungen aus derselben Welt wird es bestimmt früher oder später geben.

Vielen Dank für die Antworten, liebe Maike.

Das sind die beiden Titel, die hier zugrunde liegen:

  • Maike Claußnitzer: Rattenlied, BoD, Norderstedt, 2017, ISBN: 9783746013039
  • Maike Claußnitzer: Greifen, Grabraub und Gelichter, BoD, Norderstedt, 2015, ISBN: 9783739220130

Außerdem gibt es noch:

  • Maike Claußnitzer: Tricontium, BoD, Norderstedt, 2016: ISBN: 9783739239743

In der Stadtbücherei Köln finden sich “nur” Titel, die Maike Claußnitzer übersetzt hat.

Übrigens: So sieht das mit dem Interview dann auf meinem Desktop aus:

Interview Maike Claußnitzer Desktop Dokumente

Das Internview haben Maike und ich schriftlich geführt – die Reimerei auf dem Desktop habe ich erst spät entdeckt 😉

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Thema 1914: Krieg nach dem Krieg von Anton Holzer

Als der Krieg zu Ende war, gab es – keinen Frieden. Das gilt wohl für die meisten Kriege. Auch für den ersten Weltkrieg, wie Anton Holzer in seiner Bild-Text-Sammlung noch mal deutlich macht.

Wie schon in dem Buch “Die letzten Tage der Menschheit” collagiert Anton Holzer historische Fotos mit Texten. In diesem Buch sind es nicht die Texte von Karl Kraus, sondern Tagebucheintragungen und andere eher private Äußerungen verschiedener Personen, u. a.:

  • Käthe Kollwitz
  • Kurt Tucholsky
  • Thea Sternheim
  • Harry Graf Kessler
  • Erich Mühsam

Bundesarchiv Bild 146-1998-009-16, Kämpfer in Bayern mit MG

So sah es 1919 in München aus – alles andere als friedlich, auch wenn das hier eine Pose ist. Bundesarchiv Bild 146-1998-009-16, Kämpfer in Bayern mit MG, CC BY-SA 3.0 DE

Auch wenn die Revolutionen gefühlt erst nach dem Krieg ausbrachen, die die Räterrepubliken nach Deutschland brachten – die Ursachen liegen schon in der Kriegszeit selbst, u. a. in der mangelhaften Versorgungslage sowohl an den Fronten als auch “zu Hause”. Deshalb umfasst der Zeitrahmen, den Anton Holzer absteckt bereits die Zeit ab Mai 1916 und geht dann bis 1925.

Anhand der Kapitelüberschriften wird das mit der Versorgung schon deutlich: Allein zwei Überschriften thematisieren den Hunger:

  • Erschöpfung und Hunger – Verbitterung über den Krieg
  • Hunger, Not und Verzewiflung – Der erste Winter nach dem Krieg

Es ist kein Buch zum Hintereinanderweglesen – es ist ein Buch zum Stöbern. Welcher Aspekt interessiert mich gerade? Dann schlag ich z. B. “Der erstickte Aufruhr” auf und sehe Bilder von 1919, die aussehen wie Krieg in der Stadt – Soldaten, Gewehre, Geschütze  – und lese die Erlebnisse von Harry Graf Kessler, Viktor Klemperer oder Käthe Kollwitz.

Jedem Abschnitt stellt Anton Holzer eine kurze Darstellung der Ereignisse voraus, so dass ich die Bemerkungen der Zeitgenossinnen “einordnen” kann (was sie nicht weniger erschreckend macht …). Sein Einführungsessay “Jahre der Gewalt” umfasst den gesamten Zeitraum. Einige der Zeitzeugenaussagen, die später den Bildern gegenübergestellt werden, zitiert er bereits hier. Hier findet er auch Platz, um Aussagen Einzelner zu kommentieren, z. B. den Satz von Ernst Troeltsch,

Das Ringen von fünf furchtbaren Jahren und, wenn man die Vorgeschichte hinzunimmt, eines Jahrhunderts, ist vorläufig und scheinbar zu Ende. (S. 19)

den Anton Holzer dahingehend interpretiert, dass die Unsicherheit mit dem gerade unterzeichneten Freidensvertrag nicht schwindet und die Demokratie, bis sie in Deutschland 1933 untergeht, vielfachen Angriffen ausgesetzt sein wird: Putschverscuhe und poltische Gewalt nennt er dabei.

Die Kombination von Bildern und persönlich gehaltenen Texten lässt, wie Anton Holzer es ja auch beabsichtigt ;-), das Geschehen dieser Jahre näher heranrücken, als es nackte Daten und Faktenaufzählungen können. Leider haben die Bilder eine beklemmende Aktualität – in anderen Regionen der Welt als in Deutschland, aber schließlich ist die Welt im Laufe der letzten 100 Jahre auch noch mal “kleiner” geworden.

Anton Holzer (Hrsg.): Krieg nach dem Krieg. Revolution und Umbruch 1918/19, Theiss Verlag, Darmstadt, 2017, ISBN: 9783806235609

Auch dieses Buch finden Sie in der Stadtbibliothek Köln.

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Der irische Löwe von Annelie Wendeberg

„Der irische Löwe“ – was kann ich mir darunter vorstellen? Annelie Wendeberg steigt mit diesem historischen Krimi in die Slums von London Ende des 19. Jahrhunderts. Der männliche Part des Ermittlerduos ist ein irischer Einbrecher von hünenhafter Gestalt und mit roter Mähne. Er heißt Garret. Der weibliche Part heißt Anna, lebt im Slum, ist als Krankenschwester bekannt und birgt ein Geheimnis.

Der erste Kontakt der beiden ist dramatisch: Garret taumelt mitten in der Nacht schwer verletzt in Annas Wohnung, um sich verarzten zu lassen. Bei ihrer Arbeit im Slum begegnet Anna eine junge Prostituierte mit aufgeschlitzter Wange. Sie versorgt die Wunde des Mädchens und will wissen, wer ihr diese Verletzung zugefügt hat. Da das Mädchen kein Geld verdienen kann, fliegt es aus dem Puff – Anna macht sich Sorgen. Bei ihren Nachforschungen erfährt sie von einem vornehmen Freier mit merkwürdigen Gelüsten: Er pflegt die Prostituierten mit einem Messer zu „kitzeln“, fügt ihnen also Verletzungen zu – aber nur “leichte”. Außerdem bevorzugt er Frauen während ihrer Menstruation.

Mit ihren Nachforschungen begibt sich Anna auf gefährliches Gelände, was sie im direkten Kontakt mit diesem Freier auch zu spüren bekommt. Garret, der für die zierliche Frau Zuneigung empfindet, schwingt sich zu ihrem Beschützer auf. Immer wieder begegnen die beiden einander und Anna fasst nach und nach Zutrauen. Doch ist sie nicht bereit, ihr tiefstes Geheimnis mit ihnen zu teilen. Da führt auch der Klappentext ein wenig in die Irre, denn ihre Tätigkeit als vorgeblich männlicher Arzt in einer Klinik spielt im Roman selber nur diese Rolle: Annas großes Geheimnis.

Wentworth st, Whitechapel Wellcome L0000878

An solchen Szenen muss Anna jeden Tag vorbei – statt wegzuschauen, bringt sie Hilfe. (c) https://wellcomeimages.org/indexplus/image/L0000878.html

Annelie Wendeberg entfaltet das Elend im Slum in vielen Facetten. Da sind die unterschiedlichen Kategorien von Prostituierten, die verwahrlosten Kinder, der Dreck und die schlechte Luft, das schlechte Essen und das wenige saubere Wasser. Anna und Garret sind die beiden Figuren mit Erfahrungen von außerhalb des Slums, die dieses Elend mit einem wünschenswerteren Leben vergleichen können. Sie beide und mit ihnen Annelie Wendeberg akzeptieren die Umstände im Slum sehr nüchtern. Auch wenn ich manchmal den Eindruck hatte, dass Annelie Wendeberg ein bisschen zu sehr ins Detail ging, hat sich in den meisten Fällen die Zusatzinformation als durchaus relevant erwiesen. Allzu detailliert möchte ich mir die Umstände, unter denen Anna und Garret leben und ermitteln, nicht vorstellen.

Im Grunde ist ein Großteil des Buches die Annäherung der beiden unterschieldichen  Menschen Anna und Garret – eine Liebesgeschichte. Und: Ja, es ist auch ein historischer Krimi. Deshalb werde ich über die Handlung weiter nichts verraten. Nur soviel: Als Leserin weiß ich mehr als Anna und Garret je erfahren. Und wirklich beruhigt kann ich am Ende nicht sein …

Mit gerade mal 200 Seiten ist diese Buch überschaubar – eine durchaus spannende und informative  Lektüre für zwischendurch (also “infomativ”, wenn man ws über die Elendsquartiere von London Ende des 19. Jahrhunderts wissen will und für Dickens’ Schmöker gerade nicht die rechte Muße hat 😉 )

Der Roman ist der erste einer Reihe.

Annelie Wendeberg: Der irische Löwe. Ein Anna Kronberg Krimi, übersetzt von Kathrin Bilefeldt und Jürgen Bürger, Kiepnehuer & Witsch Verlag, Köln, 2018: ISBN: 9783462047639

Das Buch ist in der Stadtbibliothek Köln vorhanden – ebenso wie weitere Bände dieser Reihe.

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Sanditon von Jane Austen und Marie Dobbs

Was hat Jane Austen doch für eine wunderbar skurrile Familie mit den Parkers geschaffen. Ein Jammer, dass sie dieses Buch “Sanditon” (das bei ihr noch “Die Brüder” hieß) nicht mehr fertigstellen konnte. Doch mit der Fortsetzung von Marie Dobbs aus den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts ist dieser Fehler nun 😉 auch behoben.

Worum geht es in Sanditon?

Badekarren Cuxhaven

Die Badekarren in England sahen so ähnlich aus, wie diese Exemplare von der deutschen Nordseeküste

Mister Parker ist ein Enthusiast. Alles und jeden will er mit Meerwasser und Seeluft kurieren – eingeschlossen seinen eigenen Knöchel, den er sich auf der Suche nach einem Arzt für „seinen“ Badeort Sanditon verknackst hat. Aus Dankbarkeit für die Gastfreundschaft der Familie Heywood laden er und seine Frau deren Tochter Charlotte zu einem Aufenthalt in besagtem aufstrebenden Kurort ein. Hier begegnet Charlotte der Geschäftspartnerin von Mister Parker, Lady Denham, und ihrer jungen Verwandten Clara. Außerdem erscheinen, kurz nachdem sie das Seeklima als eigenes Todesurteil abqualifiziert hatten, Mister Parkers Schwestern mit dem jüngeren Bruder Arthur in Sanditon. Als Gäste stellt sich eine Gruppe Frauen ein – eine Matrone, die drei junge Frauen in Pension genommen hat. Charlotte hat jede Menge Gelegenheit, die hypochondrischen Ergüsse der Geschwister Parker zu beobachten und sich ihre Gedanken dazu zu machen. Auch Lady Denham hat weitere Verwandte vor Ort, den jungen Lord Denham und seine Schwester, die von einem Freund begleitet werden. Einer der Brüder Parker fehlt noch in der Galerie, als Jane Austen die Arbeit an dem Roman aufgeben musste; bzw. taucht er im letzten Kapitel gerade auf.

Von nun an übernimmt Marie Dobbs

Und sie macht es so geschickt, dass der Übergang kaum merklich ist. Sie entwickelt die verschiedenen Irrungen und Wirrungen zwischen den jungen Leuten aus dem vorgegebenen Material. Ihre Figuren entwickeln streckenweise mehr Dynamik, als wir sie in dieser klaren Form von Jane Austen gewöhnt sind. Doch alles in allem entsprechen sie dem, was Jane Austen vorgelegt hat. Besonders hervorheben möchte ich, dass sie die inneren Monologen, die Charlotte schon unter Jane Austens Regie führt, weiter nutzt und ihr auch, so wie wir es von den anderen Romanen gewohnt, sind, genügend Raum für einsames Nachdenken zubilligt.

Der nahtlose Übergang von der einen zur anderen Autorin mag auch daran liegen, wie das Buch übersetzt wurde; mir liegt eine Übersetzung von Elizabeth Gilbert vor. Der Vergleich mit der Übersetzung von Christian Grawe in den ersten elf Kapiteln von “Sanditon” zeigt deutliche Unterschiede in mancher Wortwahl. Doch ist nicht auszuschließen, dass Christian Grawe im selben Stil auch den Text von Marie Dobbs übersetzt hätte. 😉

Marie Dobbs – huch, wer war denn das?

Es ist nicht die einzige Arbeit, die Marie Dobbs als Fortsetzung oder Zuarbeit vorgelegt hat. Sie sagte von sich selbst, sie sei eine „Beenderin“ und gebe nicht auf, bevor das Ergebnis sie zufrieden stelle. So hat sie als Journalistin gearbeitet und auch mit dem Autor der James-Bond-Romane, Ian Fleming. Sie reiste viel – Griechenland und die UdSSR waren ihre Ziele. In Moskau heiratete die junge Australierin Mr. Dobbs, der an der Botschaft arbeitete. Unter Pseudonym veröffentlichte sie Kurzgeschichten und zwei Romane um „Miss Bagshot“. Bis zu ihrem Lebensende 2015 war sie, dem oben zitierten Zeitungsartikel nach zu urteilen, eine Frau von Witz und Esprit und eine nimmermüde Geschichtenerzählerin.

Jane Austen und Marie Dobbs: Sanditon, übersetzt von Elizabeth Gilbert, Ehrenwirth Verlag, München, 1980, ISBN: 3431023002

Der Beitrag gehört in meine Blogreihe zum 200. Todestag von Jane Austen am 18.7.2017.

Ein Gentleman in Moskau vom Amor Towles

Der Klappentext zum zweiten Roman von Amor Towles ist leider etwas irreführend. Sein Held, Graf Alexander Rostov, ist keineswegs „gezwungen“, als Hilfskellner zu arbeiten. Er wird 1922 zu lebenslangem Hausarrest verurteilt – in demselben Hotel, in dem er sowieso residiert. Von seiner Suite muss er in eine Dachmansarde umziehen und sich von einigen, naja, okay, von sehr vielen seiner weltlichen Besitztümer trennen. Als eine sehr frühe Szene des Buches erscheint die lockere Akzeptanz dieser Verschlechterung seiner Situation erst einmal ungewöhnlich. Sobald ich aber die Gelegenheit habe, Alexander Rostov näher kennen zu lernen, kommt mir seine Haltung – für ihn – sehr natürlich vor.

Aufgewachsen im Zarenreich, streng und liebevoll zugleich erzogen und sowohl finanziell als auch geistig offen für die Genüsse des Lebens, entspricht er in keiner Weise dem Menschenideal des neuen Regimes. Neben der Freude am Genuss sind auch Pflicht- und Verantwortungsbewusstsein bei ihm tief verwurzelt. So reiste er 1918 von Paris unter großen Schwierigkeiten auf das heimatliche Gut, um seiner geliebten Großmutter eine friedliche Ausreise zu ermöglichen. Amor Towles nutzt immer wieder die Rückblicke, um die Position von Alexander in der erzählten Jetztzeit zu erläutern. Dass er 1922 nicht zum Tode, sondern “nur” zu Hausarrest verurteilt wird, hat er einem Gedicht zu verdanken, dass – noch weit vor jeder Revolution in Russland – mit revolitionären Ideen sympathisierte. Es wurde mit seinem Namen verbunden.

Für die nächsten 35 Jahre muss er sich nun im Hotel einrichten. Finanzielle Notlage kennt er dabei nicht. Er ist trotz des Hausarrestes in der Lage, neue Gewohnheiten und auch neue Kontakte zu pflegen. So lernt er Nina kennen, ein neunjähriges Mädchen, das genauswenig wie er aus dem Hotel herauskommt. Doch Nina weiß sich zu helfen. Sie kennt sich im Hotel aus wie sonst niemand; ihr Geheimnis: ein Generalschlüssel. Den „hinterlässt“ sie dem Grafen, als sie das Hotel verlassen muss. Auch in späteren Jahren taucht sie gelegentlich im Hotel auf, so dass Alexander ihr Leben mitverfolgen kann. Nachdem ihr Mann vom Regime verhaftet worden ist, vertraut sie Alexander ihre kleine Tochter Sofia an, die er nun, in seiner Situation im Hausarrest, groß zieht.

Alexander hat im Hotel viele Freunde und Verbündete: der Koch und der Restaurantchef, die Näherin, der Barbier, der Portier und die Pagen stehen treu an seiner Seite. Neben Nina und ihrer Tochter lernt er weitere Leute kennen, die teils zum Regime gehören, teils auswärtige, ja sogar ausländische Gäste sind. Gegner hat er natürlich auch. Besonders mit dem Hotelchef steht er auf gespanntem Fuß.

Und was ist das Thema des Romans von Amor Towles?

Moscow 05-2017 img36 Hotel Metropol

In diesem Luxusrestaurant macht sich Alexander Rostov in Roman von Amor Towles als Kellner unentbehrlich. © A.Savin, Wikimedia Commons

In einem Statement zu seinem Buch hat Amor Towles gesagt, es gehe um Bildung. Das stimmt. Es geht aber auch um Herzensbildung, um die eigene Persönlichkeit in schwieriger Zeit und um den moralischen Kompass. Mit Alexander Rostov hat Amor Towles eine liebenswerte und überzeugende Figur geschaffen, die, ohne wirklich vollkommen zu sein, solche Ideale lebt. Der feine Humor des Autors macht es mir leicht, dieser Figur zuzuhören, denn wenngleich Amor Towles seinen Grafen sehr ernst nimmt, tut es nicht in allen Belangen. Besonders hübsch finde ich die Art und Weise, in der er seine Hauptfigur altern lässt. Während Alexander als junger Mann alle Treppen bis in den sechsten Stock mit zwei Stufen auf einmal nimmt, wird er im Laufe der Jahre langsamer. Seine Morgengymnastik, die ab einem gewissen Punkt erwähnt wird, verändert sich schleichend: Von 30 Kniebeugen am Anfang geht es runter bis auf fünf am Ende. Nun ja, es sind ja auch 35 Jahre, die Amor Towles schildert. Alexander Rostov lebt nicht nur die Werte, die Onkel (er war Waise) und Großmutter ihn lehrten, er gibt sie auch weiter und er steht zu ihnen. Ein aufrechter, ja, eben “Gentleman”.

An dieser Stelle möchte ich ein paar kurze Zitate bringen, um den Erzählstil von Amor Towles zu verdeutlichen:

Es ist recht schmerzhaft, mit dem Hammer den Daumen zu treffen, und führt unweigerlich dazu, dass man auf und ab springt und den Namen des Herrn unnütz führt. (S. 75).

Als Nina und Alexander heimlich eine Sitzung eines der vielen Komitees verfolgen, die im Hotel tagen, ergeht sich Amor Towles in folgende Betrachtung über einen Satz in der Satzung des tagenden Gremiums.

Und was für Satz das war: Einer, der sich im Reich der Kommata auskannte und den Punkt aufrichtig ablehnte. Denn offensichtlich bestand der Zweck des Satzes darin, ohne Zaudern und Zagen jeden einzelnen Vorzug der Gewerkschaft aufzulisten, einschließlich – aber ohne sich darauf zu beschränken – der unermüdlichen Schultern, der unverdrossenen Schritte, des Klopfens der Hämmer im Sommer, des Schaufelns von Kohle im Winter und des hoffnungsvollen Pfeifens bei Nacht. (S. 79)

Eine Betrachtung zur Zeit gefällig? Amor Towles zum Warten und wie sich die Sekunden gebärden.

Nicht nur verlangt jeder einzelne ihren Auftritt auf der Bühne, sondern sie besteht auch darauf, einen Monolog zu halten, voll mit schweren Pausen und kunstvollen Zögern, und gibt eine Zugabe, sobald man nur die Hand zum Applaus hebt. (S. 350)

Sie können sich also vorstellen, welchen Spaß ich beim Lesen hatte.

Amor Towles: Ein Gentleman in Moskau, übersetzt von Susanne Höbel, Ullstein Verlag, Berlin, 2017, ISBN: (E-Book) 9783843716192

Die englische Originalversion können Sie in der Stadtbibliothek Köln entleihen.

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Irrungen und Wirrungen … von Brigitte H. Hammerschmidt

Nein, keine Angst, Brigitte H. Hammerschmidt ist kein Pseudonym für Fontane … Ihr Titel geht noch weiter “… auf Pemberley” – puh, kein Fontane-Verschnitt, sondern Fanfiction zu Jane Austen verbirgt sich dahinter.

Wir befinden uns auf Pemberley und Lizzie begrüßt ihre Schwester Jane Bingley, die überraschend zu Besuch gekommen ist. Beide “Bennet-Mädchen”, wie es in der Vorschau zum Folgeband heißt, sind inzwischen rund ein Jahr verheiratet und haben so ihre Päckchen zu tragen. Janes heißt Caroline. Weiterlesen

Jane Fairfax von Joan Aiken

So, nachdem ich es geschafft habe, Emma von Jane Austen noch mal zu lesen (hat gar nicht weh getan 😉 ), konnte ich auch mein letztes Buch von Joan Aiken zum Thema in Angriff nehmen. Wie bereits einmal erwähnt, hatte ich bei meinem Erstkontakt mit dem Titel vor 20 Jahren oder so ein paar Schwierigkeiten.

Janes Geschichte vor “Emma”

Joan Aiken erzählt die gesamte Geschichte von Jane Fairfax und Emma Woodhouse von der Kleinkindzeit der beiden an und beginnt, ehrlich gesagt, ziemlich schwach. Was mich dabei störrt, sind die vielen Erklärungen der Erzählstimme:

Und daß man ihr Woche für Woche ein Kind als leuchtendes Beispiel vor Augen hielt, das ihr in jeder anderen Hinsicht (…) so offensichtllich unterlegen war (…), fand sie verwunderlich und ebenso schwer zu ertragen wie zu begreifen (…)  (S. 11)

Weiterlesen

Jane Austens Geheimnis von Charlie Lovett

Bei dem Cover und überhaupt nach meiner Lektüreerfahrung mit Jane-Austen-Nachfolge- oder -Ergänzungsbänden erwartete ich eine Frau als Autorin – nix, da, Charlie Lovett ist Antiquar und tatsächlich männlich 😉 Sein Beruf spielt im vorliegenden Roman auch eine Rolle. Fazit gleich vorweg – es war eine Freude!

Der Klappentext ist zwar nicht falsch – aber sehr sehr irreführend! Denn obwohl Sophie Collingwood tatsächlich in einem Buchantiquariat arbeitet, ist das nicht ihre Haupteigenschaft. Weiterlesen

Der Schmuck der Lady Catherine von Joan Aiken

Obwohl sie im Titel vorkommt, hat Lady Catherin de Bourgh in diesem Buch von Joan Aiken – entgegen ihres von Jane Austen ersonnenen Charakters – erst einmal nur wenig zu sagen.

Joan Aiken bedient sich des Personals, das Jane Austen eingeführt hat und ergänzt es nach ihren Bedürfnissen – völlig in Ordnung. Sie schreibt ja schließlich ein neues Buch. Was ich nicht so gut finde: Ihre Charakerisierung der Hauptperson, Mary Lucas, differiert ziemlich von der Mary, die Jane Austen eingeführt hat. Auch Anne de Bourgh hat sich stark verändert. Für beides gibt es gute Erklärungen, besonders bei Anne -, aber trotzdem hat es mich gestört, dass ein völlig naives Pflänzchen auf einmal nicht nur “Hausverstand” aufweist, sondern sich als selbständige und kritische Person entpuppt. Nicht, dass ich es Mary nicht gönnen würde … Weiterlesen

Ein Festtag von Graham Swift

Da hat die Leseprobe doch ihre Funktion erfüllt – ich wollte “Ein Festtag” von Graham Swift unbedingt zu Ende lesen. Hab ich gemacht. Und es hat sich gelohnt.

Die Geschichte ist eigentlich simpel: Ein junger Adliger hat seit Jahren ein Verhältnis mit einem Dienstmädchen und muss in zwei Woche aus Standes- und finanziellen Gründen eine andere heiraten. Doch es kommt nicht nur anders, als alle im Buch das denken und planen, es ist schon anders. An dem Tag, an dem Festtag (das Original benennt den Festtag als “Mothering Sunday” – der Muttertag in Teilen Englands, auch des frühen 20. Jahrhunderts – Sonntag Lätare, im liturgischen Kalender) darf Jane durch den Haupteingang gehen, ihr Fahrrad einfach am Eingang stehen lassen. Sie trifft sich mit Paul in seinem Zimmer. Beiden ist klar, dass es das letzte Mal ist – nach der Hochzeit wird ihr Verhältnis ein Ende haben. Weiterlesen