Inhalt des Beitrags
Die drei Begriffe im Titel wecken eine bestimmte Erwartung: Was wurde in der DDR so benutzt, gegessen und wie war das Leben dort und damals? Torsten Harmsen ist nur wenig älter als ich – und ehrlich gesagt: Einige der vorgestellten Gegenstände unterscheiden sich nicht fundamental von ihren Gegenstücken im Westen. Auch wir hatten unser Kindergartentäschchen fürs Frühstück, Stofftaschentücher und Kassettenrekorder. Doch der Kontext, der unterschied sich in manchem. Ich geh dem mal anhand der drei Titel-Elemente nach.
Broiler
Ursprünglich aus dem Englischen (Amerikanischen, wie Torsten Harmsen betont), im 19. Jahrhundert in der Bedeutung von Grillen, kamen bei dem Versuch, fleischreiche Masthähnchen zu züchten Ende der 50er quasi die amerikanischen Eltern späterer Generationen in die DDR – über Bulgarien, wo das Wort „to broil“ bereits angepasst wurde. Der dann so genannte „bulgarische Broiler“ verlor rasch sein Adjektiv und machte als Boiler Karriere.
In dem Text mit diesen Informationen geht es dann aber zeitgeschichtlich weiter – der junge Torsten Harmsen hatte am 7.10.77 ein halbes solches Tier verzehrt und geriet in einen Aufruhr rund um den Republik-Geburtstag. Diese Unruhen wirkten sich auf spätere Republik-Geburtstage aus: Keine Bühnen mehr mit musikalischen Angeboten, dafür gewappnete Sicherheitskräfte allerorten.
Wimpel
Wimpel gab es schon im römischen Heer. Die Pioniere, also die Schulkinder der DDR, hatten auch Wimpel. Den Klassenwimpel zu tragen, war eine Ehre. Offenbar hatte die Lehrerin des Autors ein stark ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl, denn auch der Junge, der erst nicht Pionier werden durfte, sondern zur Christenlehre angemeldet wurde, dann wegen Nörgelei doch dazukam, durfte den Wimpel auch mal tragen. Die Benennung der Schule nach Kurt Barthel verlangte dann den Kindern einiges an Training mit dem Wimpel ab, denn Auf- und Antreten mussten geübt werden für den feierlichen Akt. Der namensgebende Autor, dessen griesgrämiges Gesicht es dem Kind Torsten schwer machte, ihn als Vorbild zu sehen, war der Stalinist, der nach dem Aufstand vom 17. Juni 1953 von den Arbeitern verdoppelte Anstrengung forderte, um das Vertrauen der Regierung zurückzugewinnen.
Westpaket
Das kenne ich nur von der Westseite her: Drei Pakete standen auf dem Tisch, einige Sachen, vor allem haltbare Lebensmittel und Süßigkeiten, gab es für alle, andere Teiel waren, wir würden heute sagen „personalisiert“: Vater Fischer z. B. bekam immer Rasierklingen. Das Wichtigste: Alles musste sorgfältig auf einem Zettel notiert werden. Im Gegenzug erhielt ich zu Geburtstagen Bücherpäckchen aus der Heimat meiner Mutter, jahrelang vor allem mit Märchenbüchern. Es ist eine erkleckliche Sammlung geworden. Der Junge Torsten Harmsen bekam nun keine Westpakete, hat aber Anekdoten zusammengetragen – die Schokolade z. B., die er einmal geschenkt bekam und jeden einzelnen Steifen sorgfältig verpackt weiter verschenkte.
Sie sehen: Hier geht es nicht um unterschiedliche Qualitäten ostdeutscher Produkte im Vergleich zur „Westware“, sondern darum, welchen „Sitz im Leben“ die einzelnen Gegenstände hatten, wie sie sich in das Leben der Kinder und Erwachsenen einpassten. Zudem erzählt Torsten Harmsen vom Alltag in der DDR, der sich dann doch in einigem von dem in Westdeutschland unterschied.
Es ist absolut kein „ostalgisches“ Buch, sondern ein (selbst)kritischer Blick in eine nun schon über 30 Jahre vergangene Welt. Der Autor erzählt recht locker und schafft es, die Einstellungen von damals verständlich zu machen. Als es um die Westpakete geht z. B. erzählt er, wie der Junge Torsten der Freundin klar zu machen versuchte, dass „der Osten“ nicht passend ist, wenn man von der eigenen Heimat spricht. Der unterschiedliche familiäre Hintergrund wird so unaufgeregt deutlich.
Jedes Kapitel beginnt mit einem Schwarz-Weiß-Bild des Gegenstands, der den Titel gibt. Die Reihenfolge entspricht dem Lebenslauf – vom Baby übers Schulkind bis zum Erwachsenen. Wobei in den Texten selber die Zeiten auch wechseln können.
Durchaus angenehm zu lesen und anders informativ als erwartet.
Torsten Harmsen: Broiler, Wimpel, Westpaket. Ein (ost)deutsches Leben in 55 Dingen, Bebra Verlag, Berlin, 2026, ISBN: 9783898092869

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