Bismarck – Magier der Macht von Jonathan Steinberg

Bismarck – Magier der Macht von Jonathan Steinberg

Mit „Bismarck – Magier der Macht“ hat Jonathan Steinberg eine ungewöhnliche Biografie über den Staatsmann Otto von Bismarck geschaffen. Solch ein Satz ist sicher schon von einigen Rezensenten genutzt worden und stimmt auch. Ich will aber darüber schreiben, warum das Buch für mich interessant war, einen 18-jährigen Abiturienten.

Ein gewisses Grundinteresse und -verständnis sollte man sicher mitbringen, aber ich denke das gilt für alle Biografien. Es sind eben Biografien und keine Unterhaltungslektüre in dem Sinne. Durch den Geschichts-Leistungskurs ist das, bei mir, schon einmal gegeben. Da das lange 19. Jahrhundert auch in der Schule behandelt wurde, sind mir die Eckpunkte von Bismarcks Karriere präsent.

Das Interessante an Steinbergs Biografie muss also tiefer liegen. Daher ist es auch Steinbergs erklärtes Ziel, den Charakter Bismarcks zu beschreiben. Sein Mittel zum Zweck ist es, das diese Biografie zu etwas anderem macht: Egal wo man das Buch aufschlägt, die Chance eine Doppelseite zu erwischen, auf der man kein Zitat findet, geht gegen null. Jonathan Steinberg benutzt in großem Stil Zitate von Weggefährten, Mitarbeitern, Freunden, Bediensteten, aber vor allem von Bismarck selber. Dabei versteht er es geschickt, immer verschiedene Betrachtungsweisen zur Geltung kommen zu lassen. So lässt er politische Gegner wie Parteigänger Bismarcks zu Wort kommen, ausländische Stimmen wie den britischen Politiker Benjamin Disraeli, aber auch Familienfreunde, wie die Baronin von Spitzemberg. Man hat immer das Gefühl, eine direkte Reaktion der Beteiligten zu lesen und wenn einmal einer dieser Briefe ein anderes Bild zeichnet als Bismarck selber in seinen, logischerweise, viel später niedergeschriebenen Memoiren, gelingt es Jonathan Steinberg dies zu erklären.

Hildegard Spitzemberg
Ein Portrait der Baronin Hildegard von Spitzemberg aus dem jahr 1869
Die schiere Anzahl an Zitaten erschwert das Lesen zwar teilweise, da man sich immer wieder auf eine veraltete Rechtschreibung, antiquierte Ausdrucksweisen und verschiedene Stile einlassen muss, doch zumindest gelingt es Steinberg selber, einen stringenten Stil für seinen Textanteil zu finden. So sind die einzigen Überraschungen hier inhaltliche. Das ist vielleicht etwas überraschend in einer Biografie zu Bismarck, aber es gelingt Steinberg, zumindest Leser, die durchschnittliche Kenntnisse von Bismarck und seinem Umfeld haben, mit Personen zu überraschen. Oder kannten Sie die Baronin von Spitzemberg bisher? Oder den Reichstagsabgeordneten Ludwig Windthorst? Beide sind kein Beispiel für wichtige historische Personen, aber ein Beispiel für eine gelungene Auswahl an Zeitzeugen, die Jonathan Steinberg getroffen hat, um den Lesern den Charakter Bismarcks näher zu bringen.

Meiner Meinung nach ist dieses Buch sehr interessant für jeden, der nicht nur die wichtigen Daten im Leben Bismarcks kennen will, sondern auch seine Absichten, seine Schwierigkeiten und insgesamt Bismarck als Person und nicht nur als politische Größe besser verstehen will.

Jonathan Steinberg: Bismarck. Magier der Macht, übersetzt von Klaus-Dieter Schmidt, Ullstein Verlag, Berlin, 2015 (Ersterscheinung auf Deutsch im Propyläen-Verlag, 2013), ISBN: 978-3-548-37584-7

Dies ist ein Gastbeitrag von Johannes Baller.

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