Blogwichteln 2016 – Maria Al-Mana mit 7 Tipps zu Köln und Lesen

Blogwichteln 2016 – Maria Al-Mana mit 7 Tipps zu Köln und Lesen

Von kölschen Damen und evangelischen Orten, Menschen, Begegnungen und Island

7 Tipps vom Wichtel für die Kölner Leselust

Hier finden Sie als Vorschau schon mal alle Buchtitel versammelt, die Maria Al-Mana heute vorstellt
Hier finden Sie als Vorschau schon mal alle Buchtitel versammelt, die Maria Al-Mana heute vorstellt

Das Leben hält doch immer noch die schönsten Überraschungen bereit. Und das Internet auch! Wenn es um das Lesen geht, sind sogar alle Grenzen zwischen diesen beiden Welten weitestgehend aufgehoben – darum freue ich mich ganz besonders, dass es mich zum Blogwichteln ausgerechnet in die Kölner Leselust zu Heike Baller verschlagen hat!

Tipp 1: (Evangelische) Kirche, Köln und Literatur passen sehr gut zusammen!

Heike und mich verbindet schon lange ziemlich viel. Zum Teil ohne, dass wir davon wussten. Die Liebe zu den Büchern ist das eine. Dann habe ich 15 Jahre lang die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für den Evangelischen Kirchenverband Köln und Region gemacht, Heike ist in ihrer Heimatgemeinde Köln-Dellbrück/Holweide mit der hübschen Christuskirche aktiv [bitte die Versöhnungs- und Pauluskirche nicht vergessen, liebe Maria – auch in den beiden Bezirken gibt es eine Menge kultureller Veranstaltungen; Tipp an den Wichtel ;-)]  – wo ja auch schon mal Lesungen, gern mit Musik, stattfinden. Aktuelles immer hier.  Das war Tipp Nummer 1.

Wir beide haben auch schon Seminare in der evangelischen Erwachsenenbildungsakademie Köln, der Melanchthonakademie gegeben. Auch dort geht es immer wieder um Literatur, am 25. Januar 2017 zum Beispiel, wenn es heißt: „Heinrich Heines Lebensfahrt: Dichtung und Leben im Spiegel“ – Tipp Nummer 2. Das gesamte Programm steht hier.

Und beide sind wir weiblich – na ja, das ist nicht unbedingt erwähnenswert. Wohl aber, dass wir darum Mitglieder des Netzwerks wortstarker Frauen, des Texttreff sein dürfen – und das mit Begeisterung auch sind. Dort gibt es jedes Jahr die schöne Tradition fürs Blogwichteln und dieses Jahr wurde ich Heike als Wichtel zugelost. Was mich unbändig freut.

Zwischen Köln und Island

Pfarrer der Dellbrücker Christuskirche ist Otmar Baumberger, mit dessen Frau Erika ich mal Stunden am evangelischen Stand auf der Kölner Hochzeitsmesse verbracht habe. Wir kamen ins Plaudern und stellten fest, dass wir beide soeben das gleiche Buch gelesen hatten – was uns gleichermaßen begeisterte. Das ist Tipp Nummer 3: Die Eismalerin von der isländischen Autorin Kristin Marja Baldursdottir. [Das Buch habe ich jetzt im Nachlass meiner Eltern gefunde und gleich angefangen – es gefällt mir sehr gut; Danke für den Tipp.]

Kristin Marja Baldursdottir – Die Eismalerin. Fischer Verlag 2007, ISBN-10: 3596169321, ISBN-13: 978-3596169320
Kristin Marja Baldursdottir – Die Eismalerin. Fischer Verlag 2007, ISBN-10: 3596169321, ISBN-13: 978-3596169320

Wenn man wie ich Island, seine Menschen, Geschichte und Literatur über alles liebt, findet man in diesem Buch viel über das Verhältnis von Mensch und Land(schaft) im Island um 1900. Ich hab mal nachgesehen: In vielen Blogs bekam das Buch nicht grade gute Kritiken – was wohl an zwei Dingen liegt: zum einen an der eher spröden Sprache. Die allerdings viel von der isländischen Landschaft einfängt. Und die ist kaum weniger spröde als die Sprache von Baldursdottir. Zum anderen an den emotionalen Schwankungen der Hauptfigur, die vom tatkräftigen Mädchen zur jungen Frau mit depressiven Episoden wird – was für mich durchaus eine Metapher für das isländische Lebensgefühl darstellt. Außerdem wird all das von der Hauptfigur auf ihrem Weg zur bildenden Künstlerin ganz konkret verarbeitet, sprachlich wunderbar schlicht durch sehr reduzierte Beschreibungen ihrer Kunst in Einsprengseln wiedergegeben, kurz: Ich denke, ich liebe das Buch noch immer. Und beschließe soeben, es bald mal wieder zu lesen.

Island März 2011
Island März 2011

Immer wieder Köln: Irmgard Keun, die notorisch Unbehauste

Doch eigentlich galt mein erster Gedanke bei der Kombination Frauennetzwerk – Köln – Bücher spontan einer ganz anderen Frau: Irmgard Keun. Ihre beiden bekanntesten Romane sind „Gilgi – eine von uns“ und „Das kunstseidene Mädchen“. Ich habe beide in einer Ausgabe von Bastei-Lübbe, was den Verdacht aufkommen lässt, es handle sich hier um romantische Traumschiff-Literatur. Oder so. Was völlig falsch wäre.

Die Aufmachung erinnert tatsächllich eher an Kitsch als an ironische Distanz
Die Aufmachung erinnert tatsächllich eher an Kitsch als an ironische Distanz

Keuns Schreibstil ist witzig, lakonisch und leicht sarkastisch – kein Wunder, dass ein Kurt Tucholsky ihre Arbeit sehr zu schätzen wusste. Und was ihr Leben angeht, schließe ich mich mal eben Joey Horsley an, die für fembio  schreibt:

Ihre Biographie liest sich so spannend wie die sieben Romane, in denen sie einen einmaligen, psychologisch scharfsinnigen und ironischen Einblick in die ‚deutsche Wirklichkeit‘ (Klaus Mann) vom Ende des ersten Weltkriegs bis zur zweiten Nachkriegszeit bietet. Und sie selbst muß oft so mutig und frech gewesen sein wie ihre jungen Protagonistinnen, wenn auch bei weitem nicht so naiv.“ (Quelle: http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/irmgard-keun/)

Ich hab grad noch einmal in das kunstseidene Mädchen reingelesen und festgestellt: Es ist überaus amüsant, wie da mit den unreflektierten Erwartungen von Männern und den selbstsicheren Tricks von Mädchen gespielt wird, wenn es um 1930 darum geht, sich immer wieder als „anständiges Mädchen“ zu inszenieren… Dies also ist mein Tipp Nummer 4:

Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen. Neu aufgelegt vom List-Verlag 2011, ISBN-10: 3548600859, ISBN-13: 978-3548600857    blogwichtelbutton

Was mich aber vor allem auf Keun bringt, ist die Tatsache, dass die „notorisch Unbehauste“ – wie sie sich selbst bezeichnet – immer wieder in Köln lebte, dort ein evangelisches Lyzeum besuchte, zur Schauspielschule ging, nach dem Krieg mit falschen Papieren wieder Fuß fassen wollte, ihre Tochter zur Welt brachte und schließlich 1982 dort starb. Viele thematisch ausgerichtete Stadtführungen durch Köln bewegen sich entlang ihrer Spuren, auf dem Melatenfriedhof liegt Irmgard Keun begraben. Und da ist sie auch schon wieder, die Verbindung zwischen der protestantischen Minderheit in Köln, Literatur und den „kölschen Mädchen“: 2010 schreibt Anselm Weyer für die Festbroschüre der Stadt Köln zu 200 Jahren Melatenfriedhof auch über Keun, Überschrift: „Der Melatenfriedhof – traditionsreiche Begräbnisstätte seit 1829 auch für Kölner Protestantinnen und Protestanten“. Quelle:

Theologie, Mystik, Köln und Widerstand. Und der Buchsalon Ehrenfeld

Mein fünfter Tipp gilt vorrangig einer weiteren Frau – aber eigentlich gleich einer ganzen Familie: Dorothee Sölle wurde 1929 in Köln geboren. Später studiert sie alte Sprachen, Philosophie, Germanistik und Theologie. Als Publizistin, Autorin und Theologin wird sie oft bezeichnet, doch das greift zu kurz: Die „Leidenschaft für das Unbedingte“ war es, die sie immer getragen hat. Sie hatte eine Mission – und die wird noch immer gern als „provokant“ oder „streitbar“ bezeichnet. Berühmt wird sie – weit über die Grenzen Kölns hinaus – mit ihren „Politischen Nachtgebeten“: Von 1968 bis 2002 beherbergt die evangelische Antoniterkirche diese von einem ökumenischen Arbeitskreis getragenen, oft ungewöhnlichen Manifestationen interdisziplinären Glaubens. Es geht dabei um „Mystik und Widerstand“, um Denkprozesse, Politik, Gottesliebe und die Utopie einer neuen und endlich gerechten Einheit dieser Welt: „Sie glaubte nie an einen ‚Papa-wird’s-schon-richten-Gott‘“, wie Anselm Weyer in seinem Vortrag in der Antoniterkirche 2009 sagt. Weyer hat übrigens auch für die Evangelische Gemeinde Köln ein Buch über Sölle geschrieben, herausgegeben von Markus Herzberg und Annette Scholl: „Liturgie von links“, mehr darüber hier  [ist auch hier in der Leselust rezensiert. ]

Glaube ohne politisches Handeln war für Sölle pure Heuchelei – beides stets zusammen zu bringen, dafür trat sie ein, in allem Handeln wie ihren Schriften. „Du stilles Geschrei“ ist der Untertitel ihres Buches „Mystik und Widerstand“. Genau dieses Buch möchte ich hier empfehlen – nicht nur, aber vielleicht doch gerade zu Weihnachten … Denn der Klappentext hat völlig Recht: „Dies ist Dorothee Sölles sehr persönliches Resümee eines Nachdenkens über Gott in der heutigen Welt und über Mystik als Weg zu einem befreiten Leben.“ Ja, Mystik IST für Sölle Widerstand. Mein Tipp Nummer 5

Dorothee Sölle: Mystik und Widerstand: „du stilles Geschrei“, Piper Verlag 1999, ISBN 3492226892, 9783492226899

Tipp Nummer 6 gilt einem ehemaligen Benediktinermönch, dem zweiten Ehemann von Dorothee Sölle: Fulbert Steffensky. Der 1933 geborene Theologe lebt noch, ich bin ihm sogar schon einmal begegnet: Er ist ebenso blitzgescheit wie freundlich, zurückhaltend wie entschlossen… Eigentlich habe ich hier gar keinen konkreten Buchtipp, kann nur sagen: Steffensky ist der ausgleichende, der vermittelnde Geist – und darum kein schlechter Lesetipp für Weihnachten. Zuletzt von ihm erschien „Das Haus, das die Träume verwaltet“. Aus der Beschreibung des Verlags: „Träume brauchen Traditionen, Formen und Institutionen, die sie mitteilbar machen. Damit verbunden ist die Frage nach der Öffentlichkeit des Glaubens, nach Inszenierungen des Geistes, nach Ritualen und Formeln, in denen Spiritualität sich gestalten kann. An verschiedenen Beispielen zeigt Fulbert Steffensky die Schönheit, Weite und Tiefe tradierter Lebens- und Glaubensformen und darin die aufsässige Kraft des Christentums.“

Fulbert Steffensky: Das Haus, das die Träume verwaltet. Topos Verlagsgemeinschaft 2014, ISBN: 9783836708715

Bild mit freundlicher Erlaubnis vom Buchsalon Ehrenfeld, BU: Martin Sölle - Madeleine - Claudia Haas Foto: © Melanie Fredel, http://www.buchsalon-ehrenfeld.de/
Bild mit freundlicher Erlaubnis vom Buchsalon Ehrenfeld. Sie sehen: Martin Sölle – Madeleine – Claudia Haas Foto: © Melanie Fredel, http://www.buchsalon-ehrenfeld.de/

Tipp 7: der Buchsalon Ehrenfeld

Und wo wir jetzt schon die ganze Zeit über Weihnachten reden: Natürlich gibt es noch tausend andere Buchgeschenk-Möglichkeiten … Aber um bei Dorothe Sölle zu bleiben: Ihr Sohn Martin betreibt in Köln-Ehrenfeld den Buchsalon Ehrenfeld, manchen vielleicht besser unter seinem alten Namen als „Der andere Buchladen Wahlenstraße“ bekannt. Zur Erklärung steht auf der Internetseite:

Der Name Buchsalon  wurde von uns gewählt, weil hier nicht nur mit Büchern ‚gehandelt‘ wird. Hier unterhält man sich über Literatur und  andere Themen und wird dabei ‚unterhalten‘: in der besten Tradition der Salons.“

Stimmt! Auch Matinéen, Lesungen und Musik gibt es dort. Und natürlich lässt sich wunderbar nach weiteren Büchern stöbern, nicht nur zu Weihnachten …

Aber, Achtung: Die Katze, die dort gern in der Prospektablage gleich rechts neben der Tür liegt, heißt Madeleine und ist so freiheitsliebend, dass sie sich ungern kraulen lässt. Dafür aber umso lieber elegant durchs Veedel streift – eine typisch kölsche Dame, wie ich finde….

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Maria Al-Mana als Wichtel für die Leselust
Maria Al-Mana als Wichtel für die Leselust

Ein wahres Füllhorn an Ideen ist ja mit Marias Beitrag zum Blogwichteln über die Leselust hereingebrochen: Vielen Dank dafür. Maria ist ähnlich wie ich mit verschiedenen Angeboten im Netz präsent, z. B. dem Unruhewerk, einem Blog zu Themen für Menschen über 50 – und da ist nix von Langeweile oder auch nur Abgeklärtheit zu finden. Ihr anderes Standbein ist die Texthandwerkerin – ebenfalls eine bunte Mischung an Themen. Hier lebt Maria Al-Mana ihre Textkunst als Dienstleistung aus – für Menschen, die ein Handwerk betreiben.

Meine Kommentare zu Marias Tipps sind die in den eckigen Klammern.

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