By a Lady von Rebecca Ehrenwirth und Nina Lieke

Dem kurzen Leben von und der schlechten Quellenlage rund um Jane Austen entsprechend ist das Buch von Rebecca Ehrenwirth und Nina Lieke schmaler als eine Biographie zu Dickens oder Goethe. Dabei aber durchaus informativ und auch unterhaltsam. (Für jemanden, die ich wie ich schon einige Austen-Biographien gelesen hat, ist besonders die Einschätzung des erst genannten Kriteriums nicht immer einfach …)

Die beiden Autorinnen beginnen mit einer Szene, die zeigt, wie aktuell Jane Austen zur Zeit ist – sie beschreiben einen Jane-Austen-Ball … Im Laufe des Buches erwähnen Rebecca Ehrenwirth und Nina Lieke dann immer mal wieder, dass eine solche Anerkennung und Begeisterung für diese Autorin des frühen 19. Jahrhunderts erst jüngeren Datums ist.

Die Fakten aus Jane Austens Leben, die Zensur durch Cassandra, die Briefe vernichtete und verstümmelte, weil das Bild der „lieben Jane“ sonst evtl. beschädigt worden wäre – all‘ diese Komponenten einer Jane-Austen-Biographie erzählen Rebecca Ehrenwirth und Nina Lieke frisch und nutzen an manchen Stellen die Möglichkeit, Leben und Werk der Autorin in Beziehung zu setzen. Ihr Schwerpunkt ist eher die postive Reaktion aller auf Jane Austen, auch wenn das ein bisschen auf sich warten lässt; die Stimmen aus der Familie, die ihre liebe Tante dann mit den Maßstäben der neuen, viktorianischen, Zeit kritisierten, sind hier sehr zurückgenommen. Dafür kommen die Kritikerinnen aus der schreibenden Zunft im Kapitel „Jane Austen lebt!“ zur Sprache – bevor sich Rebecca Ehrenwirth und Nina Lieke den Nachfolgerinnen Janes widmen, denen, die unvollendete Werke zu Ende schrieben oder neue Geschichten um beliebte Figuren erfanden (einen Teil davon finden Sie auch in meiner Reihe „beloved Jane“). Auch die Verfilmungen werden hier vorgestellt.

Jane Austen Rükenansicht gezeichnet von Cassandra Austen, Coverbild des Nuces von Rebecca Ehrenwirth und Nina Lieke

Cassandra Austen hat ihre Schwester Jane hier von hinten gezeichnet – Sie finden es auf dem Cover der Biographie

Im Ganzen handelt es sich um eine gut erzählte Biographie, die mit einigen Bildern und vielen Zitaten aufwartet.

Rebecca Ehrenwirth und Nina Lieke: By a Lady. Das Leben der Jane Austen. Biographie. Lambert Schneider Verlag, Wiesbaden, 2017, ISBN: 9783650401823

In meinem Bücherregal finden sich noch weitere, ältere Biographien, deren Titel ich hier kurz nennen möchte (je mit einer Anmerkung in Klammern, was ich davon hielt/halte oder bemerkenswert finde):

  • Elsemarie Maletzke: Jane Austen. Eine Biographie, Schöffling & Co., Frankfurt/Main, 1997, ISBN: 3895616028 (Ich mag die Biographien von Elsemarie Maletzke – sie hat einen lebhaften Stil)
  • Valerie Grosvenor Myer: Jane Austen. Ein Leben, übersetzt von Christine Frick-Gerke, S. Fischer Verlag, 1998 (das Original erschien 1997), ISBN: 3100278097 (Es gibt eine Neuauflage. Eine sehr detaillierte Biographie.)
  • Deidre Le Faye: Jane Austen und ihre Zeit, übersetzt von Anja Schünemann und Michael Windgassen, Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin, 2002, ISBN: 3875844475 (In  manchen Aspekten fast ein Bildband, auf schwerem Papier gedruckt und mit einer allgemein gehaltenen Einführung in die damalige Zeit. Daneben ausführliche Inhaltsangaben der Romane.)

Wie man an den Erscheinungsdaten ablesen kann, ist das Todesjahr von Jane Austen in den letzten 20 Jahren immer Anlass gewesen, eine neue Publikation zu wagen …

Diese Besprechung gehört zu meiner Reihe “beloved Jane” anlässlich des 200. Todestags der Autorin in diesem Sommer.

Folgende Titel befinden sich in der Stadtbibliothek Köln:

Elsemarie Maletzke: Jane Austen. Eine Biographie, Schöffling & Co., Frankfurt/Main, 1997

Valerie Grosvenor Myer: Jane Austen. Ein Leben, übersetzt von Christine Frick-Gerke, S. Fischer Verlag, 1998

Das besprochene Buch ebenfalls 😉

Franz von Assisi von Gunnar Decker

rp_Rubrik-Biographie-300x20011-300x200-300x2001-300x200.jpgDer Name des Franz von Assisi ist ja seit der Namensübernahme durch Jorge Mario Bergoglio als Papst Franziskus wieder sehr im Gespräch. Dieser Heilige, der der Schöpfung ein Lied sang, der die Krippe als Ort der Weihnachtsfeier erfand und der mit den Wundmalen Christi auf dem Leib gezeichnet war. Anders als einige eher “fromme” Biographien hat Gunnar Decker den Zeitgenossen Francesco in den Mittelpunkt seiner Schilderung getellt. Die Freude am Leben hat dieser Bettelmönch nicht verloren. Weiterlesen

Albert von Sebastian Jung

rp_Rubrik-Biographie-300x20011-300x200-300x2001.jpgIn einer Graphic Novel erzählt Sebastian Jung die Geschichte seines Großvaters Albert. Genauer gesagt, erzählt eigentlich Eberhard die Geschichte seines Vaters und Sebastian setzt das Ganze grafisch um.

Es geht um das Leben eines Mannes, der 1922 geboren wurde und es nie leicht hatte. Seine Mutter starb drei Tage nach der Geburt von Albert. Neun Jahre später starb auch der Vater. Albert kam für einige Jahre in die Familie eines seiner älteren Brüder. Der Vormund, Alberts Onkel Ferdinand, schickte den 14-jährigen als Jung-Knecht zu einem Bauern. Dort fühlte sich der Junge wohl und fand ein echtes Zuhause, sogar eine Perspektive erhielt er: Auf Kosten seines Arbeitgebers begann er eine Ausbildung an der Landwirtschaftsschule. Doch Albert war 1939 erst 18 Jahre alt – unmündig. Im Oktober nach Kriegsausbruch  verfügte sein Vormund, dass er zum Militär müsse. Der 18-jährige gehörte zu einer berittenen Einheit, kam nach Norwegen und musste dann 1941 nach Russland. Nach ersten Verletzungen kam er 1942 auf Heimaturlaub, verliebte sich – nach seiner Genesung ging es zurück nach Russland. Nach einer lebensgefährlichen Verletzung und einem langen Lazarettaufenthalt heiratete Albert 1943 seine Luise. Mit Ende des Kriegs geriet Albert in russische Kriegsgefangenschaft, aus der er erst 1949 zurückkehrte. Der Wiederaufbau war eine harte Zeit für alle, auch für Albert und seine Familie, doch der beginnende Wohlstand der Bundesrepublik Deutschland ging an ihm vorüber. Die Lebensgeschichte von Albert wird bis zu seinem Tod 2006 erzählt und immer wieder wird deutlich, was seinen Charakter ausmachte: Gerechtigkeitssinn, Familienverbundenheit, Aufrichtigkeit.

Sebastian Jung setzt die Erzählung seines Vaters Eberhard in schwarz, weiß und rot um. Neben seinen Zeichnungen nutzt er einzelne Fotos, auch mal Ausschnitte aus Formularen oder Briefen und schafft so eine Atmosphäre, die mich in das Leben von Albert hinein nimmt. Da stört es auch nicht, dass die roten Markierungen auf den Fotos das Erkennen der tatsächlichen Gesichtszüge erschwert. Das Buch als ganzes vermittelt einen Eindruck eines Lebens aus dem 20. Jahrhundert, das vor allem von Beschwernis gekennzeichnet war.

Sebastian Jung: Albert, mairisch Verlag, 2016, ISBN: 978398539422

Das Buch wurde mit dem AFKAT 2016 ausgezeichnet.

Rudyard Kipling von Stefan Welz

rp_Rubrik-Biographie-300x20011-300x200-300x2001.jpgKlar, die Disney-Version vom Dschungelbuch kennen wir alle. Als Teenager habe ich dann auch originalen Dschungelbücher – in deutscher Übersetzung – gelesen und danach jeder Katze, die mir begegnete, „gute Jagd“ gewünscht. Dabei ertappe ich mich auch heute noch manchmal. Allerdings, seit ich mich mit Thema 1914, also dem Ersten Weltkrieg, beschäftigt habe, nur noch mit schlechtem Gewissen, denn der Autor dieser farbenprächtigen Erzählungen war mir unsympathisch geworden. Stefan Welz hat 2015 die erste deutschsprachige Biografie zu Rudyard Kipling vorgelegt. Und ich habe sie endlich gelesen ;-).

Außer, dass Kipling den Ersten Weltkrieg in chauvinistisch anmutender Weise begrüßte und in diesem Gemetzel seinen Sohn verlor, wusste ich bis zur Lektüre des Buches von Stefan Welz nichts über den britischen  Autor. Sicher, er musste was mit Indien zu tun gehabt haben, sonst wären weder die Dschungelbücher noch „Kim“ denkbar. Ich erfahre also in der Biografie, wie es sich gehört, vieles über die Familie Kipling, die Eltern, die es nach Indien zieht, die Schulzeit, seinen ersten journalistischen Posten als Siebzehnjähriger, die Reisen und vieles mehr. Stefan Welz erzählt anschaulich und unterhaltsam, neigt zu psychologisierenden Erläuterungen und wiederholt sich gelegentlich. Die zeitgeschichtlichen Bezüge empfand ich durchaus als erhellend; die Lebensumstände viktorianisch geprägter Menschen in Indien oder im Falle Kiplings selber auch in den USA stehen mir ja schließlich nicht direkt vor Augen.

Polo Forest Temple 12th century

Antiker Tempel im indischen Dschungel – eine mögliche Residenz für King Louis 😉 Manisitlani, Polo Forest Temple 12th century, CC BY-SA 4.0

Ein bisschen schade ist, dass Stefan Welz nur am Anfang auf die unterschiedlichen Erzähltraditionen eingeht, die Kipling als Kind kennengelernt hat. Gerade diese selbstständige Mischung hat seinen Erfolg ausgemacht und lässt uns die Geschichten heute immer noch mit Faszination lesen. Davon sind andere Autoren seiner Epoche weit entfernt. Neben der klassischen englischen Prägung, die Kipling in der Schule erfuhr, machen sich die Erzählungen seiner indischen Umgebung in der frühen Kindheit und erste journalistische Erfahrungen in seiner Schulzeit in seinem Stil bemerkbar.

Insgesamt handelt es sich bei dem Buch von Stefan Welz um eine im Großen und Ganzen gut lesbare Biografie eines Mannes, der als jüngster Nobelpreisträger in die Literaturgeschichte einging und dessen populärste Texte auch im deutschsprachigen Raum weit bekannt sind; neben den Schulbüchern und „Kim“ vor allem die „Genau-so-Geschichten“.

Stefan Welz: Rudyard Kipling. Im Dschungel des Lebens, Lambert Schneider Verlag, Darmstadt, 2015, ISBN: 9783650400307

In der Stadtbibliothek Köln gibt es verschiedene Ausgaben der Werke Kiplings, leider nicht die Biographie von Welz:

Karl May. Die ganze Wahrheit von Christian Moser

rp_Rubrik-Biographie-300x20011-300x200-300x2001.jpgNicht in allen Wartezimmern von Ärzten liegen Klatschblättchen parat; im letzten fand ich neben der wortlosen Version der grimmschen Märchen auch die Karl-May-Biografie von Christian Moser. Sehr unterhaltsam!

Hier spricht nicht der Autor Christian Moser, sondern er lässt die berühmteste Figur – naja, fast die berühmteste, Winnetou schlägt ihn wohl noch – Karl Mays zu Wort kommen: Old Shatterhand himself. Karl May Der schwarze Mustang Herrfurth 001 Und zimperlich geht das Geschöpf mit seinem Schöpfer wahrlich nicht um: Alle Verfehlungen deckt er auf, die gescheiterte Ehe und der erdrückende Kampf um seine Reputation am Ende seines Lebens finden ihren Platz. Wirklich Neues ist an den Tatsachen für mich – spätestens seit der Biografie von Helmut Schmiedt – nicht mehr zu entdecken. Dafür bekomme ich einen knappen, unterhaltsamen Überblick über das Leben dieses Volksschriftstellers, garniert mit kleinen comicartigen Illustrationen des Autors selber. Ein überschaubares, durchaus informatives und amüsantes kleines Werk, wenn man sich – vielleicht zum ersten Mal – mit dem Leben von Karl May befassen möchte.

Christian Moser: Karl May. Die ganze Wahrheit, Illustrationen von Christian Moser, Carlsen Verlag, Hamburg, 2012,ISBN: 9783551786944

Tod im Paradies von Alberto Dines

rp_Rubrik-Biographie-300x20011-300x200-300x2001.jpgNachdem ich den Film “Vor der Morgenröte” dank der Verlosung meiner Netzwerkkollegin Daniela Dreuth sogar auf Verleiherkosten sehen konnte, habe ich nach Jahren und Jahren noch mal die Biographie Zweigs von Alberto Dines zur Hand genommen. Der Schwerpunkt dieses brasilianischen Autors liegt ganz klar auf der Zeit Zweigs in und der Verbindung Zweigs zu Brasilien. Wie er in seinem Vorwort schreibt, wurde das Werk, das zum 100. Geburtstag Stefan Zweigs 1982 erstmals erschien, in Deutschland abgelehnt – was sollte so ein südamerikanischer Autor schon zu einem deutschen Autor zu sagen haben … Er hat eine Menge zu Stefan Zweig zu sagen und es ist sehr spannend.

Gleich zu Beginn macht Alberto Dines zwei Sachen deutlich:

  • Der Selbstmord Stefan Zweigs und seiner Frau Lotte beruht auf Missverständnissen, die mit der Einstellung Zweigs zu Brasilien zu tun haben – und mit dem Missverständnis dieser Beziehung zwischen dem am Ende 60-Jährigen und der zum selben Zeitpunkt noch nicht 34-Jährigen.
  • Und er befasst sich ausführlich mit Lotte.

Mit dem ersten Thema beginnt Alberto Dines sein Buch, denn er startet mit Zweigs erster Brasilienreise 1936.

Der förmliche Zweig würde niemals von seinen Gastgebern verlangen, anderen Intellektuellen und Künstlern vorgestellt zu werden. Er glaubte, sie  müssten die authentischsten Vertreter der einheimischen Intelligenz sein. Dies war einer seiner ersten Fehler, für die er bis zum Ende bezahlen sollte (S. 55)

Stefan Zweig Signature 1927

Stefan Zweigs Unterschrift


Alberto Dines beschreibt in diesem Absatz, die Diskrepanz zwischen dem Brasilien, dem Stefan Zweig sich schwärmerisch zuneigte, weil er die offensichtliche Farbigkeit der Bevölkerung für ein friedliches und gedeihliches Miteinander hielt, während er aufgrund der mangelnden Kontakte zu Journalisten, Autorinnen und Künstlern, die nicht mit der Regierung konform gingen, die Unterdrückung von Minderheiten nicht sehen konnte. Da Alberto Dines einige der Zeitzeugen noch selber befragen konnte, gibt es eine Menge ausführlicher Fußnoten, in denen Menschen zu Wort kommen, die ihm Rede und Antwort standen. (Zum Glück sind es Fuß- und nicht Endnoten!) Nur wenige Seiten nach dem Zitat eben kontrastiert er das Erleben Zweigs mit der Schilderung der Auslieferungen von jüdischen Intellektuellen nach Deutschland, in den Tod – Stefan Zweig nimmt die profaschistischen Strömungen im Land nicht wahr.

Die Beziehung zu Lotte beruht nach Albero Dines auf Mitleid – der Roman “Ungeduld des Herzens”, der zu der Zeit der jungen Ehe entstand, trägt als englischen Titel “Beware of pity”, was man mit “Vor Mitleid wird gewarnt” übersetzen kann und im Französischen heißt das Buch “La Pitié dangereuse” – “Das gefährliche Mitleid”; in der gelähmten jungen Frau des Romans sieht der Biograph ein Porträt der jungen Ehefrau. In einem Brief an Friderike, seine erste Frau, ist schon bald davon die Rede, dass er nicht mehr als Liebhaber anzusehen sei und schon ganz am Anfang seines Buchs weist Alberto Dines darauf hin, dass bei der ersten Reise nach Brasilien nicht Lotte, sondern Friderike die Adressatin seiner Briefe ist – Lotte sei in dem Moment komplett vergessen. Die Ansprüche, die Lotte als Nachfolgerin von Friderike an sich stellt, ihre Erkrankung, die dann in den Abschiedsbriefen an die Familie eine Rolle spielen wird – allen oft nur bruchstückhaften Informationen zu der jungen Frau geht Alberto Dines nach. In der Graphic Novel “Die letzen Tage von Stefan Zweig” drücken die Autoren die Verzweiflung aus, die Lotte wohl durchlitten hat – wissen tun wir es nicht. Nach den Indizien im Sterbezimmer und aus den Berichten nimmt Alberto Dines an, dass Lotte nach Stefan starb – erst als sie wusste, dass er tot war; ein bewusster Akt, erstmals in dieser Beziehung wäre sie frei gewesen, anders zu entscheiden als der so viel ältere Mann. Sie hat es nicht getan.

Das "offizielle" Foto des Ehepaars Stefan und Lotte zweig - Alberto Dines interpretiert in seiner Biographie die Körpersprache der beiden

Das  “offizielle” Foto des Ehepaars Stefan und Lotte Zweig – Alberto Dines interpretiert in seiner Biographie die Körpersprache der beiden

Alberto Dines spürt dem Charakter Zweigs nach – auf der einen Seite das Bedürfnis nach regem Austausch, auf der anderen das nach Zurückgezogenheit. Und der Hang zu Depressionen – Stefan Zweig spricht von seiner “schwarzen Leber” -, der schon früh sein Leben verdunkelt. Neben den politischen Missverständnissen in Hinblick auf Brasilien, die zu Anfeindungen und Ausgrenzung führten, sei ein weiteres Missverständnis ursächlich für den Freitod: Das von im selbst überschätzte Bedürfnis nach Zurückgezogenheit, das ihn in die Isolation von Petrópolis führt:

Er hat verkündet, dass er Einsamkeit bräuchte. nun ist er allein (…) Er wollte Herr seines Schicksal sein, es ist ihm gelungen – er hat nichts zu beklagen, eine schlimmere Strafe kann es nicht geben. (S. 504)

Alberto Dines kann mir als Brasilianer die politische Situation des Landes, in dem Stefan Zweig Zuflucht suchte, näher bringen – denn mal ehrlich: Was wissen Sie über die politischen Zustände von Brasilien zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs – oder auch heute? Ich weiß da wenig. Und von daher hat er eine Menge zu Stefan Zweig zu sagen.

Die vorliegende Ausgabe ist eine für den deutschen Markt erweiterte Ausgabe der dritten Auflage des Werks – Alberto Dines hat einige Quellen nur für dieses Lesepublikum mit hineingeholt. Es ist eine lesenswerte Biographie. Nicht nur wegen des Inhalts – auch sprachlich ist das Buch gelungen. Dass Alberto Dines Stefan Zweig als Grundschüler sogar selber gesehen hat und sein Vater ein signiertes Foto Zweigs gerahmt im Büro hängen hatte, sind die biographischen Details zum Biographen selber, die seine Faszination so nachvollziehbar machen.

Alberto Dines: Tod im Paradies. Die Tragödie des Stefan Zweig, übersetzt von Marlen Eckl, Büchergilde Gutenberg, Frankfurt/Main, 2006, Lizenzausgabe für die Edition Büchergilde, 2006, ISBN: 9783936428643

Und da das Buch schon so bejahrt ist, gehört es in die Reihe der Rezensionen der Golden-Backlist-Challenge von Papiergeflüster.

Brel von Jens Rosteck

rp_Rubrik-Biographie-300x20011-300x200-300x200.jpgDa hat mich doch  Jens Rosteck mit seinen detaillierten Paraphrasen des letzten Albums von Jacques Brel dazu gebracht, in meinem alten Platten zu wühlen – und ja, ich habe diese Platte auch. Damals bin ich mit ihr nicht klar gekommen – wahrscheinlich auch, weil im Gegensatz zu den anderen Alben in meinem Besitz (Vesoul, Amsterdam, Ne me quitte pas) die Texte nicht mit abgedruckt waren.

Aber hier geht es nicht um mein mittelmäßiges Französisch , sondern um die Biografie des Mannes, den Jens Rosteck eine Insel nennt: „Der Mann, der eine Insel war“, dieser Untertitel gibt die Richtung vor.

Einerseits folgt Jens Rosteck dem Leben Brels chronologisch, andererseits weitet er in einigen Abschnitten den Blick über den aktuell bearbeiteten Zeitraum aus. „Jacko” war schon ein merkwürdiger Junge, schon fast klischeehaft der schlechte Schüler und gute Schauspieler. Seine ersten musikalischen Gehversuche waren nicht besonders Erfolg verheißend – und dieser Erfolg ließ dann auch verdammt lange auf sich warten. Nach seiner Übersiedlung nach Paris tingelte Jacques Brel jahrelang auf den Kleinkunst- und Kabarettbühnen der französischen und belgischen Provinz. Der Weg vom sich selbst auf der Gitarre begleitenden Sänger zum mit kongenialen Arrangements gestützten Bühnenereignis war lang, mühsam und steinig. Geholfen haben ihm dabei die Freunde, die an sein Potenzial glaubten. Lediglich fünf Jahre lebte Brel als umfeierte Größe der Chanson-Welt. Dann nahm er seinen Abschied von der Bühne. Dass er ging, war seine eigene Entscheidung. Angst davor, in Routine zu erstarren, so erläutert Jens Rosteck den für alle überraschenden Entschluss. Er passt zu anderen Merkmalen seiner Karriere, zum Beispiel nie, nie, nie eine Zugabe zu geben. Das gilt auch für seinen letzten Auftritt.

Als Mensch zum Miteinander-Leben war Jacques Brel kein einfacher Fall. Seine Frau Miche und die gemeinsamen Töchter bekamen ihn nach seiner Abreise in Richtung Paris nur sehr gelegentlich zu sehen. Statt ihrer begleitete eine große Anzahl verschiedener Frauen den Lebensweg des Sängers. Die letzte hieß Maddly und lebte mit ihm seinen Traum auf einer fernen Insel.

Nach seinem Abschied von der Bühne versuchte sich Jacques Brel in verschiedenen anderen Genres:

  • er brachte das Musical “L’homme de la Mancha” mit sich selbst als Titelfigur auf die französische Bühne
  • er spielte als Schauspieler in verschiedenen Filmen mit
  • er versuchte sich selbst als Regisseur und Produzent
  • außerdem erwarb er sowohl eine Kapitäns- als auch Pilotenlizenz

Atuona - Espace Jacques Brel - Jojo (1)

Sein letztes Flugzeug (benannt nach seinem besten, zu früh verstorbenen Freund Jojo), mit dem er Hivo Oa mit der Welt verband. Remi Jouan, Atuona – Espace Jacques Brel – Jojo (1), CC BY-SA 3.0

Die beiden letztgenannten Fähigkeiten bestimmten sein Dasein in den letzten Lebensjahren: Zusammen mit Maddly begab er sich mit seiner Yacht auf eine Weltumsegelung, die auf Hiva Oa in Polynesien endet. Hier leben die beiden von der Presse unbehelligt. Jacques Brel richtete mit einem eigenen Flugzeug eine eigene Fluglinie zur nächstgrößeren Insel ein.

Zu diesem Zeitpunkt ist er bereits an Lungenkrebs erkrankt. Er begibt sich in die Behandlung eines Arztes, der gute Heilungschancen sieht, doch die Flucht vor Paparazzi in einem Flughafen – Jacques Brel verbarrikadiert sich in einer ungeheizten Toilette – führt zu einer tödlich verlaufenden Erkältung.

Jens Rosteck schildert nicht nur das Leben dieses Ausnahmekünstlers mitreißend, sondern befasst sich in besonderer Weise auch mit den Texten, ihrem poetischenn Gehalt und, als Musikwissenschaftler verständlich, mit den Charakteristika der brelschen Musik. Sehr erhellend. Eine lesenswerte Biografie. Und bei uns läuft wieder mehr Musik von Brel – nach Jahren 😉

Jens Rosteck: Brel. Der Mann, der eine Insel war, mareverlag, Hamburg, 2016, ISBN: 9783866482395

Mischlingskind von Richard Fraysier

rp_Rubrik-Biographie-300x20011-300x200-300x200.jpgRichard Fraysier hat in seinem Leben immer wieder erfahren, was es heißt, nicht dazu zu gehören, ja, eigentlich immer irgendwie verdächtig zu sein. Mit seiner autobiographischen Erzählung geht er dem detailliert nach. Er schildert seine Familiensituation – afrikanischer Arzt, weiße Krankenschwester, das sind seine Eltern -, den frühen Tod des Vaters, die Hilflosigkeit und Überforderung der Mutter und immer wieder: Ausgrenzung. Die Fakten als solche schildert er nüchtern – keinerlei Wehleidigkeit. Er lässt in diese Schilderung aber immer wieder auch seine aktuellen Gedanken einfließen, seine immerwährende Auseinandersetzung mit den Umständen seines Lebens ist so deutlich zu spüren.

Für mich, als Altersgenossin, ist es spannend zu sehen, wie anders man diese Welt der 60er und 70er Jahre erleben – musste, in seiner Situation, nicht nur “konnte”. Déja-vu und völlige Unkenntnis wechseln sich da ab (nun ja, ich war wohl auch nicht die “typische” Vertreterin meiner Generation …).

Der Lebensweg von Richard Fraysier ist abwechslungsreich aus der Not der inneren Heimatlosigkeit – Bonn, die USA, Sierra Leone sind die Stationen. Und an allen widerfährt ihm die Ausgrenzung, ja, Verdächtigung; das besonders eindrücklich nach dem Attentat von New York 2001 – der vielreisende IT-Fachmann sieht sich ständigen Anfeindungen und Verdächtigungen ausgesetzt und das in dem Land, in das er vor der Fremdheit seines Geburtslandes Deutschland geflohen war. Die Erfahrungen in der Heimat seines Vaters – Sierra Leone – sind erst recht verstörend; anstelle eines imaginierten Traumlandes findet er ein vom Bürgerkrieg gepeinigtes Land vor, voll Unsicherheit und Verletzungen.

Parallel zum Buch, das Richard Fraysier in Eigenregie herausgegeben hat, startete er im Dezember 2015 ein Blog dazu: Ecce homo. Meine Hautfarbe ist Mensch. Die Gedanken zu Themen rings um den für ihn alltäglichen Rassismus finden hier noch mal einen eigenen Platz.

Ein sehr persönliches Buch zu einem beunruhigenden Thema – und gerade wieder (!) bedauernswert aktuell.

Richard Fraysier: Mischlingskind. Über die eigene Wahrheit und die der Anderen. Die Geschichte meines Lebens zwischen den Rassen, Books on Demand, Norderstedt, 2016, ISBN (Print): 9783739224640 , ISBN (E-Book): 978373286693

Hitlers militärische Elite von Gerd R. Ueberschär

rp_Bild-Sachbücher-150x1501111111-150x15011-150x1501.jpgEin bisschen ironisch mutet es schon an, dass die beiden ersten in der Liste von ranghohen Militärs der Nazi-Zeit Hitler-Gegner waren: Wilhelm Adam, der Hitler wegen dessen militärischer Unfähigkeit und Grausamkeit ablehnte und Ludwig Beck, der von Ende 1939 an alle Umsturzpläne gegen Hitler unterstützte.

Was legt Gerd R. Ueberschär hier eigentlich vor? Es werden 68 Männer, die zur Zeit des zweiten Weltkriegs ein “General” im Titel führten – oder “Admiral” -, vorgestellt. Sie sind nur ein Bruchteil der rund 3100 Männer der militärischen Führung dieser Zeit. Der Aufbau ist immer der gleiche: ein kurzer Lebens- und Karriereabriss, die fälligen Anmerkungen und eine spezielle kurze Literaturliste – auch wenn es eigentlich keine solche Vorgabe gegeben hatte; aber sie ergibt sich ja logisch. Eine Gesamtbibliographie findet sich am Ende des Bandes. Es handelt sich um eine Neuauflage einer Neuauflage: 1988 erschienen die 68 Portraits erstmals; nach den Erkenntnisgewinnen rund um die militärische Führung in den 90er und früher 2000er Jahren gab es 2011 eine aktualisierte Neuauflage, die nun wiederum erschienen ist.

Ziel war es bereits in der ersten Auflage, verständlich zu machen, wie hohe Militärs agierten, wie weit sie die Nazi-Herrschaft aktiv oder indirekt unterstützten oder auch, wo, in welchen Zusammenhängen sie Widerstand leisteten. War 1988 die Quellenlage zu einzelnen Personen noch so mau, dass das Kurzpotrait in diesen Bänden  – die Erstauflage erschien in zwei Bänden – als erste Darstellung gelten mussten, ist die Forschung inzwischen weiter. Trotzdem, so sagt es der Herausgeber Gerd R. Ueberschär in seinem Vorwort zur aktuellen dritten Auflage, können die Portraits immer noch als Grundlage für weitere Forschungen herhalten.

Bundesarchiv Bild 183-C13564, Ludwig Beck

Ludwig Beck 1937 – er guckt ein bisschen, als hätten ihn da schon Zweifel beschlichen. Bundesarchiv, Bild 183-C13564 / CC-BY-SA 3.0, Bundesarchiv Bild 183-C13564, Ludwig Beck, CC BY-SA 3.0 DE

Als militärisch nicht besonders informierte Person fand ich spannend:

  • wie viele Ränge es mit “General” im Titel gibt 😉 (und wie geasagt – es ist nur ein Bruchteil des obersten militärischen Personals …)
  • wie militärische Laufbahnen sich so entwickeln können – häufig von der Kaiserzeit über den ersten Weltkrieg bis hin zur Nazi-Diktatur und dem zweiten Weltkrieg – viele nationalkonservativ zu Beginn, in der Nazi-Zeit, besonders im zweiten Weltkrieg gibt es dann die Unterschiede in der Einstellung gegenüber der Nazi-Doktrin und die daraus resultierenden Handlungen

Die Beiträge zu den 68 Männern wurden von 34 Wissenschaftlern verfasst, die international in militärhistorischen Bereichen gearbeitet haben oder arbeiten. Manche setzen die Zeitumstände, denen ihre “Forschungsobjekte” ausgesetzt waren, als bekannt voraus, andere schildern diese ausführlich. Man bekommt auf jeden Fall auch diesebezüglich noch mal einen Einblick in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die einzelnen Beiträge sind fundierte Darstellungen und geben einen guten Einblick in die beschriebene Person und ihre Umstände  – und damit eben auch in die Zeit.

Gerd R. Ueberschär (Hg.): Hitlers militärische Elite. 68 Lebensläufe, Theiss Verlag, Darmstadt, 2015, ISBN: 9783806230383

rp_Rubrik-Biographie-300x20011-300x200-300x200.jpgJa, im Grunde handelt es sich um Kurzbiographien, deshalb auch die Einordnung in diese Kategorie ;-)Und da es auch um die Haltung derer geht, die das Kriegsende 1945 miterlebt haben: Thema ’45

Bismarck – Magier der Macht von Jonathan Steinberg

rp_Rubrik-Biographie-300x20011-300x200.jpgMit „Bismarck – Magier der Macht“ hat Jonathan Steinberg eine ungewöhnliche Biografie über den Staatsmann Otto von Bismarck geschaffen. Solch ein Satz ist sicher schon von einigen Rezensenten genutzt worden und stimmt auch. Ich will aber darüber schreiben, warum das Buch für mich interessant war, einen 18-jährigen Abiturienten.

Ein gewisses Grundinteresse und -verständnis sollte man sicher mitbringen, aber ich denke das gilt für alle Biografien. Es sind eben Biografien und keine Unterhaltungslektüre in dem Sinne. Durch den Geschichts-Leistungskurs ist das, bei mir, schon einmal gegeben. Da das lange 19. Jahrhundert auch in der Schule behandelt wurde, sind mir die Eckpunkte von Bismarcks Karriere präsent.

Das Interessante an Steinbergs Biografie muss also tiefer liegen. Daher ist es auch Steinbergs erklärtes Ziel, den Charakter Bismarcks zu beschreiben. Sein Mittel zum Zweck ist es, das diese Biografie zu etwas anderem macht: Egal wo man das Buch aufschlägt, die Chance eine Doppelseite zu erwischen, auf der man kein Zitat findet, geht gegen null. Jonathan Steinberg benutzt in großem Stil Zitate von Weggefährten, Mitarbeitern, Freunden, Bediensteten, aber vor allem von Bismarck selber. Dabei versteht er es geschickt, immer verschiedene Betrachtungsweisen zur Geltung kommen zu lassen. So lässt er politische Gegner wie Parteigänger Bismarcks zu Wort kommen, ausländische Stimmen wie den britischen Politiker Benjamin Disraeli, aber auch Familienfreunde, wie die Baronin von Spitzemberg. Man hat immer das Gefühl, eine direkte Reaktion der Beteiligten zu lesen und wenn einmal einer dieser Briefe ein anderes Bild zeichnet als Bismarck selber in seinen, logischerweise, viel später niedergeschriebenen Memoiren, gelingt es Jonathan Steinberg dies zu erklären.

Hildegard Spitzemberg

Ein Portrait der Baronin Hildegard von Spitzemberg aus dem jahr 1869

Die schiere Anzahl an Zitaten erschwert das Lesen zwar teilweise, da man sich immer wieder auf eine veraltete Rechtschreibung, antiquierte Ausdrucksweisen und verschiedene Stile einlassen muss, doch zumindest gelingt es Steinberg selber, einen stringenten Stil für seinen Textanteil zu finden. So sind die einzigen Überraschungen hier inhaltliche. Das ist vielleicht etwas überraschend in einer Biografie zu Bismarck, aber es gelingt Steinberg, zumindest Leser, die durchschnittliche Kenntnisse von Bismarck und seinem Umfeld haben, mit Personen zu überraschen. Oder kannten Sie die Baronin von Spitzemberg bisher? Oder den Reichstagsabgeordneten Ludwig Windthorst? Beide sind kein Beispiel für wichtige historische Personen, aber ein Beispiel für eine gelungene Auswahl an Zeitzeugen, die Jonathan Steinberg getroffen hat, um den Lesern den Charakter Bismarcks näher zu bringen.

Meiner Meinung nach ist dieses Buch sehr interessant für jeden, der nicht nur die wichtigen Daten im Leben Bismarcks kennen will, sondern auch seine Absichten, seine Schwierigkeiten und insgesamt Bismarck als Person und nicht nur als politische Größe besser verstehen will.

Jonathan Steinberg: Bismarck. Magier der Macht, übersetzt von Klaus-Dieter Schmidt, Ullstein Verlag, Berlin, 2015 (Ersterscheinung auf Deutsch im Propyläen-Verlag, 2013), ISBN: 978-3-548-37584-7

Dies ist ein Gastbeitrag von Johannes Baller.